Der richtige Zeitpunkt | abc.etüden

Du lieber Himmel! Als sie ihre Freundin in der belebten Fußgängerzone herankommen sah, erschrak sie zutiefst. Schön, sie war ein Stück älter. Schön, sie lebte allein mit ihren Katzen. Schön, sie sahen sich nicht allzu häufig, sie wohnten knapp zwei Autostunden voneinander entfernt. Aber das, was da auf sie zukam, lächelte und winkte, war jemand, um die sie sonst auf der Straße einen unauffälligen Bogen gemacht hätte. Andere auch, wie sie mit einem schnellen Blick feststellte. Schlecht sitzende Kleidung, schmutzige, zerschlissene Schuhe, eine große Sonnenbrille.
Es war bedeckt.

Wo war die Grenze und wie benannte man die Seiten? Es waren Zustände, die gleitend ineinander übergingen, klar, und dass etwas möglicherweise nicht stimmte, war ihr bereits bei früheren Begegnungen aufgefallen. Fehlendes Geld war auf jeden Fall ein Faktor. Aber dies hier, das war kein Räuberzivil mehr.
Alkohol? Nein, glaubte sie nicht. Eine chronische Depression vielleicht, die die Scheißegal-Grenze verschoben hatte? War der Freundin klar, wie sie aussah, wie sie auf andere wirkte? Bestimmt nicht. Oder?

Würde es die Freundschaft torpedieren, wenn sie die Freundin fragte, was mit ihr los sei? Durfte sie ihr sagen, dass sie erschrocken sei, sie so zu sehen? Würde es ihren Stolz verletzen, würde sie sich damit übergriffig verhalten? Konnte sie irgendeine Hilfe anbieten? Wollte sie Verantwortung übernehmen, falls sie mit ihrer Fragerei einen Damm brach? Wenigstens Letzteres musste sie verneinen, wenn sie ehrlich war, sie trug eigene Lasten.

Der Malkasten ihrer Freundschaft enthielt jedenfalls spätestens jetzt ein paar trübe Farben. Sie beschloss, dass sie dennoch zuerst einiges mit sich zu klären hatte, bevor sie den Mund aufmachen würde.

Sie winkte zurück und fiel der Freundin wenig später um den Hals, die sie mit klarer Stimme fröhlich begrüßte. „Komm“, erwiderte sie und hängte sich bei ihr ein, „lass uns irgendwo Kaffee trinken gehen, ich lade dich ein.“

 

abc.etüden 2019 21+22 | 365tageasatzadayQuelle: Pixabay, Bearbeitung von mir

 

Für die abc.etüden, Wochen 21/22.2019: 3 Begriffe, maximal 300 Wörter. Die Worte stammen dieses Mal vom Team dergl und dergls Blog Die Tintenkleckse sehen aus wie Vögel und lauten: Malkasten, gleitend, torpedieren.

Dies ist keine besonders autobiografische Etüde, allerdings wurde sie durch eine Begegnung inspiriert, die ich in den letzten Tagen hatte und die sich dann in meinem Kopf verselbstständigt hat. Ich bin auf eure Gedanken dazu sehr gespannt, allerdings muss ich schon wieder Abbitte leisten, dass ich vielleicht erst wieder spät reagiere, heute Nachmittag/Abend und morgen sieht es vermutlich eher schlecht damit aus.
Hach, die Zeit, ihr kennt das.