Der Anfall | Adventsetüden

Sie starrte über den Adventskranz hinweg aus dem Fenster in die Finsternis und sah rein gar nichts. Die Erinnerungen überschwemmten sie wie eine Welle und rissen sie mit, sie sah ihn, hörte ihn, roch ihn, fühlte ihn; die Erinnerungen spülten ihr das Herz in den Verstand und ließen die Sehnsucht aus ihren Augen perlen.

Wo bist du, geht es dir gut? Denkst du noch an mich? Es war doch so schön. Warum konnte es nicht gut gehen mit uns, wir waren doch wie füreinander gemacht.

Im Radio dudelte inzwischen „Do they know it’s Christmas“. Ihr war das gerade völlig egal, sie hockte mit hochgezogenen Knien auf ihrer Couch, schniefte und fror innerlich, müde von dem Herunterschlucken der Tränen. Da halfen weder Kuschelsocken noch Hochprozentiges, sie musste irgendwo Rückgrat auftreiben, um aufrecht durch die Nacht zu kommen. Das Fest der Liebe, ha, toller Witz.

 

2017 advent 2 lz | 365tageasatzadayVisuals: ludwigzeidler.de

 

Für die Adventsetüden, Woche 49 + 50 + 51.17: 3 Worte, maximal 10 Sätze. Die Worte stammen dieses Mal aus der Adventsetüden-Wörterliste und lauten: Adventskranz, Finsternis, Kuschelsocken.

 

22 Kommentare zu “Der Anfall | Adventsetüden

      • … oder noch sichtbarer, ich arbeite ja gegenüber von einer Bushaltestelle, die Frauen und Männer, die mehr oder weniger auf der Strasse leben, geht es täglich schlechter, heute brach eine Frau in Tränen aus, am liebsten hätte ich ihr einen Schal geschenkt, um sie zu trösten, aber es ist ja nicht meine Ware und ob es geholfen hätte wage ich auch zu bezweifeln, aber mir tat ihr Elend unglaublich weh…
        Herzliches vom Rheintal in die Hansestadt,
        Ulli

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        • Der Winter ist eine harte Zeit, um draußen zu sein, wenn man muss, und ich bewundere jede und jeden, der es irgendwie aushält.
          Allerdings stumpft die Stadt ab, was solches Elend angeht, Wohnungslose gehören hier zum Stadtbild, genauso wie Bettler, schwer auszuhalten finde ich oft beide.
          Liebe Grüße
          Christiane

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  1. Die Ohnmacht in die Einsicht der Unwiederbringlichkeit, sie ist so schwer zu akzeptieren. Ich hatte mal dieses Zitat einer Sigrid Burger gefunden, passt etwas dazu:

    Kann man Sehnsucht in Wein ersäufen?
    Verlangen mit Kuchen ersticken?
    Mangel mit Kaufzwang stillen?
    Leere mit Arbeit ausfüllen?

    Ich hab’s probiert.
    Man kann nicht!

    Seufz, liebe Christiane

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    • Eben, man kann nicht. Man kann den Verlust nur aushalten, durchleben, in kleinen Schrittchen abbauen, wenn überhaupt. Jeder Verlust hat viele Aspekte, manche lassen sich leichter auflösen, manche schwerer. Und gerade die Weihnachtszeit, wo die Emotionen so gehypt werden, ist ganz schwierig, finde ich.
      Ach, liebe Karin, ja, ach.
      Dennoch ziemlich heitere Grüße an dich und den Fellträgernachwuchs ;-)
      Christiane

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      • Es gibt ja auch die andere Seite: da wären manche froh, wenn sie vom Partner erlöst würden, weil sie durch ihn gefesselt und geknebelt sind, sich moralisch nicht lösen können, da kann Partnerschaft auch eine Last sein; sie wären gern allein. Da kann man in der Zweisamkeit einsam sein.

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        • Ja, klar, gibt es alles, und man kann und darf es nicht gegeneinander aufrechnen, so nach dem Motto „Wer leidet mehr“.
          Was ich nur sagen will: In unserer Gesellschaft, so scheint mir, konzentriert sich alles auf Weihnachten, Weihnachten hat die striktesten Emotionsvorgaben, und zwar ausschließlich positive. Wehe dem oder der, die da rausfällt. Zu allen Jahreszeiten darfst du fröhlich „Ist nicht mein Ding“ sagen, aber der Diktatur von Happy Weihnachten entkommst du nicht.
          Und nicht zu vergessen die, deren Leben eh grundsätzlich nicht happy ist, die sind dabei gleich noch mal außen vor.
          Nicht leicht, das alles.

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