Mutprobe | abc.etüden

Man hatte die Reihenfolge ausgelost und er war Achter, was nicht allzu gut war, aber immer noch besser als Letzter, denn die meist eher trägen Drachen waren langsam richtig genervt von den ganzen Halbwüchsigen, die, angefeuert von dem gesamten Dorf und unter den kritischen Augen der Leute vom Königshof, in der natürlichen Arena mehr oder weniger geschickt zwischen ihnen herumrannten und versuchten, zu dem Nest im Hintergrund zu gelangen und die Eier zu berühren.

Er blendete alles andere aus, als er nach seinem großen Sack griff und vorsichtig den Sandkessel betrat, alle Sinne bis aufs Äußerste angespannt. Hilfsmittel waren erlaubt, sofern es keine Waffen waren, und alle außer ihm hatten aus gutem Grund Schutzkleidung mitgeschleppt. Selbst die kleineren hiesigen Lindwürmer, die in der Nähe des Dorfes lebten und höchstens ab und an mal ein Schaf rissen, riefen mit ihrem Feueratem böse Verbrennungen hervor, und wenn ihre Flügelschläge auf ungeschützte Körper knallten, brachen Knochen wie Glas.

Er schlug einen weiten Bogen und pirschte sich an, bis er schließlich in respektvollem Abstand zu dem größten Drachen mit den wunderschönen, golden glänzenden Schuppen stand, der sofort gereizt den Kopf hin und her bewegte und tief Luft holte. Das war das Anzeichen, auf das er gewartet hatte, und zugleich der Moment der höchsten Gefahr, denn als Nächstes würde Feuer im Anmarsch sein! Er schüttete ihm mit einer einzigen flüssigen Bewegung den Inhalt des Sackes entgegen – und über 50 altbackene Brötchen purzelten in den Sand. Der Lindwurm stutzte, senkte tatsächlich überrascht den Kopf und prüfte die Gabe auf Fressbarkeit – vorhanden –; der Junge jedoch huschte wieselflink an ihm vorbei und stand am Nest, hob vorsichtig und für alle sichtbar ein Drachenei hoch und legte es ebenso behutsam wieder ab – und sah, wie sich zu seiner Erleichterung neben ihm die kleine, versteckte Tür öffnete, durch die er im aufbrandenden Jubel die Gefahrenzone verlassen durfte.

„Bäckerjunge“, sagte am Abend der Hauptmann der Königsleute bei der Audienz zu ihm, „von allen heute hast du am meisten Einfallsreichtum und Mut bewiesen; dafür gewähren wir dir einen Wunsch.“

„Wenn dem so ist, dann nehmt mich mit an den Hof“, sagte er ohne zu zögern, denn er hatte auf die Frage gehofft, „ich respektiere das Handwerk, aber ich hasse die Backstube, ich will Drachenpfleger werden!“

 

2018_26_1_eins lz | 365tageasatzadayVisuals: ludwigzeidler.de

 

Für die abc.etüden, Woche 26.2018: 3 Worte, maximal 10 Sätze. Die Worte stammen in dieser Woche von Wortgeflumselkritzelkram und lauten: Drachenei, altbacken, knallen.

Hach, wieder mal ein Grund, bisschen Fantasy anzudenken, wie mag ich das! Seht mir die Länge der Sätze bitte nach, es musste halt viel „Setting“ rein … Ja, ich habe überlegt, aus dem „Drachenei“ irgendwas anderes zu basteln, klar, haben andere Mitschreiber*innen ja schon vorgemacht, aber neee, es ging nicht: Fantasy, here we come. Also ich. Bisschen Harry Potter ist drin, zugegeben  ;-)

Ich hätte übrigens gerne mal Büchertipps von euch, was Drachenbücher angeht, ich glaube, ich bin auf keinem Fall auf dem neuesten Stand. Und bitte nicht nur Jugendbücher. Nein, BITTE KEINE Links, nur dann, falls ihr das Buch auf euren Blogs besprochen habt!

 

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Sommer und Regen

 

Kinderlied

Regen, Regen,
Himmelssegen!
Bring’ uns Kühle, lösch’ den Staub
Und erquicke Halm und Laub!

