Schreibeinladung für die Textwoche 14.19 | Extraetüden

Extraetüden! Extraetüden! Nur für kurze Zeit! Extraetüden! Zum zweiten Mal, liebe Etüdenfans, -schreiber*innen und -leser*innen, rufe ich euch zu den Extraetüden auf! Denn heute Nacht wurde nicht nur die Zeit umgestellt – ja, hallo! Alle wach? –, heute ist der fünfte Sonntag im Monat März. Und das bedeutet, richtig, Extraetüden, bis es am nächsten (ersten) Sonntag des Monats April ganz normal wieder weitergeht.

Die Statistik lehrt, dass in den letzten beiden Wochen 47 Etüden von 29 teilnehmenden Blogs (Stand ohne Nachzügler) gemeldet wurden. Alice, Werner Kastens und der wertgeschätzte fraggle führen mit jeweils 4 Etüden die Hitliste an. Nicht ganz neu, aber wieder hinzugekommen ist Sandra Matteotti mit ihren Denkzeiten – und ich freue mich sehr, dass Elke H. Speidel wieder die Tastatur geschwungen hat, regelmäßige Leser wissen, warum das ein Anlass zur Freude ist.

Nun also die Liste für das vergnügliche Lesen beim (verdammte Zeitumstellung, na gut, nächstes Jahr zum letzten Mal) Sonntagmorgenvormittagskaffee (oder so). Wie immer: Checkt bitte, ob alles mit euren Links okay ist, und falls euch auffällt, dass jemand fehlt oder sonst was falsch ist, dann brüllt!

dergl auf Die Tintenkleckse sehen aus wie Vögel: hier und hier
Gerhard von Kopf und Gestalt in den Kommentaren: hier
Corly in Corlys Lesewelt: hier
Sandra Matteotti auf Denkzeiten: hier
Miki auf Miki: hier
Rina auf Geschichtszauberei: hier und hier
Bettina auf Wortgerinnsel: hier und hier
Alice auf Make a Choice Alice: hier, hier, hier und hier
Myriade auf la parole a été donnée à l´homme pour cacher sa pensée: hier
Werner Kastens auf Mit Worten Gedanken horten: hier, hier, hier und hier
Die Hummel im Hummelweb: hier
Viola auf viola-et-cetera: hier
Sabine auf Wortgeflumselkritzelkram: hier, hier und hier
René auf Ein Blog von einem Freund. Von Humor. Und Spass. Aus Berlin. Im Ernst!: hier
Sophie auf Immer diese Gedankenmacherei: hier
fraggle auf reisswolfblog: hier, hier, hier und hier
Frau Vro auf vro jongliert: hier
Meine (Christiane) auf Irgendwas ist immer: hier und hier
LadyAngeli auf Mein Leben ist bunt: hier
Anna-Lena auf Meine literarische Visitenkarte: hier und hier
Bernd auf Red Skies over Paradise: hier und hier
Gerda auf GERDA KAZAKOU: hier und hier
Katharina auf Katha kritzelt: hier
Natalie im Fundevogelnest: hier
Ulli aus dem Café Weltenall: hier
Petra auf Wesentlich werden: hier
Nina vom Bodenlosz-Archiv: hier
Elke H. Speidel auf Transworte auf Litera-Tour: hier
Sven auf Svens kleiner Blog: hier

Nachzügler:
Nicole auf Die Waldträumerin: hier

 

Ebenfalls wie immer vielen Dank an die Wortspenderin und alle, die gelesen, gelikt und kommentiert haben – und natürlich an euch, die ihr mitschreibt!

Noch mal zur Erinnerung, wie das mit den Extraetüden geht: Ihr nehmt die Begriffe des abgelaufenen Monats, das sind sechs, sucht euch davon fünf aus und verpackt die in einen Text von maximal 500 Wörtern. Zeit: eine Woche!
Der Rest ist so wie immer.

Dies waren die März-Wörter, gespendet von Natalie und Rina.P:

Nieselregen, weich, irren
Café,
verdorben, beißen.

 

Der Etüden-Disclaimer: Die Headline für die Extraetüden heißt: 5 Begriffe in maximal 500 Wörtern (jaha, ist das nicht toll? 200 Wörter mehr!).
Eure Beiträge verlinkt ihr bitte wie gewohnt hierhin und/oder (am besten „und“) postet den Link unten in einen Kommentar, damit eure Etüden auch ganz sicher von mir und von allen, die es interessiert, gelesen werden können. Wen ich nicht in den Kommentaren/Pings der Schreibeinladung finden kann (das ist hier), der kommt nicht auf die nächste Liste, das wäre doch schade, oder?
Die Illustrationen unterliegen nach wie vor meinem Copyright.
Wie immer behalte ich mir vor, Kommentare zu moderieren, wenn nötig.

Noch Fragen zu den Etüden? Hier habe ich das Kleingedruckte zusammengetragen.

Die nächsten regulären Wörter gibt es am 7. April 2019. Bin sehr gespannt, was ihr draus macht!

 

Extraetüden 14.19 | 365tageasatzaday

 

Extraetüden 14.19 | 365tageasatzadayQuelle: hier und hier, Bearbeitung von mir

 

 

Das Geständnis | abc.etüden

Es war seine Firma. Er durfte überall hinein. Auch in ihr Büro. Auch wenn die Tür geschlossen war. Auch wenn normale Menschen den Wink mit dem Zaunpfahl verstanden. Konnte doch nicht so schwer sein, oder?

Er trat ein und setzte sich auf die Kante des Schreibtischs.

