Von Sommer und Sinn

 

Faunsflötenlied
(Für Peter Behrens.)

Ich glaube an den großen Pan,
Den heiter heiligen Werdegeist;
Sein Herzschlag ist der Weltentakt,
In dem die Sonnenfülle kreist.

Es wird und stirbt und stirbt und wird;
Kein Ende und kein Anbeginn.
Sing, Flöte, dein Gebet der Lust!
Das ist des Lebens heiliger Sinn.

(Otto Julius Bierbaum, Faunsflötenlied, in: Irrgarten der Liebe, Berlin/Leipzig 1901, Onlinequelle)

 

Die drei Zigeuner

Drei Zigeuner fand ich einmal
Liegen an einer Weide,
Als mein Fuhrwerk mit müder Qual
Schlich durch sandige Heide.

Hielt der eine für sich allein
In den Händen die Fiedel,
Spielte, umglüht vom Abendschein,
Sich ein feuriges Liedel.

Hielt der zweite die Pfeif im Mund,
Blickte nach seinem Rauche,
Froh, als ob er vom Erdenrund
Nichts zum Glücke mehr brauche.

Und der dritte behaglich schlief,
Und sein Zimbal am Baum hing,
Über die Saiten der Windhauch lief,
Über sein Herz ein Traum ging.

An den Kleidern trugen die drei
Löcher und bunte Flicken,
Aber sie boten trotzig frei
Spott den Erdengeschicken.

Dreifach haben sie mir gezeigt,
Wenn das Leben uns nachtet,
Wie mans verraucht, verschläft, vergeigt
Und es dreimal verachtet.

Nach den Zigeunern lang noch schaun
Mußt ich im Weiterfahren,
Nach den Gesichtern dunkelbraun,
Den schwarzlockigen Haaren.

(Nikolaus Lenau, Die drei Zigeuner, in: Nicolaus Lenau’s sämmtliche Werke. Herausgegeben von Anastasius Grün. Cotta, Stuttgart/Augsburg 1855, S. 54, Onlinequelle, Onlinequelle)

 

Leben heißt Sehnsucht verehren

Über den leeren mächtigen Bäumen
Hängen die schmächtigen Sterne,
Umdrängen den Mond im Kreise.
Sehnsüchte leben auch in den prächtigen Himmelsräumen,
Und auch Gestirne kommen aus ihrem Geleise.
Keine Sonne, kein Stern kann sich der Sehnsucht erwehren,
Alle Leben leiden und lachen auf gleiche Weise.
Leben heißt Sehnsucht verehren;
Niemals der Tod, die Geliebte allein kann dir Ruhe bescheren.

(Max Dauthendey, Leben heißt Sehnsucht verehren, aus: Lusamgärtlein, in: Gesammelte Gedichte und kleinere Versdichtungen, Albert Langen, München 1930, S. 235, Onlinequelle)

 

Tränen | 365tageasatzadayQuelle: Pixabay

 

Bin an dem Bild nicht vorbeigekommen, auch wenn es vielleicht nicht wirklich leicht passt.

Kommt gut in die neue Woche!

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23 Kommentare zu “Von Sommer und Sinn

  1. Liebe Christiane, Deine Gedichtauswahl ist wieder berührend schön, wobei es mir heute die Drei Zigeuner angetan haben. Deine Bildauswahl hat mich erschreckt, weil für mich so viel Verzweiflung aus diesem Gesicht spricht. Aber auch das wird wieder jeder anders sehen.
    Dir einen hoffentlich nicht tränenreichen Wochenstart wünscht Karin

    Gefällt 1 Person

    • Liebe Karin, sei unbesorgt, ich starte heiter in eine arbeitsame Woche. Ich hatte das Bild nur entdeckt, und es hat mich nicht mehr losgelassen.
      Den Lenau liest man heute nicht mehr so oft, richtig? Ich mochte die Sehnsucht …
      Liebe Grüße
      Christiane

      Gefällt 1 Person

  2. Ich habe gerade mal bei mir geschaut: Lenau hatte ich auch nur mit einem Gedicht bisher eingestellt, muss das mal ändern -:)))
    Deine Dauthendeys gefallen mir ja auch immer, aber in ihnen schwingt eine Art Schwermut mit und heute war mir eben nach Zigeunern -:)))
    Danke, dass Du meine Sorgen zerstreut hast!

    Gefällt 1 Person

  3. Hängen geblieben sind diese Zeilen:“Sing, Flöte, dein Gebet der Lust!
    Das ist des Lebens heiliger Sinn.“
    Zum ersten Mal will ich Max Dauthendey widersprechen: wie können Sterne und Sonnen Sehnsüchte haben, aber hej, vielleicht habe ich noch nicht oft genug mit ihnen geplaudert ;)
    Liebe Christiane, das Bild ist ganz wunderbar, es hielt mich eine Weile fest.
    Ich wünsche dir eine GUTE Woche, herzliche Grüße, Ulli

    Gefällt 1 Person

    • Mich fasziniert an Dauthendey, dass für ihn Sterne und Sonne leben. Was lebt, ist beseelt, und kann demnach Gefühle (sprich: Sehnsucht) haben.
      „Sing, Flöte, dein Gebet der Lust!
      Das ist des Lebens heiliger Sinn“ und
      „Leben heißt Sehnsucht verehren“ ist so gesehen doch gar nicht so weit weg voneinander, oder?
      (Ich muss mal was raussuchen/zusammenlesen über Dauthendey und Spiritualität, da gibt es nämlich was dazu zu sagen.)
      Bild: Ich habe (mit Myriades Hilfe) den (französischsprachigen) Fotografen angeschrieben und um eventuell vorhandene Auskünfte gebeten. Bin gespannt, ob was kommt, falls ja, werde ich es vermelden. Mich hält das Bild auch, ich finde es wunderbar.
      Eine gute Woche voller Erfreulichem auch dir!
      Liebe Grüße
      Christiane

      Gefällt 1 Person

    • in der Lyrik lebt alles, liebe Ulli.
      Ich ließ mal meine Tante auf dem Mond wohnen, weil es mir so gut gefiel, dieses Bild einer Tante da oben.
      Sonne, Mond und Sterne lassen wir in der Lyrik weinen, lachen und sich sehnsüchtig verzehren.
      Es geht immer um den tieferen Sinn, der in den Zeilen verborgen liegt und nicht immer erschließt er sich. Da geht es dann nur um die Schönheit der Worte, der Bilder, die der Dichter erschuf
      Liebe Grüße in den Dienstag von mir

      Gefällt 2 Personen

  4. Das Faunsflötenlied mag ich sehr und den Lenau noch mehr *lächel*. Bei ihm ist irgendwie immer Idylle, selbst wenn er von Wehmütigerem schreibt. Die Idylle, die Romantik, nimmt er immer mit. Eben hab ich mal nachgeschaut. Sein Name alleine hat schon einen besonderen Klang: Nikolaus Franz Niembsch, Edler von Strehlenau.
    Aber letztendlich der Max Dauthendey, wie wunderschön sind seine Worte und so ist es doch auch, wir verehren das Leben und den Tod mögen wir nicht so sehr, Tote können sich nicht mehr sehnen und das Sehnen gehört zu unserem Lebendigsein
    Liebe Grüße von Bruni an Dich, liebe Christiane

    Gefällt 2 Personen

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