Regen, Regen,
Himmelssegen!
Labe meine Blümelein,
Laß sie blüh’n im Sonnenschein!

Regen, Regen,
Himmelssegen!
Nimm dich auch des Bächleins an,
Daß es wieder rauschen kann!

(August Heinrich Hoffmann von Fallersleben, Regen, Regen, Online-Quelle)

 

Regen in der Dämmerung

Der wandernde Wind auf den Wegen
War angefüllt mit süßem Laut,
Der dämmernde rieselnde Regen
War mit Verlangen feucht betaut.

Das rinnende rauschende Wasser
Berauschte verwirrend die Stimmen
Der Träume, die blasser und blasser
Im schwebenden Nebel verschwimmen.

Der Wind in den wehenden Weiden,
Am Wasser der wandernde Wind
Berauschte die sehnenden Leiden,
Die in der Dämmerung sind.

Der Weg im dämmernden Wehen,
Er führte zu keinem Ziel,
Doch war er gut zu gehen
Im Regen, der rieselnd fiel.

(Hugo von Hofmannsthal, Regen in der Dämmerung, Online-Quelle)

 

Vor dem Sommerregen

Auf einmal ist aus allem Grün im Park
man weiß nicht was, ein Etwas fortgenommen;
man fühlt ihn näher an die Fenster kommen
und schweigsam sein. Inständig nur und stark

ertönt aus dem Gehölz der Regenpfeifer,
man denkt an einen Hieronymus:
so sehr steigt irgend Einsamkeit und Eifer
aus dieser einen Stimme, die der Guß

erhören wird. Des Saales Wände sind
mit ihren Bildern von uns fortgetreten,
als dürften sie nicht hören was wir sagen.

Es spiegeln die verblichenen Tapeten
das ungewisse Licht von Nachmittagen,
in denen man sich fürchtete als Kind,

(Rainer Maria Rilke, Vor dem Sommerregen, aus: Neue Gedichte, Erster Teil 1907, Online-Quelle, Interpretation)

 

Quelle: ichmeinerselbst  :-)

 

Ich bin ja bekanntermaßen pluviophil, daher: Dies ist kein Gemecker über Nasses von oben, der Regen, welcher hier in den letzten Tagen schön und sacht immer wieder gefallen ist, war dringend notwendig und überaus ersehnt. (Der Fellträger sieht das allerdings anders.)
Was ich bemängele, ist die damit einhergegangene deutliche Abkühlung: Petrus, wir sind nachts unter 15 °C und tagsüber knapp drüber, könntest du da nicht bitte was drehen?

Kommt gut in die neue Woche!

 

Schreibeinladung für die Textwoche 26.18 | Wortspende von wortgeflumselkritzelkram

Nachdem ich gefühlt die gesamte letzte Woche, liebe Etüdenfans, -schreiber*innen und -leser*innen, gedanklich um den „Ödipuskomplex“ gekreist bin, den uns Frau Myriade ins Nest gelegt hatte, bin ich mehr als froh, euch heute etwas ganz anderes präsentieren zu können, das uns ebenfalls (hoffentlich) so in Wallung versetzen wird und auch in einem Nest liegen könnte …

Aber lasst mich vorher noch erzählen, dass die Wörter der nun beginnenden Textwoche 26.18 von Frau Flumsel (die nie so heißen wollte) und ihrem Blog Wortgeflumselkritzelkram gespendet wurden. Leider hat sie aus einigen guten Gründen zurzeit das Bloggen unterbrochen, aber ich bin ziemlich zuversichtlich, dass sie in dieser Woche hereinschaut. Ihre Wörter lauten:

Drachenei
altbacken
knallen.

 

Wie immer, ihr wisst: Diese 3 Wörter bitte in maximal! 10! Sätzen unterbringen! Auch diese Woche stammen die Illustrationen von dem werten Herrn lz., der offensichtlich an einer Bäckerei vorbeikam und nicht widerstehen konnte, vielen Dank, Ludwig!
Euren Beitrag verlinkt ihr bitte wie gewohnt hierhin und/oder (am besten „und“) postet den Link unten in einen Kommentar (oder gleich die ganze Etüde, wenn ihr keinen Blog habt oder es bei euch nicht passt), damit eure Etüde auch ganz sicher von Frau Flumsel und mir und von allen, die es interessiert, gefunden werden kann.

