Vom Winter und dem Kummer

 

Das Dunkel geht nicht aus den Dingen heraus

Ein früher Abend schleicht im Haus herum,
Er löscht die Farbe deiner Wangen aus
Und hängt dir seine Blässe um.

Maibäume stehen im Regen gebückt,
Die Berge dampfend voll Wolken wehen,
Deine Brust ist dumpf wie der Abend bedrückt.

Das Dunkel geht nicht aus den Dingen heraus,
Dein Gesicht allein leuchtet weiß hinaus
Und sieht starr wie die Maske des Kummers aus.

(Max Dauthendey, Das Dunkel geht nicht aus den Dingen heraus, aus: Lusamgärtlein, in: Gesammelte Gedichte und kleinere Versdichtungen, Albert Langen, München 1930, S. 263)

 

Nicht alle Schmerzen sind heilbar

Nicht alle Schmerzen sind heilbar, denn manche schleichen
Sich tiefer und tiefer ins Herz hinein,
Und während Tage und Jahre verstreichen,
Werden sie Stein.

Du sprichst und lachst, wie wenn nichts wäre,
Sie scheinen zerronnen wie Schaum.
Doch du spürst ihre lastende Schwere
Bis in den Traum.

Der Frühling kommt wieder mit Wärme und Helle,
Die Welt wird ein Blütenmeer.
Aber in meinem Herzen ist eine Stelle,
Da blüht nichts mehr.

(Ricarda Huch, Nicht alle Schmerzen sind heilbar, aus: Herbstfeuer. Gedichte, Insel Verlag zu Leipzig 1944, Quelle)

 

Ich liebe meines Wesens Dunkelstunden,
in welchen meine Sinne sich vertiefen;
in ihnen hab ich, wie in alten Briefen,
mein täglich Leben schon gelebt gefunden
und wie Legende weit und überwunden.

Aus ihnen kommt mir Wissen, daß ich Raum
zu einem zweiten zeitlos breiten Leben habe.
Und manchmal bin ich wie der Baum,
der, reif und rauschend, über einem Grabe
den Traum erfüllt, den der vergangne Knabe
(um den sich seine warmen Wurzeln drängen)
verlor in Traurigkeiten und Gesängen.

(Rainer Maria Rilke, Ich liebe meines Wesens Dunkelstunden, 1899, in: Das Buch vom mönchischen Leben, aus: Das Stundenbuch, Online-Quelle)

 

Steinlöwe | 365tageasatzadayQuelle: Pixabay

 

Ja, ich weiß, dass es noch nicht Mai ist. Kommt dennoch gut in die neue Woche!

 

Die Doku | abc.etüden

Sie starrt auf den Fernseher.

Seidig waren seine Lippen gewesen und wohlschmeckend seine Küsse, auch wenn sie immer nur gehört hatte, dass man das von Frauen sagte, und er ein Schrank von einem Kerl war.

Sie starrt auf den Fernseher.

Was waren das für gute Zeiten gewesen, als er manchmal abends bei ihr vorbeikam und vom Türken Essen mitbrachte, so viel Fleisch, dass sie es zum Aufbewahren in die Salatschüssel schütteten, weil die Teller schon überliefen. Jeder Abend ein Fest, jede Nacht auch.

Alkohol hatte bei ihm immer eine Rolle gespielt, aber nicht, wenn sie zusammen waren. Er geht halt gern auf den Kiez feiern, hatte sie gedacht. Braucht seine Freiheit, um bei dem stressigen Job Dampf abzulassen.
Bis ihr auffiel, dass es jedes Wochenende war, dass ihn nichts mehr zu Hause hielt. Auch sie nicht.

Okay, der Job in der Finanzberatung war anspruchsvoll und aufreibend. Sie hatte ihn häufig gewarnt, dass er sich nicht übernehmen solle, brillanter Intellekt hin oder her. Es war verlockend, sich zu viel aufzuladen, und die Verdienstmöglichkeiten waren richtig gut.
Bis ihr auffiel, dass er abends am Telefon immer öfter streitsüchtig wurde. Nein, er habe nicht getrunken. Nein, er habe keine Probleme, er doch nicht. Nein, er habe alles unter Kontrolle. Glaub mir, Schatz.

Sie starrt auf den Fernseher.

Bis zu dem Tag, als er anrief und sie informierte, dass sie sich erst mal nicht mehr sehen würden. Er müsse sein Leben auf die Reihe bringen. Er liebe sie. Sie solle nicht auf ihn warten, sie habe was Besseres verdient.

Sie starrt auf den Fernseher, wo eine Doku über „die härteste Kiez-Kneipe“ läuft. An der Bar hockt einer der Abgestürzten hinter seinem Bier und lächelt breit. Einer, für den das sein „Wohnzimmer“ ist. Einer, den sie kennt.

Sie schaltet ab und sitzt da wie betäubt.

 

Etüden 2019 04+05 | 365tageasatzadayQuelle: Pixabay, Bearbeitung von mir

 

Für die abc.etüden, Woche 04/5.2019: 3 Begriffe, maximal 300 Wörter. Die Worte stammen dieses Mal von Myriade und lauten: Salatschüssel, seidig, übernehmen.

