Das Geburtstagsgeschenk II | abc.etüden

 

„Äh, Entschuldigung?“

Sie fuhr herum. Der neue Herr Dozent. Der kam gerade recht. „Was willst du?“, fauchte sie. Kein Gedanke an ein „Sie“.

„Reden, zur Abwechslung. Ich hab nämlich unsere doch eher flüchtige Bekanntschaft nicht vergessen.“
Sie auch nicht. Im Gegenteil! Das ging ihn allerdings nichts an. Sie wartete.

„Sag mal, leben die Tulpenzwiebeln denn noch? Was sollte der ganze Scheiß überhaupt?“

Sie nickte leicht widerwillig. „Ein paar haben die Wühlmäuse geholt, aber die meisten schon. Nur meine Mutter schmiert mir das immer noch aufs Brot. Obwohl sie danach den schönsten Vorgarten der Siedlung hatte.“

„Ich hab dich damals für einen Einbrecher gehalten, deshalb hab ich den Alarm ausgelöst. Ich konnte ja nicht wissen, dass da bloß ein Mädchen die Rabatten der Musterhaussiedlung plündert.“

„War als Geburtstagsgeschenk für meine Mutter gedacht. Ich wusste natürlich nicht, dass es einen Wächter für die Anlage gab. Du hast mich ziemlich erschreckt, als du da plötzlich vor mir standest.“

„Studentenjob. War ein kurzweiliger Abend. Du bist abgehauen wie eine Rakete.“

„Mit Grund!“

„Hab ich dann auch kapiert. Und dann tat es mir irgendwie leid.“

„Heimlicher Anarchist, was?“

Er zuckte mit den Achseln, fand ihre Kratzbürstigkeit erfrischend und sie einen ziemlichen Hingucker.

„Woher wusstest du eigentlich, dass ich das war?“

Er lachte los. „Wusste ich nicht. Aber ich dachte mir, dass meine verschwundene Diebin vielleicht aus der Gegend ist und bin die Tage drauf immer wieder mal durch die Siedlung gelaufen. Bei euch im Vorgarten war eindeutig gebuddelt worden und im nächsten Frühjahr hab ich die Tulpen wiedererkannt. Falls es dich beruhigt: Ich hatte auch noch andere Gärten im Visier.“

Sie sah ihn zweifelnd an.

„Schwamm drüber“, sagte er. „Darf ich dir einen Kaffee ausgeben? Ohne die Vergangenheit ständig auferstehen zu lassen, versprochen. Ich heiße übrigens Sebastian.“

„Laura.“

Er schien wirklich ganz nett zu sein.

 

abc.etüden 2019 15+16 | 365tageasatzadayQuelle: Pixabay, Bearbeitung von mir

 

Für die abc.etüden, Wochen 15/16.2019: 3 Begriffe, maximal 300 Wörter. Die Worte stammen dieses Mal von Veronika und ihrem Blog Vro jongliert und lauten: Tulpenzwiebel, kurzweilig, auferstehen.

Nein, ich weiß nicht, ob da in Zukunft was geht, und nein, ich schreibe die Geschichte nicht weiter.

Wer gestern den ersten Teil verpasst hat: hier.

Disclaimer: Von den geplünderten Rabatten einer Musterhaussiedlung wurde mir erzählt – es waren keine Tulpen. Der Rest, also alle Umstände wie auch die handelnden Personen, entspringt komplett meiner Fantasie.

 

61 Kommentare zu “Das Geburtstagsgeschenk II | abc.etüden

  1. Ich schließe mich der unermesslich geschätzten Vorrednerin an: Darauf wäre ich ebenfalls nicht gekommen. Und das obwohl es durchaus plausibler klingt als meine Lösung. 🙂

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    • Zuerst hatte ich an einen Tulpenzwiebel-Krimi gedacht. Seltene Sorten, Wertanlagen, Spekulationsblase etc. Aber dann wollte ich den Ball doch eher flach halten: was Nettes, was fürs Herz.
      Ach, Potenzial wäre da schon noch.
      Schön, dass du erheitert bist.
      Liebe Grüße
      Christiane 😁😺🌞

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  2. Pingback: Das Geburtstagsgeschenk I | abc.etüden | Irgendwas ist immer

  3. ich lache, weil meine letzte Etüde ja auch auf eine solche Kindheitserinnerung baut. Er hat mich damals am Zopf gezogen…. Und beide erinnern sich, als sei es die Schlüsselszene ihres Lebens gewesen.

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    • Für ihn war es vermutlich das Aufregendste, was er bei seinem Studentenjob erlebt hat. Und sie hätte ihn vermutlich auch in ihrem damaligen Alter schon ganz interessant gefunden, wenn sie halt nicht in dieser besagten Situation gesteckt hätte.
      Wie gesagt, erfunden. Nie (so) passiert. Und ob es eine Schlüsselszene ihres (gemeinsamen) Lebens wird, muss sich erst noch herausstellen. 🙂
      Liebe Grüße
      Christiane

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  4. da fällt mir noch ein: unseren Segellehrer beehrten wir immer zu seinem Geburtstag mit einem geklauten Rosenstrauß. Er musste unbedingt geklaut sein. Ich erinnere mich noch sehr deutlich, wie ich in Dänemark eine öffentliche Anlage plünderte. Klauen fiel mir sehr schwer, aber da musste ich durch.

