Regen und Sommer

 

Der Regen schlägt das Haus mit Ruten

Draußen die Regenwolken, die schwimmend großen,
Sind wie die Fische mit grauen Flossen,
Die Wasser aus den Kiemen stoßen.

Der Regen schlägt das Haus mit Ruten,
Laute Wasserfluten schwemmen vom Dach;
Ein früher Abend kommt zu uns ins Gemach.

Wir hören die langen Finger vom Regen,
Die fahrig sich am Fenster bewegen,
Als will der Regen sich zu uns auf die Kissen legen.

(Max Dauthendey, Der Regen schlägt das Haus mit Ruten, aus: Lusamgärtlein, in: Gesammelte Gedichte und kleinere Versdichtungen, Albert Langen, München 1930, S. 255/256)

 

Von den heimlichen Rosen

Oh, wer um alle Rosen wüsste,
die rings in stillen Gärten stehn –
oh, wer um alle wüsste, müsste
wie im Rausch durchs Leben gehn.

Du brichst hinein mit rauhen Sinnen,
als wie ein Wind in einen Wald –
und wie ein Duft wehst du von hinnen,
dir selbst verwandelte Gestalt.

Oh, wer um alle Rosen wüsste,
die rings in stillen Gärten stehn –
oh, wer um alle wüsste, müsste
wie im Rausch durchs Leben gehn.

(Christian Morgenstern, Von den heimlichen Rosen, aus: Ein Sommer. Verse. S. Fischer, Berlin, 1900, Online-Quelle)

 

Einsamkeit

Die Einsamkeit ist wie ein Regen.
Sie steigt vom Meer den Abenden entgegen;
von Ebenen, die fern sind und entlegen
geht sie zum Himmel der sie immer hat.
Und erst vom Himmel fällt sie auf die Stadt.

Regnet hernieder in den Zwitterstunden
wenn sich nach Morgen wenden alle Gassen
und wenn die Leiber welche nichts gefunden
enttäuscht und traurig von einander lassen;
und wenn die Menschen die einander hassen,
in einem Bett zusammen schlafen müssen:

dann geht die Einsamkeit mit den Flüssen …

(Rainer Maria Rilke, Einsamkeit, aus: Das Buch der Bilder, 1. Buch Teil 2, S. 47, 1906, Online-Quelle)

 

Wann immer ich dieses Gedicht lese, habe ich die Stimme von Katharina Franck im Ohr. Da sich das zu einem Dauerzustand auswächst (interessant!), möchte ich euch das dazugehörige Video ans Herz legen: Klickt bitte hier für den Link zu YouTube.

Draußen ist in den letzten beiden Tagen doch erfreulicherweise recht viel Regen gefallen, zum Glück ohne größere Flurschäden anzurichten. Daher habe ich die Abkühlung genossen und gern unter dem rauschenden Regen geschlafen … bis ein gewisser Herr Fellträger verkündete, ER sei jetzt nass und hungrig, ob ich wirklich gewillt sei, damit zu leben, dass er unglücklich sei … undsoweiter :-)

Kommt gut in die neue Woche!

 

Quelle: ichmeinerselbst; Klick macht groß!

 

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44 Kommentare zu “Regen und Sommer

  1. Danke für die immer höchst willkommene lyrische Erquickung zum Wochenbeginn. Darf man eigentlich Gedichte kritisieren? Ich tue es mal. Rilkes Bild vom Regen, der am Abend vom Meer aufsteigt und in den morgendlichen Zwitterstunden auf die Stadt herniederrieselt, schließlich im Bett der Flüsse landet, ist stimmig und wunderbar, aber für mich fügt es sich nicht zum Gefühl der Einsamkeit. Regen hat für mich im Gegenteil etwas Bergendes und Verbindendes. Und auch das Lied wirkt lebendig und durchaus nicht trostlos und einsam, wie die Menschenpaare, die feindlich im gleichen Bett liegen müssen.
    Komm gut in die Woche, liebe Christiane! Gerda

    Gefällt 3 Personen

    • Ich kenne beide Gefühle bei Regen, liebe Gerda, sowohl das Gefühl des Vereinzelt-Werdens wie auch das Gefühl des Mitströmens und Ruhens. Von daher kann ich Herrn Rilke da gelegentlich durchaus mittragen.
      Aber: Finde mal positive, begeisternde Regengedichte, die nicht irgendeinem Copyright unterliegen oder Kinderlieder sind! Früher scheint Regen klassischerweise ein Synonym für Melancholie gewesen zu sein. Wenn du anderes weißt, gern her damit, auch meine „Regensucherin“ würde sich freuen, das sollte nämlich kein Depressiv-Blog werden ;-)
      Ja, das Lied ist zauberhaft, das finde ich auch.
      Auch dir einen leichten Wochenbeginn!
      Liebe Grüße
      Christiane

      Gefällt 3 Personen

      • Kein Gedicht, aber die meisterliche Interpretation von Chopins „Regentropfen“ durch Siatislav Richter (Link zu YouTube).

