WAHRHEIT | abc.etüden

„Ich weiß, was du jetzt brauchst, schöne Frau. Soll ich?“ Ohne die Handbewegung wäre es anzüglich gewesen, aber er hob zwei Flaschen hoch. Patty überlegte. Warum eigentlich nicht?

„Bist du des Wahnsinns, von einem wildfremden Typen was zu trinken anzunehmen?“, zischte ihr jemand ins Ohr. Die große Schwester. Mal wieder.

DER TYP stand immerhin hinter der Bar! Was sollte ihr passieren? Schließlich war sie nicht allein. Patty nickte dem Barkeeper zu, bewunderte seine geschmeidigen Bewegungen, bis er eine Limettenscheibe an den Rand des Glases steckte und ihr den tiefblau leuchtenden Longdrink präsentierte.

„Er heißt WAHRHEIT“, sagte er. „Auf eigene Gefahr. Aber du bist ja schon groß.“

Dies war die Nacht! Sie nahm das Glas, prostete ihm zu und nippte vorsichtig daran. Säuerlich. Kühl. Und etwas Unbekanntes. Egal. Gut. Sie fühlte sich großartig.

Als sie sich umdrehte, schienen die Lichter eine Spur greller geworden zu sein.

Ihre Schwester neigte dazu, alle zu bevormunden, begriff sie, weil sie alles unter Kontrolle haben musste, weil sie sich nur dann sicher fühlte. Patty zum Beispiel. Aber Patty wollte ihr eigenes Leben, sie hatte es satt, immer nur nett zu sein. Sie wollte etwas wagen. Mein Gott, wie satt sie alles hatte!

„Lass mich mal probieren!“ Mona griff nach ihrem Glas.

„Hol dir selbst einen!“ Das war neu. Patty nahm noch einen Schluck und sah fasziniert zu, wie Mona sich tatsächlich durch die Menschentraube schob und sich mit einem aufgeklebten Lächeln nach vorne beugte, um dem Barkeeper ihren Wunsch ins Ohr zu schreien. Plötzlich war ihr klar, dass ihre Schwester sie wie eine heiße Kartoffel fallen lassen würde, wenn sie dafür einen attraktiven Typen abschleppen konnte.

WAHRHEIT, ja? Patty wusste nicht so recht, was sie von ihren Erkenntnissen halten sollte. Sie sah zu dem Barkeeper. Für einen Moment trafen sich ihre Augen. Er lächelte traurig.

 

abc.etüden 2019 17+18 | 365tageasatzadayQuelle: Pixabay, Bearbeitung von mir

 

Für die abc.etüden, Wochen 17/18.2019: 3 Begriffe, maximal 300 Wörter. Die Worte stammen dieses Mal von Agnes und ihrem Blog Agnes Podczeck und lauten: Kartoffel, anzüglich, bevormunden.

Liebe Wortspender*innen (ihr wisst, wen ich meine), ich habe eine ziemlich anstrengende Woche hinter mir und bin fast zu nichts gekommen. Nichtsdestotrotz ist alles in trockenen Tüchern, nur die Mails an euch sind noch nicht raus. Haltet durch, es dauert nicht mehr lange.

Liebe Etüdenschreiber*innen, fast die ganze Woche haben bei mir die Pings nicht geklappt, WP weiß warum (oder auch nicht), bis sie gestern Nachmittag auf wundersame Weise plötzlich wieder gingen, zumindest bei ein paar von euch. Heute früh hat allerdings diese meine eigene Etüde nicht gepingt, da liegt also was im Argen!
Wer also für seine Etüde keinen Kommentar bei mir bei der Schreibeinladung hinterlassen hat, möge bitte checken, ob sein Ping da ist – und falls nicht, den Kommentar bitte nachholen. Ich danke euch.

 

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44 Kommentare zu “WAHRHEIT | abc.etüden

  1. Ich bin für Wahrheit und Selbsterkenntnis, selbst wenn sie das Leben schwerer machen. Streue ich mir selber Sand in die Augen, ist das Erwachen irgendwann doch nicht weniger schmerzlich. Aber es gibt Menschen, die sich Zeit ihres Lebens etwa vormachen und damit glücklich sind, ob das beneidenswert ist, weiß ich nicht.
    Lieber Gruß vom naßkalten Dach zu Dir, aber der HR2 wird mich bald mit Musik, Texten und heute natürlich Spargelfresserchen aufwärmen, Karin

