Träume

 

… Und sagen sie das Leben sei ein Traum: das nicht;
nicht Traum allein. Traum ist ein Stück vom Leben.
Ein wirres Stück, in welchem sich Gesicht
und Sein verbeißt und ineinanderflicht
wie goldne Tiere, Königen von Theben
aus ihrem Tod genommen (der zerbricht).

Traum ist Brokat der von dir niederfließt,
Traum ist ein Baum, ein Glanz der geht, ein Laut –;
ein Fühlen das in dir beginnt und schließt
ist Traum; ein Tier das dir ins Auge schaut
ist Traum; ein Engel welcher dich genießt
ist Traum. Traum ist das Wort, das sanften Falles
in dein Gefühl fällt wie ein Blütenblatt
das dir im Haar bleibt: licht, verwirrt und matt –,
hebst du die Hände auf: auch dann kommt Traum,
kommt in sie wie das Fallen eines Balles –;
fast alles träumt –,
                  du aber trägst das alles.

Du trägst das alles. Und wie trägst du’s schön.
So wie mit deinem Haar damit beladen.
Und aus den Tiefen kommt es, von den Höhn
kommt es zu dir und wird von deinen Gnaden…

Da wo du bist hat nichts umsonst geharrt,
um dich die Dinge nehmen nirgend Schaden,
und mir ist so als hätt ich schon gesehn,
daß Tiere sich in deinen Blicken baden
und trinken deine klare Gegenwart.

Nur wer du bist: das weiß ich nicht. Ich weiß
nur deinen Preis zu singen: Sagenkreis
um eine Seele,
                  Garten um ein Haus,
in dessen Fenstern ich den Himmel sah –,

Und wenn es Nacht ist –: was für große Sterne
müssen sich nicht in diesen Fenstern spiegeln …

(Rainer Maria Rilke, … Und sagen sie das Leben sei ein Traum; aus dem Gedichtkreis für Madeleine Broglie, wahrsch. Paris, Juni 1906; aus: Gedichte 1906 bis 1926, Sammlung der verstreuten und nachgelassenen Gedichte aus den mittleren und späteren Jahren, Insel-Verlag 1953, S. 303. Online-Quelle)

 

 

Terzinen III

Wir sind aus solchem Zeug, wie das zu Träumen,
Und Träume schlagen so die Augen auf
Wie kleine Kinder unter Kirschenbäumen,

Aus deren Krone den blaßgoldnen Lauf
Der Vollmond anhebt durch die große Nacht.
… Nicht anders tauchen unsre Träume auf,

Sind da und leben wie ein Kind, das lacht,
Nicht minder groß im Auf- und Niederschweben
Als Vollmond, aus Baumkronen aufgewacht,

Das Innerste ist offen ihrem Weben;
Wie Geisterhände in versperrtem Raum
Sind sie in uns und haben immer Leben.

Und drei sind Eins: ein Mensch, ein Ding, ein Traum.

(Hugo von Hofmannsthal, Terzinen über Vergänglichkeit III, 1895, Quelle)

 

Mond im Baum – 365tageasatzadayQuelle: ichmeinerselbst, ist schon bisschen her

 

Ja, den Rilke kannte ich auch noch nicht, auf den bin ich per Zufall gestoßen … und jetzt freue ich mich, dass ich mein neu erworbenes Gedichtbuch zum Einsatz bringen konnte, denn die späten Gedichte sind online nicht so wirklich verbreitet, daher auch die möglichst genaue Quellenangabe.

Der Hofmannsthal hingegen gehört zu meinen Lieblingsgedichten, und wenn ich schon was zum Thema „Träume“ suche (siehe Etüden für diese Woche), dann springt der mir natürlich sofort in den Kopf.

Kommt gut in die neue Woche!

 

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11 Kommentare zu “Träume

  1. Traumhaft…….. Könnten heutige Lyriker noch so schreiben, würden sie damit verlegt? Diese Sprachmelodien, diese Bilder sind so verzaubernd und rühren etwas an, dem man sich kaum entziehen kann.
    In meiner Rilke Sammlung u. a. drei Bände aus dem Schweizer Buch Club Ex Libris als Lizenzausgabe vom Insel Verlag, ist dieses Gedicht auch zu finden. Von ca. 1961-1980 war ich Mitglied dort und habe wunderschöne Ausgaben von Dürrenmatt,Frisch usw.; er war in etwa mit der Büchergilde zu vergleichen, ich weiß gar nicht, ob er heute noch existiert.
    Danke für diese Montagmorgenträumerei und einen lieben Gruss, Karin

    Gefällt 4 Personen

    • Ich glaube, liebe Karin, wer seinen Rilke komplett hat, hat auch dieses Gedicht. Nur, wie ich feststellte, online ist es kaum zu finden, und schon gar nicht mit validen biographischen oder sonstwie Angaben, was ich immer bedaure.
      (Und ja, bezaubernd, ja …)
      Liebe Grüße
      Christiane

      Gefällt 3 Personen

  2. Bei mir ist es heute Rilke, den ich lieber mag, aber auch Hofmannsthal ist ein wahrer Schatz.
    Es sind viele nicht online zu finden, liebe Christiane, und das ist auch gut so. Wo blieben sonst die Lyrikbände in den Buchhandlungen? Die brauchte dann keiner mehr. Schon jetzt nimmt die Lyrik da einen sehr geringen Raum ein.
    Wenn ich diese beiden Größen lese, dann möchte ich immer aufhören, denn schöner gehts ja nimmer, aber dann schreibe ich doch weiter und weiter. Weiß der Teufel warum *g*

    Herzlichew Grüße von Bruni

    Gefällt 1 Person

    • Okay, das mag für Rilke Superstar zutreffen, liebe Bruni, aber ich zum Beispiel kennen von den „modernen“ (also allen, die dem Urheberrecht unterliegen) Dichtern sehr wenige, weil ich eben sehr viel über das Internet lese. Gerade die, die keine Superstars sind, profitieren dadurch, dass Blogs etc. sie online aufgreifen und bekannter machen. Und dann gehe ich auch gern in eine Buchhandlung und frage nach ihnen …
      Ich bin ein Schisser, was das Urheberrecht angeht, aber ich bewundere von Herzen alle Blogs, deren Betreiber ihre Begeisterung höher ansiedeln als das Recht.
      (Wer schreiben muss, muss schreiben. Punkt.)
      Liebe Grüße zum Morgen
      Christiane

      Gefällt 1 Person

  3. ich mag Deinen Punkt :-)
    Drucken kostet einen unbekannten Schreiber und viele lassen es deshalb und deshalb gab es bei mir auch kein neues Büchlein, bis auf eine einzige spätere Antologie, die vergriffen ist
    Liebe Morgengrüße von Bruni

    Gefällt 1 Person

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