Dylan und Lilo. (Fast) Ein Wassermärchen. | Etüdensommerpausenintermezzo I-18

 

Sie sagen, unsereins hätte keine Seele, aber ach, was wissen sie schon von der Liebe …

Lilo. Ich kenne sie, seit sie ein Kind war und mit ihren Freundinnen zum Schwimmen an den See kam. Sie durften so weit von zu Hause weg, wie sie die Kirchturmspitze noch sehen konnten, und wenn es abends läutete, mussten sie heim zum Abendessen. Damals war sie ein unbeschwertes Mädchen, das sich gern vor Lachen ausschüttete und dabei ihre weißblonden Haare fliegen ließ. Eine Haarfarbe, die unserer so sehr gleicht, wenn wir an Land gehen, dass ich schon zu jener Zeit dachte, dass sie eine von uns sein müsse. Oder ihre Eltern. Oder einer ihrer Vorfahren. Ein Zeichen. Aber bei uns war sie unbekannt, und wir haben ein gutes Gedächtnis, was die Unseren betrifft.

Sie wuchs heran. Und fast immer, wenn sie allein an den See kam, tauchte ich dort ebenfalls auf: Ein gut aussehender Kerl mit blonden Locken und einer roten Mütze, der im und auf dem Wasser zu Hause zu sein schien oder auf den See hinausstarrte, scheinbar nur wenige Jahre älter als sie. Natürlich sprachen wir bald miteinander, gingen schwimmen, tauchen, bootfahren. Oft sogar. Lilos Vater gehört die Fischkonservenfabrik am Rande der Kleinstadt, sie wuchs mit dem ganzen Firlefanz auf, den reiche Mädchen heutzutage haben, ausgedehnte Urlaube an exotischen Orten, neueste Technik, exklusive Klamotten – all das. Goldener Käfig. Viel Materie, wenig Gefühl. Sie lege keinen Wert darauf, sagte sie, und dass sie ein derartiges Leben überhaupt nicht authentisch fände. Sie liebte die Stille des Sees. Manchmal schwiegen wir den ganzen Abend.
Mir kam das zugute, ich gab das Kontrastprogramm, was sonst hätte ich tun können? Ich machte auf geheimnisvoll und am Geld uninteressiert. Zumindest Letzteres traf zu, ich habe genug. Wirklich. Frauen mögen das Gefühl, dass sie auserwählt sind, und ja, das war sie, jedenfalls, was mich anging. Klar flirtete ich mit ihr, heftig sogar, aber wir küssten uns nicht mal richtig, wir brauchten das nicht. Unser Platz wurde das See-Restaurant. Und solange wir in der Nähe des Wassers blieben, fiel ihr auch nicht auf, dass meine Hose immer ein wenig tropft.

***

Eines Abends setzt sie sich auf der Terrasse zu mir, als die Schlagerkapelle sich durch einen Oldie kämpft: „Deine Heimat ist das Meer, deine Freunde sind die Sterne.“ Ich erschrecke, denn sie ist völlig aufgelöst.

„Ich muss dir was erzählen.“
„Was ist passiert?“
„Mein Vater will mich verheiraten. Ernsthaft.“

Wie bitte? In welchem Jahrhundert leben wir? Es ist mehr als eine fixe Idee ihres alten Herrn, wie ich dann erfahre. Er hatte sie vor einigen Jahren bei einem Deal mit einem Geschäftspartner eingesetzt: Gibst du mir finanzielle Sicherheit, bekommt dein Sohn meine Tochter zur Frau. Was für ein zukunftsweisender Plan, später legt die zweite Generation das Erbe der Väter zusammen und so weiter … genau, diese Nummer. Kein Gedanke daran, dass Lilo studieren wollen und eigene Vorstellungen für die Zukunft entwickeln könnte. Sie hatte doch alles, das würde sich nicht ändern, und wenn sie erst verheiratet war und Kinder da waren, dann wäre Zeit, weiterzusehen. Eigenes Leben, eigene Entscheidung? Fehlanzeige.

Jetzt fordert der besagte Sohn die versprochene Frau, die das heiratsfähige Alter erreicht und ihr Abi in der Tasche hat. Reif für den nächsten Schritt. Oh, man kennt sich, wie Lilo berichtet, er sei nun auch kein Ekel oder so, aber der Funken, der Funken der Leidenschaft, der sei bei ihnen echt nicht in Sicht. Und überhaupt. Sie ist empört.

„Mein eigener Vater VERKAUFT mich!“

Früher war es Sitte, zu anderen Zeiten hätte es ihr zur Ehre gereicht. Es zählte nur, dass man einen Mann bekam, der fähig war, einen zu ernähren. Und die Kinder. Gefühle wurden da nicht so hoch gehängt. Aber das sage ich ihr nicht.
Stattdessen werfe ich Herz in die Waagschale und wage den Schritt, dessen Folgen mein Leben bis heute erschüttern. Ich schlage ihr die einzig vorstellbare Alternative vor. Mich.

