Komisches Gefühl | abc.etüden

„Oh Gott, ich werde alt!“

War heute etwa Drama angesagt? Anna legte das Lesezeichen in ihren Thriller und sah neugierig zu ihrer Freundin hinüber. Nicole ließ sich in dem Stuhl auf dem Elbanleger nieder und balancierte dabei routiniert das kleine Tablett mit Latte macchiato und Zitronenkuchen. Nach krank oder gar altersschwach sah das eigentlich nicht aus. Beruhigend.

„Ja, Tach auch, schön, dass es dir gut geht“, antwortete sie also amüsiert. „Willst du mir nicht vielleicht erst mal erzählen, was los ist?“
„Unser Sohn hat uns heute am Mittagstisch mitgeteilt, dass er offiziell mit einem Mädchen aus seiner Klasse geht! Anna, er ist zwölf!“
„Immerhin, er hat es euch gesagt. Ist sie denn nett?“

Falsche Antwort.

„Aaaach, und ich erinnere mich doch noch, die Geburt, weißt du nicht mehr, wie du uns ins Krankenhaus gefahren hast und sie mich gleich dortbehalten haben? Als er laufen gelernt hat … Kindergarten … der erste Schultag … der Fußballverein … Und plötzlich spricht er von ›Freundin‹?! Anna, wo sind die Jahre geblieben?“

Okay, Hüpfen vor Freude war wohl nicht angesagt. Bei nüchterner Betrachtung schien dagegen wahrscheinlich, dass Alexander Leon demnächst kräftig in die Pubertät einsteigen würde. Auf ihrer imaginären To-do-Liste vermerkte sie: Hilfe-bei-Pubertät-Bücher raussuchen. Sollte sie Öl ins Feuer schütten und Nicole auf die Sache mit den Bienchen und Blümchen und die Möglichkeit, in absehbarer Zeit Oma zu werden, hinweisen? Lieber nicht, beschloss sie. Ein Schock pro Tag langte.

„Erinnerst du dich, wie wir drauf waren, als wir so alt waren?“, fragte sie grinsend zurück. Das Leben rundete sich, es geschah einfach. Alle rückten ein Feld vor, nicht nur Nicole und ihr Sohn, sie auch. Nur anders.
„Ich hatte in dem Alter jedenfalls noch keine Jungs im Kopf“, begehrte Nicole auf. Dann lächelte sie mit. „Ach, Mensch, Anna. Mein Baby wird groß. Komisches Gefühl.“

 

Etüden 2019 08+09 | 365tageasatzadayQuelle: Pixabay (hier), Bearbeitung von mir

 

Für die abc.etüden, Wochen 08/09.2019: 3 Begriffe, maximal 300 Wörter. Die Worte stammen dieses Mal von Sabine und ihrem Blog wortgeflumselkritzelkram und lauten: Lesezeichen, altersschwach, hüpfen.

Ich hab das tatsächlich so gehört, dieses „Oh Gott, ich werde alt“, weil der Sohn die erste Freundin hat. Am Nebentisch. Ja, ja …

 

Die Herausforderung | abc.etüden

„Wie kannst du nur jetzt schon über das Sterben nachdenken? Du bist doch noch viel zu jung!?“

Ihr versteht nichts, dachte sie. Wie sie das liebte, am Fluss Kaffee zu trinken, den Schiffen nachzusehen und zu lesen. Ein Zeitschriften-Psychotest hatte ihr neulich eine Frage beschert: Was ist zurzeit Ihre größte Herausforderung? Sie hatte lange darüber nachgedacht.
Der Umbruch. Von „voll im Leben“ zu etwas anderem. Sich mit dem Altern anfreunden.

Oh, wie sie alle geschrien hatten, als sie sich mit ihnen darüber unterhalten wollte, was denn jetzt noch käme. Man müsse doch. Man dürfe doch nicht. Ob sie nicht vielleicht depressiv sei und zum Arzt gehen sollte? Am lautesten waren die, deren Hamsterrad am bequemsten gepolstert war und die daher verständlicherweise Angst davor hatten, etwas zu ändern. Konnte man es ihnen verdenken?

Sie war schon weiter. Menopause, klar, aber nicht nur. Es hatte Tode in ihrem Leben gegeben, die sie verändert hatten. Die Stille dahinter faszinierte sie, sogar wenn sie manchmal Angst davor hatte, dass „der Abgrund auch in sie hineinblickte“, wenn sie zu lange hinsah. Wer würde zurückschauen?

