Der Hausdrache | abc.etüden

Sie war die, die eingeladen wurde, weil man Paare immer zusammen einlud. Weil sich das so gehört.
Ihn hingegen wollten alle. Er sah gut aus, war gebildet und redegewandt. Konnte eine Pointe so fein einfärben, dass eine leichte Zweideutigkeit mitschwang, die gewisse Damen höchst interessant fanden. Geistvolles, unverbindliches Geplänkel war sein Metier. Er glänzte gern und gut.

Lief da mehr? Man munkelte davon, aber man wusste es nicht. Jedenfalls hatte er diese Gattin. Warum er die mal geheiratet hatte, er hätte doch bestimmt jemanden finden können, der passender gewesen wäre. Sie wird wohl Geld gehabt haben oder vielleicht auch andere Qualitäten, na, wir waren alle ja mal jung.

Sie wusste Bescheid. Sah sich im Zerrspiegel der Damenrunden zu einem eifersüchtigen Monster mutieren, das besessen über seine Pfründe wachte und dem armen Mann jeden ach so unschuldigen Spaß vergällte.

Oh ja. Tat sie.
Wenn die wüssten.

Mit Küssen auf dem Stadtfest hatte es angefangen, hinter dem Feuerwehrschuppen mit den Winterreifen. Sie war unerfahren und voller Ideale, hatte naiv an Liebe geglaubt, hatte sich begehrt gefühlt und war an seiner Hand in eine höchst erwünschte Ehe gestolpert.

Das böse Erwachen kam bald. Sie war zwar eine glanzvolle Trophäe, aber er verlor schnell die Lust an ihr. Auch weil sie darauf bestand, dass er sein Leben änderte. Wollten sie nicht das Gleiche?
Er entzog sich, machte sein Ding und überließ ihr den Rest. Ihre Existenz war schließlich bequem und schützte vor allen anderen Ansprüchen, die man vielleicht an ihn hätte stellen können, vor allem emotionaler Natur.

Scheidung? Da war die Familie, und wohin hätte sie gekonnt? Man hatte sie nicht für ein selbstständiges Leben erzogen. Der ewige Prinz hatte sie in der Rolle des Hausdrachens etabliert und sie hatte es zugelassen.
Sie hasste ihn. Ließ es ihn spüren.
Sie hasste sich.
Leben?
Verarscht.

 

Etüden 2019 06+07 | 365tageasatzadayQuelle: Pixabay

 

Für die abc.etüden, Wochen 06/07.2019: 3 Begriffe, maximal 300 Wörter. Die Worte stammen dieses Mal von Petra Schuseil und lauten: Winterreifen, eifersüchtig, stolpern.

Ich bin gerade definitiv nicht heiter, tut mir leid. ;-)

 

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27 Kommentare zu “Der Hausdrache | abc.etüden

  1. Gute Geschichten entstehen häufig dann, wenn frau gerade nicht heiter ist, liebe Christiane. Vermutlich kommt also auch von mir bald mal wieder eine (hoffentlich gute) Geschichte. Denn im Moment bin ich auch alles andere als heiter. Drückt mir bitte am Dienstag die Daumen. Und heute auch. Mir stehen wichtige medizinische Diagnosen bevor.

    Gefällt 4 Personen

    • Ja, liebe Elke, gern. Ich drücke alle Daumen. Wäre schön, wenn es bei dir zu einer Geschichte reichen würde, aber der Anlass muss bitte nicht unbedingt „unheiter“ sein. Wenn du magst, sag Bescheid, wie es ausgegangen ist. Nur wenn du magst!
      Liebe Grüße
      Christiane

      Gefällt 4 Personen

  2. Spannender Text. Man denkt ja viel zu selten über die Motive von Menschen nach, die einem vollkommen unsympathisch sind.
    Ich hatte auch so jm in der Familie. Sie war der „Hausdrache“, er der Arme, der Applaus für seinen Kurschatten bekommen hat. Ich glaube immernoch, dass sie einfach nur ein sehr geringes Selbstwertgefühl hat und er ein feiges Hohlbrot ist. War nicht unbedingt ne beliebte Ansicht.
    Grüße, Katharina.

    Gefällt 3 Personen

    • Das Gute wie das Schlechte bei den Etüden ist, dass man so ein Thema nur anreißen kann. In meinem wie vielleicht auch in deinem Fall reden wir über Männer, die es sich einfach machen, warum auch immer (weil es geht?), und den Frauen den Rest überlassen. Dennoch bleibt die Frage an die Frau, warum sie nicht abgehauen ist. Und auch da gibt es viele Antworten, und keine davon ist einfach.
      Dass du dich nicht beliebt gemacht hast, glaube ich. Gerade solche Männer (und ihr Fanclub) nehmen da SEHR übel, wenn man ihrem Ego nicht schmeichelt. ;-)
      Liebe Grüße zurück
      Christiane

      Gefällt 4 Personen

  3. Für mich ist das ein Plädoyer für materielle Unabhängigkeit. Die emotionalen Fesseln sind schon schlimm genug, wenn jemand – meistens eine Frau, aber nicht immer – dann auch kein eigenes Geld verdient/besitzt, wird es wirklich schwierig und endet wohl oft in trostloser Resignation wie in deinem Text.
    Ich hoffe, du bist doch wenigstens ein bissl besser drauf als die Stimmung in der Etüde. Wenn nicht wünsche ich dir, dass das bald wieder so ist.
    Die „Winterreifen“ finde ich übrigens im Text sehr elegant untergebracht

