Von den Fragen

 

Laß die heil’gen Parabolen

Laß die heil’gen Parabolen,
Laß die frommen Hypothesen –
Suche die verdammten Fragen
Ohne Umschweif uns zu lösen.

Warum schleppt sich blutend, elend,
Unter Kreuzlast der Gerechte,
Während glücklich als ein Sieger
Trabt auf hohem Roß der Schlechte?

Woran liegt die Schuld? Ist etwa
Unser Herr nicht ganz allmächtig?
Oder treibt er selbst den Unfug?
Ach, das wäre niederträchtig.

Also fragen wir beständig,
Bis man uns mit einer Handvoll
Erde endlich stopft die Mäuler –
Aber ist das eine Antwort?

Heinrich Heine, Laß die heil’gen Parabolen, in: Gedichte 1853 und 1854. VIII. Zum Lazarus, aus: Vermischte Schriften, Online-Quelle)

 

Zufall und Wesen

Mensch, werde wesentlich; denn wenn die Welt vergeht
So fällt der Zufall weg, das Wesen, das besteht.

(Angelus Silesius (Johannes Scheffler), Zufall und Wesen, aus: Der Cherubinische Wandersmann, Buch II, Vers 30, 1657, Online-Quelle)

 

Der Spruch

In einem alten Buche stieß ich auf ein Wort,
Das traf mich wie ein Schlag und brennt durch meine Tage fort:
Und wenn ich mich an trübe Lust vergebe,
Schein, Lug und Spiel zu mir anstatt des Wesens hebe,
Wenn ich gefällig mich mit raschem Sinn belüge,
Als wäre Dunkles klar, als wenn nicht Leben tausend wild verschlossne Tore trüge,
Und Worte wiederspreche, deren Weite nie ich ausgefühlt,
Und Dinge fasse, deren Sein mich niemals aufgewühlt,
Wenn mich willkommner Traum mit Sammethänden streicht,
Und Tag und Wirklichkeit von mir entweicht,
Der Welt entfremdet, fremd dem tiefsten Ich,
Dann steht das Wort mir auf: Mensch, werde wesentlich!

(Ernst Stadler, Der Spruch, aus: Der Aufbruch, 1914, Online-Quelle)

 

Schmetterling | 365tageasatzadayQuelle: Pixabay

 

Kommt gut in die neue Woche!

 

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10 Kommentare zu “Von den Fragen

  1. Guten Morgen, liebe Christiane, Zeilen zum nachsinnieren, was denn das Wesentliche ist und das nicht nur im persönlichen Sinne, sondern umgreifender, tiefer – das lösen alle diese Zeilen in mir aus. Mag ich und damit gehe ich nun in den Tag und in die neue Woche. Danke für diesen Gedankenstubs, auch wenn ich immer mal wieder darüber nachdenke, kann es ja nicht schaden, dies wieder und wieder zu tun, bevor mir die Erde den Mund verstopft.
    Herzliche Grüße und dir Gutes und Schönes in dieser neuen Woche,
    Ulli :bear:

    Gefällt 5 Personen

    • Das ist das Schöne an der Frage nach dem Wesentlichen – man kann sie auf fast alles beziehen. Und manchmal, wenn man ihr nachgeht, treten hinter den Ecken unerwartete Antworten hervor …
      Auch dir eine gute Woche!
      Liebe Grüße
      Christiane 🦊🦁

      Gefällt 5 Personen

    • Lieber Werner,
      Franz Hohler lebt, damit fallen seine Werke unter das Urheberrecht. Das bedeutet, du darfst ihn laut geltender Gesetzeslage ohne seine Genehmigung nicht öffentlich zitieren. Ich halte diese Urheberrechtsregelung in dieser Form für ziemlichen Blödsinn, nichtsdestotrotz kann ich dafür verantwortlich gemacht werden, wenn du hier seine Gedichte postest, denn es ist MEIN Blog. Daher habe ich dein Zitat gekürzt und einen Link angehängt, wo man es in Gänze nachlesen kann. Bitte verzeih mir – du kannst andere fragen, du bist nicht der Erste, den eine derartige Aktion trifft, aber ich habe irgendwann mal beschlossen, mich an diese Vorschrift zu halten.
      Inhaltlich gesehen kann ich dir nur versichern, dass ich dir voll zustimme und wie du das GEdicht für eine wunderbare moderne Ergänzung halte.
      Liebe Grüße
      Christiane

      Gefällt 3 Personen

      • Liebe Christiane, Danke für Deine Hinweise, die mir so stringent nicht bekannt waren. Ich werde mich in Zukunft daran halten, denn auf keinen Fall möchte ich Dich in Schwierigkeiten bringen!
        Danke auch für die Kürzung und den Linkverweis!
        LG Werner

        Gefällt 1 Person

        • Ach Werner, das gilt für uns alle, man kann dem nur entgehen, indem man seinen Blog auf „Privat“ stellt. Es ist wahr, dass wir Blogger uns in einer Grauzone bewegen, aber allzu unvorsichtig sollte man nicht sein … ich habe keine Rechtsschutzversicherung, die Ignoranz abfängt, und das mit dem Urheberrecht KANN man wissen, es ist nun wirklich nicht mehr neu.
          Und wenn das Problem so einfach zu lösen ist wie in deinem Fall …
          Nichts für ungut, wieder mal.
          Liebe Grüße
          Christiane

          Gefällt 1 Person

  2. Toll, was Du da wieder gefunden hast, liebe Christiane.
    Nach reiflicher Überlegung blieb ich bei Herrn Heine hängen, weil mir sein feiner Unterton so gut gefällt, mit dem er doch den Nagel auf den Kopf trifft!
    Liebe Gutenachtgrüße von Bruni

    Gefällt 1 Person

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