Von Herbst und Vergehen

 

Dorthin geh, wo die Andern nicht sind

Dorthin geh, wo die Andern nicht sind,
Weit hinaus in die freie Einsamkeit,
Wo dir Wolken, Berge, Bäume und Wind
Großes reden von Später und Ewigkeit.

Und dort schöpfe, fasse und füll dir die Brust,
Daß – kommt einst die Stille zu dir als Braut –
Daß du die Hand ihr gibst in tiefster Lust,
Weil du schon lange mit ihr vertraut.

(Joachim Ringelnatz, Dorthin geh, wo die Andern nicht sind, aus: Gedichte, 1910, Online-Quelle)

 

Kühle

Alles das ist nur ein Träumen,
Und ich sollte nie erwachen:
Das wär schön.

Denn der Tag hat kalte Farben,
Und die Wahrheit geht in Wolle,
Rauh und grau.

Wirklichkeit, die alte Vettel,
Zückt schon ihre Klapperschere
Und sie grinst:
Weg die bunten Seidenbänder,
Weg die langen Ringellocken,
Weg den Tand!

Und ein kurzer Krampf im Herzen
Und das alte böse Lachen:
Siehst du wohl?

(Otto Julius Bierbaum, Kühle, aus: Gesammelte Werke. Band 1: Gedichte, München 1921, S. 187, Online-Quelle)

 

O Herr, gib jedem seinen eignen Tod

O Herr, gib jedem seinen eignen Tod,
das Sterben, das aus jenem Leben geht,
darin er Liebe hatte, Sinn und Not.

(Rainer Maria Rilke, O Herr, gib jedem seinen eignen Tod, aus: Das Stunden-Buch/Das Buch von der Armut und vom Tode, Online-Quelle)

 

Quelle: ichmeinerselbst

 

Kommt gut in die neue Woche!
(In einem der Bilder sind drei Graureiher versteckt. Ja, ich hab sie beim Vorbeilaufen gesehen. 😁)

 

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26 Kommentare zu “Von Herbst und Vergehen

    • Stimmt, daran habe ich auch gedacht, speziell bei Rilke.
      Zeno, meine Quelle, katalogisiert dieses Bierbaum-Gedicht und andere Gedichte unter „Ausgewählte Gedichte“ und schreibt dazu: „Vorliegende Gedichte sind dem ersten Band der Gesamtausgabe entnommen: Otto Julius Bierbaum, Gesammelte Werke in zehn Bänden, hg. von Michael Georg Conrad und Hans Brandenburg, München (Georg Müller) 1921. Die Gedichte wurden erstmals in verschiedenen Zeitschriften und in folgenden späten Sammlungen gedruckt: Der neubestellte Irrgarten der Liebe, Leipzig (Insel) 1906; Maultrommel und Flöte. Neue Verse, München (Georg Müller) 1907; Die Schatulle des Grafen Thrümmel und andere nachgelassene Gedichte, München (Georg Müller) 1910 (posthum).“ Mir scheint, dass ich online nichts Genaueres herausbekommen kann, finde das für eine Quellenangabe im Netz aber schon sehr beachtlich.
      Ich bin erst gestern wieder auf eines meiner Lieblingszitate von Rilke gestoßen: Vergessen Sie nie, das Leben ist eine Herrlichkeit.
      (Rilke zu Nanny Wunderly-Volkart, „zu ihr gesprochen im Dezember 1926 im Sanatorium Valmont bei Montreux, in der Agonie der zu Rilkes Tod führenden Krankheit“)
      Liebe Grüße
      Christiane

      Gefällt 2 Personen

  1. Und wieder bleib ich bei Rilke hängen, drei Zeilen … tief unter die Haut gehend, Fragen stellend an sich selbst: wie ist es mit dem Sinn, der Liebe und der Not? Nur eins, jede und jeder hat einen eigenen Tod – oder sage ich lieber einen eigenen Sterbensweg?! Oder empfinde ich das nur so und ist es am Ende vielleicht gar nicht sooo unterschiedlich, nur der Weg dorthin?
    Ich grüße dich herzlich, liebe Christiane und danke dir für die Montagslyrik, auf die ich mich jetzt schon immer im Vorfeld freue.
    Ulli

    Gefällt 2 Personen

    • Ja, was ist das, der „eigene“ Tod, meinte Rilke damit etwas Individuelles? Ist er das nicht sowieso, muss man das also extra erwähnen, da ja jeder aus einem individuellen Leben (zur Pforte) kommt?
      Ich glaube schon, dass der Weg dorthin individuell ist, und ehrlich gesagt, mache ich mir wenig Gedanken über das „Danach“. Es wird weitergehen, davon bin ich überzeugt, aber jede Aussage über die Form ist Glaube, und da bin ich mal mehr, mal weniger schwankend, was ich mir darunter konkret vorstellen mag …
      Das ist toll, dass du dich auf meine Montagsgedichte freust, das bedeutet mir was, wenn es mir jemand sagt.
      Liebe Grüße und einen gelingenden Tag dir, liebe Ulli
      Christiane

      Gefällt 1 Person

        • Also, ich hab tatsächlich mal bisschen geschaut, wie versprochen. Rilke scheint für sich die „kleinen“ Tode von den „ausgereiften“ zu unterscheiden. Der Mensch, bzw. das Leben des Menschen „reift“ hin zu seinem Tod, und dann ist es sein „eigener“, kein beliebiger. In dem Komplex „Reifen“ gibt es viel, was man findet, auch der Tod als „die Frucht des Lebens“; zudem war ich im Rilke-Forum, das ich wirklich liebe: Hier spricht eine Kommentatorin über einen „gut ausgearbeiteten“ Tod.
          Ich glaube, es empfiehlt sich hier speziell, das Stundenbuch insgesamt zu lesen, nicht nur das einzelne Gedicht. Der dritte Teil, aus dem dies stammt, entstand 1903, da war er 28. Da kann ich mir gut vorstellen, dass ihm die (Alters-?)Weisheit fehlte, jeden Tod, auch den „kleinen“, als individuell anzusehen.
          Liebe Grüße
          Christiane

          Gefällt 1 Person

        • Danke, liebe Christiane, da werde ich doch gerne einmal deinem Link folgen, um mehr nachzulesen. Ich finde es immer wieder so spannend was hinter ein paar Worten steckt, es sind immer die eigenen Erfahrungen, die eigenen Gedanken, die sich dann Raum nehmen und von daher sollte man sich als schreibender Mensch auch nicht wundern, wenn der eine oder andere Satz Fragen aufwirft.
          Ganz liebe Grüße
          Ulli

          Gefällt 1 Person

  2. Deine Auswahl der Gedichte ist immer spannend, liebe Christiane. Heute macht Bierbaum bei mir das Rennen. Ich wußte gar nicht, dsß er der Simplicissimus ist..
    Rilkes Tod ist natürlich sehr beeindruckend. Jeder stirbt seinen eigenen Tod, oh ja, nie könnte man den Tod eines anderen sterben *lächel*. Aber er meint auch eben dieses Individuelle und bekräftigt es durch seine Worte.

    Herzlichst, Bruni, mit lieben Gutenachtgrüßen für Dich

    Gefällt 1 Person

    • Der Simplicissimus war für mich immer eine Zeitschrift, liebe Bruni, danke fürs Aufmerksammachen, das habe ich überlesen.
      Wie immer mag ich alle drei Gedichte und finde, man kann jedem etwas abgewinnen …
      Hab einen schönen Tag & liebe Grüße
      Christiane

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