Jenes Schweigen war schwer auszuhalten, manchmal. Die Perspektive zu ändern, sich selbst mehr als eines von vielen Lesezeichen im Buch der Zeit zu begreifen, nicht besonders bedeutungsvoll vielleicht, aber dennoch auf ihre Art einzigartig. Was würde von ihr bleiben? Würde man sich an sie erinnern? War ihr das wichtig? Sie wusste es nicht.

Sie jedenfalls war noch weit davon entfernt, altersschwach zu sein, und hatte keine Lust, jetzt schon irgendeinen Löffel abzugeben. Wenige Meter neben ihr mühten sich die Kids damit ab, Steine über das Wasser hüpfen zu lassen. Der Winkel war leider falsch, das sah man auf den ersten Blick. Nun ja. Sie würden es lernen. Oder eben nicht.

Sie blinzelte in die Vorfrühlingssonne und fand das Leben echt schön.

 

Etüden 2019 08+09 | 365tageasatzadayQuelle: Pixabay (hier), Bearbeitung von mir

 

Für die abc.etüden, Wochen 08/09.2019: 3 Begriffe, maximal 300 Wörter. Die Worte stammen dieses Mal von Sabine und ihrem Blog wortgeflumselkritzelkram und lauten: Lesezeichen, altersschwach, hüpfen.

Das mit dem Abgrund ist tatsächlich ein Zitat und zwar von Friedrich Nietzsche: „Wer mit Ungeheuern kämpft, mag zusehn, dass er nicht dabei zum Ungeheuer wird. Und wenn du lange in einen Abgrund blickst, blickt der Abgrund auch in dich hinein.“ (Aph. 146, aus: Jenseits von Gut und Böse, 1886, Online-Quelle)

 

Vom Vorfrühling

 

Dämmerung im Vorfrühling

Der Tag bleicht. Letzte Helligkeit
Quillt aus dem ebenmässigen Gewölk.
Die Erde trocken und befreit
Von Schnee; nur hie und da die Spur
Von dünnem Eise, wie Glasur.

Die Dunkelheit wächst sanft und stät;
Ein Licht, das aufblitzt, glimmt noch matt;
Die Kinder spielen noch so spät,
Der Tagesfreuden nimmer satt.

Die Menschen schreiten säumig, wie verführt;
Und atmend heben sie das Kinn
So an die Luft, als läge drin
Für sie ein Etwas, das den Sinn
Wie eine wahre Seligkeit berührt.

(Hedwig Lachmann, Dämmerung im Vorfrühling, in: Gesammelte Gedichte, 1919, Online-Quelle)

 

Vorfrühling

Sieh da: Die Weide schon im Silberpelz,
Die Birken glänzen, ob auch ohne Laub,
In einem Lichte, das wie Frühling ist.
Der blaue Himmel zeigt türkisenblau
Ganz schmale Streifen, und ich weiß, das ist
Des jungen Jahres erster Farbenklang,
Die ferne Flöte der Beruhigung:
Die Liebe hat die Flügel schon gespannt,
Sie naht gelassenen Flügels himmelher,
Bald wird die Erde bräutlich heiter sein.

Nun Herz, sei wach und halte dich bereit
Dem holden Gaste, der mit Blumen kommt
Und Liebe atmet, wie die Blume Duft.
Sei wach und glaube: Liebe kommt zu dir,
Wenn du nur recht ergeben und getrost
Dich auftust wie ein Frühlingsblumenkelch.

(Otto Julius Bierbaum, Vorfrühling, in: Das seidene Buch. Eine lyrische Damenspende, 1904, Online-Quelle)

 

Frühling

Abendlich tönet Gesang ferner Glocken,
lächelnd versinkt voll Frühling ein Tag.
Über das eigene Lied scheu erschrocken,
verstummte die Amsel mitten im Schlag.
Und in dem Regen, der nun begann,
fing leise die Erde zu atmen an.

(Wolfgang Borchert, Frühling, aus: Das Gesamtwerk, Online-Quelle)

 

Weidenkätzchen | 365tageasatzadayQuelle: Pixabay

 

Ja, man kennt ihn woandersher. Ich wusste bislang nicht mal, dass Borchert auch Gedichte geschrieben hat; und ich möchte jetzt nicht hören, dass das auch kein Verlust war! ;-)

Und das mit dem Regen, das üben wir noch. Hoffentlich.

