Cat-Lady | abc.etüden

Ich geh schon nicht weg, Katzenkind, sagt sie, als sie aufsteht und aufstöhnt. Die Hüfte. Der Rücken. Man wird nicht jünger. Sie hört, dass er schnurrt, streicht ihm über den Kopf, was das Schnurren verstärkt. Die Katzenaugen schließen sich.

Du hast es gut, denkt sie, als sie in die Küche schlurft und ihre eigene Unbeweglichkeit beklagt. Manchmal beneidet sie ihn, wenn sie ihn abends sieht, wie er auf dem Zaun balanciert und dann mit einem großen Satz in der Dunkelheit verschwindet, unterwegs auf seinen eigenen magischen Katzenwegen. Wobei die offensichtlich auch ziemlich angsteinflößend sein können – wer ist vorhin an ihr vorbeigeschossen, als sie die Tür geöffnet hat, als würde er verfolgt? Und wer ist eben eindeutig Schutz suchend auf ihren Schoß geklettert, damit sie die blutigen Risse in den Ohrmuscheln inspizieren konnte? Nachdem man sich den Bauch vollgeschlagen hat, natürlich, first things first. Nein, nicht tief, nur Kratzer, scheinbar nichts weiter passiert, aber glücklich, glücklich sah dieses zusammengekauerte Wesen heute früh nicht aus. Das wird ein Tag, an dem sie ihren Katzenkönig behüten muss, sie kennt das schon.

Sie gießt sich Kaffee ein und geht mit der Tasse zurück in ihr Wohnzimmer. Auf der Couch liegt ihre Strickjacke, die er in den letzten Tagen zu seinem Lieblingsplatz erklärt hat. Vermutlich, weil sie nach ihr riecht, sie mag es sich nicht anders erklären. Sie lässt sie für ihn dort liegen, sie kann sie später waschen. Er hat sich darauf zusammengekringelt und erwartet offensichtlich, dass sie sich wieder zu ihm setzt und die Zeitung liest. Sie kennen einander zu lange, als dass sie es nicht wüsste.

Schlaf ruhig, sagt sie. Ich bin ja da. Er reagiert nicht.

Sie betrachtet ihn versonnen und seufzt. Wie ging der Spruch? Das letzte Kind hat Fell? Sie nickt.

Kurios? Ihr doch egal.

 

abc.etüden 2019 19+20 | 365tageasatzadayQuelle: Pixabay, Bearbeitung von mir

 

Für die abc.etüden, Wochen 19/20.2019: 3 Begriffe, maximal 300 Wörter. Die Worte stammen dieses Mal von Katharina und ihrem Blog Katha kritzelt und lauten: Katzenauge, kurios, balancieren.

Neulich erklärte Myriade, dass sie vorhabe, im Alter eine Frau mit vielen Hüten zu werden, woraufhin ich entgegnete, ich strebte eine Karriere als Cat-Lady an. Nun denn. Hier ist ein Vorgeschmack.

Der Fellträger besteht darauf, dass alles fiktiv ist und er nur zu dekorativen Zwecken auf meinem Schoß sitzt. Ich lass das mal so stehen.

 

 

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34 Kommentare zu “Cat-Lady | abc.etüden

  1. Ich gebe es freimütig zu. Unser kleiner Fellträger ist jetzt ein Kind von uns, und das ist auch gut so :D Der Unterschied zwischen Katzen und Hunden ist; Katzen sind cool, Hunde tun nur so und geben das sehr schnell auf ;-) Zauberhafte Geschichte liebe Christiane!

    Gefällt 5 Personen

    • Ich mag den Spruch auch sehr, lieber Arno. Natürlich ist er wahr und natürlich gibt es Auswüchse in jeglicher Richtung (früher sagte man „Affenliebe“ dazu), die man vielleicht besser vermeiden sollte. Ansonsten: who cares?
      Obwohl ich der Charakterisierung von Hund und Katz (Hunde haben Herrchen, Katzen Personal) grundsätzlich zustimme, bin ich doch der Meinung, dass Hunde- und Katzenpersönlichkeiten ein weites Feld abdecken. Soll heißen: Katzen tun anders cool als Hunde 😉
      Freut mich, dass du die Geschichte magst.
      Liebe Grüße, auch gern an dein Fellträgerkind
      Christiane

      Gefällt 5 Personen

    • Das, was sie hat, ist ein Dauerzustand, eine Alterserscheinung. Das kalkuliert er ein. 😉
      Viel wichtiger (bei „Personal habenden“ Katzen) ist hier/mir aber, dass er sich betüddeln lässt, siehe „Das letzte Kind hat Fell“. Katzen sind nämlich oft große Alles-mit-sich-allein-Ausmacher. Er, in dieser Katzen-Mensch-Beziehung, nicht.
      Dass Katzen häufig große Tröster sind, habe ich gefühlt schon so oft thematisiert, dass ich hier mal ohne ausgekommen bin.
      Liebe Grüße
      Christiane

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    • Das kann sein, aber vielleicht ist er auch einfach zu jung und zu ungestüm. Meiner ist auch über die Jahre deutlich ruhiger geworden.
      Wahr ist jedenfalls, dass meiner damals auf der Suche nach einem Menschen zu mir gekommen ist, und das sind schon mal andere Voraussetzungen, als dein kleiner Springinsfeld hatte.
      Liebe Grüße an euch beide zurück
      Christiane

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  2. Ich kann nur bestätigen, dass Samtpfoten viel mit sich selber ausmachen. Hunde sind da oft anders. Und ja, soviel Liebe für den Fellträger… Aber die Beziehung zwischen Mensch und Fellträger kann schon etwas ganz Besonderes sein.