„Hör mal“, begann er in ernstem Ton, „ich glaube, ich muss dich was fragen. Lisa vom Empfang sagt, du stiefelst seit Anfang der Woche morgens mit einem Gesicht an ihr vorbei, als hätte dich wer gebissen. Du kommst nicht zum Kaffeetrinken in den Aufenthaltsraum. Du willst nicht mal mehr, dass man dir zur Frühstückspause was vom Café mitbringt. Ich würde sagen, irgendwas ist faul im Staate Dänemark. Und damit es nicht bald verdorben ist und stinkt und wir es alle ausbaden müssen, dachte ich, ich erkundige mich mal.“

Er sah sie auffordernd an.

Wow! Großartig! Wie er seine Bildung herauskehrte! Sie überlegte, ob sie was Geistreiches erwidern konnte, und schwieg. Vielleicht hatte sie es wirklich übertrieben?

Sie sah zur Wand. Er folgte ihrem Blick. Ein großes, handgeschriebenes Plakat.
NICHT VOR 12, VERDAMMT!
Klar, verstand er nicht, er war ein Mann.
Sie seufzte. „Ich bin seit Anfang der Woche auf Diät, weißt du? Intervall-Fasten. Ich esse nichts vor zwölf. Auch keinen Kaffee mit Milch. Ich hab einfach eine Scheißlaune. Wird bald besser. Hoffentlich.“

„Ah.“ Sie sah ihn den Rückzug antreten. Frauensachen!

Über ihre inneren Kämpfe vor der Auslage beim Bäcker schwieg sie besser. Sie hatte so Lust auf Süßes! Intervall- UND Zuckerfasten standen auf ihrer Fahne, um genau zu sein. Das volle Pfund, jawohl. Und so gesund.

„Gehst du nachher mit uns essen oder darf ich das jetzt nicht mehr fragen?“ Er erhob sich.

„Doch.“ Sie nickte gnädig. „Wenn ihr nach zwölf losgeht, komme ich mit.“

Der Kampf ging weiter. Noch gab sie nicht auf.

 

abc.etüden 2019 12+13 | 365tageasatzadayQuelle: Pixabay, Bearbeitung von mir

 

Für die abc.etüden, Wochen 12/13.2019: 3 Begriffe, maximal 300 Wörter. Die Worte stammen dieses Mal von Rina.P und ihrem Blog Geschichtszauberei und lauten: Café, verdorben, beißen.

Eine Fasten-Etüde, irgendwie. Zuckerfasten scheint mir speziell zu dieser Jahreszeit sehr en vogue zu sein, was nur noch durch den neuen Trend zum Intervallfasten getoppt wird. Ich frage mich, ob das hilft, oder ob man dennoch nachts den Kühlschrank leerfrisst. Aber vielleicht ist das auch nicht die gleiche Klientel.

 

 

 

Von Frühling und nicht nur Amseln

 

Nächtliche Stunde

Nächtliche Stunde, die mir vergeht,
da ich’s ersinne, bedenke und wende,
und diese Nacht geht schon zu Ende.
Draußen ein Vogel sagt: es ist Tag.

Nächtliche Stunde, die mir vergeht,
da ich’s ersinne, bedenke und wende,
und dieser Winter geht schon zu Ende.
Draußen ein Vogel sagt: es ist Frühling.

Nächtliche Stunde, die mir vergeht,
da ich’s ersinne, bedenke und wende,
und dieses Leben geht schon zu Ende.
Draußen ein Vogel sagt: es ist Tod.

(Karl Kraus, Nächtliche Stunde, in: Worten in Versen VII, Online-Quelle)

 

Die Amseln haben Sonne getrunken

Die Amseln haben Sonne getrunken,
aus allen Gärten strahlen die Lieder,
in allen Herzen nisten die Amseln,
und alle Herzen werden zu Gärten
und blühen wieder.

Nun wachsen der Erde die großen Flügel
und allen Träumen neues Gefieder;
alle Menschen werden wie Vögel
und bauen Nester im Blauen.

Nun sprechen die Bäume in grünem Gedränge
und rauschen Gesänge zur hohen Sonne,
in allen Seelen badet die Sonne,
alle Wasser stehen in Flammen,
Frühling bringt Wasser und Feuer
liebend zusammen.

(Max Dauthendey, Die Amseln haben Sonne getrunken, aus: Reliquien, in: Gesammelte Gedichte und kleinere Versdichtungen, Albert Langen, München 1930, S. 122)

 

Liebesgedicht

Ich sah dich den Amseln zärtlich Futter streuen –
Ich sah dich deinen alten Vater sanft betreuen –
Ich sah dich in einem Buche heilige Stellen anstreichen,
Ich sah dich in Gesellschaft unadeliger Menschen erbleichen.
Ich sah dich deine idealen Füße ungeniert nackt zeigen,
Ich sah dich wie eine Fürstin dich edel-stolz verneigen.
Ich sah dich mit deinem geliebten Papagei wie mit einem Freunde sprechen,
Ich sah dich mit einem Manne wegen eines geringen Taktfehlers für ewig brechen – – –.
Ich sah dich an Himbeerduft dich berauschen,
Ich sah dich der Stille eines Sommerabends lauschen.
Ich sah dich an dem Alltag wachsen, lernen,
Ich sah dich traurig steh’n vor trüben Gaslaternen.
Ich sah dich dein Leben spinnen wie die Spinne ihr mysteriöses Gewebe – – –
Ich schlich mich abseits, um dich nicht zu stören.
Ich werde dich aber lieben, solang ich lebe!

(Peter Altenberg, Liebesgedicht, in: Märchen des Lebens, 1924, Online-Quelle)

 

Kompost | 365tageasatzadayQuelle: ichmeinerselbst

 

Der Dauthendey rangiert auf der Liste meiner Lieblingsgedichte echt weit oben, wie ich festgestellt habe. Daher musste der sein – und er musste jetzt sein.

