Vom Frühherbst und der Liebe

 

Der Zaubergarten

Herbstnebel dampft.
Aber ich stehe in meinem Zaubergarten.

Auf den mattbesonnten Terrassen
knien die Schleppenträger des Sommers.
Leichtbewegliche Pagen,
purpurn, prangend.

Bald wird die Nacht ihre seidnen Kehlen zerdrücken.

Aber wer wird trauern,
wenn Gottes Nachtigallen
in Rauhreif und blindem Strauchwerk wohnen.

Sie singen.
Oh, wie sie singen!
Tausendfarbig sprüht der wolkige Morgen auf.
Alle Goldaugen spiegeln sich ein in mein Herz.

O Himmelsbürde!
Gott, wie beschenkst Du mich!

Ich stehe im Himmel Deiner Liebe.

(Frida Bettingen, Der Zaubergarten, aus: Gedichte, 1922. Online-Quelle)

 

Herbstblumen.

In des Herbstes weicher Luft
Hab’ ich dir den Strauß gepflückt,
Auf der Schöpfung stiller Gruft
Noch mit Farben bunt geschmückt.

Alle Farben sind hier, schau,
Wie sie nur der Frühling bot,
Violet, gelb, weiß und blau,
Nur kein brennend-heißes Roth.

Mit der Sommerlüfte Glühn
Ist erloschen Rosenbrand,
Aber blassre Blumen blühn
Schön noch an des Lebens Rand.

(Friedrich Rückert, Herbstblumen, aus: Gedichte, 1841, Online-Quelle)

 

Die Tage lassen keine Spur

O Regen sag, Du kommst so hoch daher,
Ist droben auch der Tag spurlos und leer?

Du fällst zum Fluß und schwimmst zum Meer,
Glaubst, Du enteilst dem Leid und suchst Genuß?

O wüßten alle nur, was doch ein jeder wissen muß:
Die Tage lassen keine Spur, so wenig wie der Regen auf dem Fluß, –
Die Liebe nur.

(Max Dauthendey, Die Tage lassen keine Spur, aus: Weltspuk, in: Gesammelte Gedichte und kleinere Versdichtungen, Albert Langen, München 1930, S. 378/379)

 

Treibende Blätter | 365tageasatzadayQuelle: Pixabay

 

Kommt gut in die neue Woche!

 

20 Kommentare zu “Vom Frühherbst und der Liebe

  1. Die Dichterin des Zaubergartens kannte ich noch nicht, irgendwann möchte ich sie zu mir holen, darf ich doch, oder? Auch diesmal hast Du Dein Montagsgedichtsträusschen schön gebunden und mit diesem tollen Foto gekrönt. Komm Du auch gut in die Woche, bei uns soll sie wieder sonnig und heiss werden. Lieber Gruss, Karin

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    • Die Dichterin des „Zaubergartens“ ist 1924 gestorben, liebe Karin, Wikipedia hat einen Eintrag über sie, also hol sie gerne zu dir! Jede*r, den/die wir dem Vergessen entreißen, zählt.
      Das Foto hätte ich auch gerne selbst gemacht; hier ist es trüb und es soll im Norden eher kühl bleiben – normales Frühherbstwetter.
      Herzliche Grüße auf dein Dach
      Christiane

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  2. Ich habe mir gestern die Finger wundgeschrieben, weil ich ein Herbstgedicht schreiben wollte und es dann aufgegeben, denn nichts wollte so sein, wie ich es wollte. Diese Gedichte jetzt zu lesen, gibt mir wieder Motivation. Danke Christiane ! : )

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  3. Liebe Christiane, ich mag sie alle drei auf ihre ganz eigene Weise, wunderbare Herbstgedichte, die diese wunderbare Zeit so treffend spiegeln!
    Danke, ich wünsche dir eine gute Woche,
    herzliche Grüße, Ulli

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    • Ich kann jeder Jahreszeit etwas abgewinnen, liebe Ulli, das wird dich jetzt nicht weiter verwundern, aber meine liebste Jahreszeit ist der Herbst. Daher genieße ich es gerade, alte und neue Herbstgedichte zu lesen und zu entdecken.
      Auch dir eine gute Woche!
      Herzlich zurück
      Christiane

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  4. Was für eine besondere Auswahl, liebe Christiane, alle kleine Wunder an poetischer Sprache, aber Herr Dauthendey gefällt mir am besten, obwohl ich der Meinung bin, Tage hinterlassen oft genug ihre Spur und doch ist´s die Liebe, deren Spuren sich uns einprägen

    Liebe Abendgrüße von Bruni

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