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  3. Hach! Ich bin ja noch Neuling als KatzenMama und bin oft überrascht, gerührt oder fühle mich geehrt (wobei mir der KatzenPapa leid tut, denn offenbar hat sich Dickie endgültig mich als Katzenkissen ausgesucht). Darf ich mich geehrt fühlen, wenn er bei seiner Sich-putz-Runde auf einmal meinen Arm mit-putzt? :-O
    Ich bin sehr neidisch (blöder Ausdruck, mir fällt kein anderer ein) dass sich dein Kater dich so deutlich ausgesucht hat. Ich könnte ja noch denken, er macht bei uns nur das Beste draus… Jedenfalls ist er ein Herzräuber… und das, obwohl er uns erst so oft so böse gebissen hat, der arme bis dahin rumgeschubste Kerl… Geht es dir auch so, dass du gern wüsstest, was er vorher getan hat, ob es Geschwister gibt, wer seine FellMama ist?
    Viele Grüße an dich und Herrn Katzenkönig!

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    • Ja, darfst du. Mitgeputzt werden ist auf jeden Fall eine Ehre und ein Zeichen von Zugehörigkeit. Und mir ist völlig bewusst, dass er mich damals in Windeseile um die Katzenkralle gewickelt und meine Erziehung in die Pfoten genommen hat (siehe Thema Katzen und Personal) …
      Natürlich ist das Opportunismus; und auf der Stirn aller Katzen steht in DRUCKBUCHSTABEN „FRESSEN“ geschrieben, auch wenn nicht alle übergewichtige Fresssäcke sind oder werden.
      Ich wüsste total gern, woher er kommt, aber ich habe mich damit abgefunden, dass ich es wohl nie erfahren werde.
      Der Katzenkönig dankt für die Grüße, zurzeit murrt er mit mir: schlechtes Wetter, unbotmäßige Dienerschaft, die nicht stillsitzen will. Also geht er raus und hofft, beim Reinkommen noch was zu essen abzustauben …
      Ganz liebe Grüße zurück
      Christiane

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    • Ich habe mit meinem Fellträger Glück gehabt. Das war Liebe auf den ersten Schnurrer; und ich weiß, dass ich eher ein Katzen- als ein Hundemensch bin.
      Trotzdem würde ich bei der Frage „Hund oder Katze“ unbedingt dem Verstand Mitspracherecht einräumen … 😉
      Liebe Grüße
      Christiane

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        • Wohnungskatzen können glücklich sein. Aber wenn du gleichzeitig auch lange weg bist, solltest du über zwei Katzen nachdenken, damit sie nicht so alleine sind. Allerdings, heißt es, kann es dann sein, dass sie sich mehr aufeinander beziehen und nicht so auf den Menschen.

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    • „Cat-Lady“ ist, soweit ich das mitbekomme, meistens eher despektierlich gemeint und bezeichnet etwas verwahrloste, ältere, meist alleinlebende Frauen, die aus Ermangelung sozialer Kontakte jede Menge Geld und Zeit an ihre (oder fremde) Katzen vergeuden. Nun, wer sich den Schuh anzieht.
      Natürlich gibt es Männer, die ihre Katzen zärtlich lieben und über alles schätzen. Nur bekannt, heutzutage, sind sie dafür eher nicht.
      Danke für den Link, sehr niedlich, kannte ich nicht.
      Liebe Grüße
      Christiane mit dem Schnurrheini

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  4. Eine gute Geschichte, liebe Christiane, eine, die mir natürlich gefällt, die ich so gut nachvollziehen kann.
    Fast ein Leben lang Katzen zu haben und zu manchen Zeiten mehrere und nie war es falsch und immer war da Freude, oft auch Sorge, aber immer wieder die Freude an den Sammetpfoten und das Wissen, viel lieber Katzen zu haben, als mit einem Hund ständig Gassi gehen zu müssen und dann kommt eine Zeit, da ist alles anders, zwei der liebsten engen Menschen sind allergisch gegen die Fellträger und man verkneift sich den immerwiederkehrenden Wunsch nach einem neuen Kätzchen… und hält doch ständig Ausschau nach einem Fellbauch, in den man seine Hand reinlegen kann …

    Ganz herzlich, Bruni, sehr spät am Abend oder ist doch schon Nacht?

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  5. Katzen und ihre Menschen sind um mich herum. Und ja, ich mag ihre Katzen, hüte und hätschele sie. Es gab auch einen Kindheitskater, den ich liebte. trotzdem hätte ich fast eine Etüde geschrieben, warum ich keine Katze habe – und das auch nicht bedauere. Der Tag lief dann komplett anders als gedacht und nun ist es zu spät dazu.
    Einen lieben Gruß an alle Schnurrenden und ihr Personal.
    Natalie

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  6. Pingback: Schreibeinladung für die Textwochen 21.22.19 | Wortspende von Team dergl | Irgendwas ist immer

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