Froschkönig revisited | abc.etüden

Es war nicht so, dass er leicht in sein neues altes Leben zurückgefunden hätte.
Gar nicht.
Es war so verdammt still im Haus.
Offensichtlich waren die Einzigen, die etwas von ihm gewollt hatten, seine Tochter und einer seiner Auftraggeber gewesen.
Bisschen wenig für ein paar Monate.
Es nagte an ihm.

Er hatte beide noch nicht zurückgerufen. Was hätte er auch sagen sollen, wo er abgeblieben war? Ein harmonischer Urlaub war das jedenfalls nicht gewesen.

Leicht verloren saß er vor dem Computer und suchte den YouTube-Kanal, in dem er die Wetternachrichten gesprochen hatte. Und staunte nicht schlecht: Da saßen zwei ziemlich bedröppelt vor der Kamera, berichteten von einem Studiounfall und dass er, der geliebte Frosch, seitdem spurlos verschwunden sei. Sie hätten in, hinter und unter jedes Möbelstück und jeden Teppich geschaut, beteuerte Vanessa, und jetzt käme nur noch infrage, dass er vielleicht irgendwie durch den Spalt der Terrassentür ins Freie gelangt sei, obwohl sie sich das nicht vorstellen könnten. Man vermisse ihn jedenfalls total.

Huch? Geld konnte jedenfalls nicht der Grund für diese Gefühlsaufwallungen sein, dachte der gerührte Nicht-mehr-Frosch ziemlich nüchtern, denn sie hatten für ihn keins bekommen. Dumm gelaufen. Jetzt, im Nachhinein, hätte er es ihnen fast gewünscht. Denn er musste zugeben, Tobi war möglicherweise nicht der Hellste, aber sie hatten echt Spaß miteinander gehabt.

Tobi war es auch, der einen Appell an die Zuschauer richtete: „Leute, falls euch in den letzten Tagen ein sprechender Frosch zugehüpft ist, oder, Frosch, falls du mich hörst, ich weiß ja, dass du plietsch bist und immer irgendwie auf die Füße fällst – na ja, bis jetzt: Wir wohnen hinter dem Schwimmbad. Das blaue Haus. Erdgeschoss. Komm zurück! Ihr anderen: Wir zahlen Finderlohn!“

Der Nicht-mehr-Frosch stand auf und griff nach seinen Autoschlüsseln. Er würde gleich mal hinfahren. Auf ein Bier oder so. Warum denn nicht.

 

abc.etüden 2019 28+29 | 365tageasatzadayQuelle: Pixabay, Bearbeitung von mir

 

Für die abc.etüden, Wochen 28/29.2019: 3 Begriffe, maximal 300 Wörter. Die Worte stammen dieses Mal von Gerhard und seinem Blog Kopf und Gestalt und lauten: Füße, harmonisch, wünschen.

Ich konnte es mir nicht verkneifen. Aber jetzt lasse ich ihn in sich gehen, jetzt ist gut … und Sommer sowieso. Wer die Vorläufer noch mal lesen will, weil er*sie nur Bahnhof versteht: hier.

 

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35 Kommentare zu “Froschkönig revisited | abc.etüden

    • Ich bin selbst noch total unentschlossen, liebe Karin, ich weiß bloß eins: Das wars jetzt erst mal mit dem Frosch. Ich wollte ihm ein Türchen aufstoßen, aber jetzt ist erst mal gut …
      Liebe Grüße auf dein Dach
      Christiane

      Gefällt 4 Personen

      • Ich habs auch gefunden. Ich kenne das ja, wenn man Glossare mitliefern „muss“. Die Pimpinellen damals waren ein echtes Erweckungserlebnis, ursprünglich hatte ich die Redewendung nicht erklärt, weil ich dachte, das sei allgemein bekannt. Mir war nicht bewusst, dass das was Regionales war. Bei „Leck mich anne Füße!“ war ich dann schlauer und – zack! – kamen die ganzen Pötter*innen Kenn‘ wa doch… Komischerweise sind es bei mir aber diese regional gefärbten Sachen, die mit am meisten „laufen“, also scheine ich da doch in den Ton zu kommen.

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        • Ich finde so was interessant, was „läuft“ und was nicht. Ich habe vor, beim Intermezzo was damit zu machen.
          Hach, das Intermezzo wird bunt und ein bisschen nostalgisch, ich plane gerade …

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        • Ich bin gespannt. Das andere, das bei mir immer gut geht ist die „umgekehrte Perspektive“. Wenn ich die Zeit hätte, mich also weniger über das Thema aufregen würde, würde ich dazu was über diesen disability death porn-Scheiß machen. Das täte ich echt gern, der arme suizidale Nichtbehinderte, der ja so ein trauriges Leben hat, weil er so leidet, aber das bekomme ich nicht in der Zeit eines typischen Kleckses hin. Wer weiß, irgendwann mal, das Thema der „Heulsusen“ (die sind auch so eingeschlagen, wurden allerdings auch von vergleichsweise reichweitenstarken Leuten verlinkt) trug ich ja auch ewig mit mir herum.

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        • Vielleicht findest du ja im Sommer irgendwann mal die Zeit? Okay, nicht im Rahmen des Intermezzos, aber wenn und falls mal bei dir weniger los ist?
          Ja, die umgekehrte Perspektive. Manchmal ist sie zwar für mein Gefühl irgendwie platt, ich hab auch nicht auf diese scheußlichen „Matriarchat“-Bücher gestanden, wo die Verhältnisse einfach umgekehrt werden/wurden, manchmal ist es aber auch echt frappierend.