Zugegeben, auf dem Bild sind keine Amseln, ich habe mich dagegen entschieden. Stattdessen, weil ich es Myriade gegenüber bei ihr erwähnte, meine geliebte „Kompost“-Komposition (in einer neuen Aufbereitung), Stichwort „ewiger Kreislauf“. Ja, das war alles mal gleichzeitig auf EINEM Komposthaufen, an dem ich vorbeikam. Der Besitzer war ob meiner Aufmerksamkeit reichlich irritiert, obwohl er mich hätte kennen können.  ;-)
Das Zitat soll von Xenophanes sein.

Kommt dennoch alle gut und heil und sicher in die neue (Frühlings-) Woche!

 

Das Gedicht | abc.etüden

Es war einer jener Tage, an denen es überall hakte, aber es war der Welttag der Poesie*. In ihrer Mittagspause setzte sie sich im Großstadtrauschen nach draußen in die Sonne und schlug das mitgebrachte Gedichtbuch auf. Man konnte es ja versuchen.

Die gewünschte Ablenkung wollte sich nicht einstellen. Ständig kreisten ihre Gedanken um den Alltag. Ein Missverständnis mit einer Freundin. Ein geliebter Hund, der vom Krebstod bedroht war, zum Glück nicht ihrer. Ärztliche Untersuchungsergebnisse, die einen Freund erschreckten. Wikipedia protestierte mit eintägiger Abschaltung gegen drohende Uploadfilter und Abgeordnete bestätigten in Pressekonferenzen, „dass Presseverlage mit schlechter Wahlberichterstattung gedroht haben, wenn Abgeordnete gegen die #Urheberrechtsreform stimmen“.** Da musste man nicht mal mehr überlegen, wer von dem Uploadfilter profitieren würde. Sie erwog, am Wochenende demonstrieren zu gehen.

Der bestellte Café au Lait und ihr Franzbrötchen kamen und dufteten herrlich. Gedankenverloren biss sie ein kleines Stück ab. Israels politisch rechte Justizministerin machte in ihrem neuesten Wahlkampfwerbespot Werbung für ein Parfum namens „Faschismus“.*** Nun, was wusste sie über Israel, außer dass die Gesellschaft kontrastreich war und ziemlich anders zu ticken schien? Nicht viel, gab sie zu, aber allüberall schienen die Rechten auf dem Vormarsch zu sein mit ihrer Speerspitze der dumpfen Pöbler, die erst schrien, später schlugen oder schossen. Manchmal auch umgekehrt. Amokläufe per Helmkamera live ins Internet zu übertragen: Wahrscheinlich nur eine konsequente Weiterentwicklung, aber sie schauderte dennoch. In was für einer Welt würde sie ihre Tage beschließen, wenn das so weiterging? Würde es überhaupt noch eine geben?

Ihr Blick fiel auf ein wahllos aufgeschlagenes Gedicht.

„Das Gedicht ist nicht der Ort, wo das Sterben begütigt
wo der Hunger gestillt, wo die Hoffnung verklärt wird.“****

Es endete mit: „Das Gedicht ist nicht der Ort, wo der Engel geschont wird.“****

Na, großartig. Sie klappte das Buch zu. Jetzt war ihr die Laune endgültig verdorben.

 

abc.etüden 2019 12+13 | 365tageasatzadayQuelle: Photo by DREW GILLIAM on Unsplash, Bearbeitung von mir

 

Für die abc.etüden, Wochen 12/13.2019: 3 Begriffe, maximal 300 Wörter. Die Worte stammen dieses Mal von Rina.P und ihrem Blog Geschichtszauberei und lauten: Café, verdorben, beißen.

 

Die Links dazu.

* https://de.wikipedia.org/wiki/Welttag_der_Poesie

** https://twitter.com/Senficon/status/1108674187529515011

*** https://derstandard.at/2000099816497/Ein-Hauch-von-Faschismus-umweht-Israels-Justizministerin

**** http://culturmag.de/litmag/litmag-weltlyrik-christoph-meckel/87898

Das zitierte Gedicht stammt von Christoph Meckel und heißt „Rede vom Gedicht“. Man darf es selbstverständlich nicht gänzlich zitieren (Urheberrecht), daher habe ich eine Online-Quelle verlinkt, von der ich hoffe, dass sie es darf, mir geht es eh nur um die zitierten Zeilen. Es ist in dem 1974(!!!) erschienenen Gedichtband „Wen es angeht“ zu finden (Christoph Meckel: Wen es angeht. Gedichte. Mit Graphiken des Autors. Düsseldorf: Eremiten-Presse 1974, S. 15).

Oh, und wer wissen will, ob morgen in seiner Nähe eine Demo stattfindet, kann das hier nachschauen, nämlich auf der Seite von savetheinternet.info: HIER KLICKEN.

 

In Sachen Markus Igel

Erinnert ihr euch, dass ich euch im Januar auf den Fall von Markus Igel aufmerksam gemacht habe? („Teilen Sie das bitte!“, hier nachlesen.) Okay, eigentlich war ich einem Aufruf von dergl gefolgt. Dieses Mal ist es kein Aufruf, sondern eine schlichte, höchst erfreuliche Meldung, die sie veröffentlicht hat und die ich gern weitertragen möchte.

Das Bundesverfassungsgericht hat Markus Igel ZUM ZWEITEN MAL recht gegeben. dergl schreibt dazu:

Markus Igels Weg ist noch nicht zu Ende, aber es ist jetzt das zweite Mal, dass das Bundesverfassungsgericht entschieden hat, dass der Umgang der Behörden mit ihm einen Verstoß gegen ein Grundrecht darstellt, das ist ein wichtiger Baustein dazu, dass neu verhandelt werden muss.

Hier könnt ihr ihren Beitrag lesen.

Auf diese Meldung der kobinet-Nachrichten bezieht sie sich: Bundesverfassungsgericht gibt Markus Igel erneut Recht.

 

Justitia | 365tageasatzadayQuelle: Bild von pixel2013 auf Pixabay

 

Menschliches und Frühlingsanfang

 

Letzter Versuch.