Äh, ja, es gibt die Doku. Sie lief gestern Abend und heute Morgen im NDR-Fernsehen und heißt: „Hamburgs härteste Kiezkneipe – Wo die Nacht nie endet“ (Link zur NDR-Seite, gestern konnte man dort die Doku online aufrufen). Die Kneipe ist der „Elbschlosskeller“, schräg gegenüber vom „Goldenen Handschuh“. Ein Ort der Kontraste, freundlich gesagt, ich war vor ein paar Jahren öfter mal da. Kein einfacher Ort.

Typisch. So hübsche Illus, und mir fällt prompt was ein, was irgendwie zu keiner passt.

 

Teilen Sie das bitte!

 

Plakat zur Demo am 24.1.2019 in Saarbrücken. Bild: AbilityWatch

 

„Teilen Sie das bitte!“, fordert uns die dergl in mehr als einem Beitrag in den letzten Tagen auf. Es geht um nichts weniger als das Recht, als Behinderter einigermaßen selbstbestimmt zu leben, was jenem Behinderten, sein Name ist Markus Igel, systematisch abgesprochen wird. Daher gibt es jetzt gerade viel Lärm, denn wenn man bei ihm damit durchkommt, wird das möglicherweise Vorbildfunktion haben.
dergls Erklärungen finden sich hier.

Alles nicht meine Baustelle, werden jetzt viele von euch denken. Nein, meine auch nicht, ich habe in den letzten Tagen versucht nachzuzählen, wie viele Behinderte ich eigentlich kenne, mit denen ich auch schon mal gesprochen habe (das hört sich schlimmer an, als es ist, gemeint ist, dass man/ich Gelegenheit und Möglichkeit habe, mit dem*derjenigen zu sprechen). Einen. Rollifahrer, lebt (hoffentlich immer noch) selbstständig (ich weiß nicht, wo), studierter Sozpäd oder so. In dem Zusammenhang, in dem wir uns begegnet sind, war die Behinderung kein Thema, und ich habe keinen Kontakt zu ihm.

Nein, nicht meine Baustelle. Aber was ist, wenn mir morgen der berühmte Ziegelstein auf den Kopf fällt, ich mit der Karre einen Unfall baue und alles ganz doof läuft? Dann kann es sein, dass Schluss ist mit dem selbstbestimmten Leben, dann sitze ich in irgendeinem Heim fest und langweile mich vermutlich zu Tode. Was mir im Alter eh blühen kann, aus Mangel an vertrauten Personen und/oder Geld. Jede*r denkt, dass dann schon gut für einen gesorgt wird und steckt den Kopf in den Sand. Ich auch.

Gleichzeitig kennt aber jede*r die Berichte über Leute in der Pflege, die sich schier totarbeiten für wenig Geld, weil an allen Ecken und Enden Kosten gesenkt, rationalisiert und gespart werden.
Macht die Augen auf, Leute. Das könnten wir alle sein, um die es geht. Wer in unserem Staat von der Wohltätigkeit und der Willkür des Staates abhängig ist, dem geht es nicht mehr gut, der Sozialstaat baut sich seit spätestens der Kohl-Regierung massiv um, und nicht zum Wohl derer, die eh schon wenig haben. Es gibt diesen Spruch, dass man den Charakter von Menschen daran erkennt, wie sie mit denjenigen umgehen, die nichts für sie tun können. Da ist was dran.

Nicht meine Baustelle, immer noch nicht? Aber was ist dieses ganze Internet-Gedöns von Bloghausen und der großen Internetfamilie denn wert, wenn ich nicht mal der Bitte von jemandem wie der dergl nachkomme, die in dem Thema drinsteckt wie keine andere, weil sie selbst betroffen und auch schon deswegen scheißgut informiert ist? Das kann ich eigentlich nicht vor mir selbst vertreten.

Daher: Geht auf diese Demo, wenn ihr könnt. Lest zum Thema „Markus Igel“ bei den kobinet-Nachrichten, zum Beispiel hier: Das Behörden-Drama um Markus Igel (in dem Artikel gibt es auch Links zur Petition und zum Fundraising).

Zu den Berichten zur Situation Behinderter, denen man nun wirklich nicht vorwerfen kann, einseitig zu sein, gehört auch der über den Fall Nenad, der zu Unrecht 11 Jahre lange eine Förderschule für Geistige Entwicklung zu besuchen hatte, obwohl er gar nicht geistig behindert war. Einzelfall? Darüber kann man streiten. Überprüft eure Meinung und fangt hier mit Gucken an:

Ein Schüler verklagt den Staat – Nenad und das Recht auf Bildung (WDR-Mediathek, noch bis 14.11.19)

Und, last but not least, eine Doku zum Thema Inklusion: Das Märchen von der Inklusion, ARD-Mediathek, noch bis 21.01.20.

Wem das immer noch nicht genug Links sind, der lese bitte diese Etüde von dergl (Für die Etüden: Paul B.), auch wegen der ergänzenden Links in den Kommentaren.

Nein, das ist nicht lustig. Alles nicht.

 

Vom Winter und dem Schnee (1)

 

Eisnacht

Wie in Seide ein Königskind
schläft die Erde in lauter Schnee,
blauer Mondscheinzauber spinnt
schimmernd über der See.

