Chidher

Chidher, der ewig junge, sprach:
»Ich fuhr an einer Stadt vorbei,
Ein Mann im Garten Früchte brach;
Ich fragte, seit wann die Stadt hier sei?«
Er sprach und pflückte die Früchte fort:
»Die Stadt steht ewig an diesem Ort
Und wird so stehen ewig fort.«
Und aber nach fünfhundert Jahren
Kam ich desselbigen Wegs gefahren.

Da fand ich keine Spur der Stadt;
Ein einsamer Schäfer blies die Schalmei,
Die Herde weidete Laub und Blatt;
Ich fragte: »Wie lang‘ ist die Stadt vorbei?«
Er sprach und blies auf dem Rohre fort:
»Das eine wächst, wenn das andre dorrt;
Das ist mein ewiger Weideort.«
Und aber nach fünfhundert Jahren
Kam ich desselbigen Wegs gefahren.

Da fand ich ein Meer, das Wellen schlug,
Ein Schiffer warf die Netze frei;
Und als er ruhte vom schweren Zug,
Fragt‘ ich, seit wann das Meer hier sei?
Er sprach und lachte meinem Wort:
»So lang‘ als schäumen die Wellen dort,
Fischt man und fischt man in diesem Port.«
Und aber nach fünfhundert Jahren
Kam ich desselbigen Wegs gefahren.

Da fand ich einen waldigen Raum
Und einen Mann in der Siedelei,
Er fällte mit der Axt den Baum;
Ich fragte, wie alt der Wald hier sei?
Er sprach: »Der Wald ist ein ewiger Hort;
Schon ewig wohn‘ ich an diesem Ort,
Und ewig wachsen die Bäum‘ hier fort.«
Und aber nach fünfhundert Jahren
Kam ich desselbigen Wegs gefahren.

Da fand ich eine Stadt, und laut
Erschallte der Markt vom Volksgeschrei.
Ich fragte: »Seit wann ist die Stadt erbaut?
Wohin ist Wald und Meer und Schalmei?«
Sie schrien und hörten nicht mein Wort:
»So ging es ewig an diesem Ort
Und wird so gehen ewig fort.«
Und aber nach fünfhundert Jahren
Will ich desselbigen Weges fahren.

(Friedrich Rückert, Chidher, aus: Friedrich Rückert: Werke, Band 1, Leipzig und Wien [1897], S. 291-293, Quelle)

 

Chidher | 365tageasatzadayQuelle: Ichmeinerselbst unter Verwendung von zwei Bildern von Pixabay

 

Friedrich Rückert, gestorben 1866 im heutigen Coburger Stadtgebiet, war „ein deutscher Dichter, Sprachgelehrter und Übersetzer sowie einer der Begründer der deutschen Orientalistik. Rückert beschäftigte sich mit mehr als 40 Sprachen und gilt als Sprachgenie“, weiß die Wikipedia. Das Vorbild für die von ihm geschaffene Figur des Chidher Grün, des ewigen Wanderers, dessen Ballade ich gefühlt schon sehr lange kenne, geht jedoch auf die islamische Mythengestalt al-Chidr zurück. Der wiederum ist ein „islamischer Heiliger, der als Symbol für die sich zyklisch erneuernde Vegetation und Personifikation des Guten einen festen Platz in der Vorstellungswelt der Muslime hat“ (Wikipedia, ein höchst interessanter Artikel, wie ich finde).

Eine Anmerkung zum Thema gute (Foto-) Vorsätze: Nicht, dass ich das jetzt jedes Mal großartig thematisieren werde, aber hier bin ich bereits zum ersten Mal genötigt, auf fremde Vorräte zurückzugreifen, und es ist noch nicht mal Ende Januar! Aber so ist das halt, ich habe Vorstellungen, womit ich etwas bebildern möchte (eine SchafHERDE, keine Einzelgänger auf einem Deich, ein HolzSTAPEL, kein einzeln gefällter Baum, wobei das vielleicht noch gegangen wäre). Dafür sind dann die anderen Fotos von mir. Und manchmal habe ich schlicht zum Suchen keine Zeit, auch das wird in Zukunft bestimmt noch häufiger wieder der Fall sein, stattdessen habe ich dem In-den-Kreis-Basteln den Vorzug gegeben …

Lange Rede, kurzer Sinn: Kommt gut in die neue Woche …

 

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30 Kommentare zu “Chidher

  1. Den Rückert hat man uns in meiner Schulzeit vorenthalten, und so ist auch diese Ballade für mich eine neue Entdeckung. vielen Dank dafür.
    Mit Deiner Quasi-Entschuldigung für die Verwendung fremder Bildquellen rüttelst Du an meinem Gewissen. Da ich selbst keine gute Fotografin bin, nutze ich viel und vor allem die Wikimedia Commons, aber stets mit Quellenangabe und Copyright. Beim Umzug von blog.de hierher, hat das famose Programm zwar die meisten Bilder mitgenommen, die von mir in der dortigen Bilddatenbank hinterlegten Angaben aber nicht. Damit, sie wieder herzustellen, bin ich noch lange nicht fertig. Jetzt rächt sich, dass ich nicht alle Angaben direkt im Eintrag gemacht habe. Verflixt!
    Dir auch einen guten Start in die Woche!
    Liebe Grüße
    Christa

