Abgesang | Weihnachts-/Neujahrsetüden

Sie wog den kaputten Christbaumständer in ihren Händen und war wieder mal kurz vor der Verzweiflung. Tja, dieses Jahr war noch mehr zerbrochen als die Hoffnung auf eine Zweisamkeit, aus der vielleicht etwas Dauerhaftes hätte werden können; in diesen Tagen vermisste sie ihre Oma besonders, die sie immer dazu angehalten hatte, während der Rauhnächte keine Wäsche zu waschen, weil sich darin die Percht bei ihrer wilden Jagd verfangen würde, und das brächte ganz sicher Unglück. Ihr Einwand, dass sie ihre Wäsche nie über Nacht draußen ließe, hatte die alte Dame nicht interessiert. Ebenso wie den Mann, dessen Namen sie nicht mal denken wollte, weil es viel zu weh tat, ihre Zukunftswünsche. Immerhin musste sie jetzt nie wieder diesen fürchterlich schmeckenden Karpfen zubereiten, den beide so geschätzt hatten, was aber auch fast das Einzige gewesen war, worin sie sich einig gewesen waren. Egal, morgen begann das neue Jahr, und die falsche Weihnachtsseligkeit würde sie gleich mit allem anderen Seelenmüll entsorgen.

Als ihr Telefon kurz darauf klingelte, schien es ihr, als bestätigte sie das Schicksal: Eine erkrankte Freundin bot ihr Karten für eine große Silvesterparty an. Alles ist besser, als allein in den Sekt zu heulen, dachte sie, und nahm kurz entschlossen an. Würde sie ihre Wunderkerzen eben allein unter Fremden zu hoffentlich guter Musik schwenken. Sie atmete tief durch und beschloss, sich auf das Leben zu verlassen.

 

2017 weihnachten neujahr 2 lz | 365tageasatzadayVisuals: ludwigzeidler.de

 

Für die Weihnachts-/Neujahrsetüden, Wochen 52.17 + 01.18: (mindestens) 3 Wörter, maximal 10 Sätze. Meine Wörter stammen dieses Mal aus der Weihnachts-/Neujahrsetüden-Wörterliste und lauten: Christbaumständer, Karpfen, Rauhnächte, Wunderkerze.

Diese Etüde wollte heute noch unbedingt geschrieben und veröffentlicht werden, ziemlich außerplanmäßig, wie das manchmal so ist.

Dazu gibts bei mir David Gilmour – Live at Pompeji (bald schauen, Mediathek)

 

Also, wem ich es noch nicht gewünscht habe: Kommt gut rüber, schönes neues Jahr, wir lesen uns!

 

 

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30 Kommentare zu “Abgesang | Weihnachts-/Neujahrsetüden

  1. Ein tolles Musik-Video, und was mir – buchstäblich am Rande – dabei aufgefallen ist und sehr gefällt: die Silhouetten der Beleuchter (beim ersten Stück – später ist es ja zu dunkel.

    Und zur Etüde sage ich gar nichts? – Doch! Die gelingen Dir ja immer gut. Ich selbst habe das (lange her) auch mal betrieben, allerdings in etwas anderer Form. Es wird nur ein Begriff vorgegeben, innerhalb sehr begrenzter Zeit muss man selbst 10-12 Begriffe assoziativ hinzufügen und dann alle in einem Text von vorgegebener Länge verarbeiten. Eine gute Erfahrung, wie man Texte aus sich herausholt, aber auch ganz schön verräterisch.