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    • „Ich mach mir die Welt, wie sie gefällt“, hat eine dunkle Kehrseite, liebe Karin, allerdings.
      Hier ist es draußen auch eher nasskalt, aber es regnet und ich sitze am Fenster und starre verzückt hinaus auf tropfende Rhododendronblüten und zarte Walnusstriebe. Meinetwegen dürfte es noch die ganze nächste Woche so weitergehen.
      Liebe Grüße
      Christiane, gemütlich müde

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    • Da hast du recht. „Wahrheit“ wird immer inflationärer gebraucht, nachdem sich herumgesprochen hat, dass auch da vieles subjektiv, Verzeihung: individuell, ist. Grrrr. Starrsinn ist nicht nur auf das Alter beschränkt, nur nennt man es da meist noch anders. 😉
      Liebe Grüße
      Christiane

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  2. Liebe Christiane,
    huuu, jetzt bin ich erst einmal froh, dass der Barkeeper ihr keine Drogen in den Coctail gemixt hat, das hatte ich nämlich befürchtet. So las ich an dem Spannungsbogen entlang, wundere mich aber wieso nun der Barkeeper am Ende sie traurig anschaut …
    liebe Grüße
    Ulli
    P.S. bei mr spinnt wp auch mächtig, meine Beiträge erscheinen immer häufiger nicht im reader, sodass ich dann rumfummeln muss, andere, die nicht über den reader gehen, werden nicht per mail benachrichtigt – es ist ein Kreuz …

    Gefällt 2 Personen

    • Weil er weiß, dass WAHRHEIT erst mal verdaut werden muss und dass ihr auf jeden Fall was auf- oder einfällt. Und natürlich war da was in dem Drink, nur halt keine Droge im klassischen Sinne. Ich hätte dem Barkeeper gerne noch einen fantastischeren Touch gegeben (was sie natürlich erst nach dem Trinken merkt), hatte aber leider keine Wörter mehr übrig.
      Dann hoffen wir mal, dass WP seine Umstellungen bald wieder im Griff hat, das ist echt nervig.
      Liebe Grüße zurück
      Christiane aus dem Regen 😁

      Gefällt 2 Personen

      • Danke Christiane, ja klar, hat er ihr etwas reingemischt, aber eben nix Schlimmes. Wobei die Wahrheit ja sehr ernüchternd sein kann und so verstehe ich nun auch den traurigen Blick.
        Bei meiner nächsten Etüde (morgen) kamen mir zum ersten Mal auch die Anzahl der Wörter dazwischen, sodass ich ein paar Sätze streichen, bzw. umformen musste. Ich werd noch zur Vielerzählerin ;)
        Wir hatten heute Morgen hier eine zarte Schneedecke, die armen Apfelblüten … nun ist er wieder weg, da bin ich echt froh!

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        • Etüden sind Fingerübungen, liebe Ulli, und irgendwann stößt man an Grenzen, das ist einfach so und gehört dazu 😀
          Ich freue mich, dass die Etüden deinen Schreibfluss anregen, und hoffe, dass morgen die Pings schon wieder da sind *seufz*.
          Schnee? 😮 Oha. Okay, wenn die Temperaturen nicht zu sehr fallen, macht der nichts, aber trotzdem …

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  3. Wahrheit – schon ein eigentümlicher Name für einen Coctail (gibt es den wirklich), der muss es faustdick im Glas haben …

    Deine Heldin hat auf jeden Fall ein gutes Stück kindliche Naivität verloren (ach, manchmal wünschte ich mir die auch mal zurück) und ist somit, ja, „erwachsener“ geworden – manchmal bedauern wir auch das.

    Wie tief die Schwesternbindung wirklich ist, wird sich im Verlauf der Jahre noch zeigen. Ich wünsche den beiden, dass sie trotz aller Konflikte tiefer gehen möge und sich Patty irrt, was die heiße Kartoffel betrifft.

    Ich wünsche Dir einen wundervollen Sonntag.

    Herzliche Grüße

    Agnes

    Gefällt 3 Personen

    • Nein, den Cocktail gibt es nicht, aber auf jeden Fall ist Blue Curaçao drin 😉
      Es gibt Leute, die denken immer und überall, dass sie zu kurz kommen oder gekommen sind. Warum auch immer. Und die verhalten sich dann oft entsprechend, nämlich ohne Rücksicht auf Verluste. Natürlich ist in diesem Schwesternverhältnis das letzte Wort noch nicht gesprochen. Aber Patty ist erst mal einen Schritt weiter, egal, was in dem Drink drin war 😉
      Schöne Wörter! 😁
      Liebe Grüße
      Christiane

      Gefällt 2 Personen

  4. Ein sehr vielschichtiger Text. Toll.
    Heißt es nicht auch, dass nur Betrunkene und Kinder die Wahrheit sprechen? Wobei ich glaube, wenn man zu verbohrt ist, belügt man sich auch betrunken, da wäre der Cocktail sicher die ideale Lösung. Selbstschutz ist eine feine Sache, leider auch immer ein Selbstläufer.
    Grüße, Katharina.