Kommt gut in die neue Woche!

 

 

Von Spitzohren, zwei Drachen und einem Androiden

Kurz gesagt: Wir schreiben 2019, und vor einer Woche war Maskenzauber an der Alster in Hamburg. Nachdem ich mich jedes Mal aufs Neue dazu wiederhole, verweise ich für Infos jetzt einfach mal auf meinen Ankündigungspost („Maskenzauber für Kurzentschlossene„) und auf die Fotos vom letzten Jahr („Maskenzauber 2018: die Bilder„). Vielleicht mag ja auch der eine oder die andere vergleichen. Es sind nämlich viele Wiederholer dabei, und manche tauschen auch die Kostüme.

Es war wunderbares WARMES Wetter und der Zaubertrank (der neue Räume hat!) war auch wieder dabei. Meine Fotos sind wieder Doppelportraits (oder Viererportaits), außerdem habe ich manchmal zwei Masken kombiniert … oder, oder oder. Der eine Drache lief auf Stelzen, der Baum war nicht dabei, und wo der Mensch ohne Kopf geguckt hat, habe ich auch nicht rausbekommen. Ebenfalls sieht man nicht, dass die eine Elfe fast überwiegend an einer Straßenlaterne herumhing (was man halt so tut, wenn man Flügel hat). Das ist der Nachteil von Portraits, aber irgendwas ist ja immer. (Ja, ich finde diese Kontaktlinsen auch total irritierend.) Frage für Fortgeschrittene: Ist der Hund ein Leonberger?

Wer mehr sehen möchte (zum Beispiel, wie die Masken von Kopf bis Fuß ausgesehen haben), findet hier die Links zur Facebook-Maskenzauber-Gruppe (öffentlich sichtbar) und zur Maskenzauber-Sektion in der fc (fotocommunity).

Es würde mich freuen, wenn euch die Bilder gefallen, ich jedenfalls hatte viel Spaß. Die Fotos kann man allesamt groß klicken, dass es sich lohnt und ich gern eure Highlights wüsste, ist klar, oder?

 

Quelle: ichmeinerselbst, aber sowas von

 

 

Vom Winter und dem Vorfrühling

 

Keine Wolke stille hält

Keine Wolke stille hält,
Wolken fliehn wie weiße Reiher;
keinen Weg kennt ihre Welt,
und der Wind, der ist ihr Freier.

Wind, der singt von fernen Meilen,
springt und kann die Lust nicht lassen,
einer Landstraß‘ nachzueilen,
Menschen um den Hals zu fassen.

Und das Herz singt auf zum Reigen,
schweigen kann nicht mehr die Brust;
Menschen werden wie die Geigen,
Geigen singen unbewusst.

(Max Dauthendey, Keine Wolke stille hält, aus: Der brennende Kalender, 1905, in: Gesammelte Gedichte und kleinere Versdichtungen, Albert Langen, München 1930, S. 226)

 

Vorfrühling

Härte schwand. Auf einmal legt sich Schonung
an der Wiesen aufgedecktes Grau.
Kleine Wasser ändern die Betonung.
Zärtlichkeiten, ungenau,

greifen nach der Erde aus dem Raum.
Wege gehen weit ins Land und zeigens.
Unvermutet siehst du seines Steigens
Ausdruck in dem leeren Baum.

(Rainer Maria Rilke, Vorfrühling. In: Die Gedichte 1922 bis 1926 (Muzot, etwa 20. Februar 1924), Online-Quelle)

 

Frühling.

Frühling.
Ein erstes Blühen
In zarten Frühen,
Vom Himmelssaum
Ein Stern noch schaut.
Ein Lercheschlag
Im stillen Raum,
Weit vor Tag
Und sonst kein Laut.
O Liebe.

(Georg Heym, Frühling, aus: Frühwerk, in: Georg Heym, Dichtungen und Schriften, Gesamtausgabe, Band 1: Lyrik, Verlag Heinrich Ellermann 1964, Online-Quelle)

 

Krokusse | 365tageasatzadayQuelle: ichmeinerselbst vor drei Tagen

 

Wie sehr ich dieses „Zärtlichkeiten, ungenau“ liebe, bezogen auf Landschaft … Und klar, es ist noch bisschen früh für Lerchen, hier sind es eh mehr die Amseln, aber ist das nicht toll?