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    • Verräterisch, ja, auf jeden Fall, zumindest am Anfang, wenn man sich wundert, wo DAS denn jetzt nun wieder herkommt. Ich für meine Person mag die Schreibspiele nicht, wo man unter Zeitdruck steht, ich bin besser, wenn ich mir keinen Stress mache und ein wenig Muße habe, an Ecken zu feilen, die sich nicht ganz rund anfühlen. Man lernt aber bei diesen kleinen Formaten (also ich zumindest), es auch mal gut sein zu lassen.
      David Gilmour ist toll, gerade der Solo-David-Gilmour hat es mir angetan; ich habe ihn eben auf 3sat gesehen, das läuft bei mir zu Silvester immer.
      Komm gut rüber, wir lesen uns!
      Liebe Grüße
      Christiane

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      • Für das Schreiben des Textes war da auch keine Zeit vorgegeben – nur für das assoziieren der Begriffe. Man sollte dabei keine Zeit haben, schon an den Text zu denken, den man daraus bauen kann. Das macht durchaus Sinn. Aber es ist eben eine Übung, die man für sich selbst macht.
        Dir auch einen schönen Silvesterabend und – bis zum nächsten Jahr!

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  2. Liebe Christiane, von wegen Wäsche und Rauhnächte: Bei uns glauben die alten Leute auch noch dran und tatsächlich hat vor einigen Jahren eine Nachbarin am Heiligabend die Wäsche auf den Dachboden gehängt, fiel dann die Dachbodentreppe runter und war ein paar Tage später tot. Voilà! Ich danke dir für deine Kreativität und wünsche dir ein gutes neues Jahr! Liebe Grüße, Katharina

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  3. ja, manchmal gibt es nur noch das, sich auf das Leben einzulassen, auch wenn es noch sehr weh tut, denn einsamer Kummer ist ein Schreckgepenst, schlimmer als das Feiern unter Fremden, wenn es einem denn möglich ist …
    Es gibt genügend von denen, die sich zurückziehen, einigeln und nicht ansprechbar sind.

    Ich wünsche Dir einen gemütlichen Rutsch und ein Neues, das Dir keinen Kummer macht, liebe Christiane

    Herzliche Grüße von Bruni

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    • ich fand das Feiern an Silvester unter Menschen, mit denen mich nichts verband, während sich mein Herz nach einem bestimmten Menschen sehnte, grausam. Es ist eine Flucht, die zu nichts führt als zu neuer Frustration. So meine Erfahrung aus frühen Jahren. Heute? Weiß nicht, da ich nicht allein bin. Liebe Grüße dir, und morgen ist wieder ein Tag. Außerdem auch gleich Vollmond. Hab einen angenehmen Abend, liebe Christiane! Gerda

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  4. Sich auf das Leben verlassen ist ein guter Plan!
    Und nun hälst du deinen Katzen die Ohren zu,oder?
    Den kleinen Fundevogel habe ich nur mit einem Trick ins Bett bekommen; Wir haben sein Bett ans Fenster geschoben, uns reingelegt und im Liegen Feuerwerk geguckt „bis es zu Ende ist …“ und schon schlief er 😉
    Von 2017 bleibt für mich auf jeden Fall euch Etüdenschreiberinnen – und schreiber gefunden zu haben.
    So eine Bereicherung, auch menschlich.
    Dir an dieser Stelle den großen Dank für die Etüdenpflege, für alle deinen aufmerksamen Kommentare und überhaupt.
    Natalie

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    • Ohren zuhalten findet er doof (mit mir lebt nur einer von der Sorte, aber das langt voll), aber er hat Angst vor den Lichtern der Raketen und den komischen Geräuschen, wenn es so zischt. Da hilft dann nur Nähe, mehr oder weniger, so viel er halt will, und eventuell ein Karton an einem verdunkelten Ort, das ging heute Nacht gut. Dann wollte er spät raus, als sich die Knallerei gelegt hatte, und kam heute früh sehr befriedigt wieder zurück – offensichtlich steht die Welt noch, inklusive zweier fremder Katzen im Garten.
      Ich danke auch dir dafür, dass du die Etüden entdeckt hast, ich mag extrem gern, was und wie du schreibst, ich finde deinen Ton ganz speziell und ganz besonders.
      Liebe Grüße
      Christiane

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  5. Den Gilmore habe ich mir im Kino angeschaut, war sehr beeindruckend. Keine Sylvesterparty, nur ein schöner Jahresabschlussabend, der sich dem Ende zuneigt und dann sagen wir Prost Neujahr und harren des Neuen. Alles Liebe für Dich,liebe Christiane, Karin

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Ja, eben. Und du so?

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