Vom Leben und Kirchen

 

Sonntag

Sonntag, Sonntag! horch, der Glocken
Lieblich lockernder Ton erschallt!
Wie sie dich zur Kirche locken,
Locken sie mich zum grünen Wald,

Wie verschieden die Wege scheinen,
Einem Ziel doch streben sie zu;
Denn den Ewigen, Einzig-Einen
Suchen wir beide, ich und du.

Gar verschiedene Wege sind es,
Doch sie führen zu einem Ziel:
Mir erscheint es im Säuseln des Windes,
Dir im wogenden Orgelspiel.

(Adolf Schults, Sonntag, Online-Quelle)

 

Die tote Kirche

Auf dunklen Bänken sitzen sie gedrängt
Und heben die erloschnen Blicke auf
Zum Kreuz. Die Lichter schimmern wie verhängt,
Und trüb und wie verhängt das Wundenhaupt.
Der Weihrauch steigt aus güldenem Gefäß
Zur Höhe auf, hinsterbender Gesang
Verhaucht, und ungewiß und süß verdämmert
Wie heimgesucht der Raum. Der Priester schreitet
Vor den Altar; doch übt mit müdem Geist er
Die frommen Bräuche – ein jämmerlicher Spieler,
Vor schlechten Betern mit erstarrten Herzen,
In seelenlosem Spiel mit Brot und Wein.
Die Glocke klingt! Die Lichter flackern trüber –
Und bleicher, wie verhängt das Wundenhaupt!
Die Orgel rauscht! In toten Herzen schauert
Erinnerung auf! Ein blutend Schmerzensantlitz
Hüllt sich in Dunkelheit und die Verzweiflung
Starrt ihm aus vielen Augen nach ins Leere.
Und eine, die wie aller Stimmen klang,
Schluchzt auf – indes das Grauen wuchs im Raum,
Das Todesgrauen wuchs: Erbarme dich unser –
Herr!

(Georg Trakl, Die tote Kirche, entstanden vor 1909, aus dem Nachlass (zu Lebzeiten unveröffentlicht), Online-Quelle)

 

Werkleute sind wir

Werkleute sind wir: Knappen, Jünger, Meister,
und bauen dich, du hohes Mittelschiff.
Und manchmal kommt ein ernster Hergereister,
geht wie ein Glanz durch unsre hundert Geister
und zeigt uns zitternd einen neuen Griff.

Wir steigen in die wiegenden Gerüste,
in unsern Händen hängt der Hammer schwer,
bis eine Stunde uns die Stirnen küsste,
die strahlend und als ob sie Alles wüsste
von dir kommt, wie der Wind vom Meer.

Dann ist ein Hallen von dem vielen Hämmern
und durch die Berge geht es Stoß um Stoß.
Erst wenn es dunkelt lassen wir dich los:
Und deine kommenden Konturen dämmern.

Gott, du bist groß.

(Rainer Maria Rilke, Werkleute sind wir, entstanden 26.09.1899, aus: Das Stunden-Buch/Vom mönchischen Leben, Online-Quelle)

 

Quelle: ichmeinerselbst

 

Am vergangenen Wochenende hatte ich auswärtigen Besuch, der mich fragte, ob wir „in Kultur“ machen könnten. Klar. Was denn? Ja, Kirchen, Museen, historische Plätze und so. Super! Wenn Hamburg eins hat, dann Kirchen. Also schleppte ich sie durch Hamburgs „Big Five“, die Hamburger Hauptkirchen, weniger für um der Kultur und der Historie wegen, sondern mehr um des Gefühls, das diese Kirchen, die so viel miteinander verbindet (also rein vom Alter her vier von ihnen), auf uns ausstrahlten. Die Kultur kann man nachlesen, das Gefühl war sehr besonders.

Ich wollte eigentlich nicht fotografieren, weil es mich immer total isoliert und aus der Zeit fallen lässt. Deshalb hatte ich keine Kamera mit. Aber so ganz blieb es nicht aus, ihr kennt das. Dafür war das Handy dann mit den unterschiedlichen Lichtsituationen in den Innenräumen deutlich überfordert. St. Katharinen ist zum Beispiel eine wunderbar helle Kirche, in der gerade eine Hochzeit vorbereitet wurde, der Orgelspieler orgelte sich ein, es gab Blumenschmuck am Gestühl …

Kommt gut in die neue Woche!