    Gefällt 5 Personen

    • Da hast du recht, was die finanzielle Unabhängigkeit angeht. Nur ist das sehr oft eher die Ausnahme als die Regel, leider, gerade in den konventionellen Settings.
      Ja, ich bin erheblich besser drauf, ich bin bloß überarbeitet. Aber ich sehe Land und nicht nur Wochenende!
      Liebe Grüße
      Christiane 😁😺

      Gefällt 4 Personen

  4. Hässlich und traurig – es wurde schon gesagt. Und auch, dass die Kurzform der etüden nur zum Anreißen, nicht zum Erklären und Vertiefen reicht. Es ist eine außerordentlich gut gelungene Skizze deformierender („Zerrspiegel der Damenrunden“) und deformierter menschlicher Beziehungen. Besonders gefällt mir die Zweiteilung: Der Erscheinungsbild der beiden – das Innenbild der weiblichen Beteiligten.

    Gefällt 6 Personen

    • Danke dir. Ich schreibe immer noch aus dem Bauch raus, daher freut es mich dann immer, wenn anderen auffällt, was mir beim Schreiben nur halb bewusst war ;-), zum Beispiel die Sache mit der Zweiteilung.
      Was mir selbst nicht gefällt, lässt sich mit dem alten Rat „Show, don’t tell“ umschreiben. Zu viel „tell“, zu wenig „show“. Aber das wäre eine komplett andere Etüde geworden, und die bekäme ich gerade nicht hin.
      Von daher: danke schön, freut mich sehr.
      Liebe Grüße
      Christiane

      Gefällt 2 Personen

  5. wie traurig, der Blick hinter die Fassade einer Ehe, die anders ist, als alle denken. Traurig hört es sich an und hinter der Bitterkeit liegt die Resignation…
    Wie gut hast Du angerissen, was es bestimmt sehr oft gibt und was mehr oder weniger gut versteckt wird, liebe Christiane
    Eine echt gute Etüde

    Herzlichst, Bruni und liebe Grüße an Dich ins Wochenende

    Gefällt 2 Personen

    • Dass der/die Eine auf die Kosten des/der Anderen lebt, zumindest teilweise, kommt bestimmt häufig vor. Und wenn beide damit glücklich sind, warum nicht. Schlimm ist nur, wenn eine/r ihr/sein Ding allein macht, und das, denke ich, kommt in jeder Konstellation vor, nicht bloß in dieser.
      Liebe Grüße, schönes Wochenende
      Christiane

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  6. Auweia…. so in der Art gab es das „früher“ sicher häufig, eben durch die materielle Abhängigkeit…leider. Heutzutage habe ich keinerlei Verständnis für diese Art der Lebenszeitverschwendung… und nicht mal Mitleid. Da sind wohl beide dumm… und dann passt es wieder ;-) Schöner Denkanstoß … ich bin allerdings schon immer der Meinung, man sollte seiner Beziehung jährlich einen „TÜV“ geben …. und durchgefallen ist durchgefallen :D
    Viele Grüße Miki

    Gefällt 1 Person

    • Andere Lebensform, da hast du wohl recht. Wenn man erst mal verheiratet ist (auch heute), wird es aber auf jeden Fall schwerer, sich zu trennen, wenn man durch deinen „TÜV“ durchgefallen ist.
      Liebe Grüße
      Christiane

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      • Ja, das stimmt, das ist dann ein SEHR teurer TÜV, hatte ich auch schon…. aber man wächst mit seinen Aufgaben…hab ich daraus gelernt. Und aus der Nummer bin ich nicht mal „ohne was“ ausgestiegen, sondern mit „Minus“, weil man für die Schulden des Ehepartners aufkommen muss, ob abgeschafft oder nicht…. nun ja. Ist inzwischen lange her und egal wie schwer es war, es war der einzig richtige Weg. Sonst wäre ich heute auch so…. verbogen…
        Viele Grüße Miki

        Gefällt 1 Person

        • „Verbogen“ ist sehr freundlich. 😏 Ja, klar hätte sie gehen müssen, ich sehe das nicht anders, aber je älter ich werde, desto milder werde ich. Manche Menschen bekommen manche Dinge nicht hin, Punkt. Nicht mal, wenn sie sehenden Auges in ihr Unglück rennen. Ich werde nur gallig, wenn diese Leute dann alle anderen für ihre Misere verantwortlich machen. Aber ja, es gibt Menschen, die scheitern, und meine Etüden dürfen auch mal davon erzählen.
          Liebe Grüße zurück
          Christiane

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  7. Pingback: Schreibeinladung für die Textwochen 08.09.19 | Wortspende von wortgeflumselkritzelkram | Irgendwas ist immer

    • Genau. Hilflosigkeit. Und genau da kann man ansetzen, indem man zum Beispiel, dem- oder derjenigen zeigt, dass er/sie so hilflos nicht ist … nicht im Bösen natürlich. Aber das setzt den Willen zur Weiterentwicklung und damit zur Veränderung voraus. Immer schwierig, und auch das meine ich nicht negativ.
      Liebe Grüße
      Christiane

      Gefällt 1 Person

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