Vom Dezember und Advent

 

Weihnachtsabend

Die fremde Stadt durchschritt ich sorgenvoll,
Der Kinder denkend, die ich ließ zu Haus.
Weihnachten war’s; durch alle Gassen scholl
Der Kinderjubel und des Markts Gebraus.

Und wie der Menschenstrom mich fortgespült,
Drang mir ein heiser Stimmlein in das Ohr:
„Kauft, lieber Herr!“ Ein magres Händchen hielt
Feilbietend mir ein ärmlich Spielzeug vor.

Ich schrak empor, und beim Laternenschein
Sah ich ein bleiches Kinderangesicht;
Wes Alters und Geschlechts es mochte sein,
Erkannt ich im Vorübertreiben nicht.

Nur von dem Treppenstein, darauf es saß,
Noch immer hört ich, mühsam, wie es schien:
„Kauft, lieber Herr!“ den Ruf ohn Unterlass;
Doch hat wohl keiner ihm Gehör verliehn.

Und ich? – War’s Ungeschick, war es die Scham,
Am Weg zu handeln mit dem Bettelkind?
Eh meine Hand zu meiner Börse kam,
Verscholl das Stimmlein hinter mir im Wind.

Doch als ich endlich war mit mir allein,
Erfasste mich die Angst im Herzen so,
Als säß mein eigen Kind auf jenem Stein
Und schrie nach Brot, indessen ich entfloh.

(Theodor Storm, Weihnachtsabend, 1852, Online-Quelle)

 

Der Abend kommt von weit gegangen

Der Abend kommt von weit gegangen
durch den verschneiten, leisen Tann.
Dann preßt er seine Winterwangen
an alle Fenster lauschend an.

Und stille wird ein jedes Haus;
die Alten in den Sesseln sinnen,
die Mütter sind wie Königinnen,
die Kinder wollen nicht beginnen
mit ihrem Spiel. Die Mägde spinnen
nicht mehr. Der Abend horcht nach innen,
und innen horchen sie hinaus.

(Rainer Maria Rilke, Der Abend kommt von weit gegangen, aus: Erste Gedichte/Gaben an verschiedene Freunde, Insel 1913, Online-Quelle)

 

Jed’ Zimmer wird abends zu einer Laterne

Jed’ Zimmer wird abends zu einer Laterne
Und beleuchtet grübelnd die Nacht und die Ferne.
Da sind Zimmer, in denen Weingläser lachen,
Zimmer, wo Gedanken sich zu Büchern machen,
Zimmer, wo Hände gerungen beten,
Zimmer, wo Füße das Leben zertreten.

Da leuchten Zimmer rot, als ob sie bluten,
Kahle, wo die Not pfeift mit eisigen Ruten,
Blaue, die unklar im Mondschein schweben,
Graue, die in Sack und Asche leben.

Still leuchten die Zimmerlaternen, die bunten,
Alle locken die Blicke herauf von unten;
Sie locken in des Lebens Gänge hinein,
Und alle wollen Bühnen zum Liebesspiel sein.

(Max Dauthendey, Jed’ Zimmer wird abends zu einer Laterne, aus: Der weiße Schlaf, in: Gesammelte Gedichte und kleinere Versdichtungen, Albert Langen, München 1930, S. 415)

 

Verschneite Kleinstadt | 365tageasatzadaQuelle: Pixabay

 

Es ist ein Kreuz mit dieser Jahreszeit, also dem Advent und den Tagen vor Weihnachten, gedichtetechnisch gesehen. Entweder ist die Welt in den Gedichten schon fast unerträglich heil, oder es liegt Schnee. Letzteres ändert sich vielleicht vor Weihnachten zwar noch und macht damit den Kitschanspruch perfekt, ersteres ist heutzutage viel zu oft einfach unrealistisch und befördert nur den Weihnachtskitsch. Klar, mag ich auch. Manchmal. Ich blicke schließlich auch auf viele Kinder-Kitsch-Weihnachten zurück. Ich versuche hier also einen Spagat, und weiß eigentlich jetzt schon, dass ich meinen eigenen Wünschen nicht gerecht werden werde: Ich hoffe, ihr mögt meine Auswahl trotzdem. Die Verklärung ist in den modernen Gedichten übrigens längst nicht mehr so – aber die darf ich nicht zitieren, da ich hier ja auf die geltenden Urheberrechte achte, und deren Verfasser in der Regel noch keine 70 Jahre tot sind. Ja, phhhhh, genau.