„Dann komm mit mir. Heirate mich. Lass alles hinter dir und hau mit mir ab. Die finden uns nie.“
„Ja, aber, Dylan …“

Dylan bin übrigens ich. Jeder Name, der etwas wie „Sohn des Meeres“ bedeutet, ist meiner, da bin ich großzügig.

Lilo ist achtzehn, romantisch, idealistisch und blauäugig. Ich weniger. Wenn der Heiratsdeal platzt, weil sie mit mir geht, was geschieht dann mit der Fabrik, wenn der Geschäftspartner ihres Vaters sein Geld zurückfordert? Wird Lilo mit der Schuld leben können, ihre Eltern in den Ruin gestürzt zu haben, wenn es hart auf hart kommt? Würde ich imstande sein, sie freizukaufen – oder es wollen? Das sind Fragen, die die Luxusprobleme, die sie bisher hatte, weit übersteigen. Ich weiß, dass sie kommen werden, und nicht nur die, aber ich behalte sie für mich. Nicht fair? Nicht fair. Ich lebe schon ein paar Jahrzehnte länger und bin nach ihren Maßstäben vermutlich gerade dabei, ihr Leben zu ruinieren.

„Wo lebst du, Dylan? Und wovon?“

Ich wedele mit der Hand durch die Luft, eine Geste, die den See, der groß ist und durchaus kein popeliger Baggersee, und seine gesamten Zu- und Abflüsse einschließt. Bis zum Meer, das nicht weit weg ist.

„In einem Schloss unter dem Meer.“

Es stimmt. Ich war nie ehrlicher. Sie starrt mich an, als ob sie mich zum ersten Mal sehen würde.

„Aber dann ertrinke ich!“
„Nein. Du atmest normal weiter. Du brauchst nicht mal deine Gestalt zu ändern, wenn du das nicht willst. Dafür sorge ich. Du bist nicht die Erste, die vom Land zu uns kommt, weißt du?“

Sie denkt nach. Schluckt. Hat offensichtlich nicht kapiert, dass die Erscheinungsform, die sie von mir kennt, demnach nicht meine tatsächliche ist. Wahrscheinlich käme sie eh nur auf Fischschwanz. Arielle (der Meerjungfrau) sei Dank, sie haut nicht sofort ab, sondern riskiert eine weitere Frage.

„Wer bist du?“
„Liebste“, sage ich, „ich bin der verdammte Unterwasserkönig. Und du, Lilofee, bist meine Braut – wenn du willst. Entschuldige, dass ich nicht vor dir auf die Knie falle, es kommt auch für mich ein bisschen überraschend.“

Okay, okay. Ich bin EIN Unterwasserkönig. Kein ganz kleiner. Aber das würde jetzt zu weit führen.
Lilo schweigt. Den Schock muss sie erst mal verdauen. Als Ablenkungsmanöver mache ich verstohlen zwei, drei unauffällige Handbewegungen und puste mit gespitzten Lippen. Zum Glück weht bereits eine kleine Brise. So erscheint es fast natürlich, dass plötzlich eine von vier Pferden gezogene Kutsche, geformt aus grünblauem Wasser, Wind und weißem Schaum, quer über den See ihre Bahn zieht und genauso abrupt wieder verschwindet, wie sie aufgetaucht ist.

„Schau, für dich!“, zeige ich auf das Spektakel. Von den Nebentischen hören wir erstaunte Ausrufe. Sie lacht auf und freut sich, aus ihrer Grübelei herausgerissen zu werden.
„Lass mich darüber nachdenken.“

Ich nicke. So einige Gebote bin ich bereit zu verletzen, aber nicht das der Freiwilligkeit. Sie muss unsere Verbindung wollen, sie gibt ja ihr ganzes Leben auf. Sonst bin ich nicht besser als ihr Vater, nur der Käfig ist faszinierender. Und ja, ich liebe sie schon viele Jahre; sie wird mich vielleicht lieben lernen, ich gebe mich da keinen Illusionen hin. Liebe ist die stärkste Fußfessel in dem Spiel. Liebe – und die Kinder, auf die ich setze. Denn Lilo kann als Menschgeborene jederzeit das Wasser verlassen, ich werde sie nicht hindern. Unsere Kinder jedoch nicht, nicht so einfach, die würden sterben. Wie ich, wenn unsereins zu lange vom Wasser getrennt ist. So läuft es nun mal.