Aus den Wassern der Rauhreif steigt,
Büsche und Bäume atmen kaum:
durch die Nacht, die erschauernd schweigt,
schreitet ein glitzernder Traum.

(Clara Müller-Jahnke, Eisnacht, in: Heimatklänge, aus: Mit roten Kressen, Online-Quelle)

 

Im Schneegestöber

Schneewehen! Verdrossenen Blickes seht ihr nur Flocken;
aber meine Augen werden groß und frohlocken:
Rudel milchweißer Pferde —
Mit wehendem Schweif und wallender Mähne,
die elfenbeinernen Zähne
bleckend zum Freudengeschrei,
jagen sie, rasen sie über die Erde.
Stiebend! Vorbei!

(Fridolin Hofer, Im Schneegestöber, aus: Von Früchten zu Flocken, 1924, Online-Quelle)

 

Jetzt muß sich im Himmel die Schneemühle drehn

Jetzt muß sich im Himmel die Schneemühle drehn,
Muß Eis und Gedanken zur Erde wehn;
Jetzt müssen sich Erde, Luft, Wasser vermummen,
Nur das Feuer allein wird niemals verstummen,
Das Feuer, das Tage und Nächte durch schwält
Und mit glühender Geste von der Liebe erzählt.

(Max Dauthendey, Jetzt muß sich im Himmel die Schneemühle drehn, in: Der brennende Kalender, 1905, aus: Gesammelte Gedichte und kleinere Versdichtungen, Albert Langen, München 1930, S. 223)

 

Quelle: ichmeinerselbst ;-)

 

Sollte irgendwem die Location aus einem meiner vorherigen Beiträge bekannt vorkommen – äh, ja. Die Bilder sind von gestern (Sonntag.)

Ich will Schneemassen, die ein riesiges Problem sein können, nicht romantisieren. Aber ich möchte gern dazu beitragen, dass die Schönheit, die auch im Schneesturm, im Frost, in der Kälte liegt, gesehen wird, wo schon so viele wieder nach dem Frühling jammern.
Kommt erst mal gut durch den Winter, kommt gut in die neue Woche!

 

Schreibeinladung für die Textwochen 04.05.19 | Wortspende von Myriade

Bettina, deine Wörter sind entthront! Liebe Etüdenfans, -schreiber*innen und -leser*innen, ich vermelde hiermit leicht fassungslos und höchst gebauchklatscht eine neue Rekordbeteiligung. Ich kann nicht verhehlen, dass es mich ebenfalls sehr freut, dass ausgerechnet die Begriffe des hochgeschätzten Etüdenerfinders viele von euch so sehr animiert haben, dass die Etüden nur so hereingeflossen sind … ICH FINDE DAS GROSSARTIG! Ludwig, an dieser Stelle auch von mir noch mal vielen Dank.

Also, die Statistik. Haltet euch fest, wir haben 26 teilnehmende Blogs und 50 (FÜNFZIG) Etüden! (Ja, heute früh waren es noch weniger, ich habe bei der Liste gepennt. Verdammt. Entschuldigung.)
Das ist sehr viel! Vielen Dank an euch!
Natürlich haben nicht alle Blogs zwei Etüden abgeliefert, so einfach ging das hier noch nie. M.mama und Werner Kastens führen wieder mit jeweils unglaublichen 6 (sechs!) Etüden. Drei neue Blogs sind dabei: Die Kellerbande, worteausdemwunderland und Katha kritzelt. Wieder mal vorbeigeschaut nach längerer Etüden-Abstinenz haben Carmen und der Stepnwolf.

Okay, die Liste. Wie immer, checkt bitte, ob alles mit euren Links okay ist, und falls jemand fehlt oder sonst was falsch ist, dann brüllt!

dergl auf Die Tintenkleckse sehen aus wie Vögel: hier und hier und hier
Myriade auf la parole a été donnée à l´homme pour cacher sa pensée: hier, hier und hier
Miki auf Miki: hier
Werner Kastens auf Mit Worten Gedanken horten: hier, hier, hier, hier, hier und hier
Bernd auf Red Skies over Paradise: hier und hier
Carmen aus der Wortwabe: hier, hier und hier
Resi Stenz auf Resi Stenz: hier, hier und hier
Die Hummel im Hummelweb: hier
Anna-Lena auf Meine literarische Visitenkarte: hier und hier
Sabine auf Wortgeflumselkritzelkram: hier, hier, hier und hier
Natalie im Fundevogelnest: hier
Ulli aus dem Café Weltenall: hier
LadyAngeli auf Mein Leben ist bunt: hier
Gerda auf GERDA KAZAKOU: hier
Viola auf viola-et-cetera: hier
m.mama auf Mein Name sei MAMA: hier, hier, hier, hier, hier und hier
Anja auf Die Kellerbande: hier
Stepnwolf auf Weltall. Erde. Mensch…und Ich: hier
Meine (Christiane) auf Irgendwas ist immer: hier und hier
Frau Vro auf vro jongliert: hier
Alice auf worteausdemwunderland: hier
Petra auf Wesentlich werden: hier
Agnes auf Agnes Podczeck: hier
René auf From a friend of Friends or How Überweiss changed my life: hier
Katharina auf Katha kritzelt: hier
Nina vom Bodenlosz-Archiv: hier

Vielen Dank auch an alle, die gelesen, gelikt und kommentiert haben!

