Verkehrsberuhigte Zone | abc.etüden

Früher war sie das gewesen, was ihre Mutter einen „flotten Feger“ genannt hatte, und wenn sie sich daran erinnerte, wie flott, dann war sie ziemlich glücklich, dass ihre Mutter nicht alles gewusst hatte. Immerhin hatte ihr das vor 35 Jahren unter anderem den gewünschten Ehemann beschert; bis dass der Tod euch scheidet, ihnen war es immer ernst damit gewesen.

Also waren sie gemeinsam älter geworden, hatten das Leben gemeistert, wie es so schön hieß, und die heißen Outfits der langen, knallvergnügten Nächte waren langsam Funktions- und sonstiger prosaischerer Wäsche gewichen. Die Unterhemden gingen bis über die Nieren und die Panties waren längst figurformend, sie kochte doch so gern, musste man ja nicht sofort sehen.

Er ging nicht fremd und sie hatte beim Aufräumen auch noch nie Playboy-Hefte oder ähnlichen Schwachsinn gefunden, aber außer bisschen Kuscheln lebten sie jetzt schon ziemlich lange wie Brüderchen und Schwesterchen miteinander, das war doch nicht normal, oder doch? Ihre Freundinnen behaupteten alle, froh zu sein, dass sie von ihren ehelichen Pflichten entbunden waren; sie glaubte ihnen nicht, denn sie war es nicht, sie verzichtete ungern und schon gar nicht auf Dauer. Sie hatte bereits überlegt, ob er vielleicht krank war, das gab’s ja, aber auch darüber hatte er nie ein Wort verloren, und sie wollte ihn mit Nachfragen auf keinen Fall verletzen.

Dass Männer aber auch immer alles mit sich selbst ausmachen mussten!

Aber egal, sie hatte sich vorgenommen, einen Weg aus der verkehrsberuhigten Zone zu finden. Und sie würde ihm nicht erlauben zurückzubleiben.

 

2018_06_1_eins lz | 365tageasatzadayVisuals: ludwigzeidler.de

 

Für die abc.etüden, Woche 06.2018: 3 Worte, maximal 10 Sätze. Die Worte stammen in dieser Woche von Anna-Lena und lauten: Unterhemd, knallvergnügt, verzichten.

Dies ist eine eher lose Fortsetzung, vielleicht nicht mal Fortsetzung. Aber die dazugehörige andere Etüde ist diese hier.

 

35 Kommentare zu “Verkehrsberuhigte Zone | abc.etüden

  1. Diese Etüde liest sich f a s t wie eine Fortsetzung, allerdings weicher und zärtlicher! Und ja, diese Themen gibt es bei vielen Paaren, die miteinander alt geworden sind, mal von der einen, mal von der anderen Seite.
    Herzliche Grüße, Ulli

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    • Ja, sie sollte eine mögliche Erklärung anbieten, ohne zu lösen, denn ich glaube nicht, dass es so einfach ist.
      Und, ebenfalls ja, ich habe bei diesem Thema die zu erwartenden Rollen absichtlich vertauscht.
      Herzlich zurück
      Christiane

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  2. Pingback: Plötzlich knallalt | abc.etüden | Irgendwas ist immer

  3. Sehr menschlich und schön geschrieben, und ja, „aus dem Leben gegriffen“, wie meine Mutter vielleicht gesagt hätte. Besonders das Schweigen, das Nicht-Ansprechen von Unübersehbarem. Was würde es auch nützen, drüber zu sprechen? Jeder quält sich immer mehr verstummend über die Runden. Ich frage mich, wie deine Protagonistin den Bann brechen will, der über dem gemeinsamen Altern liegt. .

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    • Ich frage mich das auch, denn du hast recht, für ihn zumindest ist das ein Bann, an dem er nicht rühren will, hinter dem er sich verschanzt, bewusst oder unbewusst.
      Wie kann man etwas verändern, von dem der andere nicht mal akzeptiert, dass es ein Problem ist? Ich habe keine Ahnung, ich gebe es zu.

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  4. Sein Schlafzimmer als „verkehrsberuhigte Zone“ zu bezeichnen. das habe ich noch nie gehört, gefällt mir aber. Oder gefällt mir natürlich nicht, aber wie Du darüber schreibst, ist sehr gut und entspricht sicher der Realität viele langjähriger Beziehungen. Feiner Text!

