Lebenspläne | abc.etüden

„Siehst du das, ich meine, was ist das für ein Leben?“ Er konnte nicht still stehen, wenn er sich aufregte, also rannte er zum Fenster, riss die schlüsselblumengelben Vorhänge auf und deutete hinaus. „Es graupelt wie blöde, deine Mutter, gestandene Diplom-Ingenieurin, fährt immer noch Pakete in der Stadt aus und ich, immerhin irgendwann mal Dr. phil., muss bald los zu meiner Schicht in der Bar, wo sich die Leute am Tresen über fast nichts anderes als Fressen, Saufen und F…“, er stockte kurz, „… Fußball unterhalten. Schatz, Talent hin oder her, reicht dir unser schlechtes Beispiel nicht, um dich davon abzubringen, ausgerechnet Kunst studieren zu wollen, die brotlose Profession schlechthin?“

Sie saß wie üblich auf ihrem Bett und verdrehte die Augen, aber er sah es nicht, da er inzwischen auf einen leeren Fleck an der lindgrünen Wand starrte: „Hier hing doch immer das Tränenkrüglein, deine Illustration von diesem Rilke-Gedicht, auf die du so stolz warst, wo ist denn die hin?“

„Die ist in meiner Mappe, Papa“, sagte sie sanft, „und ja, ich werde ab dem kommenden Wintersemester Kunst an der HFBK studieren, ich habe gestern den Zulassungsbescheid bekommen und noch mal ja, Mama weiß es schon. Du darfst mir gratulieren, ich habe verdammt Glück gehabt, ich bin eine von nur hundertdreißig, das ist nicht gerade viel.“

Er überlegte sich gerade, ob sie diese vernichtend freundliche Art wohl von ihm hatte und warum er eigentlich nichts von dieser Bewerbung wusste, als sie aufstand, nach ihrer altrosa eingefärbten Jeansjacke griff und seiner heilen Welt endgültig den Todesstoß versetzte.
„Wenn du gestattest, komme ich übrigens mit dir in die Bar, dein Freund und Partner Klaus hat mir versprochen, wenn die Prinzessin von der Erbse steigen darf, dann arbeitet er mich bei euch als Kellnerin ein. Papa, hey, Papa, was ist denn, ist dir nicht gut?“

 

2018_05_2_lz | 365tageasatzadayVisuals: ludwigzeidler.de

 

Für die abc.etüden, Woche 05.2018: 3 Worte, maximal 10 Sätze. Die Worte stammen in dieser Woche von Elke H. Speidel und lauten: Krüglein, schlüsselblumengelb, graupeln.

Also, ich muss zugeben, hier die Zeiten ein bisschen manipuliert zu haben. Entweder es graupelt noch im April, oder die HFBK Hamburg hat ihre Bewerbungsfristen verändert. Laut Homepage beginnt der Bewerbungszeitraum gerade erst, sie kann also die Zulassung auf keinen Fall schon haben. Ferner wird ziemlich unerbittlich gesiebt, realistisch gesprochen wäre ich durchaus nicht sicher, wie groß die Chancen für Papas Prinzessin sind, beim ersten Mal ausgerechnet dort durchzukommen. Anyway.

Hier nun das von mir gesuchte Gedicht mit „Krüglein“ (hallo, Bruni). Ja, es hat echt gedauert. Ja, der Husten. Aber macht ja nix. Irgendwann waren die „Tränen“ zu dem „Krüglein“ da, und dann war es einfach.

Tränenkrüglein

Andere fassen den Wein, andere fassen die Öle
in dem gehöhlten Gewölb, das ihre Wandung umschrieb.
Ich, als ein kleineres Maß und als schlankestes, höhle
mich einem andern Bedarf, stürzenden Tränen zulieb.

Wein wird reicher, und Öl klärt sich noch weiter im Kruge.
Was mit den Tränen geschieht? – Sie machten mich schwer,
machten mich blinder und machten mich schillern am Buge,
machten mich brüchig zuletzt und machten mich leer.

(Rainer Maria Rilke, Tränenkrüglein, gewidmet Elisabeth Salomon; entstanden 16.09.1923; Erstveröffentlichung im Insel-Almanach 1924, S. 181–182; Quelle online)

42 Kommentare zu “Lebenspläne | abc.etüden

  1. Liebe Christiane, das ist großartig! Zu Deiner Beruhigung: Graupelschauer im April sind durchaus drin. Bei mir musste es ja auch im April graupeln, und ich habe es recherchiert (immer diese Plausibilitätspingeligkeit!).
    Ach, wie mich Deine Geschichte berührt. Ich wollte mal Modezeichnerin werden. Die Familie befand, wenn ich unbedingt was mit Zeichnen machen wollte, dann doch bitte Technische Zeichnerin. Ich breche heute noch zusammen, wenn ich daran denke. Man reiche mir die kaiserliche Tränenvase … äh … das Tränenkrüglein.