Habt eine gute neue Woche!

 

Schreibeinladung für die Textwochen 08.09.19 | Wortspende von wortgeflumselkritzelkram

Ich habe mir schon überlegt, liebe Etüdenfans, -schreiber*innen und -leser*innen, ob ich jetzt ausflippen und herumkreischen müsste, als ich mir die Zahlen angesehen habe. Aber dann hatte ich doch keine Lust auf so viel Anstrengung.

Nichtsdestotrotz dürfen wir eine neue Spitzenbeteiligung feiern! Vorbehaltlich dessen, dass ich nicht wieder wen vergessen habe, haben wir ZWEIUNDSECHZIG Etüden von 28 teilnehmenden Blogs, Stand ohne Nachzügler. („Nachzügler“ sind alle Etüden, die nach dem Erscheinen neuer Wörter noch zu einer alten Schreibeinladung dazustoßen. Sie sind willkommen, werden aber von mir hier nicht mehr extra groß gefeiert.) Lasst es sacken und atmet noch mal tief durch. 62! Und ihr seid dabei! Letztes Jahr im Herbst, als wir in den 2-Wochen-Rhythmus eingestiegen sind und ich zum ersten Mal gezählt habe, waren wir 16 Blogs mit 23 Etüden. Wenn Zahlen einen Erfolg messen, dann, Freunde, ist das einer!

Die Gewinnerin des Blumenpotts für die meisten Etüden ist dergl mit 8 Etüden, was mich zwar für die Etüden freut, aber von der Anzahl her nicht so bleiben wird, auch klar. Abgeschlagen liegen dahinter Petra (die Wortspenderin) mit 7, Werner und Alice (hey, Alice startet durch!) mit jeweils 5 Etüden. Sehr fein!
Neu zu begrüßen habe ich Svens kleiner Blog und Die Waldträumerin und Corlys Lesewelt. Herzlich willkommen bei den abc.etüden!

Hier ist die Liste für das Lesen beim Sonntagmorgenkaffee (oder so), und wie immer, checkt bitte, ob alles mit euren Links okay ist, und falls jemand fehlt oder sonst was falsch ist, dann brüllt!

dergl auf Die Tintenkleckse sehen aus wie Vögel: hier, hier, hier, hier, hier, hier, hier und hier
Die Hummel im Hummelweb: hier, hier und hier
Miki auf Miki: hier, hier und hier
Alice auf Make a Choice Alice: hier, hier, hier, hier und hier
Sven auf Svens kleiner Blog: hier
m.mama auf Mein Name sei MAMA: hier, hier, hier und hier
Werner Kastens auf Mit Worten Gedanken horten: hier, hier, hier, hier und hier
Sabine auf Wortgeflumselkritzelkram: hier, hier und hier
Myriade auf la parole a été donnée à l´homme pour cacher sa pensée: hier
Petra auf Wesentlich werden: hier, hier, hier, hier, hier, hier und hier
Viola auf viola-et-cetera: hier
Das andere Mädchen auf Das andere Mädchen: hier
Gerda auf GERDA KAZAKOU: hier und hier
Ulli aus dem Café Weltenall: hier und hier
fraggle auf reisswolfblog: hier
Meine (Christiane) auf Irgendwas ist immer: hier und hier
Nicole auf Die Waldträumerin: hier
Bernd auf Red Skies over Paradise: hier und hier
LadyAngeli auf Mein Leben ist bunt: hier
René auf From a friend of Friends or How Überweiss changed my life: hier
Katharina auf Katha kritzelt: hier
Anna-Lena auf Meine literarische Visitenkarte: hier
Stepnwolf auf Weltall. Erde. Mensch…und Ich: hier
Frau Vro auf vro jongliert: hier
Alice auf worteausdemwunderland: hier
Natalie im Fundevogelnest: hier
Corly in Corlys Lesewelt: hier
Agnes auf Agnes Podczeck: hier

Ebenfalls wie immer vielen Dank an alle, die gelesen, gelikt und kommentiert haben!

