Von Frühling und nicht nur Amseln

 

Nächtliche Stunde

Nächtliche Stunde, die mir vergeht,
da ich’s ersinne, bedenke und wende,
und diese Nacht geht schon zu Ende.
Draußen ein Vogel sagt: es ist Tag.

Nächtliche Stunde, die mir vergeht,
da ich’s ersinne, bedenke und wende,
und dieser Winter geht schon zu Ende.
Draußen ein Vogel sagt: es ist Frühling.

Nächtliche Stunde, die mir vergeht,
da ich’s ersinne, bedenke und wende,
und dieses Leben geht schon zu Ende.
Draußen ein Vogel sagt: es ist Tod.

(Karl Kraus, Nächtliche Stunde, in: Worten in Versen VII, Online-Quelle)

 

Die Amseln haben Sonne getrunken

Die Amseln haben Sonne getrunken,
aus allen Gärten strahlen die Lieder,
in allen Herzen nisten die Amseln,
und alle Herzen werden zu Gärten
und blühen wieder.

Nun wachsen der Erde die großen Flügel
und allen Träumen neues Gefieder;
alle Menschen werden wie Vögel
und bauen Nester im Blauen.

Nun sprechen die Bäume in grünem Gedränge
und rauschen Gesänge zur hohen Sonne,
in allen Seelen badet die Sonne,
alle Wasser stehen in Flammen,
Frühling bringt Wasser und Feuer
liebend zusammen.

(Max Dauthendey, Die Amseln haben Sonne getrunken, aus: Reliquien, in: Gesammelte Gedichte und kleinere Versdichtungen, Albert Langen, München 1930, S. 122)

 

Liebesgedicht

Ich sah dich den Amseln zärtlich Futter streuen –
Ich sah dich deinen alten Vater sanft betreuen –
Ich sah dich in einem Buche heilige Stellen anstreichen,
Ich sah dich in Gesellschaft unadeliger Menschen erbleichen.
Ich sah dich deine idealen Füße ungeniert nackt zeigen,
Ich sah dich wie eine Fürstin dich edel-stolz verneigen.
Ich sah dich mit deinem geliebten Papagei wie mit einem Freunde sprechen,
Ich sah dich mit einem Manne wegen eines geringen Taktfehlers für ewig brechen – – –.
Ich sah dich an Himbeerduft dich berauschen,
Ich sah dich der Stille eines Sommerabends lauschen.
Ich sah dich an dem Alltag wachsen, lernen,
Ich sah dich traurig steh’n vor trüben Gaslaternen.
Ich sah dich dein Leben spinnen wie die Spinne ihr mysteriöses Gewebe – – –
Ich schlich mich abseits, um dich nicht zu stören.
Ich werde dich aber lieben, solang ich lebe!

(Peter Altenberg, Liebesgedicht, in: Märchen des Lebens, 1924, Online-Quelle)

 

Kompost | 365tageasatzadayQuelle: ichmeinerselbst

 

Der Dauthendey rangiert auf der Liste meiner Lieblingsgedichte echt weit oben, wie ich festgestellt habe. Daher musste der sein – und er musste jetzt sein.

Zugegeben, auf dem Bild sind keine Amseln, ich habe mich dagegen entschieden. Stattdessen, weil ich es Myriade gegenüber bei ihr erwähnte, meine geliebte „Kompost“-Komposition (in einer neuen Aufbereitung), Stichwort „ewiger Kreislauf“. Ja, das war alles mal gleichzeitig auf EINEM Komposthaufen, an dem ich vorbeikam. Der Besitzer war ob meiner Aufmerksamkeit reichlich irritiert, obwohl er mich hätte kennen können.  ;-)
Das Zitat soll von Xenophanes sein.

Kommt dennoch alle gut und heil und sicher in die neue (Frühlings-) Woche!