 

2018_26_1_eins lz | 365tageasatzaday

 

2018_26_2_zwei lz | 365tageasatzaday

 

Leiche im Keller | abc.etüden

Sie war eine, die immer auffiel, sei es, weil sie in der Schule rebellierte, sei es, weil sie der unangefochtene Star bei so Mädchenkram wie Voltigieren war; sie konnte sich das leisten und kam damit durch. Jahrelang hatte sie geglaubt, hinter dem Kopfschütteln, mit dem sie oft betrachtet wurde, stecke Mitleid. War sie denn nicht das arme Kind, dessen Mutter bei der Geburt gestorben war, aufgezogen von der Oma und ihrem fast abgöttisch geliebten viel älteren Bruder? Dass die reichen Familien ihren Töchtern den Umgang mit ihr verboten, während die Jungs ihr nachstellten, lag es doch an etwas anderem als an ihren zurzeit gerade giftgrünen Haaren?

„Die Schnepfen denken, dass du asozial bist, weil keine von denen weiß, wer dein Vater ist“, bemerkte ihr Bruder eines Abends, als sie sich lautstark über die Ungerechtigkeit beklagt hatte.
„Sag jetzt nicht, du weißt es?“ fragte sie routinemäßig genervt zurück und erstarrte, als sie ihn nicken sah.
„Irgendwann musst du es ja erfahren. Ich bin nämlich dein Vater“, antwortete er schließlich zögernd, „ich kann dir Brief und Siegel darauf geben. Aber bevor du mir jetzt mit Darth Vader, dem Ödipuskomplex oder so einem Scheiß kommst, werde ich dir was sagen, was dich ziemlich sicher umhaut und worüber du bitte zuerst nachdenkst: Ich habe ihr gewünscht, dass sie an dem verreckt, was sie mir – und damit auch dir – angetan hat, unsere sogenannte Mutter. Liebe war das nicht.“

 

2018_25_1_eins lz | 365tageasatzadayVisuals: ludwigzeidler.de

 

Für die abc.etüden, Woche 25.2018: 3 Worte, maximal 10 Sätze. Die Worte stammen in dieser Woche von Myriade und lauten: Ödipuskomplex, giftgrün, voltigieren.

Ähm, ja. Böse Wörter zeitigen böse Etüden. Jedenfalls manchmal.

 

Von der Nacht und dem Vergehen

 

Bitte

Weil auf mir, du dunkles Auge,
Übe deine ganze Macht,
Ernste, milde, träumerische,
Unergründlich süße Nacht!

Nimm mit deinem Zauberdunkel
Diese Welt von hinnen mir,
Daß du über meinem Leben
Einsam schwebest für und für.

(Nikolaus Lenau, Bitte, Quelle)

 

Ich lösch das Licht

Ich lösch das Licht
Mit purpurner Hand,
Streif ab die Welt
Wie ein buntes Gewand

Und tauch ins Dunkel
Nackt und allein:
Das tiefe Reich
Wird mein, ich sein.

Groß’ Wunder huschen
Durch Dickicht hin,
Quelladern springen
Im tiefsten Sinn,

O spräng noch manche,
Ich käm in’ Kern,
Ins Herz der Welt
Allem nah, allem fern.

(Hugo von Hofmannsthal, Ich lösch das Licht, Quelle)

 

Lösch mir die Augen aus

Lösch mir die Augen aus: ich kann dich sehn,
wirf mir die Ohren zu: ich kann dich hören,
und ohne Füße kann ich zu dir gehn,
und ohne Mund noch kann ich dich beschwören.
Brich mir die Arme ab, ich fasse dich
mit meinem Herzen wie mit einer Hand,
halt mir das Herz zu, und mein Hirn wird schlagen,
und wirfst du in mein Hirn den Brand,
so werd ich dich auf meinem Blute tragen.

(Rainer Maria Rilke, Lösch mir die Augen aus, aus: Das Stunden-Buch, Zweites Buch: Das Buch von der Pilgerschaft (1901), Quelle; zur Interpretation im Rilke-Forum)

 

Mondsichel | 365tageasatzadayQuelle: Pixabay

 

Mit Dank an Karin (der Blog auf privat steht, daher kein Link) für den Hofmannsthal.

