Von Dezember und Weihnachten

 

Advent

Es treibt der Wind im Winterwalde
die Flockenherde wie ein Hirt,
und manche Tanne ahnt, wie balde
sie fromm und lichterheilig wird,
und lauscht hinaus. Den weißen Wegen
streckt sie die Zweige hin – bereit,
und wehrt dem Wind und wächst entgegen
der einen Nacht der Herrlichkeit.

(Rainer Maria Rilke, Advent, aus: Erste Gedichte/Advent, Insel 1913, Online-Quelle)

 

Es gibt so wunderweiße Nächte

Es gibt so wunderweiße Nächte,
drin alle Dinge Silber sind.
Da schimmert mancher Stern so lind,
als ob er fromme Hirten brächte
uu einem neuen Jesuskind.

Weit wie mit dichtem Demantstaube
bestreut, erscheinen Flur und Flut,
und in die Herzen, traumgemut,
steigt ein kapellenloser Glaube,
der leise seine Wunder tut.

(Rainer Maria Rilke, Es gibt so wunderweiße Nächte, aus: Erste Gedichte/Traumgekrönt, Insel 1913, Online-Quelle)

 

Bürgerliches Weihnachtsidyll

Was bringt der Weihnachtsmann Emilien?
Ein Strauß von Rosmarin und Lilien.
Sie geht so fleißig auf den Strich.
O Tochter Zions, freue dich!

Doch sieh, was wird sie bleich wie Flieder?
Vom Himmel hoch, da komm ich nieder.
Die Mutter wandelt wie im Traum.
O Tannebaum! O Tannebaum!

O Kind, was hast du da gemacht?
Stille Nacht, heilige Nacht.
Leis hat sie ihr ins Ohr gesungen:
Mama, es ist ein Reis entsprungen!
Papa haut ihr die Fresse breit.
O du selige Weihnachtszeit!

(Klabund, Bürgerliches Weihnachtsidyll,  aus: Die Harfenjule, 1927, Online-Quelle)

 

Und kämest Du wieder

Und kämest Du wieder,
Kleinbübelig, arm und gerade so
Landfahrender Leute Kind im Stroh
Wie in jener alten, blitzenden Nacht,
Und es nähm’ Dich ein Geißlein zuerst in acht,
Dann ein Melkbub und dann eine Hirtenmagd,
Und es hält’ in der großen, allweisen Stadt
Ein Senne, der Milch zu vertragen hat,
Dein erstes Grüßchen angesagt;
Meinst Du nicht, es klänge im alten Ton:
„Das ist ja doch nur des Zimmermanns Sohn!“

Und kämest Du wieder,
In den Zeitungen wär’ beim Vermischten zu lesen:
„Eine Frau ist von einem Knäblein genesen,
Das munter wie alle Bübchen ist;
Sie aber nennen es den Heiligen Christ!“ –
Und von hoher Kanzel würd’ heilig gewarnt:
„Passet auf, dass der Schwindel euch nicht umgarnt!“
Und von der obersten Polizei
Kämen sicher schnauzwirbelnde zwei oder drei
Und schnarrten: „Auf ollerhöchsten Befehl
Muss Euer Junge in Staatskuratel.“ –

Und kämest Du wieder,
Die da sitzen in Gold und Kranz und Schrift,
Die Dein Pochen um Einlass am lautesten trifft,
Sie stopften die Ohren, sie brüllten Dich nieder,
Besudelten, schlügen Dich, kreuzigten wieder

Und stemmten sich hart aufs versiegelte Grab,
Und nur ein paar Fischer, ein paar Fabrikler,
Verschupfte und Sieche und Straßenpickler
Und die Kinder auch knieten vor Dir ab.
Doch die übrige Welt würd’ nicht reiner und runder
Durch tausend Jahre und tausend Wunder.

Und kämest Du wieder!
Doch Du hast an der einen Weihnacht genug,
An einem Kreuz, woran man Dich schlug.
Man hat Dich gesehen und gehört und gesuhlt
Wie eine Sonne, die brennt, wie ein Meer, das kühlt.
Und es funkelt davon und kühlet noch immer
Durch alle vielwinkligen Erdenzimmer,
So das nur die wollenden Tauben und Blinden
Deine seligen Spuren noch heute nicht finden.
Sie sind kein zweites Christkind wert.
Ihr Los ist Christus mit dem Schwert.

(Heinrich Federer, Und kämest du wieder, aus: Ich lösche das Licht, 1930, Online-Quelle)

 

Krippenfigur Christkind | 365tageasatzadayQuelle: Pixabay

 

Auf zum (vorweihnachtlichen) Endspurt?! Kommt gut in und durch die neue Woche!