        Und sonst? Vielleicht

        Hugo von Hofmannsthal

        Regen in der Dämmerung (1892)

        Der wandernde Wind auf den Wegen

        War angefüllt mit süßem Laut,

        Der dämmernde rieselnde Regen

        War mit Verlangen feucht betaut.

        Das rinnende rauschende Wasser

        Berauschte verwirrend die Stimmen

        Der Träume, die blasser und blasser

        Im schwebenden Nebel verschwimmen.

        Der Wind in den wehenden Weiden,

        Am Wasser der wandernde Wind

        Berauschte die sehnenden Leiden,

        Die in der Dämmerung sind.

        Der Weg im dämmernden Wehen,

        Er führte zu keinem Ziel,

        Doch war er gut zu gehen

        Im Regen, der rieselnd fiel.

        Gefällt 3 Personen

        • Stimmt, Hofmannsthal ist fein! Das kannte ich überhaupt, hab ich beim Lesen bemerkt. :-)
          Doppelt Dank, auch für den Link zu YT, den ich übrigens optisch bisschen aufgeräumt habe, sieh es mir bitte nach.
          Liebe Grüße
          Christiane

          Gefällt 2 Personen

    • wenn Du die Version aus dem Rilke-Projekt hörst, die Uda Lindenberg spricht, dann weißt Du, diese beiden in einem Bett, die lieben sich nicht. Er bringt es so rüber, daß Du die Gleichgültigkeit mithörst, liebe Gerda

      Gefällt 1 Person

  2. Eine schöne Auswahl, liebe Christiane.

    Auch hier ist mittlerweile Regen gefallen (hätte durchaus mehr sein können, aber wir sind ja bescheiden geworden), die Luft ist wieder sauber und alles, was grünt und blüht, atmet hörbar auf.

    Hab eine gute Woche und sei gegrüßt,
    Anna-Lena

    Gefällt 1 Person

    • Ja, dito, hätte hier auch gern mehr sein dürfen. Momentan ist es hier noch kühl und wir haben eine relativ hohe Luftfeuchtigkeit … der Fellträger macht es sich drin bequem und streitet sich mit mir um den Bürostuhl … aber ja, es wächst wie doof, zum Glück!
      Komm auch du gut in die Woche!
      Liebe Grüße
      Christiane

      Gefällt 1 Person

  3. Was ist bitteschön REGEN ????? Da muss ich schon zur Regensucherin gehen, um welchen zu finden.Wir haben seit Tagen zwar zwischendurch die schönsten Wattewolken über Hanau, aber ihre Fracht schütten sie woanders aus. Die Hitze ist nur erträglich, weil eine kräftige Brise weht und es nachts schön abkühlt.Und mein Patient hat zum warmen Fell auch noch eine Zwangsjacke an.
    Auch ich mag Gedichte immer wieder lesen und freue mich im Vorhinein schon auf Deine Auswahl. In welcher Stimmung ich ein Gedicht lese, ist situationsabhängig und was ich gerade brauche. Ich zerpflücke nicht gern , das war früher der Schule vorbehalten und überlasse mich den Wortschauern⛆ sehr sonniger Gruss vom Dach, Karin

    Gefällt 3 Personen

    • Hier ist es (noch?) trüb und kühl, liebe Karin, mein Fellträger ist drin und begrüßt sein warmes Fell. Für die nächsten Tage sind wieder steigende Temperaturen angesagt, was ich momentan begrüße, wir waren heute nicht über 20 °C.
      Ich zerpflücke auch nicht gern Gedichte. Immerhin hat mein miserabler Deutschunterricht es nicht geschafft, mir das kaputtzumachen.
      Wortschauer, schöner Gedanke …
      Liebe Grüße
      Christiane

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  4. Heute mag ich die Einsamkeit von Rilke, aber vermutlich, weil ich Udos Stimme damit im Ohr habe :-) Hier ist er richtig gut

    Herzlichst, Bruni am Abend, und Regen, den hatten wir hier auch nicht, den habt Ihr uns alle geklaut *lach*

    Gefällt 2 Personen

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