Vom Winter und dem neuen Jahr

 

DER LETZTE TAG DES VERGANGNEN JAHRS

Ich ging auf Abenteuer
Durch finsteres Gassengewirr.
Ein Fenster in schiefem Gemäuer.
Inseits ein leises Geklirr
Und ein kleines, bläuliches Feuer. –
Durchaus ganz geheuer:
Feuerzangen
Bowle. Bin weitergegangen.

Das Eckhaus ist ein Bordell,
Die ganze Stadt weiß es.
Ich ging ganz langsam, nicht schnell,
Wegen des Glatteises
Hin und hinein.
Da saß unterm Christbaum allein
Ein magerer Zuhälter.
Er konnte siebzig, auch älter,
Er konnte auch Lebegreis sein.

Wir wechselten falsche Namen,
Und weil gar keine Damen
Da waren, sangen wir traurig ein Lied,
Seltsam war die Stimme des Greises.
Ich schied,
Schlich langsam wegen des Glatteises.
Das glättste von allen Wintern,
Die je ich erlebt.
Kein Sand gestreut.
Man geht – sitzt auf dem Hintern,
Hat nichts gebrochen – erhebt
Sich wieder – und sitzt erneut.

Quer übern Weg plötzlich lief
Eine Katze. Also: ich trat
Schnell drei Schritt zurück. Da rief
Hinter mir „Au!“ ein Marinesoldat.

Wir gestanden als Wasserratten,
Was wir zuvor schon getrunken hatten.
Wir haben uns an-ahoit.
Kein Sand war gestreut.
Wir lagen. – Was soll ich lange noch sagen –
Liefen, lagen, liefen –.

Und riefen
Die Damen herunter, wollten was tun,
Wildes, wie Stierkampf oder Taifun.
Doch wir entschliefen
Ohne Weiber unter dem Baum.
Der Lebezuhälter
Pfiff rückwärts im Traum.

Der nächste Tag war viel kälter.

(Joachim Ringelnatz, Der letzte Tag des vergangnen Jahrs, aus: Flugzeuggedanken, Berlin 1929, Online-Quelle)

 

Winterschlaf

Indem man sich nunmehr zum Winter wendet,
Hat es der Dichter schwer,
Der Sommer ist geendet,
Und eine Blume wächst nicht mehr.

Was soll man da besingen?
Die meisten Requisiten sind vereist.
Man muß schon in die eigene Seele dringen
– Jedoch, da haperts meist.

Man sitzt besorgt auf seinen Hintern,
Man sinnt und sitzt sich seine Hose durch,
– Da hilft das eben nichts, da muß man eben überwintern
Wie Frosch und Lurch.

(Klabund (Albert Henschke), Winterschlaf, aus: Die Harfenjule, Berlin 1927, S. 25, Online-Quelle)

 

Ein großer Teich war zugefroren

Ein großer Teich war zugefroren,
Die Fröschlein, in der Tiefe verloren,
Durften nicht ferner quaken noch springen,
Versprachen sich aber im halben Traum,
Fänden sie nur da oben Raum,
Wie Nachtigallen wollten sie singen.
Der Tauwind kam, das Eis zerschmolz,
Nun ruderten sie und landeten stolz
Und saßen am Ufer weit und breit
Und quakten wie vor alter Zeit.

(Johann Wolfgang von Goethe, Ein großer Teich war zugefroren (Die Frösche), aus: Parabolisch [1], in: Gedichte. Ausgabe letzter Hand. 1827, Online-Quelle)

 

Eis | 365tageasatzadayQuelle: Pixabay

 

Kommt gut in die neue Woche, mit Winter oder ohne!

 

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14 Kommentare zu “Vom Winter und dem neuen Jahr

  1. Liebe Christiane, das Gedicht von Goethe könnte ein Ringelnatz sein, oder? Und ja, man rutscht und liegt und rutscht und liegt – um dem vorzubeugen musste ich zwischen den Jahren am sehr frühen Morgen meine Schuhe ausziehen, um die steilabfallende Straße zum Arbeitsplatz überqueren zu können, zitternd und auf Socken kam ich heile rüber. Zuvor war mein Auto, statt nach rechts auf den Parkplatz zu fahren, nach links abgedriftet und kam, dem Himmel seis gedankt, auf dem dort liegendem Schotter zu stehen … abenteuerlich ist die Winterzeit, neben schönen Bildern und platt gegessenem Hintern ;)
    Hab Dank und eine gute Zeit.
    Liebe Grüß
    Ulli

    Gefällt 2 Personen

  2. Ach, daher: Guter Rutsch!
    Die Requisiten des Dichters sind vereist, der Nachtbummler rutscht drauf aus, und unter dem Eis träumen die Frösche von Nachtigallengesang. Wie wird der nächste Tag sein? Kälter? Nach erfolgreichem Überwintern voller Froschgequake wie zuvor? Man wird es erleben.

    Gefällt 2 Personen

    • Gerne! Es macht mir ja auch selber Spaß, Gedichte zu entdecken, die ich noch nicht kannte, oder irgendwelche Lieblinge zu präsentieren.
      Mich freut, dass/wenn andere es auch mögen, daher danke ich dir für deine Wortmeldung!
      Liebe Grüße
      Christiane

      Liken

  3. Ringelnatz hat mich an ein Lied erinnert, was wir immer als Kinder gesungen haben, mit hinfallen und so …..

    Du wirst es sicher kennen:

    An de Eck steiht ´n Jung mit´n Tüddelband

    An de Eck steiht ´n Jung mit´n Tüddelband
    in de anner Hand ´n Bodderbrood mit Kees,
    wenn he blots nich mit de Been in´n Tüddel kümmt
    un dor liggt he ok all lang op de Nees
    un he rasselt mit´n Dassel op´n Kantsteen
    un he bitt sick ganz geheurig op de Tung,
    as he opsteiht, seggt he: hett nich weeh doon,
    ischa ´n Klacks för ´n Hamborger Jung

    Refrain
    Jo, jo, jo, Klaun, klaun, Äppel wüllt wi klaun,
    ruck zuck övern Zaun,
    Ein jeder aber kann dat nich, denn he mutt ut Hamborg sien.

    An de Eck steiht ´n Deern mit´n Eierkorf
    in de anner Hand ´n groote Buddel Rum
    Wenn se blots nich mit de Eier op dat Plaaster sleit
    un dor seggt dat ok al lang „bum bum“.
    Un se smitt de Eiers un den Rum tosomen
    un se seggt „so’n Eiergrog den hebb ik geern“
    as se opsteiht, seggt se: „hett nich weeh doon,
    ischa´n Klacks för´n Hamborger Deern

    Refrain
    Jo, jo, jo, Klaun, klaun, Äppel wüllt wi klaun,
    ruck zuck övern Zaun,
    Ein jeder aber kann dat nich, denn he mutt ut Hamborg sien.

    Quelle:
    http://www.plattmaster.de/andeeck.htm

    Gefällt 2 Personen

  4. Nein, nein, da kann Goethe sich noch so sehr bemühen, den Ringelnatz erkenne ich gut *g*
    Aber Klabund war ihm dicht auf den Fersen und es freute mich :-)
    Ganz herzlich, Bruni, die schmunzelnd gelesen hat

    Gefällt 1 Person

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