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  5. Oha, das ist natürlich großartig, die andere Sichtweise, das hatte ich jetzt nicht auf dem Schirm. Was mich jetzt zu der Aussage bringt, auch ein Phänomen des jahrelangen Zusammenlebens ist es, dass man verlernt miteinander zu sprechen, weshalb auch immer. In der Generation meiner Eltern war es überwiegend so, dass einer etwas zu erzählen hatte, die andere eher weniger….
    Ansonsten passt das wunderbar zusammen, und man stellt sich die Frage, wie sie das anstellen wird, und wenn er nicht mitzieht, sie aufgibt oder es zum Bruch kommt. Alles ist möglich.
    Schöne Grüße aus dem kühlen Süden, hustend, schnupfend, leicht genervt vor dem überfüllten Schreibtisch sitzend….

    Ach so: der Titel ist natürlich der Kracher, wie schon beim ersten Teil.

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    • Der Titel (die Bezeichnung für die nämliche Situation) ist leider nicht auf meinem Mist gewachsen, ich habe sie bloß erinnert. Ansonsten stimme ich dir zu, man verlernt das Reden, es scheint alles schon gesagt und man rutscht in so eine Art Isolation, wenn man nicht aufpasst. Und dann, irgendwann, bekommt man richtig Schwierigkeiten, wenn man die Kurve wieder kriegen will oder muss, weil der oder die andere brüllt und sich halt so viel unter dem Teppich angesammelt hat.
      Jaaaa, da ist jetzt alles möglich, hast recht, und ich habe schon an Gerda geschrieben, dass ich keine Ahnung habe, ob und wie die beiden aus der Misere herauskommen.
      Schöne Grüße aus dem ebenfalls kühlen, dafür aber sonnigen Norden, schwesterlich verbunden mithustend und ebenfalls mit Arbeit auf dem Schreibtisch … aber nebenbei läuft Olympia als Livestream, den will ich schauen, solange es geht
      Christiane

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  6. Was einmal verkehrsberuhigt ist, lässt sich sicher nur schwer wieder ent-ruhigen, aber eine Lösung wäre schon toll.
    Ich wäre darauf gespannt, hätte aber so ad hoc auch kein Patentrezept :-) .

    Einen lieben Gruß zu dir!

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  7. Früher hieß es: alles hat seine Zeit. Und ganz früher hat man wohl über dieses Thema auch schon nachgedacht, wie der nachfolgende Text aus der Bibel zeigt:

    DER PREDIGER SALOMO (KOHELET)

    Alles hat seine Zeit
    31 Ein jegliches hat seine Zeit, und alles Vorhaben unter dem Himmel hat seine Stunde:
    2 geboren werden hat seine Zeit, sterben hat seine Zeit; pflanzen hat seine Zeit, ausreißen, was gepflanzt ist, hat seine Zeit;
    3 töten hat seine Zeit, heilen hat seine Zeit; abbrechen hat seine Zeit, bauen hat seine Zeit;
    4 weinen hat seine Zeit, lachen hat seine Zeit; klagen hat seine Zeit, tanzen hat seine Zeit;
    5 Steine wegwerfen hat seine Zeit, Steine sammeln hat seine Zeit; herzen hat seine Zeit, aufhören zu herzen hat seine Zeit;
    6 suchen hat seine Zeit, verlieren hat seine Zeit; behalten hat seine Zeit, wegwerfen hat seine Zeit;
    7 zerreißen hat seine Zeit, zunähen hat seine Zeit; schweigen hat seine Zeit, reden hat seine Zeit;
    8 lieben hat seine Zeit, hassen hat seine Zeit; Streit hat seine Zeit, Friede hat seine Zeit.

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    • Ja, unbedingt. Aber kann für den einen die Zeit (hier z. B. für Sexualität) vorbei sein und für den anderen, den Ehepartner nicht? Und ist das etwas, was der widerspruchslos annehmen muss? Immerhin schränkt es auch ihn ein.
      Ich mag die Idee des Zyklischen, die hinter diesem Text steht, sehr, aber man kann sich auch ziemlich hinter derartigen Aussagen verkriechen, nur um nicht über sich selbst und das eigene Leben nachdenken zu müssen – was mein ER nämlich definitiv nicht tut.
      Klar ist das sein gutes Recht, aber auch seine Frau (die er liebt und die ihn liebt) hat Rechte. Wie geht man damit um?
      Auf jeden Fall danke ich dir, das ist ein Aspekt, den ich bisher nicht bedacht hatte.
      Liebe Grüße
      Christiane

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      • Jetzt mal knallhart die Frage an Dich: was sind denn die Knallpunkte nach einer 30-, 40- oder 50-jährigen Ehe?
        Verlangen verlangen oder Verzicht gewähren? Was macht Liebe aus?

