Vom Vorfrühling

 

Dämmerung im Vorfrühling

Der Tag bleicht. Letzte Helligkeit
Quillt aus dem ebenmässigen Gewölk.
Die Erde trocken und befreit
Von Schnee; nur hie und da die Spur
Von dünnem Eise, wie Glasur.

Die Dunkelheit wächst sanft und stät;
Ein Licht, das aufblitzt, glimmt noch matt;
Die Kinder spielen noch so spät,
Der Tagesfreuden nimmer satt.

Die Menschen schreiten säumig, wie verführt;
Und atmend heben sie das Kinn
So an die Luft, als läge drin
Für sie ein Etwas, das den Sinn
Wie eine wahre Seligkeit berührt.

(Hedwig Lachmann, Dämmerung im Vorfrühling, in: Gesammelte Gedichte, 1919, Online-Quelle)

 

Vorfrühling

Sieh da: Die Weide schon im Silberpelz,
Die Birken glänzen, ob auch ohne Laub,
In einem Lichte, das wie Frühling ist.
Der blaue Himmel zeigt türkisenblau
Ganz schmale Streifen, und ich weiß, das ist
Des jungen Jahres erster Farbenklang,
Die ferne Flöte der Beruhigung:
Die Liebe hat die Flügel schon gespannt,
Sie naht gelassenen Flügels himmelher,
Bald wird die Erde bräutlich heiter sein.

Nun Herz, sei wach und halte dich bereit
Dem holden Gaste, der mit Blumen kommt
Und Liebe atmet, wie die Blume Duft.
Sei wach und glaube: Liebe kommt zu dir,
Wenn du nur recht ergeben und getrost
Dich auftust wie ein Frühlingsblumenkelch.

(Otto Julius Bierbaum, Vorfrühling, in: Das seidene Buch. Eine lyrische Damenspende, 1904, Online-Quelle)

 

Frühling

Abendlich tönet Gesang ferner Glocken,
lächelnd versinkt voll Frühling ein Tag.
Über das eigene Lied scheu erschrocken,
verstummte die Amsel mitten im Schlag.
Und in dem Regen, der nun begann,
fing leise die Erde zu atmen an.

(Wolfgang Borchert, Frühling, aus: Das Gesamtwerk, Online-Quelle)

 

Weidenkätzchen | 365tageasatzadayQuelle: Pixabay

 

Ja, man kennt ihn woandersher. Ich wusste bislang nicht mal, dass Borchert auch Gedichte geschrieben hat; und ich möchte jetzt nicht hören, dass das auch kein Verlust war! ;-)

Und das mit dem Regen, das üben wir noch. Hoffentlich.

Kommt gut in die neue Woche!

 

 

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27 Kommentare zu “Vom Vorfrühling

  1. grad wenn man sein übriges Werk und sein Leben kennt, rührt dies Gedicht in seiner anscheinenden Schlichtheit Dabei ist es gar nicht schlicht: Jeder Zweizeiler spannt eine ganze Szenerie auf. Der erste verbreitet eine vollkommene Harmonie zwischen Menschen- und Naturwelt, der zweite mit dem erschrockenen Verstummen greift ans Herz. Und der dritte ist dann wie Erlösung im beginnenden Regen und wieder Atmen der Erde. Je mehr ich es lese, desto vollkommener kommt es mir vor.

    Gefällt 4 Personen

    • Ich vermute, dass es deswegen überlebt hat, als er die Lyrik aufgab und sich der Prosa widmete. Auch ich finde es rund und sehr berührend, sonst stünde es nicht hier, und ja, doch, sprachlich schlicht. Aber Worte so zu setzen, ist Kunst und kein Manko, und wie du schon schreibst: Inhaltlich ist es mehr als lebendig.
      Danke dir!
      Liebe Grüße
      Christiane

      Gefällt 4 Personen

      • in gewisser weise beschreibt er ja sein eigenes Verstummen als Lyriker.
        So als ob er angesichts all des Kriegs-Grauens über seinen eigenen seligen Gesang erschrocken verstummt wäre….
        Aus welchem Jahr ist das Gedicht denn?

        Gefällt 4 Personen

        • Das wüsste ich auch gern. Er hat 1946 einen Gedichtzyklus herausgebracht, „Laterne, Nacht und Sterne“, darin ist es aber nicht enthalten. Wikipedia weiß, dass Borchert irgendwann (nach 1945) von Lyrik zu Prosa als hauptsächlicher Ausdrucksform wechselte, also vermute ich, dass die Gedichte früher entstanden sind und er selbst dieses Gedicht als „Beifang“ gesehen hat. Um es genauer datieren zu können, bräuchte ich vermutlich eine Ausgabe des Gesamtwerks, die habe ich aber nicht.

          Gefällt 4 Personen

        • Im Alter von 15 Jahren begann Borchert Gedichte zu schreiben. Seine literarische Produktivität war beträchtlich, er verfasste oft fünf bis zehn Gedichte am Tag.
          Das hab ich beim Suchen entdekt.
          Sein großes Vorbild war, wie könnte es anders sein, Rilke!
          Leider starb er ja schon mit 26 Jahren… viel zu früh, um irgendwann doch wieder zur Lyrik zu eilen…

          Gefällt 2 Personen

        • Dann ist es kein Wunder, dass nicht alle überlebt haben. 😉 Bruni, bei aller Liebe, da muss viel Mist dabei gewesen sein.
          Ja, und er hatte kein leichtes Leben, er war Soldat und nicht gerade ein begeisterter Nazi, wodurch er zusätzlich Probleme hatte …

          Gefällt 1 Person

        • Er war überschwänglich, übereifrig, so wie ich das alles verstanden habe, also vermutlich auch viel Mist *g* dabei,
          Nein, kein leichtes Leben und als einer, der durch und durch Paizift war, war das alles, was da passierte, kaum auszuhalten

          Gefällt 1 Person

        • Da muß er einen Schwarm von Schutzengeln gehabt haben, liebe Christiane.
          Die waren leider in dieser Zeit total überfordert…

          Gefällt 1 Person

    • Ja, die hatte ich auch gesehen, liebe Karin, danke! Auf dem Handy laufe ich übrigens bei der Zeit in eine Paywall, auf dem PC geht es.
      Aber nirgends gibt es Entstehungsjahre. Wäre interessant zu wissen, ob sie in den Gesamtausgaben stehen – ich merke mir das für den nächsten Bücherhallenbesuch mal vor.
      Liebe Grüße, gute Nacht
      Christiane mit schlafendem Fellträger

      Gefällt 3 Personen

  2. Nachdem ich alle drei geleben hatte, war mit Abstand das Borchert-Gedicht für mich das allerschönste und kunstvollere,
    Er hatte viele Vorbilder, die wir alle auch gut kennen und an denen er sich orientierte und dann las ich bei seiner Liebeslyrik
    dieses hier

    Aranka
    Ich fühle deine Knie an meinen,
    und deine krause Nase
    muß irgendwo in meinem Haare weinen.
    Du bist wie eine blaue Vase,
    und deine Hände blühn wie Astern,
    die schon vom Geben zittern.
    Wir lächeln beide unter den Gewittern
    von Liebe, Leid – und Lastern.

    Und wenn er sich hier nicht an Benn orientiert hat, dann heiße ich nicht mehr Bruni :-)

    Liebe Grüße zum Abend von Bruni

    Gefällt 1 Person

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