Kommt gut in die neue Woche!

 

Schreibeinladung für die Textwoche 25.18 | Wortspende von Myriade

Nachdem der „Pfiffikus“ der abgelaufenen Textwoche doch so einiges an heiter-besinnlichen Etüden (und auch weniger heitere) hervorgebracht hat, geht es in der neuen Woche mit einem ziemlichen Paukenschlag weiter. Ich weiß, ich behaupte das fast jede Woche, dass es in der nächsten Woche „schwer“ werden würde, aber dieses Mal fühle ich mich echt … auf dem falschen Fuß erwischt. Hm!

Die Wortspende der nun anbrechenden Textwoche 25.18 kommt von Frau Myriade mit ihrem wunderbaren Endlosnamen-Blog la parole a été donnée à l´homme pour cacher sa pensée. (Hattest du eigentlich jemals erklärt, warum dein Blog so heißt? Sag nicht, der Satz wäre selbsterklärend. ;-)) Ihre Wörter lauten jedenfalls:

Ödipuskomplex
giftgrün
voltigieren.

 

Ich hoffe, ihr habt wieder Spaß, daraus eine Geschichte zu basteln, und fühlt euch im angenehmen Sinne herausgefordert. Wie immer, ihr wisst: Diese 3 Wörter bitte in maximal! 10! Sätzen unterbringen! Auch in dieser Woche stammen die Illustrationen von dem werten Herrn lz., vielen Dank, Ludwig!
Euren Beitrag verlinkt ihr bitte wie gewohnt hierhin und/oder (am besten „und“) postet den Link unten in einen Kommentar (oder gleich die ganze Etüde, wenn ihr keinen Blog habt oder es bei euch nicht passt), damit eure Etüde auch ganz sicher von Myriade und mir und von allen, die es interessiert, gefunden werden kann.

 

2018_25_1_eins lz | 365tageasatzaday

 

 

Der Enkel | abc.etüden

„Pfiffiküsschen, komm her und gib Oma ein Küsschen!“ So entstehen lang anhaltende Abneigungen gegen Wörter – „Pfiffikus“ stand auf seiner Liste konkurrenzlos ganz oben. Zuerst hatte er die Knutschanfälle seiner Oma noch über sich ergehen und sich tätscheln, herzen und küssen lassen, aber später hatte er immer öfter und immer lauter „Bäh!“ geschrien und war weggerannt, sobald sie sich näherte. Dass das seine Oma traurig machte, hatte er wohl bemerkt, auch, dass seine Mutter „Ach, lass ihn, in dem Alter sind sie alle so!“ gesagt hatte, aber er konnte es nun mal einfach nicht aushalten, dieses weiche, weiße Fleisch, diese Umarmung, in der er versank und keine Luft bekam, dieser Geruch nach Waschmittel, Deo und alternder Frau, überdeckt mit Parfum …
Sie hatte tapfer gelächelt und ihm verkündet, dass er ihr Lieblingsenkel sei, was auch immer er anstellen würde. Inzwischen war er selbst nicht mehr jung, aber diese Ansage hatte die Jahre überdauert.
Und nun war sie tot.
Nie wieder würde seine Lieblingsoma auf ihrer bequemen Chaiselongue liegen, noch traumverloren die Augen aufschlagen und dann lächelnd „Na, Pfiffiküsschen, soll ich uns einen schönen Kaffee machen?“ sagen.
Er saß neben ihr am offenen Sarg und verlor sich in Erinnerungen. Etwas berührte seine Hand, dann noch einmal, und als er hinabsah, bemerkte er erst, dass er weinte.

 

2018_24_2_zwei lz | 365tageasatzadayVisuals: ludwigzeidler.de

 

Für die abc.etüden, Woche 24.2018: 3 Worte, maximal 10 Sätze. Die Worte stammen in dieser Woche von Bernd von Red Skies over Paradise und lauten: Pfiffikus, traumverloren, tätscheln.

 

Träume

 

… Und sagen sie das Leben sei ein Traum: das nicht;
nicht Traum allein. Traum ist ein Stück vom Leben.
Ein wirres Stück, in welchem sich Gesicht
und Sein verbeißt und ineinanderflicht
wie goldne Tiere, Königen von Theben
aus ihrem Tod genommen (der zerbricht).