Ich habe mich zu erhängen gesucht:
Der Strick ist abgerissen.
Ich bin in’s Wasser gesprungen:
Sie erwischten mich bei den Füßen.
Ich habe die Adern geöffnet mir:
Man hat mich noch gerettet.
Ich sprang auch einmal zum Fenster hinaus:
Weich hat der Sand mich gebettet.
Den Teufel! ich habe nun alles versucht,
Woran man sonst kann verderben –
Nun werd’ ich wieder zu leben versuchen:
Vielleicht kann ich dann sterben.

(Ada Christen, Letzter Versuch, aus: Lieder einer Verlorenen, 1868, Online-Quelle)

 

DIE VERSUCHUNG

Nein, es half nicht, daß er sich die scharfen
Stacheln einhieb in das geile Fleisch;
alle seine trächtigen Sinne warfen
unter kreißendem Gekreisch

Frühgeburten: schiefe, hingeschielte
kriechende und fliegende Gesichte,
Nichte, deren nur auf ihn erpichte
Bosheit sich verband und mit ihm spielte.

Und schon hatten seine Sinne Enkel;
denn das Pack war fruchtbar in der Nacht
und in immer bunterem Gesprenkel
hingehudelt und verhundertfacht.
Aus dem Ganzen ward ein Trank gemacht:
seine Hände griffen lauter Henkel,
und der Schatten schob sich auf wie Schenkel
warm und zu Umarmungen erwacht —.

Und da schrie er nach dem Engel, schrie:
Und der Engel kam in seinem Schein
und war da: und jagte sie
wieder in den Heiligen hinein,

daß er mit Geteufel und Getier
in sich weiterringe wie seit Jahren
und sich Gott, den lange noch nicht klaren,
innen aus dem Jäsen destillier.

(Rainer Maria Rilke, Die Versuchung, aus: Der neuen Gedichte anderer Teil, 1918, Online-Quelle)

 

…ALS EINE REIHE VON GUTEN TAGEN

Wir wollen uns wieder mal zanken,
Auf etwas hacken wie Raben,
Daß unsre zufriednen Gedanken
Eine Ablenkung haben.

Wir wollen irgendein harmloses Wort
Entstellen,
Dann uns verleumden und zum Tort
Etwas tun; das schlägt dann Wellen.

Wir wollen dritte aufzuhetzen
Versuchen,
Dann unsere Freundschaft verfluchen,
Einmal sogar ein Messer wetzen,
Dann aber uns – in Blickweite –
Auseinander zusammensetzen,
Um superior jedem weiteren Streite
Auszuweichen;
Mit dem Schwur beiseite:
Uns nimmermehr zu vergleichen.

Dann wollen wir, jeder mit Ungeduld,
Ein paar Nächte schlecht träumen,
Dann heimlich eine gewisse Schuld
Dem anderen einräumen,
Dann lächeln, dann seufzen, dann stöhnen,
Dann plözlich uns gründlich bezechen,
Dann von dem vergänglichen, wunderschönen
Leben sprechen.

Und dann uns wieder einmal versöhnen.

(Joachim Ringelnatz, …als eine Reihe von guten Tagen, aus: Allerdings, 1928, Online-Quelle)

 

Der Lenz ist da!

Das Lenzsymptom zeigt sich zuerst beim Hunde,
dann im Kalender und dann in der Luft,
und endlich hüllt auch Fräulein Adelgunde
sich in die frischgewaschene Frühlingskluft.

Ach ja, der Mensch! Was will er nur vom Lenze?
Ist er denn nicht das ganze Jahr in Brunst?
Doch seine Triebe kennen keine Grenze –
dies Uhrwerk hat der liebe Gott verhunzt.

Der Vorgang ist in jedem Jahr derselbe:
man schwelgt, wo man nur züchtig beten sollt,
und man zerdrückt dem Heiligtum das gelbe
geblümte Kleid – ja, hat das Gott gewollt?

Die ganze Fauna treibt es immer wieder:
Da ist ein Spitz und eine Pudelmaid –
die feine Dame senkt die Augenlider,
der Arbeitsmann hingegen scheint voll Neid.

Durch rauh Gebrüll läßt sich das Paar nicht stören,
ein Fußtritt trifft den armen Romeo –
mich deucht, hier sollten zwei sich nicht gehören …
Und das geht alle, alle Jahre so.

Komm, Mutter, reich mir meine Mandoline,
stell mir den Kaffee auf den Küchentritt. –
Schon dröhnt mein Baß: Sabine, bine, bine …
Was will man tun? Man macht es schließlich mit.

(Kurt Tucholsky/Theobald Tiger, Der Lenz ist da!, in: Die Schaubühne, 26.03.1914, Nr. 13, S. 371; Online-Quelle)

 

Im Gespräch | 365tageasatzadayQuelle: Photo by Fred Mouniguet on Unsplash

 

Ich habe mich, wie ihr möglicherweise auch, gefragt, was dieses „Jäsen“ ist (Rilke, letzte Zeile). Die Auflösung findet sich im „Frühneuhochdeutschen Wörterbuch“, dort steht unter „jäsen“: ›sich zersetzen, sich in Gärung befinden, aufschäumen (von Flüssigkeiten)‹; ütr. ›brausen, aufwallen (von Gefühlen)‹. (Online-Quelle)

Kommt gut in die neue Woche, mit Sturm, Regen oder Sonne, und feiert den Frühlingsanfang!

 

Schreibeinladung für die Textwochen 12.13.19 | Wortspende von Geschichtszauberei

Stürme und Nieselregen, liebe Etüdenfans, -schreiber*innen und -leser*innen, scheinen zwar möglicherweise die Kuschelhormone (oder die Frühjahrsmüdigkeit) zu befeuern, aber fordern aber sicher nicht zu schreiberischen Vielleistungen heraus. Ich habe die letzten beiden Wochen über mein diesbezügliches Gejammer und künstliche Hypes nachgedacht und muss euch jetzt was gestehen: Es ist mir eigentlich doch ziemlich egal.

