Dummes Fleisch | abc.etüden

In der Szene nannte man sie die „skrupellose Lady“. Anfangs hatte sie noch versucht richtigzustellen, dass sie „skrupulös“ war, nicht „skrupellos“, aber die meisten kapierten den Unterschied nicht. Okay, dann eben mit Grusel, umso besser fürs Geschäft.

Bei ihr musste alles stimmen. Sie hatte es gern exakt und nach ihrem Willen. Und den setzte sie durch, damit die Ergebnisse dem nahekamen, was sie sich vorstellte. Sie hatte eine gewisse Handschrift und schließlich auch einen Ruf zu verteidigen, nicht wahr? Selbst ihr Vater, der es besser hätte wissen können, hatte nicht verstanden, dass bestimmte Dinge in einer bestimmten Reihenfolge geschehen mussten, um befriedigend zu sein. War es nicht überwältigend, wenn man seine Berufung entdeckte? Das, was den ureigenen inneren Instinkten entsprach? Manchmal beschrieb sie sie als eine Verbindung von Akkuratesse und künstlerischer Ader.

Sie sah konzentriert und leicht abschätzig auf den Körper hinunter, der verkrampft vor ihr lag und tatsächlich ein wenig zuckte. Ein Kunstwerk war im Entstehen. Schade, dass anscheinend nur sie das so sah, sonst hätten sie den Genuss vielleicht sogar teilen können, den der Akt und das Blut – nie viel! – gelegentlich bei ihr auslösten. Hatte sich das Jüngelchen vorhin ernsthaft über „schneidende Schmerzen“ beklagt?! Weichei.

Ein Spruch fiel ihr ein: „In jedem Mann steckt hin und wieder auch was Gutes. Zum Beispiel ein Küchenmesser.“ Was glaubte der hier denn eigentlich, wo er war? Unterzog sich freiwillig – freiwillig! – einem Männlichkeitsritual und jammerte? Tja, durchgefallen, mein Lieber, eindeutig durchgefallen. Nur dummes Fleisch, einer mehr.

Lächelnd kniff sie die Augen zusammen. Zog mit ruhiger Hand eine allerletzte Linie nach und ließ die Tattoomaschine sinken. Fertig.

 

2018 41+42 | 365tageasatzadayQuelle: Pixabay, Bearbeitung von mir

 

Für die abc.etüden, Woche 41/42.2018: 3 Begriffe, maximal 300 Wörter. Die Worte stammen dieses Mal von Gerda Kazakou und lauten: Genuss, skrupulös, schneiden.

Den Spruch habe ich wirklich vor ein paar Tagen im Radio gehört (als Werbung für die Show im Hamburger Quatsch Comedy Club). Und natürlich sind alle Tätowierer*innen, die kennenzulernen ich jemals die Ehre hatte, charakterlich über jeden Zweifel erhaben, aber … ich habe noch nie festgestellt, dass alle Menschen den Ehrgeiz haben, als Engel in die Geschichte einzugehen. Ihr versteht.

 

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58 Kommentare zu “Dummes Fleisch | abc.etüden

  1. :Spannend und humorig, liebe Christiane, Macht Spaß, es zu lesen 🙂 Coffee?
    Ich trinke jetzt ab und an auch wieder Kaffee. Das fühlt sich schon sehr ungewohnt an, so wach zu sein, geradezu überdreht. Huiih:-D Liebe Grüße und ein schönes Wochenende für euch, Annette

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  2. Super aufgebaut mit Spannungsbogen. Ich hätte das Ende nicht erahnt!
    Was treibt die Leute nur in Tattoo-Studios und lässt sie so leiden?
    So ein kleines Tattoo lasse ich mir ja noch gefallen, aber manche laufen ja wie lebende Plakatwände herum und das ein Leben lang …?!

    Liebe Grüße
    Anna-Lena

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  3. ich gebe zu, ich kann solche Geschichten momentan gar nicht gut haben. Mir graust es wegen tatsächlicher Vorkommnisse. Dass skrupulös zu skrupellos mutierte – obgleich es ja eigentlich das Gegenteil bedeutet (viele Skrupel – keine Skrupel) muss ich allerdings als besonderen Kunstkniff deinerseits anerkennen. 😉

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  4. Da ich ja schon einiges von dir lesen durfte, war ich mir
    ganz sicher, das ist nicht das, was man denkt, denken soll. Zum Glück. Nur auf Tätowieren bin ich nicht gekommen, hatte immer irgendwie an eine Bildhauerin oder so gedacht.
    Skrupulöses arbeiten ist bei einer Tätowiererin natürlich ausgesprochen wünschenswert, mit Blick auf so viele verpfuschte Tatoos.
    Natalie