Die Wörter für die Textwochen 08/09 des Schreibjahres 2019 kommen von unser gefühlt uraltgedienten Etüden-Mitstreiterin Sabine und ihrem Blog wortgeflumselkritzelkram. Vielleicht gibt es ja auch wieder ein paar neue Anton-Etüden, jetzt, wo er wieder zurückverwandelt wurde? Egal, ich freue mich!
Die neuen Begriffe lauten:

Lesezeichen
altersschwach
hüpfen.

 

Der Etüden-Disclaimer: Die Headline heißt: 3 Begriffe in maximal 300 Wörtern (und ja, ich meine das so. 300. NICHT MEHR!).
Eure Beiträge verlinkt ihr bitte wie gewohnt hierhin und/oder (am besten „und“) postet den Link unten in einen Kommentar (oder gleich die ganze Etüde, wenn ihr keinen Blog habt oder es bei euch nicht passt), damit eure Etüden auch ganz sicher von mir und von allen, die es interessiert, gelesen werden können. Wen ich nicht in den Kommentaren/Pings der Schreibeinladung finden kann (das ist hier), der kommt nicht auf die nächste Liste, das wäre doch schade, oder?
Die Illustrationen unterliegen nach wie vor meinem Copyright.
Wie immer behalte ich mir vor, Kommentare zu moderieren, wenn nötig.

Noch Fragen zu den Etüden? Hier habe ich das Kleingedruckte zusammengetragen.

Die nächsten Wörter gibt es am 03. März 2019. Euch viel Spaß und gute Ideen!

UPDATE! dergl hat in einem Kommentar ihre alte Idee für einen Adventskalender aufgegriffen. Ich finde sie gut, und es sieht ja auch so aus, als ob wir genug mitschreibende Blogs hätten, was also haltet ihr davon, erst mal ganz ins Unreine gefragt? Hier ist ihr Kommentar.

 

 

Etüden 2019 08+09 | 365tageasatzaday

 

Etüden 2019 08+09 | 365tageasatzadayQuelle: Pixabay (hier und hier), Bearbeitung von mir

 

Schröder, übernehmen Sie! | abc.etüden

Heute war wieder einer dieser Tage, wo er ihr nichts recht machen konnte. Dabei war er an den Winterreifen ohne vorwurfsvollen Seitenblick vorbeigegangen (sehr schmutzig, jemand würde sich darum kümmern, aber nicht er) und hatte die wehende, trocknende Wäsche ignoriert (sowieso nicht seine Aufgabe). Doch einfach nur draußen auf der Bank in der Sonne sitzen, seinen Gedanken nachhängen und die frisch erblühten Krokusse bewundern, das durfte er offensichtlich auch nicht.

Er hörte, dass sie am Telefon sprach. Bestimmt mit ihrer komischen Freundin.
„Wenn das jeder hier machen würde! Weißt du, manchmal würde ich am liebsten alles hinschmeißen und mich auch raus in die Sonne setzen und darauf warten, dass wer mit Kaffee und Kuchen vorbeikommt. Aber nein, an mir bleibt wieder mal alles hängen. Hier sieht es aus, das kannst du dir gar nicht vorstellen! Gestern Abend bin ich gestolpert und fast hingeschlagen, weil hier keiner seinen Dreck alleine wegmachen kann, nicht mein wertgeschätzter Ehemann und die Kids schon mal gar nicht. Was glauben die, wer ich bin, die Putzfrau? Ich sag’s dir, ich hab so einen Hals, SO EINEN HALS, glaub mir.“

Weia. Das roch nicht nur nach dicker Luft, das klang nach Krise. Er war insgeheim überzeugt, dass sie ein bisschen eifersüchtig auf ihn war, weil er das Leben so gelassen anging. Schröder, übernehmen Sie! Deeskalierende Maßnahmen waren dringend angezeigt.

Den Kaffeepott in der einen Hand, das Handy in der anderen kam sie zu ihm und ließ sich neben ihn fallen. Sie schloss die Augen und hielt das Gesicht in die wärmende Vorfrühlingssonne. Amseln und Meisen machten Radau, sonst war alles friedlich. Auch sie.

„Na?“, sagte sie irgendwann vorsichtig in seine Richtung.
Geht doch, dachte er.

Langsam stand er auf, setzte sich auf ihren Schoß, rollte sich zusammen, blinzelte noch einmal in die Sonne und begann zu schnurren.