Die Wörter für die Textwochen 04/05 des Schreibjahres 2019 kommen aus Wien, und zwar von Myriade und ihrem Blog la parole a été donnée à l´homme pour cacher sa pensée. Bin mal sehr gespannt, wie sie sich schlagen.
Die neuen Begriffe lauten:

Salatschüssel
seidig
übernehmen.

 

Der Etüden-Disclaimer: Die Headline heißt: 3 Begriffe in maximal 300 Wörtern.
Eure Beiträge verlinkt ihr bitte wie gewohnt hierhin und/oder (am besten „und“) postet den Link unten in einen Kommentar (oder gleich die ganze Etüde, wenn ihr keinen Blog habt oder es bei euch nicht passt), damit eure Etüden auch ganz sicher von mir und von allen, die es interessiert, gelesen werden können. Wen ich nicht in den Kommentaren/Pings der Schreibeinladung finden kann (das ist hier), der kommt nicht auf die nächste Liste, das wäre doch schade, oder?
Die Illustrationen unterliegen nach wie vor meinem Copyright.
Wie immer behalte ich mir vor, Kommentare zu moderieren, wenn nötig.

Noch Fragen zu den Etüden? Hier habe ich das Kleingedruckte zusammengetragen.

Die nächsten (regulären) Wörter gibt es am 03. Februar 2019. Meine Güte, die Zeit vergeht schnell. Euch viel Spaß und gute Ideen!

 

Etüden 2019 04+05 | 365tageasatzaday

 

Etüden 2019 04+05 | 365tageasatzadayQuelle: Pixabay, hier und hier, Bearbeitung von mir

 

Ich weiß gar nicht, was ihr habt | abc.etüden

Für ihn zählten materielle Werte, makellos, funkelnd und teuer. Die Frau, die Kinder, alles selbstverständlich perfekt, und falls nicht, dann besaßen sie immer noch am meisten, das reichte, damit alle anderen die Klappe hielten. Gut war nie gut genug, das Bessere ist der Feind des Guten, nicht? Highspeedleben am Limit. Die Zufriedenheit endete, wenn die Nachbarn, die sogenannten Freunde oder jemand aus der Verwandtschaft sich etwas leisten konnten, was ihn überstrahlte.

Abfallglück, das war das, was abfiel, das, was man geschenkt bekam. Zweitrangig, wie Gefühlsduseleien, Katzenvideos oder Regenbögen. Keine Zeit. Damit gab er sich nicht ab.

Oh ja, er arbeitete besessen, mit seinen eigenen Händen, war clever und nicht gerade unschuldig, riskierte so einiges. Und ebenso besessen warf er das Geld zum Fenster des neu erbauten Hauses hinaus. Mal eben mit der Familie in Urlaub, der Welt zeigen, dass man es konnte. Safari in Südafrika, Kreuzfahrt in der Südsee. Firmenpartys mit und ohne Drogen. Keine Weiber, dafür war er nicht der Typ. Aber einige ältere Kollegen hatten schon ihren Führerschein eingebüßt, die Gelage an Freitagabenden waren legendär – und er war keiner, der das Taxi nach Hause zahlte.

Anfangs hatte sie Angst gehabt, dass ihr Verfallsdatum bald überschritten sei und er sie entsorgen würde. Man hörte ja so viel. Aber nachdem er und sein Steuerberater immer wieder Papiere mitbrachten und zu ihr „Hier, unterschreib!“ sagten, begriff sie, dass sie doch wohl ein geschätzter Aktivposten in seinem Leben war und bleiben würde. Seine Firmen, erklärte man ihr, liefen auf ihren Namen. Nicht dass es sie interessiert hätte, sie vertraute ihm blind, außerdem war es bequemer.

Pfandflaschen zurückbringen, Essen aufwärmen? Wir haben das nicht nötig. Für den Preis seines Autos kauften andere Familien Wohnungen. Empathie, soziale Verantwortung? Nicht in diesem Haus. Armut, Ungerechtigkeit, soziale Kälte? Echt, ich weiß nicht, was ihr habt.

 

2019 02+03 | 365tageasatzadayQuelle: Pixabay, Bearbeitung von mir

 

Für die abc.etüden, Woche 02/3.2019: 3 Begriffe, maximal 300 Wörter. Die Worte stammen dieses Mal von Ludwig, dem Etüdenerfinder, und lauten: Abfallglück, Verfallsdatum, unschuldig.

Ich bin solchen Leuten schon begegnet, aber sie sind mir so fremd …

 

Von den Fragen

 

Laß die heil’gen Parabolen

Laß die heil’gen Parabolen,
Laß die frommen Hypothesen –
Suche die verdammten Fragen
Ohne Umschweif uns zu lösen.

Warum schleppt sich blutend, elend,
Unter Kreuzlast der Gerechte,
Während glücklich als ein Sieger
Trabt auf hohem Roß der Schlechte?