Traum ist Brokat der von dir niederfließt,
Traum ist ein Baum, ein Glanz der geht, ein Laut –;
ein Fühlen das in dir beginnt und schließt
ist Traum; ein Tier das dir ins Auge schaut
ist Traum; ein Engel welcher dich genießt
ist Traum. Traum ist das Wort, das sanften Falles
in dein Gefühl fällt wie ein Blütenblatt
das dir im Haar bleibt: licht, verwirrt und matt –,
hebst du die Hände auf: auch dann kommt Traum,
kommt in sie wie das Fallen eines Balles –;
fast alles träumt –,
                  du aber trägst das alles.

Du trägst das alles. Und wie trägst du’s schön.
So wie mit deinem Haar damit beladen.
Und aus den Tiefen kommt es, von den Höhn
kommt es zu dir und wird von deinen Gnaden…

Da wo du bist hat nichts umsonst geharrt,
um dich die Dinge nehmen nirgend Schaden,
und mir ist so als hätt ich schon gesehn,
daß Tiere sich in deinen Blicken baden
und trinken deine klare Gegenwart.

Nur wer du bist: das weiß ich nicht. Ich weiß
nur deinen Preis zu singen: Sagenkreis
um eine Seele,
                  Garten um ein Haus,
in dessen Fenstern ich den Himmel sah –,

Und wenn es Nacht ist –: was für große Sterne
müssen sich nicht in diesen Fenstern spiegeln …

(Rainer Maria Rilke, … Und sagen sie das Leben sei ein Traum; aus dem Gedichtkreis für Madeleine Broglie, wahrsch. Paris, Juni 1906; aus: Gedichte 1906 bis 1926, Sammlung der verstreuten und nachgelassenen Gedichte aus den mittleren und späteren Jahren, Insel-Verlag 1953, S. 303. Online-Quelle)

 

 

Terzinen III

Wir sind aus solchem Zeug, wie das zu Träumen,
Und Träume schlagen so die Augen auf
Wie kleine Kinder unter Kirschenbäumen,

Aus deren Krone den blaßgoldnen Lauf
Der Vollmond anhebt durch die große Nacht.
… Nicht anders tauchen unsre Träume auf,

Sind da und leben wie ein Kind, das lacht,
Nicht minder groß im Auf- und Niederschweben
Als Vollmond, aus Baumkronen aufgewacht,

Das Innerste ist offen ihrem Weben;
Wie Geisterhände in versperrtem Raum
Sind sie in uns und haben immer Leben.

Und drei sind Eins: ein Mensch, ein Ding, ein Traum.

(Hugo von Hofmannsthal, Terzinen über Vergänglichkeit III, 1895, Quelle)

 

Mond im Baum – 365tageasatzadayQuelle: ichmeinerselbst, ist schon bisschen her

 

Ja, den Rilke kannte ich auch noch nicht, auf den bin ich per Zufall gestoßen … und jetzt freue ich mich, dass ich mein neu erworbenes Gedichtbuch zum Einsatz bringen konnte, denn die späten Gedichte sind online nicht so wirklich verbreitet, daher auch die möglichst genaue Quellenangabe.

Der Hofmannsthal hingegen gehört zu meinen Lieblingsgedichten, und wenn ich schon was zum Thema „Träume“ suche (siehe Etüden für diese Woche), dann springt der mir natürlich sofort in den Kopf.

Kommt gut in die neue Woche!

 

Schreibeinladung für die Textwoche 24.18 | Wortspende von redskiesoverparadise

Diese Woche, liebe Etüdenfans, -schreiber*innen und -leser*innen, sitze ich wieder mal staunend vor den gespendeten Wörtern und frage mich, wie um alles in der Welt ich diese drei Wörter sinnvoll in einer Geschichte unterbringen soll, ohne sie platt aneinanderzureihen, was natürlich ginge – das geht ja meistens irgendwie. Und wie jede Woche bitte ich mein Unterbewusstsein, sich dazu zu äußern, und warte. Ihr werdet das kennen, allerdings habe ich manchmal den Eindruck, es geht bei euch schneller. So nach dem Motto: gelesen – Idee gehabt – geschrieben – fertig. Das geht bei mir NIE so. Fast nie, okay. Momentan schiebe ich alles aufs Wetter. Ein Vorzug des Alter(n)s  ;-)

Die Wortspende dieser Woche, der Textwoche 24.18, kommt von Bernd (redskiesoverparadise.wordpress.com) und seine Wörter lauten:

Pfiffikus (wann habe ich DAS das letzte Mal gehört?)
traumverloren
tätscheln.