Also warte ich. Warte und hoffe, dass sie am nächsten Abend wiederkommt. Oder am übernächsten. Oder nächste Woche. Dass sie zustimmt, dass ich ihr den Perlenring anstecke und die Ohrringe und die Kette aus schimmerndem Perlmutt anlege, mit denen sie unter Wasser atmen kann. Dass ich sie küsse und wir Hand in Hand hinabsteigen in mein Reich, um glücklich zu sein. Lilo. Ich werde hier sein.

 

Sommeretüdenintermezzo 3 | 365tageasatzadayVisuals: Ludwig Zeidler

 

Ich habe mich entschieden, bei diesem Etüdensommerpausenintermezzo folgende 10 Wörter in einem Text beliebiger Länge, in dem zusätzlich eine Gedicht- oder Liedzeile vorkommen muss, einzubauen: Ablenkungsmanöver, Baggersee, Firlefanz, Fischkonservenfabrik, Fußfessel, Kirchturmspitze, Liebe, Luxusproblem, Ohrring, Unterwasserkönig.

 

Erklärungen:
Hier ist der Wikipedia-Artikel zum Thema Wassermann/Nöck, aus dem ich Motive verwendet habe.

Dylan als Name: Wikipedia (dt.), Wikipedia (engl.)

Lilofee: Die Ballade von der schönen Lilofee kenne ich als Gedicht bzw. Volkslied (Projekt Gutenberg) in verschiedenen Variationen, vertont heißt sie oft „Der wilde Wassermann“, hier empfehle ich die Versionen von Faun (YouTube) und Achim Reichel (YouTube).

 

Ja, ist ein bisschen länger … Aber nicht so lang wie letztes Jahr, und hey, es sind NICHT die Etüden, es ist das Etüdensommerpausenintermezzo. Ihr wollt auch? Dann nichts wie ran, noch ist Zeit. Hier ist der Startschuss.

 

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42 Kommentare zu “Dylan und Lilo. (Fast) Ein Wassermärchen. | Etüdensommerpausenintermezzo I-18

    • Ich mag bei Fantasy-Geschichten sehr oft die, die an der Grenze spielen, wo sich die Welten vermischen, wo das Mysteriöse sich gerade nur einen Spalt öffnet … und lockt. Lese ich deinen Kommentar, ist mir das gelungen, vielen Dank dafür! 😀
      Liebe Grüße
      Christiane

      Gefällt 3 Personen

  1. Ganz zauberhaft. Spannend, aber trotzdem leise, wie ich finde.
    Mitten in der Geschichte dachte ich schon, dass jetzt gleich die Räumungsklage auftaucht, aber nein, sie sie tat es nicht. :D
    Ich finde, deine zehn erwählten Wörter sind genau richtig. :-)
    Liebe Sonntagsgrüße, Berta

    Gefällt 4 Personen

    • „Eine leise Geschichte“ ist ein Kompliment, das ich mir furchtbar gern an meinen imaginären Hut stecke, liebe Berta! 😉
      Ich hätte noch mehr Begriffe unterbringen können, das ist wahr, in dem See-Restaurant hätte sonntags Tanztee sein können, die Räumungsklage hätte im Raum stehen können etc. Aber ich wollte mich auf nur eine Geschichte konzentrieren. Vielleicht schreibe ich noch eine zweite, damit alle Wörter einmal mitgemacht haben. 😀
      Vielen Dank für dein Kompliment!
      Liebe Grüße
      Christiane

      Gefällt 4 Personen

  2. Jetzt bleibt ihr nur noch übrig, ins kalte Wasser zu springen.-:)))
    Liebe erfordert oft Unmögliches und das hast Du märchenhaft verwoben.
    Die Reicheltfassung haben wir in der Schule oft gesungen, alles Lieder, die heute nicht mehr vermittelt werden, eigentlich schade.
    Wildgänse rauschten heute in der Morgendämmerung mit schrillen Rufen über das Dach, sie haben erfrischenden Ostwind mitgebracht, der die Schwüle etwas vertrieben hat.
    Lieber Sonntagsgruß an Dich und den Fellträger, Karin

    Gefällt 3 Personen

    • Liebe Karin, er wird ganz sicher eine Treppe für sie organisieren, falls das mit dem Springen ein Problem sein sollte. Sagen wir mal so, schließlich hat er als Unterwasserkönig erweiterte Möglichkeiten … ;-)
      Ich kannte die Lilofee als Ballade, der Reichelt war meine erste Vertonung davon, ich mochte die Platte/CD gleichen Namens damals sehr.
      Wildgänse habe ich hier noch nicht wieder durch die Nacht rauschen gehört, aber ja, auch wenn wir in den Hundstagen stecken, der Herbst wird kommen. Hier ist es heute noch bisschen kühler, es darf gern bleiben …
      Liebe Grüße an euch beide ;-)
      Christiane

