Welt zu viel und Erde genug

 

Ausgesetzt auf den Bergen des Herzens. Siehe, wie klein dort,
siehe: die letzte Ortschaft der Worte, und höher,
aber wie klein auch, noch ein letztes
Gehöft von Gefühl. Erkennst du’s?
Ausgesetzt auf den Bergen des Herzens. Steingrund
unter den Händen. Hier blüht wohl einiges auf; aus stummem Absturz
blüht ein unwissendes Kraut singend hervor.
Aber der Wissende? Ach, der zu wissen begann
und schweigt nun, ausgesetzt auf den Bergen des Herzens.
Da geht wohl, heilen Bewußtseins,
manches umher, manches gesicherte Bergtier,
wechselt und weilt. Und der große geborgene Vogel
kreist um der Gipfel reine Verweigerung. – Aber
ungeborgen, hier auf den Bergen des Herzens….

(Rainer Maria Rilke, Ausgesetzt auf den Bergen des Herzens, 20. September 1914, in: Ausgesetzt auf den Bergen des Herzens, Gedichte aus den Jahren 1906 bis 1926, insel tb 98, 1953, S. 89. Onlinequelle, Interpretation)

 

Hebend die Blicke vom Buch

Hebend die Blicke vom Buch, von den nahen zählbaren Zeilen
in die vollendete Nacht hinaus:
O wie sich sternegemäß die gedrängten Gefühle verteilen,
so als bände man auf
einen Bauernstrauß:

Jugend der leichten und neigendes Schwanken der schweren
und der zärtlichen zögernder Bug –.
Überall Lust zu Bezug und nirgends Begehren;
Welt zu viel und Erde genug.

(Rainer Maria Rilke, Hebend die Blicke vom Buch, Februar 1914, Aus den Gedichten an die Nacht, in: Ausgesetzt auf den Bergen des Herzens, Gedichte aus den Jahren 1906 bis 1926, insel tb 98, 1953, S. 73. Onlinequelle)

 

Meteora-Kloster, Griechenland, bearbeitet | 365tageasatzadayQuelle: Pixabay, bearbeitet

 

Ich fand es schwer, dem ersten Rilke-Gedicht ein anderes hinzuzugesellen, und habe es dann aber mal mit einem zweiten versucht … Nein, liebe Fotogucker, ich habe keine Bilder aus den Bergen. Ich habe einfach keine. Und ich wollte hierfür unbedingt eins.

Kommt gut in die Osterwoche!