 

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31 Kommentare zu “Von Frühling und nicht nur Amseln

  1. Liebe Christiane,
    deine Kompostkompisition ist wunderschön!!!
    Mir gehen alle drei Gedichte nah, durch dich lernte ich Max Dauthendey kennen und lieben und nun auch noch dieses zauberhafte Amselgedicht, wo ich doch Amseln über alles liebe – hach … das Liebesgedicht von Peter Altenberg berührt mich sehr tief, mehr mag ich dazu gerade gar nicht schreiben!
    Meinen Herzensdank lasse ich hier und wünsche dir eine schöne Woche,
    liebe Grüße
    Ulli

    Gefällt 6 Personen

    • Ach, liebe Ulli, das freut mich. Dem Kompost gehört sehr viel Liebe, alle paar Jahre arrangiere ich mal die Schrift neu, und das Amselgedicht geht auch mir ans Herz, und zwar sehr. Ich teile also sozusagen gleich zwei Sachen, die ich sehr mag.
      Hab eine feine Woche!
      Liebe Grüße
      Christiane aus dem Hamburger Regen

      Gefällt 3 Personen

        • Ich weiß jetzt gar nicht, christiane, ob ich hier richtig bei deiner Frage anknüpfe. Aber seis. Von Xenophanes sind, wie bei all diesen frühen Philosophen und Dichtern, nur kleine Stücke erhalten, das meiste geht auf Zitate zurück, die von Nachgeborenen kolportiert wurden. Platon zB schätzte ihn, weil er gegen Homers Helden- und Göttervorstellungen polemisierte: dass die Götter all die üblen Eigenschaften der Menschen (Neid, Missgunst, Ehebruch, Eitelkeit, Gier, Feindschaft …) haben sollten, hielt er für …. Projektion. Er benutzte diesen Begriff nicht, beschrieb ihn aber so, wie ihn später Freud und Jung ins Spiel brachten. Was er ablehnte, war, sich das Göttliche in menschlicher Gestalt vorzustellen. Das Göttliche bestritt er nicht, im Gegenteil.. Er sah eine den Kosmos durchdringende göttliche Kraft am Wirken, die spätere Interpreten dazu veranlasste, ihn als Vordenker des Monotheismus anzusehen. Andere wieder sahen in ihm einen Pantheisten, was ich aber für falsch halte. Heraklit, der den göttlichen Logos als Gestalter der Welt ansah, war von ihm wohl beeinflusst,
          Unbedingt war er Rationalist, dh Naturforscher, der aus seinen Beobachtungen Schlüsse zog wie zB, als er versteinerungen von Meerestieren im Gebirge fand, daraus schloss, dass am Anfang Erde und Wasser eine Gemenge bildete (Schlamm). Popper lobt ihn und bezieht sich gelegentlich auf ihn ……

          Gefällt 3 Personen

        • Sehr sympathisch, der Herr. Wenn du schreibst, dass er die üblen Eigenschaften der Götter für Projektion hiel, sich also eigentlich gegen anthropomorphe Götter aussprach (richtig?), was war dann mit den als positiv empfundenen Eigenschaften der Götter? Die müsste er doch dann konsequenterweise auch abgelehnt haben?
          Wenn Xenophanes überall eine „durchdringende göttliche Kraft am Wirken“ sah, würde ich ihn eher als Mystiker als unbedingt als Monotheisten bezeichnen, verstehe aber, dass dann der Schritt zum Pantheismus auch nicht weit ist … das wäre eine Frage einer sauberen Definition, die kaum zu beantworten ist, wenn nur Schnipsel von ihm erhalten sind.
          Und ja, das war genau meine Frage, vielen Dank für deine Antwort!

          Gefällt 2 Personen

      • das Zitat IST von Xenophanes (6. vorchristliches Jahrhundert, Rhapsode, Dichter, Philosoph, der sich u.a.darüber lustig machte, dass die Menschen sich ihre Götter anch eigenem Bilde machen. „Könnten die Pferde und Ochsen malen, dann würden sie die Götter als Pferde und Ochsen darstellen“). Liebe Grüße