Woran liegt die Schuld? Ist etwa
Unser Herr nicht ganz allmächtig?
Oder treibt er selbst den Unfug?
Ach, das wäre niederträchtig.

Also fragen wir beständig,
Bis man uns mit einer Handvoll
Erde endlich stopft die Mäuler –
Aber ist das eine Antwort?

Heinrich Heine, Laß die heil’gen Parabolen, in: Gedichte 1853 und 1854. VIII. Zum Lazarus, aus: Vermischte Schriften, Online-Quelle)

 

Zufall und Wesen

Mensch, werde wesentlich; denn wenn die Welt vergeht
So fällt der Zufall weg, das Wesen, das besteht.

(Angelus Silesius (Johannes Scheffler), Zufall und Wesen, aus: Der Cherubinische Wandersmann, Buch II, Vers 30, 1657, Online-Quelle)

 

Der Spruch

In einem alten Buche stieß ich auf ein Wort,
Das traf mich wie ein Schlag und brennt durch meine Tage fort:
Und wenn ich mich an trübe Lust vergebe,
Schein, Lug und Spiel zu mir anstatt des Wesens hebe,
Wenn ich gefällig mich mit raschem Sinn belüge,
Als wäre Dunkles klar, als wenn nicht Leben tausend wild verschlossne Tore trüge,
Und Worte wiederspreche, deren Weite nie ich ausgefühlt,
Und Dinge fasse, deren Sein mich niemals aufgewühlt,
Wenn mich willkommner Traum mit Sammethänden streicht,
Und Tag und Wirklichkeit von mir entweicht,
Der Welt entfremdet, fremd dem tiefsten Ich,
Dann steht das Wort mir auf: Mensch, werde wesentlich!

(Ernst Stadler, Der Spruch, aus: Der Aufbruch, 1914, Online-Quelle)

 

Schmetterling | 365tageasatzadayQuelle: Pixabay

 

Kommt gut in die neue Woche!

 

Schock | abc.etüden

Verdammt! Sie hätte schreien mögen und verhinderte nur mit Mühe, dass sie komplett ausrastete. So unschuldig und dumm konnte man doch gar nicht sein!
Ihr Gefühl von Vertrauen in die Menschheit hatte jedenfalls heute sein Verfallsdatum überschritten: Sie war bestohlen worden. Ein Tramper, den sie ein Stück mitgenommen hatte, hatte es geschafft, ihr unbemerkt aus der auf den Rücksitz hingeschleuderten Handtasche die Brieftasche zu zocken. Irrtum ausgeschlossen. Sie hatte es ein paar Raststätten später bemerkt.

Geld.
Karten.
Papiere.

Irgendwie ihre Existenz. Weg.

Sie beschimpfte sich für ihre Naivität und konnte die Tränen nicht unterdrücken. Man hatte sie wirklich und wahrhaftig beklaut! Sie, die Freundliche, sie, die nie jemandem etwas tat. Ihre Welt brach zusammen.
Die Menschen waren doch schlecht!

Zu Hause angekommen fuhr sie zur Polizei und erstattete Anzeige gegen unbekannt. Danach war der Abend für sie gelaufen. Daran, alles sperren zu lassen, dachte sie nicht.

Trotz ihres desolaten Zustandes schlief sie irgendwann ein. Sie albträumte natürlich fürchterlich und schreckte immer wieder hoch. Bis sie in einen merkwürdigen Traum rutschte …

Ein schwarzer Hund auf einem Rastplatz, der emsig am Rand unter Büschen und Bänken herumschnoberte. Herrchen fand, dass sein Hund sich beeilen solle. „Komm, nun lass das doch, das ist doch nur Abfall, was hast du denn da schon wieder? Zeig mal her, oh, das ist ja eine Brieftasche! Da ist ja was drin! Guter Junge! Komm mit, das müssen wir melden, die geben wir am besten ab.“

Ein Anruf von der Raststätte am nächsten Mittag. Ein Hundehalter habe ihre Brieftasche gefunden und abgegeben. Mühsam erinnerte sie sich an ihren Traum.
Abfallglück!
Die Menschen waren doch gut!

Am Nachmittag hielt sie ihre Brieftasche wieder in der Hand. Alles war da. Fast. Später erfuhr sie von drei erfolglosen Zugriffsversuchen auf ihr Konto.
Nur Bargeld und Dieb blieben verschwunden.

 

2019 02+03 | 365tageasatzadayQuelle: Pixabay, Bearbeitung von mir

 

Für die abc.etüden, Woche 02/03.2019: 3 Begriffe, maximal 300 Wörter. Die Worte stammen dieses Mal von Ludwig Zeidler und lauten: Abfallglück, Verfallsdatum, unschuldig.

Ja, diese Etüde hat einen autobiografischen Kern, und witzigerweise, wie ich finde, ist es das, was am unwahrscheinlichsten erscheint. Viel wichtiger ist aber, dass es passierte, bevor wir alle mit Handys herumliefen, und ich mochte das nicht modernisieren.
Sollte also jemand denken: „Warum hat sie denn nicht …?“, liegt es vermutlich daran.

