Chill mal, Mama | abc.etüde

Ich habe zu Hause ein blaues Klavier, und kenne doch keine Note.

Kaum auszudenken, die Reaktion, wenn sie den frischgebackenen Pubertieren so etwas wie KLAVIERUNTERRICHT auch nur antragen würde.

Es steht im Dunkel der Kellertür, seitdem die Welt verrohte.

Seit sie täglich mitanhören durfte, mit welchen Bezeichnungen ihre Töchter einander anschrien – Wörter, für die ihre Großmutter ihr den Mund mit Kernseife ausgewaschen hätte, wenn sie sie überhaupt verstanden hätte –, begriff sie, warum so viele Philosophen mit jeder neuen Generation den Untergang des Abendlandes heraufbeschworen. Dass sie ziemlich oldschool war, okay, geschenkt, Mütter durften das sein, ihre war es auch gewesen. Wie man aber heutzutage scheinbar miteinander sprach, und das dann auch noch als „JugendKULTUR“ bezeichnete, das würde sie nie akzeptieren, da mochte noch so viel Zeit vergehen.

Zerbrochen ist die Klaviatür … ich beweine die blaue Tote.

Woher sollten ihre Kinder die feinen Abstufungen lernen, wie die Kommunikation mit Nicht-Gleichaltrigen, wenn es offensichtlich ihr einziges Bestreben zu sein schien, einander immer abstruser zu beleidigen? Sie fand sich in der Rolle der Sprachpolizei und hasste es aus vollem Herzen, aber sie verzweifelte schier daran, ihnen zu vermitteln, dass der von ihnen ständig und laut eingeforderte RESPEKT sich auch und zuallererst in der Wahl der Ausdrucksweise manifestierte. Und wenn man ihr noch ein einziges Mal abschätzig dieses „Ey, chill mal, Mama“, entgegenschleuderte, dann … ja, dann würde sie sich vielleicht auch mal in der Sprachebene vergreifen, und sie freute sich wirklich nicht darauf.

 

2018_27_2_zwei lz | 365tageasatzadayVisuals: ludwigzeidler.de

 

Für die abc.etüden, Woche 27.2018: 3 Worte, maximal 10 Sätze. Die Worte stammen in dieser Woche von Werner Kastens und lauten: Sprachpolizei, verroht, vergehen.

Sollte sich jemand fragen, was ich da zitiere (kursiv): Else Lasker-Schüler, Mein blaues Klavier, aus dem gleichnamigen Gedichtband (Quelle).

Ich las neulich, dass es ein Buch mit folgendem Titel geben solle: „Am Ende der Geduld ist noch jede Menge Pubertät übrig“ – oder so. Das kommt mir ziemlich wahrscheinlich vor …  ;-) Ihr, die ihr an vorderster Front seid, ist es bei euch auch/wirklich so schlimm?

 

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