      Gefällt 1 Person

      • Liebe Christiane, wir haben in der Grundschule noch all diese schönen Volkslieder gesungen, später auch auf Freizeiten, dazu gehörte auch das Wildgänse rauschen durch die Nacht, das mir wieder einfiel, als ich sie heute morgen hörte.
        Ich kannte wiederum die Vertonung vom Reichelt und Faun nicht, bis ich sie bei Dir fand…….der Generationenunterschied -:)))
        Ich empfinde die 24° , die im Moment mit erfrischendem Wind herrschen, schon sehr erfrischend und fast kühl zum Brutofen der letzten Tage.
        Ich schwanke gerade, ob mich der Unterwasserkönig verführen könnte oder doch eher der Herr der Hölle……trotz Hundstagen würde ich letzteren wahrscheinlich erhören, immer im kalten Wasser?
        Wir wollen zu Land ausfahren, Jenseits des Tales usw…….kennst Du die?
        Mit Gesumme und Nöckgeschichten in den Tag, schööön, Karin

        Gefällt 2 Personen

        • Die „Wildgänse“ habe ich sofort erkannt, liebe Karin, die habe ich auch noch gesungen – Mundorgel? Könnte sein. Und ja, „Wir wollen zu Land ausfahren“ und „Jenseits des Tales“ kenne ich auch. Schade, dass vieles von diesen Wandervogel-Dingern (etc., ich bin da nicht quellenfest) im Dritten Reich vereinnahmt worden ist.
          Hier bei uns ist die Sonne draußen, mal sehen, wie sehr es einheizt.
          Vergnügte Grüße
          Christiane

          Gefällt 2 Personen

    • Wenn der Rückbezug auf und die Umsetzung von Mythen und Legenden ausstirbt, lieber Werner, dann können wir uns alle sofort beerdigen.
      Die Sehnsucht stirbt nie, wie recht du hast.
      Liebe Grüße aus dem zum Glück bisher kühlen Norden
      Christiane

      Gefällt 1 Person

  3. Du hast aus der verzauberten alten Ballade um die schöne Lilofee und den Wassermann eine wunderschöne neue Geschichte gemacht, liebe Christiane.
    Ich kannte die Worte und auch die Vertonung von Achim Reichel und nun Deine Geschichte dazu ,
    da würde ich jetzt einfach sagen:
    Eine ringsum gelungene Sache und bei der Stelle *daß meine Hose immer ein wenig tropft*, da habe ich mich köstlich amüsiert :-)
    Die alte Ballade ist entschieden trauriger…

    Liebe Sonntagsgrüße von Bruni

    Gefällt 3 Personen

    • Die alte Ballade ist trauriger und viel härter, liebe Bruni, das muss ich ja heute nicht mehr übernehmen … ich habe mir überlegt, warum das so ist und denke, da man es früher ja noch viel eher für möglich hielt, dass es die Parallelwelt gibt und sie in unsere eingreift, musste auch die Abschreckung stärker sein: „Mach das nicht, sonst …“ Klar, Seelenverlust, Hölle und Verdammnis. Aber auch damals konnte man ja schon variieren …
      Freut mich, dass du meine Neuschöpfung magst!
      Liebe Grüße und dir einen zauberhaften Sonntag
      Christiane

      Gefällt 2 Personen

  4. Pingback: Regenballade – Regensucherin

  5. Ich mag deine Geschichte sehr, unaufgeregt, leise und voller Bilder und auch Raum, Raum, den auch der Unterwasserkönig Lilo schenkt, Raum, den du uns LeserInnen gibst, den Faden aufzunehmen und weiterzuspinnen, und auch die Zwischenräume zu betreten.
    herzlich grüße ich dich, liebe Christiane, Ulli

    Gefällt 1 Person

    • Ich mag sie auch sehr. Diese längeren Geschichten, die sind noch mal anders meine Kinder als die skizzenhaften Etüden. Wenn sie gut geraten, und ich finde sie geraten, dann beflügeln sie Phantasie und Vorstellungen. Ich hatte jede Menge Spaß beim Schreiben.
      Herzlichen Dank dir & liebe Grüße
      Christiane, über die gerade die Regen- und Gewitterfront zieht, vielleicht auch nur die Vorboten

      Gefällt 1 Person

  6. Hallo Christiane!
    Ich habe auch gerne bei dir gelesen!
    Sag einmal, darf ich die Grafiken unter der Erwähnugn des Künstlers eigentlich bei mir einbinden? Ich habe das die letzten beide male gar nicht nachgefragt.
    Ich fände es nämlich schön, die dazu gehörige Grafik zu zeigen!

    Liebe Grüße

    Anne

    Gefällt 1 Person

  7. Pingback: Aller guten Dinge sind vier! | Irgendwas ist immer

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