 

Vom Winter und dem neuen Jahr

 

DER LETZTE TAG DES VERGANGNEN JAHRS

Ich ging auf Abenteuer
Durch finsteres Gassengewirr.
Ein Fenster in schiefem Gemäuer.
Inseits ein leises Geklirr
Und ein kleines, bläuliches Feuer. –
Durchaus ganz geheuer:
Feuerzangen
Bowle. Bin weitergegangen.

Das Eckhaus ist ein Bordell,
Die ganze Stadt weiß es.
Ich ging ganz langsam, nicht schnell,
Wegen des Glatteises
Hin und hinein.
Da saß unterm Christbaum allein
Ein magerer Zuhälter.
Er konnte siebzig, auch älter,
Er konnte auch Lebegreis sein.

Wir wechselten falsche Namen,
Und weil gar keine Damen
Da waren, sangen wir traurig ein Lied,
Seltsam war die Stimme des Greises.
Ich schied,
Schlich langsam wegen des Glatteises.
Das glättste von allen Wintern,
Die je ich erlebt.
Kein Sand gestreut.
Man geht – sitzt auf dem Hintern,
Hat nichts gebrochen – erhebt
Sich wieder – und sitzt erneut.

Quer übern Weg plötzlich lief
Eine Katze. Also: ich trat
Schnell drei Schritt zurück. Da rief
Hinter mir „Au!“ ein Marinesoldat.

Wir gestanden als Wasserratten,
Was wir zuvor schon getrunken hatten.
Wir haben uns an-ahoit.
Kein Sand war gestreut.
Wir lagen. – Was soll ich lange noch sagen –
Liefen, lagen, liefen –.

Und riefen
Die Damen herunter, wollten was tun,
Wildes, wie Stierkampf oder Taifun.
Doch wir entschliefen
Ohne Weiber unter dem Baum.
Der Lebezuhälter
Pfiff rückwärts im Traum.

Der nächste Tag war viel kälter.

(Joachim Ringelnatz, Der letzte Tag des vergangnen Jahrs, aus: Flugzeuggedanken, Berlin 1929, Online-Quelle)

 

Winterschlaf

Indem man sich nunmehr zum Winter wendet,
Hat es der Dichter schwer,
Der Sommer ist geendet,
Und eine Blume wächst nicht mehr.

Was soll man da besingen?
Die meisten Requisiten sind vereist.
Man muß schon in die eigene Seele dringen
– Jedoch, da haperts meist.

Man sitzt besorgt auf seinen Hintern,
Man sinnt und sitzt sich seine Hose durch,
– Da hilft das eben nichts, da muß man eben überwintern
Wie Frosch und Lurch.

(Klabund (Albert Henschke), Winterschlaf, aus: Die Harfenjule, Berlin 1927, S. 25, Online-Quelle)

 

Ein großer Teich war zugefroren

Ein großer Teich war zugefroren,
Die Fröschlein, in der Tiefe verloren,
Durften nicht ferner quaken noch springen,
Versprachen sich aber im halben Traum,
Fänden sie nur da oben Raum,
Wie Nachtigallen wollten sie singen.
Der Tauwind kam, das Eis zerschmolz,
Nun ruderten sie und landeten stolz
Und saßen am Ufer weit und breit
Und quakten wie vor alter Zeit.

(Johann Wolfgang von Goethe, Ein großer Teich war zugefroren (Die Frösche), aus: Parabolisch [1], in: Gedichte. Ausgabe letzter Hand. 1827, Online-Quelle)

 

Eis | 365tageasatzadayQuelle: Pixabay

 

Kommt gut in die neue Woche, mit Winter oder ohne!

 

Alltag | Januar

Eine feine Idee: Ulli ruft dazu auf, Einblicke in unseren Alltag zu zeigen. Sie lädt ein, „… einmal im Monat, ein Jahr lang, jeweils zum ersten Wochenende eines Monats, ein Bild, einen Text, ein Musikstück mit dem Thema „Alltag“ vorzustellen“, oder besser, aus unseren „Alle-Tagen“.

 

Quelle: Ulli Gau

 

„Alle Tage“, das ist dann auch mein Stichwort. Abgesehen davon, dass ich den Weg nicht „alle Tage“ gehe, und schon gar nicht zur gleichen Uhrzeit, möchte ich euch einen Ausblick vorstellen. Ich zücke jedes Mal, JEDES MAL, wenn ich dort vorbeikomme, mein Handy. Das geschieht oft genug, um ein Jahr (= ein Bild pro Monat) damit füllen zu können, und nein, ich habe mir kein Kreuz auf den Boden gemalt, dass ich immer an der gleichen Stelle stehe, daher gibt es schon gewisse Abweichungen, wenn man genau hinschaut …
Und auch ja, ich habe den Tagen mit dem abwechslungsreicheren (= mit Wolken) Himmel den Vorzug gegeben – dieser strahlend blaue Himmel nervt mich a) sowieso, b) kann die Handy-Cam damit nicht so gut (oder ich); diesen gleißenden Eindruck, wenn die Sonne auf einen knallt und man nicht im Schatten steht, habe ich bisher noch nicht so gut einfangen können, daher verfälscht das schon etwas, denn auch bei uns war der letzte Sommer sehr lang und sehr heiß und sehr trocken.
Das Bild kann man übrigens groß klicken.

