Plötzlich knallalt | abc.etüden

Er war zu alt für so was. Wenn sie Streit wollte, wie er es nannte, fragte sie ihn manchmal, ob er denn vielleicht schon zu alt für das Leben sei.

Wie jetzt, als sie wieder das knallenge Unterhemd trug, was er missbilligte und prompt als knallhässlich bezeichnete, denn er hatte es nicht mehr so mit der fleischlichen Verführung, und wenn schon, dann doch bitte richtig, nicht diesen Feinripp-Kram. Warum nur lachte sie so komisch, lachte sie ihn etwa aus?
Ach ja, die Fleischeslust, na ja – die Hochzeit war ja auch schon ein paar Jährchen her und jetzt, jetzt war eher Ruhe eingetreten in, äh, ihrem Eheleben. Er hatte immer geglaubt, das wäre völlig in ihrem Sinn, stimmte doch auch!

Früher, ja, als sie noch knallverliebt gewesen waren, da hatten sie es wild getrieben, hatten die Finger nicht voneinander lassen können, nirgendwo, hatten auf nichts verzichten wollen, nicht auf Küsse auf offener Straße und waren auch schon öfter mal knallerregt im Stadtpark hinter einem Busch gelandet.

Aber jetzt? Ach, alles dahin, die ganze schöne knallvergnügte Verrücktheit von damals.
Was mit ihnen geschehen war, er verstand es nicht, er hatte doch nichts Böses getan.

 

2018_06_2_zwei lz | 365tageasatzadayVisuals: ludwigzeidler.de

 

Für die abc.etüden, Woche 06.2018: 3 Worte, maximal 10 Sätze. Die Worte stammen in dieser Woche von Anna-Lena und lauten: Unterhemd, knallvergnügt, verzichten.

Update! Die gehört dazu: Verkehrsberuhigte Zone

 

43 Kommentare zu “Plötzlich knallalt | abc.etüden

  1. ene knallharte Geschichte, obgleich sie traurig-resigniert daherkommt. Wenn sich so ein Alter (eine Alte) doch noch einmal Knall auf Fall verknallt, gilt er-sie als durchgeknallt, verrückt und unnormal. Da wird ihm-ihr gern die Zahl der gelebten Jahre um die Ohren geknallt, bis er-sie sich womöglich abknallt.
    Nun ja, ich habe mich vom Knall verführen lassen, die Geschichte weiter zu dramatisieren. ..

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  2. Alsooo, der erste Satz im zweiten Abschnitt erinnert mich daran, wenn ich mein Laufshirt anziehe, welches ich mir kaufte als ich 10 kg leichter war…. Ähmmm… [„sooo! willst du rausgehen, hoffentlich sieht dich keiner“].
    So, Schluss mit Interna.
    Er muss sich eben ein wenig anstrengen und sich nicht auf dem früher ausruhen. Ansonsten: ganz schön knallig!
    Lachende Grüße aus dem knallkalten Süden.

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    • Ah. Du kennst also das Gefühl nicht, dass der Zug lange abgefahren ist, und nur du dummerweise nichts gemerkt hast? Und nee, das soll keine Anspielung auf die angesprochenen Interna sein ;-)
      Neulich gelesen: von „der Anwesenheitspflicht im eigenen Leben“ und sprachlos gewesen.
      Knallkalte Grüße bei knallklarem Sternenhimmel retour
      Christiane

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      • Klasse Satz mit der Anwesenheitspflicht.
        Abgefahrene Züge, klar, genügend, und ganz verschiedenartig. Man kann ja dann den nächsten nehmen und braucht sich nicht aufs Gleis fallen zu lassen.
        Ok, das war ein wenig flapsig, aber das ist es was dein Protagonist macht, er suhlt sich in der Vergangenheit. Gut, das kennt vermutlich auch jeder, der über ein gewisses Alter hinaus ist. Das sind dann doch die Situationen, wo man sich an den eigenen Haaren aus dem Sumpf ziehen muss, mitunter auch etwas Hilfe dazu braucht. Und dazu wieder braucht es Motivation, die ein jeder aus wohl ganz unterschiedlichen erlebten Lebenssituationen schöpft, auf die man sich ab und an ganz bewusst konzentrieren muss. Um das Positive herauszuziehen. Und mit zunehmendem Alter scheint mir die Frequenz anzusteigen, die Erinnerungen werden existentieller.
        So in Kürze, ich finde, dein Text in den wenigen Zeilen macht das wunderbar, so wie neulich, einen ganzen Film abzubilden. Mal sehen, ob du wieder eine Fortsetzung machst oder einen Vorgänger?
        ;)