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    • Jupp, danke für das Sicher-Sein. Aber ich habe mir echt Mühe gegeben, dass man denkt … ;-)
      Seit ich ein Tattoo habe, bin ich für das Thema sensibilisiert, wen wundert’s. Nachts zappe ich manchmal rum und bin schon diverse Male in „Horror Tattoo“- und „Cover-up“-Sendungen hängen geblieben. ALTER! – um mal im Jargon zu bleiben, man glaubt nicht, was man da sieht, und die Geschichten dazu auch nicht.
      Liebe Grüße
      Christiane

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  5. Pingback: Schreibeinladung für die Textwochen 43.44.18 | Wortspende von redskiesoverparadise | Irgendwas ist immer

    • Oh. Neee, ich glaube, über Beschneidungen würde ich keine Witze machen. Aber interessant. 😉
      Frisch ist es hier auch, aber der Fellträger hat sein Futter ignoriert und wollte lieber wieder raus, so schlimm kann es also nicht sein.
      Schönen Sonntag euch!
      Liebe Grüße
      Christiane

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        • Eben. Okay, ich differenziere mal: Auf gar keinen Fall unterstütze ich in irgendeiner Form die Beschneidung von Frauen oder Mädchen; ich bin sicher, dass du das auch nicht gemeint hast.
          Und natürlich kann man darüber diskutieren, ob und unter welchen Umständen Beschneidung hierzulande „sinnvoll“ ist. Der Artikel ist/wäre mit Sicherheit interessant. Will ich aber alles auf dem Blog nicht. Wie gesagt, für die Etüde hatte ich daran überhaupt nicht gedacht, ich war tatsächlich in der Psycho-Ecke. 😉

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  6. Eine supertolle Geschichte, liebe Chrisiane, die ich hochkonzent gelesen habe *g*. Zuerst vermutete ich eine Domina, dann eine Künstlerin, denn nur sie sieht, wie sich ihr Werk entwickelt, sie sieht es leibhaftig vor sich, und da entgeht ihr auch das kleinste Zucken nicht, während sie weiterarbeitet.

    Dann kam das kleine bißchen Blut und ich wußte, da ist eine Tatookünstlerin am Werk :-)

    PS Doch da war wirklich ein winziger Moment in meinem Kopf, in dem ich an eine Triebtäterin dachte, die bestimmte Rituale einhält…

    Klasse, liebe Christiane, und liebe Grüße von Bruni

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    • Liebe Bruni, vielen Dank für die ausführliche Rückmeldung. Ich habe beim Schreiben tatsächlich geschwankt, nach was es aussehen sollte: einer Domina oder dem, was du als „Triebtäterin“ bezeichnet hast, denn ein bisschen sehr zwanghaft sollte es schon rüberkommen. Aber ich muss dir widersprechen, was Tattoos angeht: Bei vielen Formen von Body-Modifikationen fließt Blut, es hätte also nicht unbedingt eine Tätowiererin sein müssen.
      Liebe Grüße, schönen Sonntag
      Christiane

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      • ich bin immer davon ausgegangen, daß bei einem Tattoo sehr wenig Blut fließt, immer nur an den jeweiligen Einstichstellen, das sofort gestillt werden kann, weil es nicht tief geht.
        Du meinst, es fließt mehr?
        Und wie ist der Fachausdruck für einen weiblichen *Triebtäter*?
        Mir fiel nichts anderes ein.

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        • Jein. Es kommt wohl auch auf die Stelle an, und man liest immer wieder mal von Leuten, die nicht nur Gewebewasser verlieren. Sollen Ausnahmen sein, in der Regel dürfte es so sein, wie du beschreibst.
          Was ich meinte, sind „Body-Modifications“ wie Cutting oder Branding. Damit kenne ich mich gar nicht aus, ich vermute aber, dass dabei mehr Blut fließt als bei Tattoos.
          Und bei dem „Fachausdruck“ passe ich ebenfalls, ich hatte es für mich nicht genauer gefasst.

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  7. Eben habe ich mit der jüngeren Tochter telefoniert, die zu meinem Leidwesen eine Tattoofreundin ist, wie ich nicht gerne zugebe, weil ich Tattos und Branding und sonstiges überhaupt nicht mag und es nur als höchst unnötiges, aber von vielen geliebtes Übel betrachte. Das einzige, was mich bei den Tattoos der Tochter versöhnt, ist die Schönheit der Blütenranke, die in feinen Pastellfarben ihren linken Arm schmückt. (Sie erinnert mich immer an eine Ranke aus Avatar, blütenschön *g*)
    Und sie sagt nun, das Entfernen durch Laser wurde weiter verbessert, aber Genaueres weiß sie da auch nicht.
    Außerdem meinte sie, wenn bei Tattoos mehr Blut fließt, wäre zu tief gestochen worden. Normalerweise würde es nicht geschehen…

    Liebe Sonntagsgrüße von Bruni an Dich und den Fellträger

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