 

Außenmühle 2018 | 365tageasatzadayQuelle: ichmeinerselbst, in mühevoller Kleinarbeit

 

Da es mich nervt, dass immer bei den Nachzüglern zu sein, erscheint dieser Eintrag heute Abend und damit gerade noch fristgerecht  ;-), bricht aber meine eigene Regel von „möglichst nicht zwei Posts am Tag“. Sei es drum. Seht es mir bitte nach.

 

Schreibeinladung für die Textwochen 02.03.19 | Wortspende von Ludwig Zeidler

Neues Jahr, neues (Etüden-) Glück, liebe Etüdenfans, -schreiber*innen und -leser*innen! Ich hoffe, ihr seid sanft reingerutscht und habt eure guten Vorsätze noch nicht aufgegeben? Ach, ihr hattet gar keine? Dann geht es euch wie mir.

Danke möchte ich gern all jenen, die für die nächsten Wochen Wörter gespendet haben. Ihr solltet alle eine entsprechende Mail mit euren Wochen im Mailfach gehabt haben.
Zuallererst danke ich jedoch dem Etüdenerfinder, der die Begriffe für die nächsten beiden Textwochen gespendet hat. Ja, der darf von der Regel Substantiv-Adjektiv-Verb abweichen. Keine Regel ohne Ausnahme.
Und last but not least danke ich all jenen, die zwischen den Jahren Zeit gefunden haben, eine oder sogar mehrere Etüden zu schreiben. Ich hätte mit weniger Beteiligung gerechnet, wenn ich ehrlich bin. Vielen Dank dafür!

Die Statistik: Wie gesagt, wir sind zwischen den Jahren, und einige Blogs machen einfach Winterferien. Dafür haben sich sensationell viele Blogs beteiligt, nämlich 18, die zusammen 23 Etüden abgeliefert haben, Spitzenreiter auch dieses Mal m.mama mit 3 Etüden! Und wir haben noch einen Neuzugang: Begrüßt mit mir Miki!
Schön ist auch, dass ein paar Leute Geschichten weiter- oder fertiggesponnen haben. An dieser Stelle möchte ich die geneigte Leserschaft darüber informieren, dass unser aller Anton (also eigentlich der Anton von Sabine Flumsel) jetzt wieder eine nicht-untote Katze ist. Wobei die Geschichte noch einige Anknüpfungspunkte offen lässt …

Okay, die Liste. Irgendwas falsch? Hab ich wen/was vergessen? Bitte Bescheid sagen! Sorry, bin gerade zwischen hier und sonstwo und vielleicht nicht ganz up to date.

Myriade auf la parole a été donnée à l´homme pour cacher sa pensée: hier
Das andere Mädchen auf Das andere Mädchen: hier
Resi Stenz auf Resi Stenz: hier
Miki auf Miki: hier
m.mama auf Mein Name sei MAMA: hier, hier und hier
Die Hummel im Hummelweb: hier
LadyAngeli auf Mein Leben ist bunt: hier
Bernd auf Red Skies over Paradise: hier
Sabine auf Wortgeflumselkritzelkram: hier und hier
Frau Vro auf vro jongliert: hier
Gerda auf GERDA KAZAKOU: hier und hier
Alexandra auf Blätterflug Gedankenschnuppen: hier
Natalie im Fundevogelnest: hier
Meine (Christiane) auf Irgendwas ist immer: hier
Anna-Lena auf Meine literarische Visitenkarte: hier
Rina auf Geschichtszauberei: hier
dergl auf Die Tinterkleckse sehen aus wie Vögel: hier und hier
René auf From a friend of Friends or How Überweiss changed my life: hier

Vielen Dank auch an alle, die gelesen, gelikt und kommentiert haben!

Die neuen Wörter für die Textwochen 02/03 des Schreibjahres 2019 spendete, wie oben schon erwähnt, unser Etüdenerfinder Ludwig Zeidler, der mir ebenfalls die Illustrationen überlassen hat. Nein, es wird nicht regelmäßig mehr als zwei Motive geben, ich wollte bloß keins wegwerfen.
Die Begriffe lauten:

Abfallglück
Verfallsdatum
unschuldig.

Der Etüden-Disclaimer: Die Headline heißt: 3 Begriffe in maximal 300 Wörtern.
Eure Beiträge verlinkt ihr bitte wie gewohnt hierhin und/oder (am besten „und“) postet den Link unten in einen Kommentar (oder gleich die ganze Etüde, wenn ihr keinen Blog habt oder es bei euch nicht passt), damit eure Etüden auch ganz sicher von mir und von allen, die es interessiert, gelesen werden können. Wen ich nicht in den Kommentaren/Pings der Schreibeinladung finden kann (das ist hier), der kommt nicht auf die nächste Liste, das wäre doch schade, oder?
Die Illustrationen unterliegen nach wie vor meinem Copyright.
Wie immer behalte ich mir vor, Kommentare zu moderieren, wenn nötig.

Noch Fragen zu den Etüden? Hier habe ich das Kleingedruckte zusammengetragen.

Die nächsten (regulären) Wörter gibt es am 20. Januar 2019. Euch viel Spaß und einen guten Etüdenstart ins neue Jahr!