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        • Weißt du, meine Beobachtung ist, dass man das mit den abgefahrenen Zügen oft erst hinterher mitbekommt. Ja, klar, „nächstes Mal besser“, der Standardspruch, aber was ist, wenn man einfach blind durch sein Leben tappt? Ich stimme dir bei jedem deiner Sätze zu, das ist es nicht, aber … ich glaube, das ist dann wohl gemeint mit „Achtsamkeit“, mit „Bewusstheit“ und wie die ganzen Worthülsen alle heißen, dass man erkennt, wo man steht, dass die Hütte jetzt brennt, JETZT, dass es nicht nur einfach so bisschen um einen herum schmurgelt, dass Handlungsbedarf besteht.
          Ich sehe viele, gerade ältere Ehepaare (und die beiden hier sollten eins sein, kein spät gefundenes, sondern ein in Ehren und im Alltag ergrautes), die immer noch in (und aus) der Vergangenheit leben. (Existenzielle Erinnerungen, hmmm.) Die bekommen die Einschläge vermutlich erst mit, wenn einer von beiden ernsthaft krank wird.
          Fortsetzung: noch mal hmmmmm. Mal nachdenken, danke auf jeden Fall für die Anregung.
          Liebe Grüße
          Christiane, 09:45 Uhr, sonnige -6 °C draußen, *brrr*

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        • Es ist eigentlich ein lebenslanges Problem, alles was man ‚lernt‘ um es in der nächsten Lebensphase besser zu machen, macht man vielleicht auch besser, aber eben zu spät. Die neue Lebensphase sieht neue Stolperfallen vor, die man das nächste Mal besser machen möchte. Deswegen hatte ich neulich mal den Wunsch geäußert, man müsse einfach mal zwei Schritte auf einmal tun. Wobei, wenn man jahrzehntelang auf eine fatale Situation zuarbeitet, geht umkehren fast nicht mehr, vielleicht noch ausbrechen.
          Und, wenn ich deinen Text nochmals lese, würde ich es mittlerweile so deuten, dass ER Angst hat, den aktuellen Zustand zu verlieren, lieber schlecht als nichts und IHR deshalb einredet, jegliche Attraktivität verloren zu haben. Nicht dass SIE auf die Idee kommt, in der großen weiten Welt wartet vielleicht noch einer, dem das Feinripp aber so was von am Allerwertesten vorbei geht…
          ;)
          BTW: ich bin mittlerweile in den 80en gelandet, musikalisch, die alten Marillion dröhnen mir die Ohren voll. Die pure Eudamonia als Spätjugendlicher auf einem Konzert dieser Band. Du siehst mich mit einem Grinsen vor dem Screen…

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        • Jetzt habe ich die ganze Zeit auf deiner Antwort rumgedacht, genickt und verworfen, und eben doch noch eine kleine Etüde geschrieben, die morgen früh das Licht des Blogs erblicken wird, weil ich meistens morgens poste. Daher spare ich mir jetzt die Antwort, inhaltlich gesehen, und bin gespannt, was du sagen wirst, denn ich habe noch eine andere Lösung gefunden als die, die du suggeriert hast.

          Dies hier von Marillion kannte ich nicht, aber hast du früher jemals Queensrÿche gehört? Über die stolpere ich in unregelmäßigen Abständen immer wieder mal …
          Vergnügte Grüße zum Abend
          Christiane

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        • *Trommelwirbel* – die Spannung steigt, nochmal *Trommelwirbel*, eine andere Lösung? Hmmmm….

          Queensrÿche (oh das ‚ÿ‘ muss man auch erstmal finden…) waren noch nie so meins, wobei ich der Band so gesehen auch nie eine Chance gab. Ich bin relativ früh auf den Progrock-Zug aufgesprungen, die Hard’n’Heavy-Fraktion war nicht so meins. Als dann Queensrÿche halbwegs publik wurden, war ich musikalisch gesehen in britisch-irischen-schottisch-walisischen Gefilden unterwegs. Die Queensrÿche-Jacken trugen dann andere…

          Aber jetzt mal zu deiner neuen Etüde….

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        • Der Witz war, dass Queensrÿche bei uns auf Klassenfeten lief und ich das komplett vergessen haben muss. Vor ein paar Jahren, als ich kurz in Metal-Kreisen unterwegs war (sehr lustig), bin ich über eine Platte von denen gestolpert und war völlig verwundert, dass ich buchstäblich jeden Ton kannte … ;-)

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  3. tja, das Früher, das so knall bunt und rundherum knallverrückt war… War es das wirklich?
    Verknallter als nach vielen ermüdenden Ehejahren, das kann ich mir vorstellen, aber waren die Jugendjahre echt knalliger als die Jahre, die später kamen? Da muß ich doch sehr überlegen.
    Knallverrücktes gibt es doch immer, aber man muß es sehen wollen.
    ER sieht es nicht mehr, während SIE noch lange nicht abgeschaltet/abgeschlossen hat, alle Knallfarben liebt und sicherlich gerne noch immer verknallt wäre in ihn, aber ER …, er läßt sie ja nicht…

    Ein echter Knaller, Dein gut beobachteter Etüdentext, liebe Christiane

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  4. Mich erinnert diese Etüde an Stefan Raabs Geschichte vom Maschendrahtzaun,wo es heißt „I was hunting a man/With a big fett bauch/And i caught him in the back of a Knallerbsenstrauch“!
    Eine echte Knallorgie hast du uns da serviert :-D. Auch, wenn die Geschichte so schön fertig erzählt ist, machen die Charaktere auch mir Lust auf mehr.
    Liebe Grüße
    Viola.

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