Das Bild zeigt laut der Stichworte bei Pixabay übrigens Schiltach im Schwarzwald.

Kommt gut in die neue Woche!

 

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16 Kommentare zu “Vom Dezember und Advent

  1. Morgän, liebe Christiane, ich mag deine Auswahl. Vor allem

    „Jed’ Zimmer wird abends zu einer Laterne“

    bringt es auf den Punkt … ich sag immer: dieses Schwarz das abends in unser Wohnzimmer „hinein leuchtet“. Kann schwarz leuchten? Ich finde ja. Von außen betrachtet wirken Fenster freundlicher und genau so: wie Laternen … mal gelb, mal rot, meistens heimelig.

    Schöne Woche! Herzlich. Petra

    Gefällt 3 Personen

    • Wie ich schrieb werden die Vorweihnachtsgedichte für mich eine Herausforderung, liebe Petra, weil irgendwas immer dabei ist, was mir nicht so gefällt. Ein „klassisches“ Advents-/Weihnachtsgedicht muss sein, bei dem Rest schaue ich, dass ich welche finde, die nicht so bekannt sind. Und Herr Dauthendey gehört bestimmt dazu.
      Und ja, auch Schwarz leuchtet. Ich habe das Gedicht vielleicht aus ähnlichen Gründen ausgewählt wie du …
      Liebe Grüße, auch dir eine gute Woche!
      Christiane

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  2. Mir gefällt auch das Storm-Gedicht. Sicher kein poetisches Meisterwerk, aber diese blöde verschämte Haltung des gutsituierten Bürgers, dessen Gewissen schlägt, weil er für seinen eigenen Nachwuchs befürchtet, was für andere längst Realität ist – die hat er gut eingefangen.

    Gefällt 4 Personen

    • Ging mir wie dir, liebe Gerda. Plus: Es ist 160 Jahre her, dass es entstand, und die Haltung sehe ich immer noch um mich herum. Es gibt viele unterschiedliche Welten in unserer Gesellschaft, und es kommt mir so vor, als wüssten die einen von der Lage, von den Sorgen und Nöten der anderen so wenig wie eh und je.
      Danke dir!
      Liebe Grüße
      Christiane

      Gefällt 3 Personen

    • 1852. Es gibt Armut, sie ist allgegenwärtiger und offensichtlicher als heute.
      Ich lese das Gedicht primär so, dass er an dem Kind vorbeigeht und hinterher denkt: „Was, wenn das mein Kind gewesen wäre?“
      Ein Aufruf (an wen?), sich der Realität zu stellen und hinzusehen? Das lesen wir heute raus, ich wäre mir für damalige Verhältnisse nicht sicher.
      Liebe Grüße
      Christiane

      Gefällt 1 Person

  3. Leider hat Storm immer noch nichts an Aktualität eingebüßt. Mir gefällt, dass deine Auswahl eben auch dieses gesellschaftskritische Gedicht beinhaltet.
    Theodor Storms Novelle „Viola tricolor“ ist übrigens der Grund, warum ich Viola genannt wurde… Ich freue mich immer, wenn ich über etwas von ihm stolpere.

    Gefällt 3 Personen

    • Ich kenne die Novelle nicht, ich muss mal auf die Suche gehen. Dagegen erinnere ich mich gut an meine erste Begegnung mit dem Schimmelreiter, den ich lesen durfte und nicht musste, und der mir daher sehr eindringlich in Erinnerung geblieben ist.
      Ich mag Storm. Kennst du Husum eigentlich?
      Liebe Grüße
      Christiane

      Gefällt 1 Person

  4. Es ist Theodor Storms Gedicht, das mich eindringlich berührt.
    Wir gehen vorüber und im Vorübergehen sind unsere Gedanken bei dem Kind von eben. Als wir uns endlich dazu aufraffen, zurückzugehen, weil die Not ihre Hände immer weiter zu uns streckte, da ist es zu spät…

    (Ich bin selbst schon weitergegangen, aber dann wieder zurück, weil ich mich meiner eigenen Hartherzigkeit schämte
    und einmal lief ich durch einige Straßen und suchte nach diesem eben noch bettelnden Mann, aber ich fand ihn nicht mehr…)

    Liebe abendliche Grüße von Bruni

    Gefällt 2 Personen

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