Vom Frühling und Bäumen

 

An eine Linde

Schöne Linde!
Deine Rinde
Nehm den Wunsch von meiner Hand:
Kröne mit den sanften Schatten
Diese saatbegrasten Matten,
Stehe sicher vor dem Brand!
Reißt die graue Zeit hier nieder
Deine Brüder;
Soll der Lenz diese Äst
Jedes Jahr belauben wieder
Und dich hegen wurzelfest.

(Johann Klaj / Georg Philipp Harsdörffer / Sigmund von Birken, An eine Linde, aus: Pegnesisches Schäfergedicht, Erstdruck: Pegnesisches Schäfergedicht, Nürnberg (Wolfgang Endter) 1644, Online-Quelle)

 

Die Gäste der Buche

Mietegäste vier im Haus
Hat die alte Buche.
Tief im Keller wohnt die Maus,
Nagt am Hungertuche.

Stolz auf seinen roten Rock
Und gesparten Samen
Sitzt ein Protz im ersten Stock;
Eichhorn ist sein Namen.

Weiter oben hat der Specht
Seine Werkstatt liegen,
Hackt und zimmert kunstgerecht,
Daß die Späne fliegen.

Auf dem Wipfel im Geäst
Pfeift ein winzig kleiner
Musikante froh im Nest.
Miete zahlt nicht einer.

(Rudolf Baumbach, Die Gäste der Buche, aus: Thüringer Lieder, 1906, Online-Quelle, Online-Quelle)

 

Bis zum Abend bleibt die Sonne jetzt am Haus

Bis zum Abend bleibt die Sonne jetzt am Haus,
Es geht ihr das Frühlingsfeuer lang nicht aus.
Sie schreibt goldene Schrift an jedes Gemäuer,
Und jeder Grashalm auf der jungen Trift ist ihr teuer.
Sie hält die Aprilwolken, die schweren, umschlungen;
Und ist sie fern wie ein Lied, und zögernd im Leeren verklungen,
Und kommt der Abend grau an mein Zimmer heran,
Als ob jedes Glück meine Schwelle mied,
Dann zündet mir die Liebste die Helle ihres Herzens an.

(Max Dauthendey, Bis zum Abend bleibt die Sonne jetzt am Haus, aus: Lusamgärtlein, in: Gesammelte Gedichte und kleinere Versdichtungen, Albert Langen, München 1930, S. 234)

 

Kirschblüten | 365tageasatzadayQuelle: Bild von Free-Photos auf Pixabay

 

Kommt gut in die neue Woche!

 

25 Kommentare zu “Vom Frühling und Bäumen

  1. Wie frühlingsschön deine Auswahl: Nr. 2 las ich zum ersten Mal in einem Kindergedichtebuch, das ich für Nicole erstand, als sie klein war.
    Einen zartgrünen Alleenbaumgruß, Karin

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    • Nr. 2 hat auch bei mir einen familiären Hintergrund: Mein Vater pflegte daraus zu zitieren, da in seinem Elternhaus im 1.! Stock! wirklich ein Ehepaar namens „Eichhorn“ wohnte …
      Ich hatte vergessen, von wem das Gedicht war und wie es hieß, bin zufällig darauf gestoßen und musste es dann sofort vorzeigen 😀
      Liebe Grüße aus knallfrühlingshaften Hamburg
      Christiane

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  2. „Bis zum Abend bleibt die Sonne jetzt am Haus,
    Es geht ihr das Frühlingsfeuer lang nicht aus.“
    Frühlingsstimmung in zwei Zeilen zusammengefasst 🙂
    Dir und dem Fellträger einen guten Wochenstart!

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  3. So eine „Liebste“ (einen Liebsten) die/der dann das Helle des Herzens anzündet … hach …
    und so heiter die Mieter der Buche, na gut, die Maus muss schauen, dass sie was zu knabbern kriegt, dass aber Eichhorn nix fallen lässt?!
    Und ja … die wunderbaren Linden.
    Liebe Christiane, danke für diese herzerwärmende Gedichtauswahl,
    herzliche Grüße
    Ulli

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    • Dauthendey liebte seine Frau, das wird in allen Texten und wohl auch Zeitzeugnissen immer wieder erwähnt, sein Umgang muss auffällig gewesen sein. Ich bin immer berührt, wenn ich das lese.
      Das Buchenmieter-Gedicht ruft Erinnerungen wach, ich schrieb es schon in einem anderen Kommentar, ich freue mich sehr darüber, es wiedergefunden zu haben. Und ja, die Linden. Es ist vielleicht noch ein bisschen früh für sie, aber das macht ja nichts …
      Liebe Grüße zurück in den Süden
      Christiane

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  4. Die Schäfergedichte mochte ich nie sehr, keines erreichte mein Herz und es gibt so viele von ihnen.
    Da gefallen mir die Gäste der Buche schon viiiiiel besser und dann der Dauthendey mit seiner wundervollen letzten Zeile
    *Dann zündet mir die Liebste die Helle ihres Herzens an.*
    Dieses ist mir das allerliebste, der drei, liebe Christiane
    Ganz herzlich, Bruni aus einem Regennachmittag

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