        Gefällt 5 Personen

    • Noch mal zu Xenophanes, Christiane. Einen Mystiker würde ich ihn nicht nennen, er war ein ziemlich rationaler Kopf, scheint mir. Das Göttliche in allem wirken sehen – das kann man auch, ohne Mystiker zu sein. Unsere heutigen Begriffe sind merkwürdig eng und ausschließend. Seine Kritik an den schlechten Eigenschaften, die den Göttern zugeschrieben wurden, nährt sich, so habe ich verstanden, aus seiner Vorstellung , das das Göttliche eben das Gute, Hohe, Wahre, Vollkommene…sei. Die Menschen verfügen über solche Eigenschaften nicht (sie sind nicht gut etc), das Göttliche zeichnet sich gerade dadurch aus, dass es diese Qualitäten besitzt. Oder andersherum: Was diese Qualitäten besitzt, nennen wir göttlich.
      Nun, so viel habe ich verstanden, ich bin da kein Experte.

      Gefällt 3 Personen

    • Ich hatte unglaubliches Glück mit meinem Model und habe es damals leider nicht kapiert. Soweit ich weiß, hatte ich auch wenig Zeit.
      Ich bin auch später nicht wieder an solch einem Kompost vorbeigekommen – und ich habe ein Auge für Derartiges.
      Freut mich, dass es dir auch so gut gefällt.
      Liebe Grüße
      Christiane

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  2. Die typische Christianegedicht- und Bildmischung, auf die ich immer schon sehnsüchtig warte, weil Deine Zusammenstellungen oft so überraschend sind.
    Vom heute sehr kühlem apriligem Dach einen lieben Gruß und der Fellträger muß nicht auswandern, hier ist es auch nicht anders, Karin

    Gefällt 2 Personen

    • Ja, ich habe Spaß an dem Zusammenstellen der Mischung, das ist schon wahr, liebe Karin. Und wenn du die Zusammenstellung nur halbwegs als gelungen ansiehst, dann bin ich schon glücklich. :-)
      Hier scheint gerade die Sonne, aber ich glaube, warm wird es heute nicht mehr.
      Liebe Grüße
      Christiane

      Gefällt 2 Personen

  3. Liebe Christiane, ich bin ganz unglücklich. Mein schöner langer Kommi, mit Herzblut geschrieben, weg ist er, einfach weg. Es passiert mir manchmal mit meinen durch die Arthrose leider schon etwas lädierten Fingern. Einmal daneben getippt …
    Alle drei sind sie sehr lesenswert und in mein Herz geschlichen hat sich das dritte, Altenbergs Liebesgedicht.
    Eine so feine sehnsüchtig blickende Liebe, die findet man selten
    Und dann Dein so fein komponiertes Komposthaufenbild.
    Es ist wunderschön und sicherlich von einem Kompost, der liebevoll gehegt und gepflegt wird. Da hat jedes Ding seinen Platz und die Gelegenheit, sich weiter zu verändern, um endlich in Schönheit zu vergehen…
    (So wie wir einmal 🙂 )
    Herzlichst, Bruni

    Gefällt 1 Person

    • Ach, liebe Bruni, das tut mir leid, das ärgert mich auch immer, wenn es mir passiert, und es frustriert so! 😡
      Aber was solls: Ich freue mich, dass du wieder aus meiner kleinen Auswahl einen Liebling adoptieren konntest. Mein Favorit ist dieses Mal das Amselgedicht.
      Und der Komposthaufen, ja, der ist großes Kino zum Thema Werden und Vergehen. Die zugrunde liegenden Fotos sind sehr alt, ich kann leider nicht sagen, ob er noch besteht, aber ich mag ihn tatsächlich sehr.
      Liebe Grüße
      Christiane

      Gefällt 1 Person

    • Er hat viel geschrieben. Und, bei aller Liebe, nicht alles finde ich gut. Aber sein Herz war immer dabei.
      Tja, das Problem der Auswahl. Da „Reliquien“ schon 1899 erschien, kann es nicht sein, dass man es 1928 nicht kannte …
      Schönen Abend!
      Christiane 😀

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  4. Ohhhh, das erwähnte Kompostbild. Nein, das hast du sicher noch nicht gezeigt, daran würde ich mich erinnern. Prachtvolles, pralles Leben kurz vor dem Tod. Und faszinierend dieses rot-gelb-grün ohne eine Spur von Blau (außer im grün enthalten)

    Gefällt 1 Person

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