Ich weiß gar nicht, was ihr habt | abc.etüden

Für ihn zählten materielle Werte, makellos, funkelnd und teuer. Die Frau, die Kinder, alles selbstverständlich perfekt, und falls nicht, dann besaßen sie immer noch am meisten, das reichte, damit alle anderen die Klappe hielten. Gut war nie gut genug, das Bessere ist der Feind des Guten, nicht? Highspeedleben am Limit. Die Zufriedenheit endete, wenn die Nachbarn, die sogenannten Freunde oder jemand aus der Verwandtschaft sich etwas leisten konnten, was ihn überstrahlte.

Abfallglück, das war das, was abfiel, das, was man geschenkt bekam. Zweitrangig, wie Gefühlsduseleien, Katzenvideos oder Regenbögen. Keine Zeit. Damit gab er sich nicht ab.

Oh ja, er arbeitete besessen, mit seinen eigenen Händen, war clever und nicht gerade unschuldig, riskierte so einiges. Und ebenso besessen warf er das Geld zum Fenster des neu erbauten Hauses hinaus. Mal eben mit der Familie in Urlaub, der Welt zeigen, dass man es konnte. Safari in Südafrika, Kreuzfahrt in der Südsee. Firmenpartys mit und ohne Drogen. Keine Weiber, dafür war er nicht der Typ. Aber einige ältere Kollegen hatten schon ihren Führerschein eingebüßt, die Gelage an Freitagabenden waren legendär – und er war keiner, der das Taxi nach Hause zahlte.

Anfangs hatte sie Angst gehabt, dass ihr Verfallsdatum bald überschritten sei und er sie entsorgen würde. Man hörte ja so viel. Aber nachdem er und sein Steuerberater immer wieder Papiere mitbrachten und zu ihr „Hier, unterschreib!“ sagten, begriff sie, dass sie doch wohl ein geschätzter Aktivposten in seinem Leben war und bleiben würde. Seine Firmen, erklärte man ihr, liefen auf ihren Namen. Nicht dass es sie interessiert hätte, sie vertraute ihm blind, außerdem war es bequemer.

Pfandflaschen zurückbringen, Essen aufwärmen? Wir haben das nicht nötig. Für den Preis seines Autos kauften andere Familien Wohnungen. Empathie, soziale Verantwortung? Nicht in diesem Haus. Armut, Ungerechtigkeit, soziale Kälte? Echt, ich weiß nicht, was ihr habt.

 

2019 02+03 | 365tageasatzadayQuelle: Pixabay, Bearbeitung von mir

 

Für die abc.etüden, Woche 02/3.2019: 3 Begriffe, maximal 300 Wörter. Die Worte stammen dieses Mal von Ludwig, dem Etüdenerfinder, und lauten: Abfallglück, Verfallsdatum, unschuldig.

Ich bin solchen Leuten schon begegnet, aber sie sind mir so fremd …

 

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47 Kommentare zu “Ich weiß gar nicht, was ihr habt | abc.etüden

    • Ich habe beim Schreiben auch an dich gedacht und der Versuchung widerstanden, die Geschichte in hohen Verwaltungsetagen aufzuhängen. Das ist nämlich auch bei den „Originalen“, von denen ich mir für die Geschichte was abgeschaut habe, nicht so.
      Das endet nicht gut, aber noch läuft es.

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        • Mein imaginiertes Vorbild ist der Typ „American Dream“: klein angefangen, Handwerker, mit seiner Firma unorganisiert groß geworden und entsprechend übergeschnappt.

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        • So wie meine Großeltern mit der Fahrschule. Die wussten nicht, dass das Ding groß wird und meinem Großvater wurde das Ding dann eben zu groß. Kippen mit 100DM-Scheinen angezündet und so Nummern (echt, da gibt es Zeugen für), meine Oma nicht ohne Nerzmantel Zeitung von der Fußmatte holen wollend… Mein Vater ist dann eben das Resultat von so etwas, wenn man nicht bereit ist zu fallen als man oben war (da wurde ja alles Mögliche, etliche Autos., die Gruft auf dem Friedhof… „verkuckuckt“) tja.

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    • Weißt du, vielleicht/wahrscheinlich haben eher wenige von uns Kontakt zu den „oberen Zehntausend“. Aber Leute mit einem derartigen Verhalten können auch unsere Nachbarn sein, unsere Chefs, die Eltern der Freunde (oder Partner, noch schlimmer) unserer Kinder … und dann hat man ein Problem.
      Liebe Grüße, danke für dein Feedback
      Christiane

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      • Ich bezog mich auch eher aufs Verhalten. Man braucht gar nicht so viel, um so zu sein. Meist ist das ein Schirm, der so sehr mit der core identity verbunden ist, dass nicht mal logische Argumente ihn durchbrechen können. Und du hast recht, so jm nicht aus dem Weg gehen zu können ist furchtbar.

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  1. Aus meiner Sicht nicht nur gut, sondern hammermäßig gut geschrieben. :-)
    Ich liebe deine Etüden.
    Und ja, solche Menschen gibt es. Sogar haufenweise, habe ich das Gefühl. Aber zum Glück nicht in meiner Nähe. Uns verbindet nichts, uns trennt vieles und sie sind mir sehr unsympatisch.