 

Etüden 2019 06+07 | 365tageasatzadayQuelle: Pixabay, Bearbeitung von mir

 

Für die abc.etüden, Wochen 06/07.2019: 3 Begriffe, maximal 300 Wörter. Die Worte stammen dieses Mal von Petra Schuseil und lauten: Winterreifen, eifersüchtig, stolpern.

Ja nee, ist klar, oder? Fellträger neigen dazu, sich selbst als den Nabel des Geschehens zu begreifen, was jede*r Dosenöffner*in weiß. Außerdem haben sie meist eine eigene Meinung zu allem. Manchmal schweigen sie allerdings auch. Mehr oder weniger.

Ulli hat ihre letzte Etüde in den Kommentaren spaßeshalber als „Plattitüde“ bezeichnet. Ich werde etwaige Fellträger-Etüden ab jetzt (daran angelehnt) „Kattitüden“ nennen, danke schön! Und: Hatte nicht neulich schon mal wer „… übernehmen Sie“ im Titel, oder bilde ich mir das nur ein?

 

Maskenzauber für Kurzentschlossene

Wer bei mir schon ein bisschen liest, der weiß, dass ich alle Jahre wieder in schöner Regelmäßigkeit Werbung für den Maskenzauber an der Alster mache. Den Traum vom Karneval in Venedig, einzigartig und wunderschön. Die Kostüme sind alles von venezianisch über historisch bis Fantasy oder einfach schlicht. Die Gewandeten sind zwischen sehr jung und alt, viele sind jedes Jahr dabei – die Fotografen übrigens auch ;-)
Es ist, mit einem Wort, ein Ereignis. Jedes Jahr aufs Neue. Kommendes Wochenende.

 

Die Termine für dieses Jahr sind:

Samstag, 16. Februar 2019
Flanierende Masken an den Colonnaden 11:00 bis 12:30 Uhr
Flanierende Masken an den Alsterarkaden 12:30 bis 14:00 Uhr
Höhepunkt Alsterarkaden ca. 13:30 Uhr

Sonntag, 17. Februar 2019
Flanierende Masken an den Alsterarkaden 15:00 bis 16:30 Uhr
Höhepunkt Alsterarkaden ca. 16:00 Uhr
Flanierende Masken an den Colonnaden 16:30 bis 17:30 Uhr
Gemeinsames Abschlußdefilée 17:30 Uhr

Startpunkt Colonnaden Mitte beim Bocksbeutel

 

Besagter Maskenzauber ist umsonst und draußen, bei jedem (!) Wetter (er war auch schon mal an einem Wochenende, als die Alster zugefroren und freigegeben war), und besteht aus einem Defilee zwischen den Colonnaden über den Jungfernstieg an der Alster entlang und durch die Alsterarkaden hindurch zum Rathausmarkt. Auf dem Rathausmarkt findet alle Jahre wieder der gleiche Tanz statt, dies ist der Höhepunkt der Veranstaltung.

Ich hatte mir überlegt, ob ich dieses Jahr dazu was auf den Blog stellen wollte oder nicht. Endgültig entschieden hat das ein Newsletter des ebenfalls von mir schon häufiger erwähnten Zaubertranks (hier und hier; yes! alive and kicking!), in dem Hans-Georg der Welt mitteilt, dass er doch dabei ist, was bisher in den Sternen stand. Es steht immer noch nicht auf der Zaubertrank-Homepage, ich hoffe also, dass ich, wenn ich Samstagmittag auf dem Rathausmarkt bin, dort die wohlbekannte mittelalterliche Bude des Zaubertranks sehe – denn Maskenzauber ohne Zaubertrank, das geht eigentlich gar nicht.

Wer noch ein bisschen in Bildern schwelgen will, findet Impressionen aus den letzten drei Jahren hier, hier und hier.

Die Wettervorhersage verspricht trockenes bis sonniges Wetter zwischen 8 °C und 11 °C für das Wochenende. Ich habe bisher vor, an beiden Tagen dort zu sein, und falls ihr Lust bekommen habt und vorbeischauen wollt, lasst es mich gern wissen, ich würde mich freuen.