Ich habe, als ich die Etüden übernommen habe, gelobt, mich mit meinen Kräften dafür einzusetzen, dass es eine tolle, runde Sache wird. Für euch, aber auch für mich, würde ich nicht gern schreiben, würde ich das hier sofort einstellen. Aber wichtiger als alle möglichen Rekorde ist mir, dass die Etüden für alle offen sind, die Lust haben und ihre Anstrengung hineinlegen, um aus drei Wörtern ihre bestmögliche Geschichte zu spinnen – oder zwei, drei, vier, zehn … Die Etüden sind nicht mein persönlicher Egotrip, ich begreife mich als Diener dieses Projekts. Und als solcher arbeite ich dafür und freue mich, wenn es im Bloggerland eine möglichst breite Verbreitung findet, und ja, klar könnt ihr aussetzen, wenn es nicht passt, logisch, aber seid versichert: Ich empfinde uns, die Etüden-Verrückten, als eine Art Community, als ein Musikstück aus unterschiedlichsten Tönen, Melodien und Instrumenten, und seid versichert, wenn ihr nicht dabei seid, dann fehlt ihr. Wenigstens mir.

CUT. Ich habe noch eine Frage sozusagen in eigener Sache: Ist schon mal jemandem außer mir aufgefallen, dass euch im Reader Beiträge fehlen oder dass sie erst VIEL später nachgeladen werden? Ich habe heute früh festgestellt, dass mir eine Etüde, bei der ich kommentiert habe(!), im Reader (weder PC noch App) nicht angezeigt wurde. Hartnäckig. Bis eben, 12 Stunden später. Auch Marions Findesätze scheine ich immer häufiger zu verpassen, und das liegt nicht daran, dass ich nicht regelmäßig lesen würde. Sie sind einfach NICHT DA – oder kommen erst rein, wenn ich bis dahin nicht mehr zurückblättere. Ich bin ratlos.
(Das heißt für euch: Bitte denkt an den Kommentar bei der Schreibeinladung zu eurer Etüde oder überprüft, ob euer Ping angekommen ist, vor allem, falls ich euch nicht folge.)

CUT. Die Statistik gibt Auskunft, dass wir 49 Etüden von 26 teilnehmenden Blogs (Stand ohne Nachzügler) haben. Alice führt mit 5 Etüden, dicht gefolgt von Anna-Lena, m.mama und Werner Kastens mit jeweils 4 Etüden. Neu hinzugekommen ist Sophie auf Immer diese Gedankenmacherei, nicht ganz neu, aber gleich mit einem Doppelschlag zurückgemeldet hat sich Gerhard von Kopf und Gestalt: Herzlich willkommen nochmals!

Hier ist wie immer die Liste für das vergnügliche Lesen beim Sonntagmorgenvormittagskaffee (oder so), und wie immer, checkt bitte, ob alles mit euren Links okay ist, und falls jemand fehlt oder sonst was falsch ist, dann brüllt!

dergl auf Die Tintenkleckse sehen aus wie Vögel: hier, hier und hier
Die Hummel im Hummelweb: hier
Alice auf Make a Choice Alice: hier, hier, hier, hier und hier
Gerhard auf Kopf und Gestalt: hier und hier
LadyAngeli auf Mein Leben ist bunt: hier
Jaelle Katz auf Jaellekatz: hier
Sabine auf Wortgeflumselkritzelkram: hier
Corly in Corlys Lesewelt: hier
Rina auf Geschichtszauberei: hier und hier
Sophie auf Immer diese Gedankenmacherei: hier
Werner Kastens auf Mit Worten Gedanken horten: hier, hier, hier und hier
Ulli aus dem Café Weltenall: hier
Meine (Christiane) auf Irgendwas ist immer: hier und hier
René auf Ein Blog von einem Freund. Von Humor. Und Spass. Aus Berlin. Im Ernst!: hier und hier
Sven auf Svens kleiner Blog: hier
Bernd auf Red Skies over Paradise: hier und hier
Myriade auf la parole a été donnée à l´homme pour cacher sa pensée: hier und hier
Anna-Lena auf Meine literarische Visitenkarte: hier, hier, hier und hier
m.mama auf Mein Name sei MAMA: hier, hier, hier und hier
Natalie im Fundevogelnest: hier und hier
Viola auf viola-et-cetera: hier
Katharina auf Katha kritzelt: hier
Gerda auf GERDA KAZAKOU: hier (zählt doppelt, sind zwei)
Frau Vro auf vro jongliert: hier
Nicole auf Die Waldträumerin: hier
Nina vom Bodenlosz-Archiv: hier

Ebenfalls wie immer vielen Dank an alle, die gelesen, gelikt und kommentiert haben!

Die Wörter für die Textwochen 12/13 des Schreibjahres 2019 kommen von Rina und ihrem Blog Geschichtszauberei. Ihre neuen Begriffe lauten:

Café (Duden)
verdorben
beißen.

 

Der obligatorische Etüden-Disclaimer: Die Headline heißt: 3 Begriffe in maximal 300 Wörtern (und ja, ich meine das so. 300. NICHT MEHR!).
Eure Beiträge verlinkt ihr bitte wie gewohnt hierhin und/oder (am besten „und“) postet den Link unten in einen Kommentar, damit eure Etüden auch ganz sicher von mir und von allen, die es interessiert, gelesen werden können. Wen ich nicht in den Kommentaren/Pings der Schreibeinladung finden kann (das ist hier), der kommt nicht auf die nächste Liste, das wäre doch schade, oder?
Die Illustrationen unterliegen nach wie vor meinem Copyright.
Wie immer behalte ich mir vor, Kommentare zu moderieren, wenn nötig.