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    • Und das führt dann auch dazu, dass du sie nicht in deiner Nähe haben willst und sie dich nicht in ihrer, völlig logisch. In dem Fall auch gut so …
      Danke für dein Kompliment, das freut mich sehr.
      Liebe Grüße
      Christiane 😀😺

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  2. das nahezu perfekte Produkt unserer kapitalistischen Weltsicht und Wirtschaftsordnung, denke ich mal. Wenn man von diesem Produkt Rückschlüsse auf die Ordnung ziehen darf – aus deren Weltsicht wir anderen zum Abfall gehören – gewinnt man auch ein Bild von der Art des Glückes, das wir uns schmieden sollen. Und unserer Mutter Erde gleich mit.

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    • Ich stimme dir zu. Weißt du, das Schlimme dabei ist: Von Wirtschaftsbossen nehme ich ein derartiges Verhalten schon fast als gegeben an, mag das ein Vorurteil sein oder nicht, ich glaube, dass viele von denen null Bodenhaftung haben.
      Der hier, der mein Vorbild abgibt, der ist noch nicht mal gebildet. Der könnte wirklich in meiner Straße wohnen, mein Chef sein etc. Ich könnte dir Sprüche erzählen, da fällt dir nichts mehr zu ein. Außer „Armes Würstchen“ selbstverständlich, aber wie groß ist die Chance, dass er das je versteht? Eher klein.
      Es wurmt mich sehr und deprimiert mich noch dazu.
      Liebe Grüße
      Christiane

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  3. In kleineren Gemeinden, Dörfern , auch Vereinen sind sie zuhauf anzutreffen, einer will den anderen übertrumpfen , diese Gernegross. Dabei haben sie ja ihr Geld oft auch redlich verdient, aber diese Protzerei ist widerlich. In Deiner leider sehr realen Geschichte habe ich Angst um die blind unterschreibende Ehefrau. Lieber Gruss vom endlich sonnigem Dach, Karin

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    • Das halte ich für sehr real und gerechtfertigt, liebe Karin. Da hoffe ich, dass er sie nicht mit in den Abgrund reißt: Mitgefangen, mitgehangen. Andererseits ist auch sie dafür verantwortlich, die Augen aufzumachen, oder? Zumindest das.
      Liebe Grüße aus dem kalten, sonnigen Hamburg mit minimal Schnee
      Christiane 😀😺

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      • Manche dieser Männer sind so dominant und selbstherrlich, da schafft es nicht jede Frau Widerpart zu bieten, noch dazu wenn sie finanziell abhängig ist. Trotzdem muss sie nicht unterschreiben, da gebe ich Dir recht.

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        • Ich glaube nicht, dass sie in so einer Ehe darum herumkommt. Wenn so ein Mann bestimmt, dass das die notwendige Maßnahme ist, dann hat sie das zu tun. Schließlich lebt sie von ihm, und das nicht schlecht.
          Was ich verlange, ist nur, dass sie vor sich selbst nicht lügt und nicht die Augen verschließt.
          Ach je.

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        • doch, sie KANN gar nicht nein sagen, denn dann ist sie aus dem Rennen… Also macht sie mit, mehr gedankenlos als kriminell. Ich erlebte es in der weiteren Verwandtschaft.
          Ich zog mich total zurück, brach alle Kontakte ab und nun lebt sie mit sehr kleinem Geld, hält sich mit Knochenjobs über Wasser und er erlag einem Schlaganfall.
          Steil aufwärts ging es, endete in Wirtschaftskriminalität und dann im Elend… Eine schreckliche Geschichte von einem, der auszog, viel Geld zu machen, ganz egal wie, aber immer auf Kosten der anderen… Ein Kotzbrocken! Nichts anderes!

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        • Ich bin echt erstaunt und erschrocken, wie viele derartige Leute kennen oder sogar unter ihren Erfahrungen mit ihnen leiden.
          Genau, sie kann nicht Nein sagen, denke ich auch.
          Liebe Grüße
          Christiane

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  4. Dein Titel: „Ich weiß gar nicht, was ihr habt“ hat er wohl so gelebt: keine Ahnung, wie es den Anderen wirklich geht (ob sie etwas haben – zum Leben – zu Essen – das interessiert ihn doch gar nicht. Und das verbunden mit der Arroganz – habt euch doch nicht so – perfekt gemischt und noch perfekter von Dir nachgezeichnet!

    Gefällt 2 Personen

    • Ich habe mich noch nicht ganz entschieden, ob er oder sie diesen Satz spricht. Aber richtig: Das Leben interessiert ihn nicht wirklich – und inwieweit er fähig ist, gut mit sich selbst und mit seiner Familie zu sein, halte ich für sehr fraglich.
      Danke schön, lieber Werner.
      Liebe Grüße
      Christiane

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  5. *Schauder* ja, die soziale Kälte ist deutlich spürbar in deiner Etüde. Und so manches „Kind“ solcher Leute ist mir in der Therapie begegnet, weil diese Kälte oft nicht nur nach außen abstrahlt.
    Wunderbar dargestellt, du hast ja schon gelesen, dass viele hier diesem Typ Mensch schon begegnet sind und dass du ihn/sie gut getroffen hast.
    Liebe Grüße
    Viola.

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  6. Leider kenne ich auch einige, die so ticken und immer mehr das Wesentliche aus den Augen verlieren. Da kann man nur einen großen Bogen machen, wenn man selbst anders tickt.
    Saugut geschrieben!!!!!

    Herzlich
    Anna-Lena

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  7. Pingback: Schreibeinladung für die Textwochen 04.05.19 | Wortspende von Myriade | Irgendwas ist immer

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