 

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17 Kommentare zu “Von Dezember und Weihnachten

    • Ich versuche das erste Mal konsequent, beide Seiten von Weihnachten zu beleuchten: die heitere, oft kitschige (Kinder-) Weihnacht, und die andere, Düstere, die es immer gab und die nie gern gesehen wird. Daher der kühne Brückenschlag. Freut mich, wenn du ihn zu schätzen weißt!
      Liebe Grüße
      Christiane

      Gefällt 2 Personen

  1. Liebe Christiane, diese wundervollen Gedichte bringen alles zum Leuchten, was an Sehnsucht in mir ist, erstaunlich, wie wenig von all dem materiellem Kram man doch braucht, um dieses Weihnachten im Herzen zu spüren, eigentlich genügen schon ein paar Worte von jemandem, der wohl ähnlich spürte und natürlich gehört ein Mensch dazu, der sie mit liebevoller Hand und innerer Freude aussucht und weiterleitet …ich liebe Weihnachten, darf ich das überhaupt noch sagen? Das Weihnachten der leisen Worte und der inneren Freude, ja! Hab vielen Dank, ich schwebe zu meinen Tannenzweigen und raschelnden Papieren und rolle Marzipankartoffeln, die hoffentlich längere Reisen überstehen … pssssssst … leise, nichts sagen, bald ist Weihnachten, Du Liebe!
    Viele Schneegrüße!

    Gefällt 2 Personen

    • Weißt du, Grete, gestern habe ich einen Satz über Weihnachten gehört, der ging mir sofort ein: Ohne Liebe ist es nur ein Fest. Und ich finde, das sagt eigentlich alles, was man dazu sagen und wissen muss.
      Sei umarmt aus dem schneefreien Norden, alles Liebe
      Christiane

      Gefällt 1 Person

    • Wir tun gern so, als ob es die jeweils andere Seite nicht gäbe, warum auch immer, und die Gründe mögen sogar gut und nachvollziehbar sein. Trotzdem ist die Spanne unserer Leben sehr breit, und wenn es Gedichte gibt, die das abbilden (und die ich zitieren darf), dann will ich das gern tun.
      Freut mich, dass du meine Auswahl magst!
      Liebe Grüße
      Christiane

      Gefällt 1 Person

  2. Diese feinen silbrig schimmernden Nächte, diese wohlfeinen Tannenbäume, das war einmal und manchmal, ja, da schimmern noch Winternächte silbern und still, nur nicht unbedingt dann, wenn mensch will.
    Der Herr Klabund hat hinter die Gardinen geschaut, da ist nix schön und heilig – und wenn Jesus wiederkäme, ja, man würde ihn wohl wieder meucheln oder wegsperren, das denke ich auch oft, wenn ich über diverse Leben von Yogis lese …
    danke für diese vielen Facetten!
    Dir eine schöne Woche, ich hoffe du hustetest nicht mehr,
    herzliche Grüße
    Ulli

    Gefällt 3 Personen

    • Ha! Der Husten hat sich wohl vor dem nicht nur prophylaktisch getrunkenen Hustentee so gegraust, dass er freiwillig den Rückzug angetreten hat, jedenfalls scheint es momentan so. Vermutlich sollte ich nicht zu übermütig werden *klopf auf Holz*, aber ja, danke, mir geht es wieder gut.
      Bei Klabund habe ich erst mal trocken geschluckt, muss ich zugeben. Aber er ist immer noch nicht unrealistisch … und das ist der eigentliche Jammer.
      Herzliches in den Süden
      Christiane, ohne Schneeeeeee

      Gefällt 1 Person

      • Kleine Tröstung am Rande, wir hier, auf 700m Höhe: kein Schnee, nur Flocken und Matsch, aber irgendwie auch schön :) auf so herrlich quatschenden Matsch könnte ich gerade ein Loblied singen und wann hatten wir den auch zum letzten Mal?!

        Klabund … ja, Themenwechsel … 1927 hat er die „Hafenjule“ geschrieben, 1928 hatte Brechts Dreigroschenoper ihre Uraufführung, Zu dieser Zeit waren auch Otto Dix und Zille aktiv – ihnen alle ging es ums Milieu – und dieses Milieu, was mancheiner vielleicht rückblickend romantisiert, muss aber, wenn er/sie ehrlich ist gestehen, dass es das nie war und auch heute nicht ist. Hart und nicht herzlich und in Ausnahmen auch herzlich.

        Gefällt 1 Person

  3. Rilke schön und lieb und wundervoll poetisch und dann Klabund, der ins Volk schaute, in die Abgründe, die so gerne versteckt werden und doch so offen liegen
    und dann dann Herr Federer mit der Wahrheit, vor der wir so gerne die Augen verschließen
    *Doch die übrige Welt würd’ nicht reiner und runder
    Durch tausend Jahre und tausend Wunder.*

    Eine tolle ausgewogene Auswahl, liebe Christiane
    Liebe Grüße von Bruni

    Gefällt 3 Personen

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