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    • Ja – in öffentlichen Anlagen Blumen abbrechen/abschneiden, das kann ich auch nicht. Kommt mir komisch vor, weil es ja eben „nicht meine“ sind.
      Ach, als ich Kind war, war das einfacher. Alles, wo kein Zaun drumherum wuchs, gehörte mir, denn „öffentliche Anlagen“ gab es bei uns im Dorf nicht … doch, vor der Kirche. Aber da ging ich nicht hin, und für „so was“ schon mal gar nicht. Damals hätte ich bestimmt geglaubt, dass der „liebe Gott“ dann böse auf mich wäre … 😉
      Ach ja.

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    • *g*, ich habe mal ein wunderschönes Sträußchen bekommen von meinem kleinen Töchterchen, dem ich dann lange erklären mußte, daß man öffentliche Rabatten nicht plündern darf 🙂

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  5. Ob die Beiden eines Tages wie die Tulpenzwiebelchen viele kleine Ableger bekommen? Mein Gemüt darbt nach herzerfrischenden
    Frühlingsgeschichten!
    Bei mir wächst komischerweise keine einzige Tulpe auf dem Dach, aber da müßte ja auch schon ein fliegender Robert vorbei kommen -:))
    Dir einen herzlichen Gruß aus Wachsregengetröpfel und ab morgen prophezeiter Ostersonne pur… Karin

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    • Liebe Karin, die Sonne ist bei uns schon eingezogen und strahlt nach Kräften vom Himmel. Draußen haben dicke Hummelbrummer ihren Flugbetrieb aufgenommen, ich habe hier irgendwo einen Bau, schön! Hoffentlich finden sie genug Nahrung!
      Meinen beiden Protagonisten drücke ich die Daumen und lasse sie ihrer Wege ziehen.
      Meine Tulpen kommen dieses Jahr anscheinend auch nicht. Vielleicht zu wenig Wasser, ich weiß es nicht.
      Liebe Grüße auf dein Dach
      Christiane

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  6. Liebe Christiane, ich mag deine Phantasie, anscheinend brauchst du nur eine kleine Randnotiz aus einer Zeitung (oder so) und schon kannst du die feinsten Etüden schreiben!
    In jungen Jahren habe ich auch hier und da in Vorgärten stiebitzt, allerdings nie Tulpenzwiebeln ausgegraben 😉
    Liebe Grüße
    Ulli

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    • Es war die Erzählung einer Freundin in diesem Fall, liebe Ulli, aber prinzipiell hast du recht. Ich brauche irgendwas, woran ich eine Etüde aufhängen kann, dann habe ich irgendwann die Personen dazu und der Rest formuliert sich dann fast schon von selbst. Na gut, nicht bei allen Etüden, um manche ringe ich, das ist manchmal gut, manchmal nicht so. Das hier war heiter 😁
      Ich denke, ihre Mutter war Tulpenfan, sonst macht man so einen Blödsinn doch nicht 😉
      Liebe Grüße
      Christiane

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    • *hihi*
      Du musst zugeben, dass fraggles Lösung auch was hatte!
      Ist ja auch was, was „man“ nicht macht. Ich war mir ziemlich sicher, dass da keine*r drauf kommen würde.
      Gute Nacht & liebe Grüße
      Christiane

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    • Es ist ja auch verdammt umständlich, überleg doch mal. Man macht sich die Finger dreckig, weil man im Boden wühlt, und man muss schon genau wissen, wo die Dinger sind, denn eigentlich werden Tulpenzwiebeln im Herbst gesetzt und das heißt, sie sind abgeblüht, und wenn das Beet gepflegt ist, dann sieht man von den Tulpen nichts mehr. Okay, es ist möglich, wenn dort sehr viele sitzen, aber so prinzipiell …
      So viel zur Realität.
      Ich hatte Spaß beim Ausdenken.
      Liebe Grüße
      Christiane

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      • Vllt hat sie ja im Herbst beobachtet, wo sie gepflanzt wurden oder sie hat nen sechsten Sinn für Tulpenzwiebeln. Es gibt so komische Talente. Ich finde z. B. Hundehaufen. Einer auf 100km und ich trete rein.
        Grüße, Katharina

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        • Ja, natürlich, sie ist aus der Siedlung nebenan, sie kennt sich aus, sonst wäre sie auf die Idee ja gar nicht gekommen.
          Talent für Hundehaufen? Iiiiih. 😉
          Liebe Grüße
          Christiane

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  7. Ahaaaaa, so war das *lach* und die Arme schämte sich, als sie ihn jetzt wieder sah und nicht mal nur so im Vorübergehen, sondern auch noch als Dozent… puh
    Tulpenzwiebeln ausbuddeln… 🙂 und dann erwischt werden
    Wie schön, das Erklären von beiden Seiten und die leise Annäherung, liebe Christiane

    Liebe Grüße von Bruni

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    • Ja, dann war es plötzlich nicht mehr so cool, für die Mutter Tulpenzwiebeln zu klauen und fast geschnappt zu werden … 🙂
      Ich finds immer wieder erstaunlich, wenn Leute sich dann so bereitwillig erklären bzw. ausfragen lassen, und nicht bis in alle Ewigkeit eingeschnappt sind. Ich meine, ER hat allen Grund und das Recht auf seiner Seite, aber SIE?
      Ich mochte die leise Annäherung auch. Ist halt doch schon Zeit vergangen seit der Aktion, da geht das.
      Liebe Grüße, gute Nacht
      Christiane

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  8. Pingback: Schreibeinladung für die Textwochen 17.18.19 | Wortspende von Agnes Podczeck | Irgendwas ist immer

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