Verweigerung | abc.etüden

Das Leben war nur noch eine Bürde, er hasste den Alltag, eine Spirale abwärts. Sein Leib uferte aus, weil es ihm egal war, was er ihm antat, er lebte nur noch in seinem Kopf.
Als es schließlich sogar zu schwierig für ihn wurde, sich ohne fremde Hilfe sauber zu halten, sah er draußen die Blicke von „Friss nicht so viel“ zu „Schau dir mal den Penner an“ wechseln. Dass seine Hosen speckig glänzten, kümmerte ihn nicht, aber hin und wieder fiel selbst ihm auf, dass er stank, die anderen machten längst einen Bogen um ihn. Er hatte sich anfangs gegen einen Rollator gewehrt, mit so einem Ding durch den Supermarkt zu schieben, war ihm als der Gipfel der Erniedrigung vorgekommen, jetzt lernte er, dass es noch schlimmer ging: Er schaffte es gerade mal über den Hof.

Die Seele ignorieren, den Körper nicht beachten. So leicht, die Tage mit Computerspielen, Fernsehen und Essen zu füllen, immerhin trank er nicht, nie; wozu gab es Lieferdienste? Er besaß weder einen Spiegel noch eine Waage, wenn er sich jedoch mal auf den Hof in die Sonne traute, bemerkte er, dass die Blicke von Verachtung zu Betroffenheit gewechselt hatten. Das machte ihm Angst, die er nicht zugeben und nicht empfinden wollte, daher ging er immer seltener hinaus … bis es zu spät war.

Wir alle sehen von außen, wo es hinführt, aber wann fängt es an und warum, was läuft schief?

 

2018_02.18_2_zwei_lz | 365tageasatzadayVisuals: ludwigzeidler.de

 

Für die abc.etüden, Woche 02.2018: 3 Worte, maximal 10 Sätze. Die Worte stammen in dieser Woche von mir und lauten: Bürde, speckig, schieben.

Keine schöne Geschichte, schon klar, wollte aber geschrieben werden.

 

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41 Kommentare zu “Verweigerung | abc.etüden

  1. Ich habe gerade gelernt, dass bei massiver Adipositas tatsächlich Krankheiten die Gründe sein können. ( Betrifft manchmal Tumoren und die daraus begründete Therapie.) Und da denke ich, wie schnell verurteilen wir! Liebe Grüße Kat.

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    • Ja, wenn das schnell passiert, ich bin selbst jemand, der erst spät reagiert, und auf jeden Fall viel Zeit braucht, um etwas wirklich anzugehen. Aber wenn es sich über Jahre hinzieht, dann muss die eigene Wahrnehmung doch irgendwann schreien …?
      Liebe Grüße
      Christiane

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  2. „Wollte geschrieben werden …“ , ja, das kenne ich gut!
    Wieder ein Appell, auf sich uns andere aufzupassen, ihnen zur Seite zu stehen anstatt sie zu be- oder gar verurteilen.

    Macht nachdenklich und das ist gut so!
    Liebe Grüße
    Anna-Lena

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    • Hmmmmmm! Sehr schön, liebe Annette, das freut mich (für dich). Kannst du ruhig und ohne schlechtes Gewissen, mir jedenfalls, die Geschichte beschäftigt mich zwar, drückt mir aber nicht aktuell die Seele ab … obwohl ich sie immer noch verstehen möchte.
      Liebe Grüße
      Christiane

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  3. Ein sehr deprimierender Text liebe Christiane. Die Gründe für Dickleibigkeit liegen zum einen in den Genen, gefolgt von Anerziehung und natürlich Traumata in der Kindheit. Die meisten dicken Menschen belohnen sich mit Essen als einen Liebesersatz. Irgendwann kommt noch der „Scheißegal“ Faktor dazu und schon haben wir wieder jemand, den der Teufelskreis nach unten zieht.

