Von Herbst und Wandel

 

Lied im Herbst

Wie Krieger in Zinnober
Stehn Bäume auf der Wacht.
Ich taumle durch Oktober
Und Nacht.

Blut klebt an meinem Rocke.
Mein Weg ist weit und lang.
Des Tales dunkle Glocke
Verklang.

Auf einem schwarzen Pferde
Reit ich von Stern zu Stern.
Die Sonne und die Erde
Sind fern.

Ich bin von vielen Winden
Zu Gott emporgereicht,
Werd ich den Frühling finden?
Vielleicht …

(Klabund, Lied im Herbst, aus: Dragoner und Husaren, 1916, Online-Quelle)

 

Im Herbst

Es fällt das Laub wie Regentropfen
So zahllos auf die Stoppelflur;
Matt pulst der Bach wie letztes Klopfen
Im Todeskampfe der Natur.

Still wird’s! und als den tiefen Frieden
Ein leises Wehen jetzt durchzog,
Da mocht’ es sein, daß abgeschieden
Die Erdenseele aufwärts flog.

(Theodor Fontane, Im Herbst, aus: Gedicht, 1851, Online-Quelle)

 

Ende des Herbstes

Ich sehe seit einer Zeit
wie alles sich verwandelt.
Etwas steht auf und handelt
und tötet und thut Leid.

Von Mal zu Mal sind all
die Gärten nicht dieselben;
von den gilbenden zu der gelben
langsamem Verfall:
wie war der Weg mir weit.

Jetzt bin ich bei den leeren
und schaue durch alle Alleen.
Fast bis zu den fernen Meeren
kann ich den ernsten schweren
verwehrenden Himmel sehn.

(Rainer Maria Rilke, Ende des Herbstes, aus: Das Buch der Bilder, 1906, Online-Quelle)

 

Vögel im Baum | 365tageasatzadayQuelle: Pixabay

 

Kommt gut in die neue Woche!

 

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38 Kommentare zu “Von Herbst und Wandel

  1. Tötet der Herbst wirklich und tut Leid ? Gönnt er nicht der Natur nur die wohlverdiente Ruhe nach all der Überfülle des Frühlings und Sommers und nichts ist endgültig tot, das neue Leben ist überall neu angelegt. Bäume in ihrer Filigranität der Äste, die Stille der Natur all das verbinde ich nicht mit Tod. Hängt aber vielleicht auch mit meiner optimistischen Lebenseinstellung zusammen😊 Lieber Gruss an Dich und die Rabenvögel kämen auf belaubten Weiden gar nicht so schön zur Geltung.

    Gefällt 4 Personen

    • Das sehe ich wie du, liebe Karin, ich frage mich nur, wie Rilke das gemeint haben mag. Meint er wirklich den Herbst? Oder meint er Tod oder sogar Krieg, die ja auch oft mit dieser Stimmung assoziiert werden? Ist dieses Gedicht vor der Zeit entstanden, wo er das Bewusstsein für den ewigen Kreislauf entwickelt hat? Dann würde ich das verstehen … Viele Fragen, und Antworten habe ich keine.
      Liebe Grüße aus dem herbstfrischen Hamburg
      Christiane

      Gefällt 2 Personen

  2. Guten Morgen, liebe Christiane, diese Zeilen erinnern mich gerade an einen der letzten Sätze, die ein Freund auf dem Sterbebett sagte: „Jetzt werd ich zur Welt …“
    ich wünsche dir eine gute Woche und sende dir Herzensgrüße,
    Ulli

    Gefällt 5 Personen

  3. Mit Fontane machst du mich immer glücklich, trotz der Vergänglichkeit, die sich durch die Herbstposie zieht. Ohne Winter kein Frühling, deshalb bleibe ich trotzdem zuversichtlich.
    Einen schönen Wochenstart aus dem Bergischen,
    Viola.

    Gefällt 1 Person

  4. Düster, liebe Christiane, sehr düster. Ich kanns so eigentlich nicht sehen. Die Natur stirbt nicht, sie zieht sich zurück. verbunkert sich, speichert die Sommerenergie für den Frühling, ruht ……. und der Zyklus beginnt von vorne

    Gefällt 2 Personen

    • Ja, so sehen wir das heute und drücken es so aus, da bin ich komplett bei dir. Aber die Gedichte sind mindestens 100 Jahre alt. Vielleicht hat man früher andere Schwerpunkte gesetzt oder sie anders verstanden? Vielleicht geht es hier auch nicht um den jährlichen Kreislauf, sondern um den/einen Wechsel der Ebenen, den die Dichter im Herbst verorten, weil eben jetzt die Zeit der Dunkelheit und der berühmten „dünnen Schleier“ ist. Ein jegliches hat seine Zeit …
      Liebe Grüße
      Christiane

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      • Ich wiederum habe auch nicht wirklich literaturkritisch gemeint, sondern sowas wie „einen-Schritt-zurückgetreten“. Ich lese nicht so oft Lyrik, aber wenn, dann möchte ich, dass sie mir direkt unter die Haut geht und ich nichts analysieren oder relativieren muss. Wenn das nicht der Fall ist, so ist das kein Text für mich. Das ist jetzt, fürchte ich, nicht sehr gut erklärt, aber es ist auch schon spät ……

        Gefällt 2 Personen

        • Doch, ich verstehe, was du meinst. Und wenn es kein Text für dich ist, dann ist das so, dann kann und sollte man es auch nicht herbeireden oder – zwingen.
          Mit manchen Gedichten schwingt man mit, mit anderen nicht, sogar vom gleichen Dichter. Völlig normal in meinen Augen und völlig subjektiv. Alles gut.

          Gefällt 2 Personen

        • Als wirklich gut empfinde ich Lyrik auch nur dann, wenn ich merke, die Worte berühren mich.
          Es geht mir unter die Haut wäre ein wundervolles Kompliment für einen Dichter, das höchste überhaupt.

          Gefällt 1 Person

        • Recht hast du.
          Und solange du nicht behauptest, dass man Gedichte nicht mögen sollte, nur weil sie keine hohe Textqualität haben, steige ich in die Diskussion gar nicht weiter ein. Gerade bei Gedichten mag ich mir nämlich nicht von irgendwem vorschreiben lassen, was ich zu mögen habe und was nicht. Brillante Sprachakrobatik (zum Beispiel), die mein Herz nicht berührt, würdige ich als solche, klar, bleibt mir aber nicht dauerhaft im Gedächtnis. Kurz gesagt: Mein Erleben von Gedichten ist primär subjektiv, alles andere kommt hinzu.
          Ist bei Bruni vielleicht anders weil sie selbst schreibt.
          Liebe Grüße
          Christiane mit Feiertag

          Gefällt 1 Person

  5. Klabund ist es heute für mich, liebe Christiane!
    Fontane? Er assoziiert den Herbst auch mit Tod, so wie Rilke in seiner ersten Strophe und ich empfinde aber nur den Wandel in der Natur, die Ruhe, die Stille und das unsichtbare Keimen in der Erde …
    Klabund sieht ja wohl auch eher das Ende und nicht den Wandel und doch empfinde ich seine Zeilen für mich als herbststimmiger und poetischer.
    Ganz herzlich und herbstlich, Bruni am späten Abend

    Gefällt 1 Person

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