Noch Fragen zu den Etüden? Hier habe ich das Kleingedruckte zusammengetragen.

Die zweite Ausgabe der Extraetüden gibt es am 31.03.2019, die nächsten regulären Wörter gibt es am 7. April 2019. Euch viel Schreiblust, Spaß und gute Ideen!

 

abc.etüden 2019 12+13 | 365tageasatzadayQuelle: Photo by DREW GILLIAM on Unsplash, Bearbeitung von mir

 

abc.etüden 2019 12+13 | 365tageasatzadayQuelle: Pixabay, Bearbeitung von mir

 

Katzengold | abc.etüden

Es tat weh. Sie starrte auf die Mail. Soso, sie war ihm also nicht gut genug. Soso, er wünschte sich eine, die mehr auf Augenhöhe war. Soso.

Sie verkörperte den Satz, dass der Mensch nicht vom Brot allein existiert, denn unter ihrem Dach lebten die Musen. Musik umgab sie, Bücher und Bilder waren kostbare, geliebte Gefährten und brachten Regale und Wände in schöner Regelmäßigkeit fast zum Bersten, für ihre Abonnements für Konzerte, Oper und Schauspiel verzichtete sie auf manches andere. Aus reiner Lust unterhielt sie eine Präsenz im Internet, wo sie Gleichgesinnten ihre gesammelten Preziosen vorstellte.

Nicht genug? Sie fühlte sich deklassiert. Er nämlich vollbrachte wichtige Arbeit für die Gesellschaft. Tatkräftig, hochintellektuell, beredt, charakterstark. Eine Führungspersönlichkeit. Sie dagegen spielte mit bunten Steinen.
Es war erschreckend leicht, sich klein zu fühlen.

„Man kann einen Wasserhahn nicht streicheln, bis er kräht“, hätte ihr viel zu früh verstorbener Partner nüchtern geurteilt. Auch er war nicht von ihrer Art gewesen, aber er hatte sich dadurch nicht bedroht gefühlt, dass es Gebiete gab, in denen sie ihn weit überflügelte.
„Lass den, Mama, der ist doch weich in der Birne, wenn er nicht sieht, wer du bist“, hörte sie ihren Sohn wie von fern sagen, praktisch wie eh und je.

Nun, es stimmte wohl, dass sie für unterschiedliche Dinge im Leben brannten. Wenn ihre Schätze für ihn Katzengold waren, weil er glaubte, schon weiter zu sein – ha! –, dann hatte sie sich leider geirrt.

Sollte sie also vom Olymp der schönen Künste in den Nieselregen der Alltäglichkeiten hineintreten, um auf Augenhöhe zu sein? Für einen Mann, der Mozart nicht von Wagner unterscheiden konnte? Wirklich nicht. Was war sie eigentlich bereit, sich selbst anzutun, um endlich von ihrem Prinzen auf sein weißes Pferd gehoben und bewundert zu werden?

„Werd erwachsen“, schalt sie sich.

Es tat weh.

 

abc.etüden 2019 10+11 | 365tageasatzadayQuelle: Pixabay, Bearbeitung von mir

 

Für die abc.etüden, Wochen 10/11.2019: 3 Begriffe, maximal 300 Wörter. Die Worte stammen dieses Mal von Natalie und ihrem Blog Fundevogelnest und lauten: Nieselregen, weich, irren.

Bitte: Die Protagonistin ist fiktiv, eine Ähnlichkeit mit lebenden Personen oder Ereignissen nicht beabsichtigt. Alle anderen Möglichkeiten sind mir zu spät aufgefallen und ich mochte es nicht mehr ändern. Frauen machen gemeinhin in Kunst und Mode, Männer in Wissenschaft oder Wirtschaft: Dass Männer und Frauen / Mädels und Jungs in zwei sehr unterschiedlichen Welten leben, ist anscheinend gerade wieder sehr modern; und sich blöd benehmen kann man in jedem Alter. Der Verweis auf Lagerfeld gilt nicht. Und oh, Anwesende sind sowieso natürlich ausgenommen.

 

Alltag | März

Eigentlich dachte ich, sie will mich bestimmt nicht mehr. Ulli. Ulli für ihr Projekt „Alltag“, das eigentlich am ersten Freitag des Monats fällig war. Also eigentlich vor knapp zwei Wochen, Asche auf mein Haupt. Ich bin mal wieder mit meinen vagen Ideen im Alltag untergegangen, in der Arbeit versackt, in Frühling oder Nicht-Frühling. Zu viel auf Bildschirme gestarrt, zu wenig draußen gewesen. Das alte Lied. Wenn Ulli nicht nachgefragt hätte (danke!), hätte ich mich wohl davongeschlichen.
Dabei kann ich euch heute von was Schönem erzählen: einer kleinen Freude im Alltag.

Ich mag das Herannahen des Frühlings. Ich bin die, die sich einen Schnupfen holt, weil sie bei offenem Fenster schläft, weil sie endlich wieder die Vögel die Sonne hervorrufen hören möchte. Ich stehe wie vom Donner gerührt vor Krokuswiesen. Sich mit einer Decke in die Sonne zu setzen, ein Heißgetränk zu schlürfen und so zu tun, als wäre es schon viel später im Jahr, möglichst neben einem Heizstrahler, das bin sehr ich. Also oft. Und natürlich gehe ich gern im Nieselregen spazieren. Wenn er warm ist. Und nein, ich mache jetzt keine Etüde daraus.

Letztes Jahr Ende Januar erhielt ich ein Geschenk. Lebende Pflanzen – zurückhaltend gießen! Ein geheimnisvolles und sehr geschmackvolles Ensemble verschönerte ab da meine Fensterbank. Milchsterne in the becoming.

 

Milchstern | 365tageasatzaday

 

Ich wartete und liebte und goss vorsichtig, wie angeraten. Wir warteten. Und es gedieh und erblühte. Wir waren begeistert.