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  4. Vielleicht hat er Diabetes, der zu spät bemerkt wurde (auch von ihm) und sieht deshalb so aus. Ich hatte da mal so ein Schockerlebnis in der Mensa: Eine Frau, die ich flüchtig kannte, wir quatschten mal auf dem Gang und so, war knapp über 1,60m und hatte bestimmt 120kg. Ich habe ganz oft im Kopf die Schiene gehabt „Mensch, S. was isst du?“ Eben dieses typische Vorurteil. Und dann habe ich erfahren, die hatte ganz schweren Diabetes Typ II und war wegen was anderem noch mit Cortison und Antidepressiva behandelt worden und die Kombination steckte hinter dieser Körpermasse. Gegessen hat die nicht übermäßig.Ich habe die auch immer nur mit Obst, Vollkornprodukten und Wasser gesehen.

    Dann gibt es natürlich auch Leute wie K., die immer schon massig waren, nun aber noch mal massiger sind (bewusst), damit ihnen niemand zu nahe kommt (Traumata) und – ja, klar, mein Spezialgebiet – sehr viele Leute, die trocken werden nehmen rapide zu, weil der Körper an den Zucker aus dem Alkohol gewöhnt ist, das heißt, die fangen dann gegen den Suchtdruck an zu fressen. En masse, aber drei Tüten Chips und zwei Schokoladen sind für die immer noch ein größerer Erfolg als ein Glas. Da kann jemand von 70kg nass schon mal auf 90kg in zwei Monaten Trockenheit kommen.

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  5. Eine wirklich beeindruckende Geschichte. Gewichtszunahme als Nebenwirkung von Antidepressiva kann ich leider aus eigener Erfahrung bestätigen. Es sind viele Theorien im Umlauf, warum das so ist. Auf mich trifft folgendes zu: Gefühle (z.B. Angst, Niedergeschlagenheit) werden durch die Psychopharmaka abgeschwächt, das Sättigungsgefühl eben leider auch. Gruß, Viola.

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  6. Beeindruckend, schockierend, Deine Geschichte, liebe Christiane.
    Es kann einiges sein, was hier zu dieser langsamen, aber mehr als krassen Veränderung beiträgt. Ein Trauma, Medikamente und aus einer solchen Lage kommt keiner mehr ohne einfühsame und gleichzeitig kompetente Hilfe raus. Nur wegsehen und die Nase rümpfen ist einfach, aber sich um Hilfe bemühen, kostet Mühe…
    Liebe Abendgrüße von Bruni

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  7. Das Gefühl kenne ich: Was macht es jetzt noch aus, wenn ich zu viel esse? Mir keine schicke Kleidung mehr kaufe? Zum Glück – und Gott sei Dank! – ging es bei mir nicht bis zum Nicht-mehr-Aufstehen (ich weiß, was Depressionsvorbeugung ist, aber nicht immer schafft man es, dieses Wissen in die Tat umzusetzen), und ich konnte mich zwingen, zu funktionieren, Leute zu treffen, zu schreiben, den Haushalt zu erledigen. Und na gut, schicke Kleidung muss es immer noch nicht unbedingt sein, aber ordentliche und sauber gewaschene krieg ich hin, hab ich immer hingekriegt. Und bevor ich zur Kugel werde, kann ich auch die Esslust eindämmen. Nur die Vor-Witwen-Figur, die werde ich kaum je wieder erlangen. Ist mir nicht wichtig genug. Solange meine Ärztin zufrieden ist, finde ich alles im grünen Bereich.

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    • Ich kenne das Gefühl auch. Aber weißt du, wenn man sich dessen bewusst ist, dass man damit auf dünnem Eis balanciert, dann ist das schon viel wert.
      Meine handelnde Person hat den Kopf mit Anlauf in den Sand gesteckt, hat nur mit dem Bauch gedacht und hat keine Verantwortung für sich übernommen.
      Aber wenn man selbst das tut, wenn man Prioritäten setzt („wenn die Ärztin zufrieden ist“), ist doch alles gut. Und Prioritäten lassen sich irgendwann auch wieder ändern, wenn du es wollen würdest.
      Liebe Grüße
      Christiane

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Ja, eben. Und du so?

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