 

Wie immer, ihr wisst: Diese 3 Wörter bitte in maximal! 10! Sätzen unterbringen! Auch diese Woche stammen die Illustrationen von dem werten Herrn lz., der offensichtlich an einer Bäckerei vorbeikam und nicht widerstehen konnte, vielen Dank, Ludwig!
Euren Beitrag verlinkt ihr bitte wie gewohnt hierhin und/oder (am besten „und“) postet den Link unten in einen Kommentar (oder gleich die ganze Etüde, wenn ihr keinen Blog habt oder es bei euch nicht passt), damit eure Etüde auch ganz sicher von Bernd und mir und von allen, die es interessiert, gefunden werden kann.

 

2018_24_1_eins lz | 365tageasatzaday

 

2018_24_2_zwei lz | 365tageasatzaday

 

2018_24_3_drei | 365tageasatzaday

 

Die Vorführung | abc.etüden

Nachdem er bemerkte, wie viele Leute zusammenliefen, um ihm zuzusehen, fühlte er sich plötzlich wie der allerletzte Trottel. Ebenso gut hätte er gleich ankündigen können, eine Jungfrau zersägen zu wollen. Einige wenige gab es, die achtungsvoll das aufgebaute Equipment beäugten, um dann nach hinten zu verschwinden – sicherer Abstand zum Geschehen, besserer Blick von der Schräge aus, weil man dort höher stand.

Sollten sie doch, es war ihm egal. Das Einzige, was ihn wirklich brennend interessierte, war, ob SIE gekommen war, wie sie es ihm versprochen hatte, sie, um derentwillen er sich zum Affen machte, sie, um derentwillen er wochenlang immer wieder heimlich geübt hatte. Ja, da stand sie, ganz vorn in der ersten Reihe, strahlte in seine Richtung und warf ihm eine Kusshand zu.

Er startete die Musik, atmete noch einmal tief durch – jetzt bloß nicht zittern –, schritt nach vorn, verbeugte sich würdevoll vor seinem Publikum, und während vom Band der immer lauter werdende Trommelwirbel erklang, ergriff er den Säbel und köpfte die vorbereitete Champagnerflasche mit einem einzigen gekonnten Schlag. Deren Kopf prallte mit großer Wucht ein paar Meter entfernt gegen die Garagenwand; das kümmerte aber keinen, denn alle Augen waren nur auf ihn gerichtet: wie er die herausschießende Fontäne abwartete, dann vollkommen beherrscht eine der bereit stehenden Champagnerschalen füllte, aus der Tasche seiner Weste den Ring herausfischte, ihn hineingleiten ließ und mit ein paar Schritten die Distanz zu IHR überbrückte, bevor er vor ihr auf die Knie fiel, den Kopf senkte und ihr den Champagner wortlos wie einen Pokal entgegenstreckte. Jäh durchzuckte ihn die Frage, wie er jemals wieder aufstehen sollte, denn seine Beine fühlten sich an wie Pudding und sein Herz raste, aber dann hörte er sie aufschluchzen und „Oh Jan – ja, ich will!“ rufen und wusste, alles war gut und würde es immer sein.

 

2018_23_2_zwei lz | 365tageasatzadayVisuals: ludwigzeidler.de

 

Für die abc.etüden, Woche 23.2018: 3 Worte, maximal 10 Sätze. Die Worte stammen in dieser Woche von Gerda Kazakou und lauten: Schräge, brennend, köpfen.