 

Milchstern | 365tageasatzaday

 

Der Fellträger ist Freigänger und klug genug, nicht an allem zu kauen, was bei mir rumsteht. Sowohl meine Amaryllis als auch er haben es bisher überlebt, warum also nicht auch der Milchstern, der übrigens auch für Katzen giftig sein soll, wie ich dann irgendwo las.

Die Milchsterne wuchsen und wucherten und wuchsen sich aus und verblühten …

 

Milchstern | 365tageasatzaday

 

… und noch nicht mal Mitte Februar war es vorbei mit der Herrlichkeit und ich war traurig. Wegwerfen? Niemals. Es gab keinen Hinweis, dass die Milchsterne nur einjährig wären. Nun habe ich aus Gründen bei mir keine Möglichkeit, einfach ein paar Zwiebelchen in die Erde zu stecken. Aber meine Nachbarin sagte: „Klar, geben Sie her!“ Wir verbuddelten sie und ich vergaß sie.

Bis sie mir neulich wieder einfielen, als ich die ganzen Schneeglöckchen, Krokusse, Winterlinge, Märzenbecher und hin und wieder sogar schon eine kleine Mini-Narzisse sah. Und was soll ich sagen: Voilà! Christiane proudly presents:

 

Milchstern | 365tageasatzaday

 

Es ist noch nicht sonnig gewesen, seitdem ich sie entdeckt habe (äh, vorgestern), ich denke, sie haben noch nicht geblüht. Ich behalte sie im Auge und ggf. vor der Kamera. Aber der Anblick reicht schon mal, um mir extrem gute Laune zu machen.

Und weil es so schön ist, kommt jetzt mein Lieblingsbesucher beim Baden (wer genau hinschaut, kann eine Tropfenspur sehen). Ja, Marion, das Vogelbuch. Ist das ein Blaumeiserich, weil er so blau ist, weiß das wer?

 

Blaumeise beim Bad | 365tageasatzadayQuelle: Alle Fotos in diesem Beitrag ichmeinerselbst

 

Von Liebe oder so

 

FRAGE

Ist deine Liebe wie eine Herde von Wölfen!
Lautlos rennt sie durch die endlose Steppe;
Ihnen heißt der Himmel, der endlos grau
Über den Wütigen hängt, ihr Hunger.

Oder lauerst du auf Beute:
Im Geröll als Natter verborgen?

Wer bist du? Gib acht: eine flüchtige Katze
Nimmt deine Seele mit sich.

(Otfried Friedrich Krzyzanowski, Frage, aus: Unser täglich Gift, 1919, Online-Quelle)

 

Als Mahl beganns

Als Mahl beganns. Und ist ein Fest geworden, kaum weiß man wie. Die hohen Flammen flackten, die Stimmen schwirrten, wirre Lieder klirrten aus Glas und Glanz, und endlich aus den reifgewordnen Takten: entsprang der Tanz. Und alle riß er hin. Das war ein Wellenschlagen in den Sälen, ein Sich-Begegnen und ein Sich-Erwählen, ein Abschiednehmen und ein Wiederfinden, ein Glanzgenießen und ein Lichterblinden und ein Sich-Wiegen in den Sommerwinden, die in den Kleidern warmer Frauen sind.

Aus dunklem Wein und tausend Rosen rinnt die Stunde rauschend in den Traum der Nacht.

(Rainer Maria Rilke, aus: Die Weise von Liebe und Tod des Cornets Christoph Rilke, Erzählung, 1899, Online-Quelle, [22])

 

Mein Liebstes

Was ich am liebsten höre,
Ist deiner Stimme Laut,
Du hast die liebsten Augen,
In die ich je geschaut.

Du hast das liebste Lächeln,
Das je mein Herz erhellt,
Du bist für alle Zeiten
Mein Liebstes auf der Welt!

(Auguste Zinck, Mein Liebstes, aus: Vom Ostseestrand. Belletristisches Jahrbuch aus Mecklenburg herausgegeben von Eduard Hobein, Bd. II (Rostock), 1868, Online-Quelle, Online-Quelle)

 

Gedicht | 365tageasatzadayQuelle: ichmeinerselbst

 

Könnt ihr das lesen? Ihr könnt doch, oder? Es gibt eine Geschichte zu dem letzten Gedicht, das ich nämlich kürzlich per Zufall fotografieren durfte. Es ziert die Rückseite eines Portraits, dieses Portrait zeigt den Großvater (Bernhard R.) der Eigentümerin (deshalb nenne ich keine weiteren Details zur Person), sie sagt, es sei etwa 90 Jahre alt. Als sie das Bild aus dem Rahmen nahm, entdeckte sie, dass auf der Rückseite dieses Gedicht geschrieben war, und zwar, genauer, auf der Papprückwand, nicht auf dem Abzug. Das Gedicht wirkt unten abgeschnitten, vielleicht sollte der Autor verschwiegen werden, vielleicht war er aber auch nicht (mehr) bekannt. Wenn ihr das Gedicht mit dem Foto vergleicht, werdet ihr feststellen, dass es Abweichungen gibt, also ist das Gedicht vielleicht aus dem Gedächtnis zitiert und festgehalten worden.
Nähere Umstände waren bis jetzt nicht eruierbar. Wir fragen uns: War es ein Gedicht von ihm an seine Frau Margarethe, oder ist es ihre Handschrift? Was denkt ihr, ist das die Handschrift einer Frau oder eines Mannes?

 

Oh, und ganz ausnahmsweise gibt es heute mal Musik, und zwar nichts aus der gewohnten Kiste. Aus Gründen.

 

 

Wie dem auch immer sei: Kommt gut in die neue Woche!