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    • Liebe Christa, du bist auch so eine Schwester im Geiste, die es eigentlich immer ganz genau wissen will? Komm an mein virtuell unverschnupftes Herz!
      Ich weiß, dass es im April noch graupelt, ich hatte es auch recherchiert (wegen Bernds Etüde am Sonntag). Aber eigentlich gehe ich, wenn ich die Etüde schreibe, immer davon aus, dass es JETZT ist oder sein könnte, und dann passt das mit den Bewerbungsfristen für die HFBK einfach nicht. Tja.
      (Statt Modezeichnerin Technische Zeichnerin, allein der Vorschlag ist irgendwie … krass. Das sind nicht Äpfel und Birnen, das sind Äpfel und … Fußbälle? Ich hoffe, du bist beruflich dennoch glücklich geworden.)
      Tränenkrüglein: Als ich mich gestern recherchetechnisch im Netz herumgedrückt habe, stieß ich auf einen Hinweis, dass womöglich bei der Entstehung des Gedichtes ein konkreter Gegenstand gemeint war. Also frage ich mich gerade, ob es diese Tränenkrüglein wirklich gab, natürlich eher in den Haushalten von Adligen, denke ich. Hmmmm. Ich muss mal suchen. Spannend.
      Liebe Grüße
      Christiane

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      • Ja, ich bin beruflich glücklich geworden – jedenfalls über einen Großteil der Strecke und ganz besonders in den letzten zwölf Berufsjahren. Ausstellungen zu organisieren und junge Künstler während ihre Stipendiats zu betreuen war so abwechslungsreich spannend, aufregend und schlussendlich befriedigend, wie man es sich nur wünschen kann. Wäre ich nicht ich gewesen, hätte ich mich beneidet.
        Das Modezeichnen war nur eine von den vielen Ideen, die man in der Pubertät zu ausbrütet, die Reaktion der Familie allerdings wirklich der Hammer.
        Liebe Grüße zurück
        Christa

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  2. Ich bin gerade zufällig über die Geschichte gestolpert. Wirklich toll geschrieben, sehr fesselnd irgendwie und auch lebendig. Schade, dass es nur 10 Sätze sind :) Viele Grüße, Schokominza

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    • Das ist ja, das hast du dann ja auch bestimmt gelesen, der Witz bei der Geschichte, dass sie so kurz ist, dass man eine Handlung auf 10 Sätzen zusammendrängen muss. Wobei ich auch längere Sachen geschrieben habe, zuletzt *überleg* glaube ich bei dem Etüdensommerpausenintermezzo, aber durchaus auch vorher.
      Liebe Grüße und freut mich, dass es dir gefiel
      Christiane

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  3. Schön gelöst, liebe Christiane. Gut, wenn sich die Kinder durchsetzen und ihre eigenen Wege finden, selbst, wenn sie hier und da holprig zu sein scheinen.

    Übrigens graupelt es auch bei mir im April und das während der Rapsblüte!

    Liebe Grüße
    Anna-Lena

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      • Es ist eine Tatsache, dass die Entwicklung der Digitalfotografie viele Berufe im Umfeld der Analogfotografie zumindest stark verändert, wenn nicht sogar gekillt hat. Aber dahinter zu verstecken, dass man die Beschäftigung mit Kunst generell für Unsinn hält, wird dem nicht gerecht.
        Und nein, viele Köche verdienen überhaupt nicht gut und arbeiten unter richtig schlechten Umständen.

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    • Ja, und wenn das Elternhaus einigermaßen heil ist, dann ist es ja auch kein Wunder, dass sie das machen, schließlich sind die Eltern die Rollenvorbilder. Dann dürfen sie auch gern eigene Fehler (hoffentlich nicht die gleichen) machen … ;-)

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  4. Inzwischen fallen doch ganz viele Studiengänge unter die brotlosen Künste. Selbst wenn die Prinzessin Physik studierte, würde das nichts ändern. Papa ist etwas vorgestrig🤗Dir geht es hoffentlich besser? Ich kenne das Tränenkrüglein als Bechsteinmärchen.
    Dir weiter gute Besserung mit einem lieben Gruss aus dem Wetter zum Heulen, Karin

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    • Ist er. Dr. phil., ich hatte zuerst dran gedacht, ihn zum klassischen Taxifahrer zu machen.
      (Nee, nicht wirklich, die Erkältung rauscht gefühlt orkanartig über mich hinweg. Vielleicht ist sie dann auch schnell wieder weg, ich gebe die Hoffnung nicht auf.)
      Liebe Grüße
      Christiane mit gemütlichem Regen

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  5. Schande und Schmach über mich :-)
    Aber an ein Tränenkrüglien hätte ich nie gedacht, wenigstens nicht an diesem Abend, an dem mich das Lachen immer wieder überkam und Schuld hat Gerda *hüstel*
    Ich hätte bei den Romantikern gesucht und Rilke gehört nur insofern dazu, daß er bei Bedarf romantische Elemente mit übernommen hat.
    Ich wußte aber, daß Dir etwas einfällt und da ist er nun, ein Text, so gut wie immer und ich gratuliere der Tochter zu ihrem Mut, etwas zu beginnen, was nicht unbedingt eine Sackgasse sein muß und nicht unbedingt brotlos und was der Vater mißbilligt, weil ER Schiffbruch erlitt. Nicht immer stimmen die Prognosen der Eltern.

    Liebe Grüße von Bruni

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    • Du bringst die Sorgen des Vaters schön auf den Punkt, liebe Bruni, genau das wollte ich ihm unterstellen.
      Das Rilke-Gedicht kanntest du nicht? Überrascht mich jetzt, dass ich damit auf weiter Flur wohl doch ziemlich allein herumstehe.
      Liebe Grüße
      Christiane

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    • Einen Grundstein meines Gedichtwissens bildet eine Gedichtsammlung, die mein Vater angelegt hat, als er noch lebte, liebe Bruni, die ist also vermutlich so alt wie ich. Und das Tränenkrüglein gehört(e) dazu, weiß der Himmel, warum, aber so ist es. ;-)
      Liebe Grüße
      Christiane

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      • *schmunzel*, wohl dem, der so eine väterliche Sammlung hat, liebe Christiane.
        Mein Vater hatte zwar viele Bücher, aber Gedichte waren keine dabei. Einige wenige seiner Bücher besitze ich heute noch und erinnere mich gerne, wie es war, als ich sie las…

        Liebe Grüße von Bruni an Dich

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