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    • Moment, da muss ich was zurechtrücken. Ich habe in einem alten Beitrag mehr oder weniger zugesagt, die Montagsgedichte mit eigenen Bildern zu bestücken, da ich auf einem relativ großen Fundus sitze und eine ganz gute Kamera mein Eigen nenne. Allerdings habe ich dort auch schon ausgeführt, dass ich manchmal eben NICHT das von mir für passend/erwünscht gehaltene Bild zur Verfügung habe.
      Ansonsten habe ich überhaupt kein Problem damit, meine Beiträge mit fremden Bildern zu schmücken, ich setze die Quelle meist drunter, um mich nicht mit fremden Federn zu schmücken und um weniger Arbeit zu haben, sollte Pixabay (oder wer auch immer) irgendwann mal die Spielregeln ändern, und ja, auch mit Blick auf das Urheberrecht, was in Blogs gar kein beliebtes Thema ist.
      Liebe Grüße
      Christiane

      Gefällt 3 Personen

    • Der „Söööööööööööööööööööööörkel of life“ (Tschuldigung, hrm, ja, Elton John) ist ja auch nicht gerade ein neues Thema, im Kleinen wie im Großen.
      Ich kannte zwar irgendwoher die Figur des „Ewigen Juden“, aber auf den „Edlen Araber“ und die damit verbundene Orient-Beschäftigung (und auch -Schwärmerei, ob oder wie stark bei Rückert, weiß ich nicht) war ich schon lange nicht mehr gestoßen. Und da das ja gerade nicht mehr so besonders populär ist, dachte ich, ich werfe den Link dazu mal in den Ring …
      Ich erinnere mich an deine Legebild-Diashow, hatte aber deine poetischen Texte dazu aus dem Kopf verloren. Wunderbar passend!
      Liebe Grüße
      Christiane

      Gefällt 2 Personen

    • in einem fort, wir Menschen mit unseren kurzen Lebensspanne sprechen von Ewigkeiten und von immer, vergessen dabei aber zu gerne, dass sich alles immer wieder wandelt und wo zuvor ein Berg gewesen ist, ist plötzlich Meer …
      liebe Grüße und dir eine schöne Woche,
      herzlichst, Ulli

      Gefällt 3 Personen

      • Okay, „plötzlich“ passiert das nicht, gerade was das mit dem Meer und dem nicht mehr Meer angeht, das wissen wir inzwischen besser, aber ja, so ist es.
        Und ich finde, es hat auch was Tröstliches, dass sich auch das Große wiederholt, nicht nur das Kleine in unseren Menschenleben.
        Ich glaube, von Ewigkeiten sprechen oft die, die Angst davor haben, einfach nur ein Staubkorn zu sein.
        Liebe Grüße, auch dir einen guten Start in die Woche, liebe Ulli
        Christiane

        Gefällt 3 Personen

        • Stimmt, plötzlich passiert das nicht, auch wenn es gerade in unseren Zeiten doch beschleunigt wird, gerade gestern erst hörte ich einen Bericht über die Gletscherschmelze in den Alpen, die Prognose war, dass es manche schon in 20 Jahren nicht mehr geben wird…
          Letztlich hat es schon immer auch Klimaveränderungen gegeben, aber wohl noch nie menschengemacht?!
          Was das Staubkorn anbelangt, da schmunzel ich dir herzlichst zu :)

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        • Stimmt, Christiane, es kommt auf den Bezug an – die physischen Größe kann ja ganz unerheblich sein beim Vergleich. Dass wir Geist-Seelenwesen sind, macht unsere (potentielle) Göße aus. Da sind wir vielleicht ja auch nur Winzlinge, im Vergleich mit den Wesen, die wir nicht kennen, aber jedenfalls keine Staubkörner, sondern so eine Art Funken :)

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        • Ja, genau, liebe Gerda, ich wollte das zu meiner Antwort von vorhin noch hinzusetzen: Staubkörner, aber aus Sternenstaub. :-)
          Und ja, doppelt ja: Wir alle sind Fünkchen, Teil von etwas Größerem, metaphysisch gesehen.
          Von daher bitte nicht falsch verstehen: mein Staubkorn-Begriff hat nichts mit „Du Chef, ich nix“ zu tun. Als Menschen sind wir gleichwertig. Er ist einfach ein Ausdruck dafür, dass ich mich nicht automatisch für die Krone der Schöpfung halte, dass ich das Staunen nicht verlernt habe und manchmal sogar (Achtung, gefährliches Wort) ziemlich demütig bin. :-)

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        • Ja, aber es ist deine/meine Entscheidung, ob du/ich fluchst/fluche, weil du/ich „muss/t“, oder ob man akzeptiert, dass es „etwas“ gibt, das größer (etc.) ist als man selbst. :-)

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  2. eine wundervolle Ballade, die ich nicht kannte, nie gehört hatte, liebe Christiane. Tja, was wird wohl sein, wenn wir in fünfhundert Jahren wiederkommen?
    Was werden wir hier vorfinden oder in eintausend Jahren?
    Aber will ich es denn wissen? Nicht mal das weiß ich jetzt :-)

    Liebe Morgengrüße an Dich

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