Schock | abc.etüden

Verdammt! Sie hätte schreien mögen und verhinderte nur mit Mühe, dass sie komplett ausrastete. So unschuldig und dumm konnte man doch gar nicht sein!
Ihr Gefühl von Vertrauen in die Menschheit hatte jedenfalls heute sein Verfallsdatum überschritten: Sie war bestohlen worden. Ein Tramper, den sie ein Stück mitgenommen hatte, hatte es geschafft, ihr unbemerkt aus der auf den Rücksitz hingeschleuderten Handtasche die Brieftasche zu zocken. Irrtum ausgeschlossen. Sie hatte es ein paar Raststätten später bemerkt.

Geld.
Karten.
Papiere.

Irgendwie ihre Existenz. Weg.

Sie beschimpfte sich für ihre Naivität und konnte die Tränen nicht unterdrücken. Man hatte sie wirklich und wahrhaftig beklaut! Sie, die Freundliche, sie, die nie jemandem etwas tat. Ihre Welt brach zusammen.
Die Menschen waren doch schlecht!

Zu Hause angekommen fuhr sie zur Polizei und erstattete Anzeige gegen unbekannt. Danach war der Abend für sie gelaufen. Daran, alles sperren zu lassen, dachte sie nicht.

Trotz ihres desolaten Zustandes schlief sie irgendwann ein. Sie albträumte natürlich fürchterlich und schreckte immer wieder hoch. Bis sie in einen merkwürdigen Traum rutschte …

Ein schwarzer Hund auf einem Rastplatz, der emsig am Rand unter Büschen und Bänken herumschnoberte. Herrchen fand, dass sein Hund sich beeilen solle. „Komm, nun lass das doch, das ist doch nur Abfall, was hast du denn da schon wieder? Zeig mal her, oh, das ist ja eine Brieftasche! Da ist ja was drin! Guter Junge! Komm mit, das müssen wir melden, die geben wir am besten ab.“

Ein Anruf von der Raststätte am nächsten Mittag. Ein Hundehalter habe ihre Brieftasche gefunden und abgegeben. Mühsam erinnerte sie sich an ihren Traum.
Abfallglück!
Die Menschen waren doch gut!

Am Nachmittag hielt sie ihre Brieftasche wieder in der Hand. Alles war da. Fast. Später erfuhr sie von drei erfolglosen Zugriffsversuchen auf ihr Konto.
Nur Bargeld und Dieb blieben verschwunden.

 

2019 02+03 | 365tageasatzadayQuelle: Pixabay, Bearbeitung von mir

 

Für die abc.etüden, Woche 02/03.2019: 3 Begriffe, maximal 300 Wörter. Die Worte stammen dieses Mal von Ludwig Zeidler und lauten: Abfallglück, Verfallsdatum, unschuldig.

Ja, diese Etüde hat einen autobiografischen Kern, und witzigerweise, wie ich finde, ist es das, was am unwahrscheinlichsten erscheint. Viel wichtiger ist aber, dass es passierte, bevor wir alle mit Handys herumliefen, und ich mochte das nicht modernisieren.
Sollte also jemand denken: „Warum hat sie denn nicht …?“, liegt es vermutlich daran.

 

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