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20 Kommentare zu “Vom Leben und Kirchen

  1. St. Nikolai passt für mich in die heutige Zeit, alle anderen erzählen von einer Vergangenheit, die den Gläubigen zwar Heil bringen sollte, was seitens der Institution Kirche meist aber nur zur Unterdrückung und Unfreiheit der Menschen führte.
    All diese wunderschönen Gotteshäuser auf der ganzen Welt, ich möchte die Baukunst, die Bilder, Fresken, die Fenster, Kunstwerke darin nicht missen und es ergreift mich Ehrfurcht vor denen, die sie gebaut und ausgestaltet haben, aber der Preis war und ist mir immer noch zu hoch, den das Volk bezahlen mußte.
    Tiefe Gläubigkeit wurde und wird immer noch ausgenutzt, zudem wird heute kräftig abgezockt , wenn Besucher diese Kunstschätze bewundern wollen. Die Kirche findet immer Wege, den Klingebeutel offen zu halten.
    Den Michel und St. Jacobi kenne ich auch, die anderen nicht, aber es ist lange her, dass ich dort war.

    Lieber Gruss in Deine Woche und selbst Deine Handyfotos sind schön -:)), Karin

    Gefällt 4 Personen

    • Die Kirche ist eine Institution, und Institutionen wissen, wie sie ihre Leute bei der Stange halten. Wir hier haben das Glück, zu dürfen und nicht zu müssen. Wir haben das Glück, öffentlich zugeben zu können, wenn (und was) es uns nichts sagt, ohne Repressionen befürchten zu müssen. Ich finde es ungeheuer wichtig, die Institution und den Inhalt, den Glauben, voneinander zu trennen, denn eines geht auch ohne das andere.
      Liebe Grüße aus dem kühlen Hamburg
      Christiane mit aufsässigem Fellträger

      Gefällt 5 Personen

      • Da stimme ich Dir voll zu, denn Spiritualität, Glauben ist für viele Menschen ein wichtiger Bestandteil ihres Lebens und die Wahlfreiheit zu haben, ist ein Geschenk.
        Was den Fellträger anbelangt, meiner tobt heute auch nur rum, er hatte ein Kissen aus seinem Kratzbaum (größer als er) verschleppt, ich habe alles abgesucht und in der ganzen Wohnung nichts gefunden, heute lag es plötzlich vorm Bett und er kämpfte wieder damit -:)))
        Bei meinem Gedicht, das ich heute einstellte, war ich auch überrascht , wie aktuell es wieder ist, wenn man hinter den Zeilen liest.

        Gefällt 2 Personen

  2. Den Trakl finde ich sehr, sehr stark! Selbst betrachte ich Kirchen allerdings nur vom architektonischen Standpunkt aus, was das Erleben von Atmosphäre nicht ausschließt, wohl aber den Glauben an einen Gott und gar an einen wie den christlichen …..
    An den Handyfotos sieht man, wie gekonnt und gelungen deine Kamera-Fotos sind :) :)

    Gefällt 1 Person

  3. Würden sie mich heute noch locken
    die sonntäglichen Glocken
    würde ich sonntags am Vormittag nicht so oft vor dem PC hocken :-)
    Ich mag Kirchen, helle freundliche Kirchen, die weniger überladenen und je nördlicher man kommt, um so schlichter sie werden, um so schöner finde ich sie. In den dusteren mag ich nicht hocken und ich glaube, das, was wir Gott nennen, sucht sich auch kein olles düsteres kaltes Gemäuer aus.
    Im Hellen der Natur, das finden wir viel eher das was wir suchen und brauchen
    Heute hat es mir der Tracl angetan mit seinen so überaus starken und kraftvollen Worten und den Adolf Schults, von dem ich bis heute nichts kannte, den mag ich auch sehr
    hier bei Dir, liebe Christiane

    Liebe Grüße von Bruni

    Gefällt 1 Person

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