 

Maskenzauber 2018 Teaser | 365tageasatzadayQuelle: ichmeinerselbst

 

Vom Regen und …

 

Regenwetter

Meinen Mantel umgeschlagen
Schweif’ ich einsam durch die Straßen.
Nebelgraues Regenwetter –
Grau der Himmel – grau die Gassen.

Nebelgraues Regenwetter –
Doch an Blumenfenstern lauschen
Lächelnd rosig schöne Mädchen,
Möchten nicht mit mir dort tauschen.

Und sie lächeln, und sie sprechen:
„Jener hat wohl einen Sparren,
Der im Regen dort umherläuft –
Seht den langen blassen Narren!“ –

Ei was kümmert mich der Regen!
Der ist minder mir beschwerlich,
Als das Blitzen eurer Augen –
Dieses wird mir sehr gefährlich.

Denn von eurer Augen Gluthen
Brennt mein Herz, das ohne Schutz ist,
Während gegen Regenfluthen
Mir mein Regenmantel nutz ist.

(Heinrich Seidel, Regenwetter, aus: Blätter im Wind, Online-Quelle)

 

Regen

Der Regen rinnt schon tausend Jahr,
Die Häuser sind voll Wasserspinnen,
Seekrebse nisten mir im Haar
Und Austern auf des Domes Zinnen.

Der Pfaff hier wurde eine Qualle,
Seepferdchen meine Nachbarin.
Der blonde Seestern streckt mir alle
Fünfhundert Fühler zärtlich hin.

Es ist so dunkel, kalt und feucht.
Das Wasser hat uns schon begraben.
Gib deinen warmen Mund – mich deucht,
Nichts bleibt uns als uns lieb zu haben.

(Klabund, Regen, aus: Die Harfenjule, Berlin 1927, Online-Quelle)

 

Himmelsmärchen

Nun sind wir wieder unter uns Göttern,
Sagte der Mond, als der Abend dunkelte,
Und winkte zum Reigen den Planeten,
Seinen Vettern.
Das Goldblut funkelte
Durch demantene Schleier,
Wie sie langsam sich drehten
In festlich melodischem Schritt.
Dann reichten sie die Leier
Der Erde, Scheherezade,
Und alle lauschten
Ihrer glorreich wilden Ballade.
Die Nacht summte träumerisch mit.
Die Tränen rauschten.

(Ricarda Huch, Himmelsmärchen, aus: Herbstfeuer, 1944, Online-Quelle)
(Schaut mal, Gerda, Bruni, ihr anderen, ich hab „Herbstfeuer“ (und mehr) von ihr online gefunden: hier.)

 

Sonnenuntergang | 365tageasatzadayQuelle: Pixabay

 

Kommt gut in die neue Woche!

 

Der Hausdrache | abc.etüden

Sie war die, die eingeladen wurde, weil man Paare immer zusammen einlud. Weil sich das so gehört.
Ihn hingegen wollten alle. Er sah gut aus, war gebildet und redegewandt. Konnte eine Pointe so fein einfärben, dass eine leichte Zweideutigkeit mitschwang, die gewisse Damen höchst interessant fanden. Geistvolles, unverbindliches Geplänkel war sein Metier. Er glänzte gern und gut.

Lief da mehr? Man munkelte davon, aber man wusste es nicht. Jedenfalls hatte er diese Gattin. Warum er die mal geheiratet hatte, er hätte doch bestimmt jemanden finden können, der passender gewesen wäre. Sie wird wohl Geld gehabt haben oder vielleicht auch andere Qualitäten, na, wir waren alle ja mal jung.

Sie wusste Bescheid. Sah sich im Zerrspiegel der Damenrunden zu einem eifersüchtigen Monster mutieren, das besessen über seine Pfründe wachte und dem armen Mann jeden ach so unschuldigen Spaß vergällte.

Oh ja. Tat sie.
Wenn die wüssten.

Mit Küssen auf dem Stadtfest hatte es angefangen, hinter dem Feuerwehrschuppen mit den Winterreifen. Sie war unerfahren und voller Ideale, hatte naiv an Liebe geglaubt, hatte sich begehrt gefühlt und war an seiner Hand in eine höchst erwünschte Ehe gestolpert.

Das böse Erwachen kam bald. Sie war zwar eine glanzvolle Trophäe, aber er verlor schnell die Lust an ihr. Auch weil sie darauf bestand, dass er sein Leben änderte. Wollten sie nicht das Gleiche?
Er entzog sich, machte sein Ding und überließ ihr den Rest. Ihre Existenz war schließlich bequem und schützte vor allen anderen Ansprüchen, die man vielleicht an ihn hätte stellen können, vor allem emotionaler Natur.