Nein, ich bin weder kitschig noch habe ich eine theatralische Ader, wie kommt ihr denn bloß darauf??? Aber mich hat zugegebenerweise dies hier (Link zu YouTube) inspiriert …  ;-)
Ich wusste, dass ich zu „köpfen“ nichts Tagespolitisches schreiben will, und als ich darüber nachdachte, was ich denn dann köpfen wollen würde, landete ich bei Champagner. Und warum nicht bisschen übertreiben, getreu dem guten alten Motto: Bringe deine Protagonisten in Schwierigkeiten?
Seht mir bitte die Bandwurmsätze nach, ich finde, sie lesen sich nicht zu fürchterlich.

 

Im Affenhaus

Letzte Woche hatten wir in den Etüden den „Affenkasten“. Ich habe, wie viele andere vermutlich auch, zuerst an Zoos gedacht, die ich nicht (mehr) so besonders mag. Und dann hat Natalie aus dem Fundevogelnest ein altes Gedicht dazu nachgereicht, das ich einfach nur großartig finde. Aber lest selbst!

Fundevogelnest

Zur letztwöchigen  Etüdenrunde mit dergls Wortspende, die das Wort Affenkasten enthielt, schrieb  Myriade eine Geschichte über eine malende Orang-Utan-Frau, die in mir viel zum Klingen brachte.

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Regen und Sommer

 

Der Regen schlägt das Haus mit Ruten

Draußen die Regenwolken, die schwimmend großen,
Sind wie die Fische mit grauen Flossen,
Die Wasser aus den Kiemen stoßen.

Der Regen schlägt das Haus mit Ruten,
Laute Wasserfluten schwemmen vom Dach;
Ein früher Abend kommt zu uns ins Gemach.

Wir hören die langen Finger vom Regen,
Die fahrig sich am Fenster bewegen,
Als will der Regen sich zu uns auf die Kissen legen.

(Max Dauthendey, Der Regen schlägt das Haus mit Ruten, aus: Lusamgärtlein, in: Gesammelte Gedichte und kleinere Versdichtungen, Albert Langen, München 1930, S. 255/256)

 

Von den heimlichen Rosen

Oh, wer um alle Rosen wüsste,
die rings in stillen Gärten stehn –
oh, wer um alle wüsste, müsste
wie im Rausch durchs Leben gehn.

Du brichst hinein mit rauhen Sinnen,
als wie ein Wind in einen Wald –
und wie ein Duft wehst du von hinnen,
dir selbst verwandelte Gestalt.

Oh, wer um alle Rosen wüsste,
die rings in stillen Gärten stehn –
oh, wer um alle wüsste, müsste
wie im Rausch durchs Leben gehn.

(Christian Morgenstern, Von den heimlichen Rosen, aus: Ein Sommer. Verse. S. Fischer, Berlin, 1900, Online-Quelle)

 

Einsamkeit

Die Einsamkeit ist wie ein Regen.
Sie steigt vom Meer den Abenden entgegen;
von Ebenen, die fern sind und entlegen
geht sie zum Himmel der sie immer hat.
Und erst vom Himmel fällt sie auf die Stadt.

Regnet hernieder in den Zwitterstunden
wenn sich nach Morgen wenden alle Gassen
und wenn die Leiber welche nichts gefunden
enttäuscht und traurig von einander lassen;
und wenn die Menschen die einander hassen,
in einem Bett zusammen schlafen müssen:

dann geht die Einsamkeit mit den Flüssen …

(Rainer Maria Rilke, Einsamkeit, aus: Das Buch der Bilder, 1. Buch Teil 2, S. 47, 1906, Online-Quelle)

 

Wann immer ich dieses Gedicht lese, habe ich die Stimme von Katharina Franck im Ohr. Da sich das zu einem Dauerzustand auswächst (interessant!), möchte ich euch das dazugehörige Video ans Herz legen: Klickt bitte hier für den Link zu YouTube.

Draußen ist in den letzten beiden Tagen doch erfreulicherweise recht viel Regen gefallen, zum Glück ohne größere Flurschäden anzurichten. Daher habe ich die Abkühlung genossen und gern unter dem rauschenden Regen geschlafen … bis ein gewisser Herr Fellträger verkündete, ER sei jetzt nass und hungrig, ob ich wirklich gewillt sei, damit zu leben, dass er unglücklich sei … undsoweiter :-)

Kommt gut in die neue Woche!

 

Quelle: ichmeinerselbst; Klick macht groß!