 

Unwiederbringlich | abc.etüden

Der Regen entsprach ihrer Stimmung. Es war kein sanfter Nieselregen, den sie ansonsten sehr liebte, nein, draußen rauschte es hernieder und prasselte auf ihr Dach, dass es die wahre Freude hätte sein können. In ihren Gedanken bekämpften sich die Tropfen jedoch wie in einem schlechten Western: „Nimm das, du Schurke!“ – „Stirb, du Schuft!“

Die ganze Sache war extrem dumm gelaufen, so viel stand fest. Sie hatte die allerbesten Absichten gehegt, das konnte sie sich zugutehalten. Aber manchmal zeitigten Ereignisse Konsequenzen, die nicht vorhersehbar waren und das Leben erst mal ins Schleudern brachten. Unwiederbringlich.

Sie starrte aus dem Fenster in die niedergehenden Fluten. Irgendwann bemerkte sie, dass ihr Tränen über die Wangen liefen. „All dead, all dead“, tröpfelte es aus dem Radio, „all the dreams we had, and I wonder why I still live on.“ Eines der selten gespielten Lieder einer alten Lieblingsplatte, das heute ihr Gefühl so genau umriss, dass sie sich ihr Herz schier in Stücke schluchzte und im Kummer versank. Ach, scheißegal.

Keine Ahnung, wie lange sie nichts mitbekommen hatte, aber es hatte gereicht, dass sie sich ganz weich und matschig in der Birne fühlte. Die Tränen waren inzwischen versiegt. Als sie den Kopf hob und einen Blick aus dem Fenster warf, flimmerte ihr vor einer dunklen Wolkenwand ein schon halbwegs transparentes Stück Regenbogen entgegen.

Wie jetzt? Sie beäugte die zarte Erscheinung leicht fassungslos. „Findest du nicht, dass du ein bisschen übertreibst?“, fragte sie niemanden im Besonderen und seufzte tief.

Irren ist menschlich. Wenn auch nicht human.
Es war Zeit für einen Kaffee und den Versuch einer rationaleren Bestandsaufnahme.

 

abc.etüden 2019 10+11 | 365tageasatzadayQuelle: Johannes Roth auf unsplash, Bearbeitung von mir

 

Für die abc.etüden, Wochen 10/11.2019: 3 Begriffe, maximal 300 Wörter. Die Worte stammen dieses Mal von Natalie und ihrem Blog Fundevogelnest und lauten: Nieselregen, weich, irren.

Die Etüde zitiert ein Lied von Queen, „All dead, all dead“ (von „News of the World“) (Video bei YouTube); „Irren ist menschlich. Wenn auch nicht human.“, ist eine Zeile aus dem von mir sehr geschätzten Gedicht „Heiligenscheinheilige“ von Mascha Kaléko, zu finden zum Beispiel in „Die paar leuchtenden Jahre“ (dtv, Link zum PDF, S. 15).

Nein, keine Sorge, diese Etüde ist fiktiv, was jedoch nicht heißt, dass ich mich nie so gefühlt habe.

Katzenfans bitte UNBEDINGT HIER KLICKEN, das ist (auch auf YouTube) das obige Lied mit – äh – Cat Content und Lyrics. Zauberhaft!

 

 

Vom Vorfrühling im März …

 

Vorfrühling

In dieser Märznacht
trat ich spät aus meinem Haus.
Die Straßen waren aufgewühlt von Lenzgeruch
und grünem Saatregen.
Winde schlugen an. Durch die verstörte Häusersenkung
gieng ich weit hinaus
Bis zu dem unbedeckten Wall und spürte:
meinem Herzen schwoll ein neuer Takt entgegen.

In jedem Lufthauch
war ein junges Werden ausgespannt.
Ich lauschte,
wie die starken Wirbel mir im Blute rollten.
Schon dehnte sich bereitet Acker.
In den Horizonten eingebrannt
War schon die Bläue hoher Morgenstunden,
die ins Weite führen sollten.

Die Schleusen knirschten.
Abenteuer brach aus allen Fernen.
Überm Kanal, den junge Ausfahrtwinde wellten,
wuchsen helle Bahnen,
In deren Licht ich trieb.
Schicksal stand wartend in umwehten Sternen.
In meinem Herzen lag ein Stürmen
wie von aufgerollten Fahnen.

(Ernst Stadler, Vorfrühling, aus: Der Aufbruch, 1914. Stadler (Wikipedia) fiel bereits 1914 im Ersten Weltkrieg. Online-Quelle)

 

Regen

Der Regen geht als eine alte Frau
mit stiller Trauer durch das Land.
Ihr Haar ist feucht, ihr Mantel grau,
und manchmal hebt sie ihre Hand

und klopft verzagt an Fensterscheiben,
wo die Gardinen heimlich flüstern.
Das Mädchen muß im Hause bleiben
und ist doch grade heut so lebenslüstern!

Da packt der Wind die Alte bei den Haaren,
und ihre Tränen werden wilde Kleckse.
Verwegen läßt sie ihre Röcke fahren
und tanzt gespensterhaft wie eine Hexe!

(Wolfgang Borchert, Regen, aus: Laterne, Nacht und Sterne. Gedichte um Hamburg, 1946, Online-Quelle)

 

Früh sang ich drei Liebeslieder

Früh sang ich drei Liebeslieder
über den schmelzenden Schnee
in die weiche Luft.

Mittags war ich so hungrig;
fast fielen mir die Träume in die Erbsen.
Ich stopfte.

Jetzt scheint der Mond.
Aus meinem Herzen
schreien dreihundert Kater.

(Georg Stolzenberg, Früh sang ich drei Liebeslieder, aus: Neues Leben, mehr Informationen zum Dichter hier und hier, Online-Quelle)

 

Gras | 365tageasatzadayQuelle: Pixabay

 

Natürlich ist das letzte Gedicht nur wegen der 300 Kater hier hereingeraten, was dachtet ihr denn?  ;-)

Kommt gut in die neue Woche!