    Gefällt 3 Personen

    • Das Problem ist die Frage des Perspektivwechsels, das Leben/ein Problem mal aus einem anderen Blickwinkel zu sehen. Das können manche leichter als andere, aus den unterschiedlichsten Gründen. Alk kann helfen, ist aber ganz sicher kein guter Ratgeber. Wobei ich, streng im Sinne der Etüde, dafür plädieren würde, dass der Schuss „Wahrheit“ und nicht der Drink die plötzliche Einsicht ausgelöst hat ;-)
      Liebe Grüße
      Christiane

      Gefällt 1 Person

    • Ich glaube ja, dass sich manchmal Leute erkennen, auch wenn sie gar nichts voneinander wissen. Was die beiden allerdings verbindet, könnte ich dir nicht sagen. Vermutlich erkennt er eher sie als sie ihn.
      Liebe Grüße, schönen Abend noch!
      Christiane

      Gefällt 1 Person

  5. Über die wahre Wahrheit muss ich jetzt mal nachdenken, denn der Sand in den Augen hat ja meist unangenehme Nebenwirkungen …
    Jedenfalls eine vielschichtige und schöne Etüde, die du da gezaubert hast.

    Lieben Gruß
    Anna-Lena

    Gefällt 1 Person

  6. Ich bin auch für Wahrheit. Aber auf den Schmerz, der auf eine Erkenntnis trifft, kann ich getrost verzichten. Doch den gibt es gratis dazu. Tolle Etüde, liebe Christiane!
    Und was die WordPress Probleme betrifft: ich habe gestern zahlreiche Kommentare bei unterschiedlichen Blogs geschrieben – alle futsch… grummel…
    Liebe Grüße
    Nicole

    Gefällt 1 Person

    • Alle futsch oder im Spam gelandet, hast du da Möglichkeiten, das checken zu lassen? Du siehst ja, deiner hier kommt/kam durch.
      (Wie du sagst: Wer will schon den Schmerz? Aber auch ich glaube, dass der dazugehört.)
      Liebe Grüße
      Christiane

      Gefällt 1 Person

      • Die Kommentare wurden mir sogar angezeigt. Und zwar bei den Blogs, wo es auch sonst ohne Freischaltung funktioniert?? Keine Ahnung. Aber echt ärgerlich.
        Auf jeden Fall gehört Schmerz, Trauer, Wut… zum Leben dazu. Und gäbe es immer nur Sonnenschein, wüssten wir ihn wohl kaum zu schätzen. Trotzdem… manchmal tut es eben sehr weh…
        Liebe Grüße
        Nicole
        P.S. Schön, dass es heute anscheinend mit den Kommentaren wieder funktioniert! :D

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        • Manchmal schmeißt WP Kommentare ohne Vorwarnung in den Spam, auch bei Blogs, wo es sonst immer ging. Das passiert, keiner weiß, warum.
          Ich hab das neulich auch gehabt. Kommentar geschrieben, ihn online gesehen, dann war er weg. Gegrübelt. Dann einen nachfragenden zweiten Kommentar geschrieben, und DANN hat sich die Besitzerin des Blogs auf die Suche gemacht und meinen Kommentar im Spam entdeckt und freigeschaltet. Wie gesagt, das passiert. WordPress halt. Ohne Worte.
          Hab einen guten Tag!
          Liebe Grüße zurück
          Christiane

          Gefällt 1 Person

    • Du? 😉
      Okay, die Wörter sind abgelaufen, aber das heißt nicht, dass du sie nicht mehr verwenden könntest, Etüden nachschieben geht immer. Oder du nimmst die aktuellen Wörter und schreibst die Geschichte. Oder du wartest auf die nächste Schreibeinladung, in der Hoffnung, dass die Wörter dann besser passen (hm, dafür würde ich nie die Hand ins Feuer legen).
      Herzlich willkommen auf meinem Blog übrigens. 😉
      Liebe Grüße
      Christiane

      Gefällt 1 Person

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