Scheidung? Da war die Familie, und wohin hätte sie gekonnt? Man hatte sie nicht für ein selbstständiges Leben erzogen. Der ewige Prinz hatte sie in der Rolle des Hausdrachens etabliert und sie hatte es zugelassen.
Sie hasste ihn. Ließ es ihn spüren.
Sie hasste sich.
Leben?
Verarscht.

 

Etüden 2019 06+07 | 365tageasatzadayQuelle: Pixabay

 

Für die abc.etüden, Wochen 06/07.2019: 3 Begriffe, maximal 300 Wörter. Die Worte stammen dieses Mal von Petra Schuseil und lauten: Winterreifen, eifersüchtig, stolpern.

Ich bin gerade definitiv nicht heiter, tut mir leid. ;-)

 

Alltag | Februar

Lieber Himmel, wo ist die Zeit hin? Vergangenes Wochenende bat Ulli wieder darum, ihr (und euch) ein Stück von meinem Alltag zu zeigen. Und ich? Ich habe – nichts. Oder zu viel.

Zu.viel.zu.tun.  Viel.zu.viel.zu.tun.

Es bleibt alles liegen, denn ich kämpfe einen großen Berg Arbeit nieder. Für den ich, nebenbei bemerkt, sehr dankbar bin, denn die letzten drei Monate waren eher mau, die Einkünfte daher auch, und nein, ich habe nicht vor, öffentlich in mehr Details zu gehen.

Aber gerade fehlt es an Zeit für alles. Blog, Wäsche, Haushalt, Einkaufen, Freizeit … und wenn dann so was wie gestern/am Wochenende passiert, dass mein Internet crasht, dann fliegt mir mein enger Zeitplan um die Ohren und ich sitze jammernd hier rum: Ich hole es nach, ich hole es nach. Weil, wenn man schon ein Schreibprojekt hat, dann sollte man sich auch kümmern. Mein Anspruch an mich. Leute, ich kann grad nicht, ich komme in den nächsten Tagen rum. Irgendwann.

Nicht zu kurz kommt die Zeit für den Fellgenossen, der fordert jeden Abend seine halbe Stunde Spielen mit der Fellangel ein, wenn nötig, mit Zähnen und Klauen. Leider kann ich ihn nicht dabei nicht fotografieren, es sind Bilder für die Götter.

Also habe ich nur ein Foto mit Aussicht für euch. Ziemlich grau und ziemlich unspektakulär wie mein Alltag zurzeit. Normalerweise kommt ein ganzer Trupp, aber hier war es nur eine Blaumeise, die nachsah, ob das Eis an der Vogeltränke wieder weg war. Ich liebe meine tierischen Besucher, gefiedert und nicht gefiedert. Und der Fellträger hat dann Katzenkino.

 

Blaumeise | 365tageasatzadayQuelle: ichmeinerselbst

 

Störungsmeldung.

Ich bin ohne Internet und Telefon (Festnetz).

(UPDATE! NEIN, NICHT MEHR! Ein Hoch auf o2, es hat nur 30 Stunden gedauert!)

Da ich IMMER meine Beiträge über den PC verfasse, fühle ich mich mit der Handy-App gerade reichlich fremd, was optische Gestaltung etc. angeht.

Liebe Etüdenmenschen, liebe Mitblogger*innen! Ich komme bei euch vorbei, sobald ich kann, ich hoffe, es wird nur eine Frage von Stunden und nicht von Tagen sein. Ich bin völlig genervt — auch, weil ich meine Internet-Kapazitäten für den Job brauche, da muss der Blog zurückstehen. Ach, es ist zum … Röcheln.

 

Bumerang

War einmal ein Bumerang;
War ein Weniges zu lang.
Bumerang flog ein Stück,
Aber kam nicht mehr zurück.
Publikum – noch stundenlang –
Wartete auf Bumerang.

(Joachim Ringelnatz, Bumerang, aus: Turngedichte, 1923, Online-Quelle)

 

Mondsichel | 365tageasatzadayQuelle: Pixabay

 

Kommt NATÜRLICH gut in die neue Woche!