2019 02+03 | 365tageasatzaday

2019 02+03 | 365tageasatzaday

2019 02+03 | 365tageasatzadayQuelle: Pixabay, hier, hier und hier, Bearbeitung von mir

Lumis Geheimnis | abc.etüden

Auch ich möchte die Gelegenheit der Extraetüden nutzen, eine Geschichte weiterzuerzählen, auch, weil doch viele danach gefragt hatten. Ob ich noch mal darauf zurückkomme, weiß ich nicht, einerseits sprengen die Geschehnisse den Etüdenrahmen, andererseits ist oder wäre da noch so viel Luft … Egal, hier ist erst mal Teil 5 meiner Lumi-Geschichten. Bisschen dick aufgetragen? Na und.

Teil 1: Lumi

Teil 2: Im Blockhaus

Teil 3: Eröffnung

Teil 4: Wahrheit

 

***

Spannende Erkenntnisse zog Lumi aus ihren Gesprächen mit Keijo: Ihre Mütter waren beide bei der Geburt gestorben. Sie hatte einen Vater, der ein Elf war. Der lebte! Keijo wiederum hatte eine Mutter gehabt, die elfisch (und tot) war, weil das Geschlecht der Kinder immer gegengeschlechtlich zum elfischen Elternteil war.
Also waren sie keine Geschwister.
„Stimmt“, bestätigte Keijo. „Du bist meine Cousine. Und übrigens, ich bin mehr als ein paar Jahre älter als du. Ich sehe bloß jünger aus.“
Lumi ließ ihm das durchgehen, denn sie beschäftigte etwas anderes. „Kennst du meinen Vater?“
„Ja.“
„Will er nicht wissen, wie es mir geht?“
„Was glaubst du, warum ich hier bin?“

 

Irgendwann musste es auch dem Dümmsten auffallen, dass Lumi immer öfter Sätze mit „Keijo hat gesagt“ begann. Hanna war nicht dumm. Lumi wollte etwas von ihr.
„Lumi“, fragte sie unter vier Augen, „wer ist Keijo? Gibt es etwas, was ich wissen sollte? Wird das ein Gespräch, dass du mit mir zum Frauenarzt gehen willst?“
Lumi schüttelte den Kopf und wurde ein bisschen rot.
„Er sieht aus wie ich“, stieß sie hervor. „Wir reden darüber, wer ich bin.“
Oh! Würde Lumis Geheimnis jetzt gelüftet werden? Dann besser hier als draußen.
„Ihr trefft euch in der Hütte? Bei dem nasskalten Winterwetter? Bring ihn mit, wenn er will, es ist okay.“
„Wenn er will“, hatte Lumi zugestimmt.

Den Garten verzierte der bunt geschmückte Winterbaum. Ach herrje, dachte Hanna, als Keijo an ihm vorbeiging, der sieht ja aus wie … Sie stockte.
Die Zeit der Wahrheit war also wirklich gekommen. Nach all den Jahren.

„Es ist gut, dass wir uns trennen, obwohl ich weiß, dass ich dem nachtrauern werde, was hätte sein können. Wir werden aus der Ferne über dich und die Deinen wachen. Und später vielleicht, irgendwann, werden wir mit einer Bitte an dich herantreten, die etwas mit einem Kind zu tun haben wird …“

Sie saßen auf der Küchenbank und hielten ihre Teebecher umklammert.
„Ich schulde dir eine Geschichte, Lumi“, sagte Hanna. „Euch beiden.“

An einem stürmischen Winterabend war Lumi vor ihrer Tür aufgetaucht. Stumm, frierend, durcheinander. Aber nicht allein. Hanna hatte das Herz geblutet, als sie die Angst in den Augen des Mädchens gesehen hatte, und sofort den Arm um sie gelegt, was diese wunderbarerweise zuließ.
„Was ist passiert?“
„Autounfall. Die Frau, die sie für ihre Mutter hielten, tot. Im Krankenhaus haben sie ihr Blut untersucht und festgestellt, dass diese Zusammensetzung völlig unbekannt ist. Das Übliche. Daraufhin haben sie angefangen, sie auf den Kopf zu stellen, und sie dortbehalten. Ein einziger Horrortrip. Wir haben sie quasi entführt. Jetzt braucht sie eine neue Familie.“
Kann sie hierbleiben, fragten die Augen des Mannes, dessen Liebe sie nie vergessen würde. Sie überlegte nicht lange und nickte. Wo drei Kinder waren, war auch Platz für ein viertes. Er entspannte sich und wurde etwas weniger transparent. Hanna wusste, dass das nicht nur der Aufregung geschuldet war. Sein Volk war so.

So hatte es begonnen.

„Wie hieß er?“, fragte Keijo.
„Jonne.“
Ein klargrüner Blick. „Jonne ist mein Onkel.“

 

Extraetüden 01.19 | 365tageasatzadayQuelle: Pixabay, Bearbeitung von mir

 

Für die abc.etüden, Ausgabe Extraetüden, Woche 01.2019: 5 Begriffe (aus 6), maximal 500 Wörter. Ich habe dieses Mal folgende Wörter verwendet: nachtrauern, nasskalt, Winterbaum, transparent, bluten.