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        • Jede lange Beziehung lebt durch Verständnis, Respekt und Kompromisse. Aber um zu Kompromissen zu gelangen, müssen beide ihre Bedürfnisse haben/äußern dürfen.
          Ja, klar kann das auch so aussehen, dass jemand aus Liebe auf etwas verzichtet, was der andere nicht (mehr) will oder nicht (mehr) kann. Aber wenn das quasi selbstverständlich ist, dass automatisch einer zurücksteckt, dann kann da ganz leicht was schiefgehen.
          Es führt kein Weg um Kommunikation herum – meiner Meinung nach, und ich denke auch, dass gerade das über Jahre hinweg nicht leichter wird.

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        • Du zwingst mich zum Nachdenken. Ich denke, dass die Situation in vielen Fällen ist, dass wir Männer einfach etwas anders gestrickt sind. Hört sich zwar blöde an, aber wenn ich für mich selbst spreche, dann stelle ich fest, dass ich über Dinge, die einmal entschieden wurden oder sich manifestiert haben, nicht mehr groß nachdenke. Das ist dann so. Und wird auch nicht mehr hinterfragt . Ich denke einfach, dass wir Männer einfacher mit Dingen abschließen., während Frauen doch das gleiche Thema erneut hinterfragen bzw. sich nicht so leicht abfinden.
          Ich habe das selbst so mit meiner Frau erlebt: die Geburt unseres ersten Sohnes war sehr schwierig und es stand auf Spitz und Knopf. Der behandelnde Arzt sagte damals, dass meine Frau keine weiteren Kinder mehr bekommen dürfe. Im Gegensatz zu mir hat meine Frau das jahrelang immer wieder hinterfragt. Bis sie eines Tages einen Professor fand, der sagte, dass das alles Unsinn gewesen sei. In der Zwischenzeit waren 15 Jahre vergangen, und nach 16 Jahren haben „wir“ dann unseren zweiten Sohn bekommen. Darüber war auch ich dann glücklich.
          Klar, reden, kommunizieren, sich verbal austauschen ist wichtig, zerreden nicht. In vielen Dingen, wenn man lange zusammen gelebt hat, erübrigt es sich manchmal aber auch. Man kennt ja seinen Partner, oftmals genügen ja schon Blicke oder Gesten. Patentrezepte gibt es da sicherlich nicht.
          Und bei uns in Delmenhorst und Bremen, wo ich herstamme, wird sowieso nicht so viel geredet. Schnacken ja, aber große Worte oder Reden eher nicht.
          LG Werner

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        • Lieber Werner,
          das kommt ja noch dazu: dass Männer und Frauen unterschiedlich kommunizieren und sich von daher Missverständnisse ergeben können. Gerade bei Problemen ist das dann gar nicht mehr witzig … :-(

          Wenn du magst, dann schau hier mal rein:

          Ist nicht das Neueste, aber wie die Dame mit den Stereotypen (hier: Mars – Venus) umgeht, und welche Schlüsse sie daraus zieht, empfinde ich (auf heitere Weise) als ausnehmend nachdenkenswert. Und sie ist kein Comedian, der/die die Dinge für den Witz plattmacht.
          Hab einen schönen Sonntag!
          Liebe Grüße
          Christiane

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  8. Tja, ein Thema, das viele ältere Paare betrifft, und zwar mit großer Sicherheit. Die, die reden können, haben Glück, die, die es verlernt haben im Laufe der Jahre erleben mitunter großen Kummer, mal er, mal ist es sie.
    Patentrezepte gibt es sicherlich nicht. Miteinander reden können, hilft auf jeden Fall. Nur, wie bringt frau ihren mann zum Reden, wenn er partout nicht mag? Und wie sagt er es seiner Frau, daß ihm die Verkehrsberuhigung nun langsam zu viel wird?

    Dabei könnte es doch so einfach sein, wenn nicht beide meinten, sie müßten um jeden Preis noch so fiunktionieren, wie früher einmal, als sie noch frisch verliebt waren…

    Liebe sonntsgsgrüße von Bruni

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    • Das ist mit Sicherheit ein guter erster Schritt, liebe Bruni, aber sogar für das muss man neu nachdenken, und das ist manchmal gar nicht so leicht – hast du die Antwort von Werner gelesen? Ich glaube, dass viele Leute so sind, und ich glaube nicht, dass es nur Männer sind, die einfach nicht hinschauen wollen.
      Antworten habe ich auch keine. Hätte ich welche, würde ich Bestsellerautorin ;-)
      Liebe Grüße, schönen Sonntag dir
      Christiane

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  9. ja, hab ich, gut verständlich *lächel*

    Reden hilft, aber nur mit großer Einfühlsamkeit auf beiden Seiten.
    Das erfordert aber eine intakte Beziehung, sonst klappt auch das nicht.

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