Von der Nacht und dem Vergehen

 

Bitte

Weil auf mir, du dunkles Auge,
Übe deine ganze Macht,
Ernste, milde, träumerische,
Unergründlich süße Nacht!

Nimm mit deinem Zauberdunkel
Diese Welt von hinnen mir,
Daß du über meinem Leben
Einsam schwebest für und für.

(Nikolaus Lenau, Bitte, Quelle)

 

Ich lösch das Licht

Ich lösch das Licht
Mit purpurner Hand,
Streif ab die Welt
Wie ein buntes Gewand

Und tauch ins Dunkel
Nackt und allein:
Das tiefe Reich
Wird mein, ich sein.

Groß’ Wunder huschen
Durch Dickicht hin,
Quelladern springen
Im tiefsten Sinn,

O spräng noch manche,
Ich käm in’ Kern,
Ins Herz der Welt
Allem nah, allem fern.

(Hugo von Hofmannsthal, Ich lösch das Licht, Quelle)

 

Lösch mir die Augen aus

Lösch mir die Augen aus: ich kann dich sehn,
wirf mir die Ohren zu: ich kann dich hören,
und ohne Füße kann ich zu dir gehn,
und ohne Mund noch kann ich dich beschwören.
Brich mir die Arme ab, ich fasse dich
mit meinem Herzen wie mit einer Hand,
halt mir das Herz zu, und mein Hirn wird schlagen,
und wirfst du in mein Hirn den Brand,
so werd ich dich auf meinem Blute tragen.

(Rainer Maria Rilke, Lösch mir die Augen aus, aus: Das Stunden-Buch, Zweites Buch: Das Buch von der Pilgerschaft (1901), Quelle; zur Interpretation im Rilke-Forum)

 

Mondsichel | 365tageasatzadayQuelle: Pixabay

 

Mit Dank an Karin (der Blog auf privat steht, daher kein Link) für den Hofmannsthal.

Kommt gut in die neue Woche!

 

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16 Kommentare zu “Von der Nacht und dem Vergehen

  1. Liebe Christiane, Du hast soviel mehr Follower als ich und Deine Zusammenstellungen unter einem bestimmten Motto begeistern mich immer wieder, dass Du jederzeit auch bei mir stöbern kannst , so wie ich ja auch auf die Suche gehe in Büchern, dem Netz, anderen Blogs…wir können gar nicht genug Lyrik unter die Leser bringen -:)))
    Dir einen guten Start in die neue Woche mit vielen lyrischen Momenten wünscht Karin

    Gefällt 7 Personen

    • Das mache ich gerne, liebe Karin, bei dir versammelst du so viel Schönes … und du hast recht, ich finde das auch, dass die Welt mehr lyrische Momente braucht, mehr Innehalten, mehr Lächeln … das kann es nicht genug geben.
      Auch dir alles Liebe
      Christiane

      Gefällt 4 Personen

    • Auch ich möchte mich für das Gedicht von Hofmannsthal herzlich bedanken. Es tönt nun in mir fort.
      „Groß’ Wunder huschen
      Durch Dickicht hin,
      Quelladern springen
      Im tiefsten Sinn,

      O spräng noch manche,
      Ich käm in’ Kern,
      Ins Herz der Welt
      Allem nah, allem fern.

      Gefällt 3 Personen

  2. Wie wunderschön zu lesen, liebe Christiane.
    Leider zwang mich ein Virus einige Tage zum Ausklinken und nun lese ich nach und nach nach *g*

    Ich versuche mir ja immer einen momentanen Favoriten auszudeuten und nach vielem Hin und Her und Vor und Zurück habe ich mich heute für den feinen bescheidenen Nikolaus Lenau entschieden *lächel*
    Er hat es verdient, daß nicht alles Lob nur die Großen einheimsen. Er war zu seiner Zeit aber auch sehr bekannt, doch heute liest man ihn kaum noch. Wie schön, daß Du an ihn gedacht hast.
    Liebe Christiane, ich habe eine große Bitte an Dich.
    Lies doch mal hier, es ist etwas, was mich tief berührt und sehr aufgewühlt hat
    http://wortbehagen.de/index.php/gedichte/2018/juni/menschenverachtend

    Liebe Grüße von Bruni an Dich

    Gefällt 1 Person

    • Zufall, liebe Bruni, ich suche mir was zusammen, was passt, und da habe ich über die Jahre auch einen gewissen Fundus, der leider oft beschränkt ist …
      (Ich komme gerade von dir.)
      Liebe Grüße, schön, dass du die Gedichte magst und weiterhin gute Besserung, hab dich schon vermisst
      Christiane

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