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        • Wenn die Kind-Eltern Urlaub haben und ich Kind-frei vielleicht. Die Perspektive ist mitunter platt, ja, aber das ist Teil dieses Umgekehrtseins: Ich mache da genau das genau so wie Nichtbehinderte über Behinderte schreiben. Das muss keine tiefere Ebene haben, ich muss mich auch nicht damit beschäftigen, es muss nur zeigen So wäre das, wenn man den Spieß umdreht. Mehr nicht. „Uns“ fragt auch „keine*r“, ob uns die Darstellung durch Nichtbehinderte passt. Und diese normalen Alltagssituationen, die ich da zeige sind in der Realität auch platt. Ich drehe das nur um, in einem Roman hätte das sicherlich einen ähnlichen Effekt wie das von dir angesprochene Matriachat-Genre/Zeug, in den Kurztexten ist es einfach nur Herschaun, können wir auch! Ist es nun immer noch toll oder egal und man sol sich nicht so anstellen?!

          Ich habe aus Neugierde mal in meine Jahresstatistik geschaut, die meist aufgerufenen Sachen neben der Projekterklärung sind alles Etüden und wenn man die Aufrufzahl als „Läuft“-Kriterium nehmen kann, dann die „Heususen“ mit dieser Denunziation der queeren Fotografin, „Alle Kinder haben…“ über die Mutter, die ihrem Sohn keinen Satch-Rucksack kaufen kann und „Die neue Sprache“ über den Jungen, der sich nicht in Gebärdensprache verständigen kann. Queeres, Armut, umgekehrte Perspektive… Das ginge alles auch mit Ruhreinschlag oder in ein anderes Jahrzehnt versetzt, also Möglichkeiten sind da.

          Gefällt 2 Personen

        • Ich finde deine Überlegungen zur Statistik hochspannend. Halt mal deine Gedanken fest, ich will so was in der Art beim Intermezzo anregen.
          Mir ist schon klar, was du mit den Kurztexten erreichen willst. Wirkt ja auch.

          Gefällt 1 Person

    • Danke 😁
      Du hast nur noch bis heute abends Zeit, falls du drei Wörter für das Etüdensommerpausenintermezzo spenden willst – du scheinst den Aufruf letzten Sonntag überlesen zu haben. Ich sags nur.
      Liebe Grüße aus dem trüben Norden
      Christiane, völlig schlapp und gar nicht plietsch 😉

      Gefällt 1 Person

  1. Ich habe jetzt absolutes Interesse daran, dass der Nicht-mehr-Frosch auch noch sein Glück findet, also bitte überlegs dir nochmal. :)
    Auf jeden Fall eien tolle Fortsetzung. Die ganze Reihe hatte immer wieder Wendungen, die man absolut nicht vorhersagen konnte. Toll.
    Grüße, Katharina

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  2. Eine stimmige Fortsetzung. Ich kann aber verstehen, wenn du es jetzt dabei belassen möchtest, auch wenn es noch so viele Möglichkeiten gäbe und interessant wäre zu wissen, was er aus dieser Zeit als Frosch gelernt hat. Ich stimme Katharina zu, du hast uns wunderbar überraschende Wendungen serviert.
    Grüße, Viola.

    Gefällt 2 Personen

    • Der Punkt ist, dass er sich JETZT eigentlich aus seiner Komfortzone, der vielbesungenen, herausbewegen müsste, da er festgestellt hat, dass es keine mehr ist. Da ist alles offen. Und eigentlich, ja, eigentlich … aber ich habe jetzt erst mal keine Lust mehr.
      Freut mich, dass du es stimmig fandest.
      Liebe Grüße
      Christiane

      Gefällt 1 Person

  3. Ach Christiane, you made my day mit dieser gelungenen Fortsetzung!
    Dass er sich ins Auto setzt, um quasi Freunde zu besuchen, dass ist doch schon eine tolle Entwicklung! Mehr muss für mich gar nicht kommen, aber die Welt ist wieder ein Stück runder, das brauchte ich heute. Danke!

    Gefällt 3 Personen

    • Glaub bloß nicht, dass es dieser Figur leicht fällt! Der murrt jetzt noch in meinem Hinterkopf mit mir rum! Komfortzone und so, mir fiel das Wort eben erst ein … 😉
      Freut mich überaus sehr, dass dir diese Etüde den Tag verschönert, wirklich! Danke!
      Liebe Grüße
      Christiane

      Gefällt 1 Person

  4. *lach*, lustig, wie gekonnt Du überraschende Wendungen findest, liebe Christiane. Gefällt mir.
    Es könnte nun ein Anfang fürs Insichgehen sein, kommt aber sehr auf seine Schöpferin an *g*

    Liebe Samstagsgrüße von Bruni

    Gefällt 2 Personen

  5. Liebe Christiane, auch für mich muss es nicht zwingend eine Fortsetzung geben, immerhin denkt er an seine Tochter und überlegt sich mal einen Besuch zu machen, Wandlungen gehen eh viel langsamer als man denkt und impliziert ;)
    Ich wünsche dir einen schönen Samstagabend und freue mich auf morgen bei dir …
    herzlichst, Ulli

    Gefällt 1 Person

    • Da hast du recht, Wandlungen dauern oft echt lange und erfordern von anderen einen langen Atem. Was für mich hieße, so etwas wie einen Kunstgriff zu machen und die Zukunft vorwegzunehmen: Opa erzählt seiner Enkelschar von der Zeit, als er mal ein Frosch war. Na jaaaaa.
      Mir fiel nichts dazu ein, also habe ich es gelassen. 😉
      Etüdensommerpausenintermezzo?!? O ja, ich zähle auf dich und freue mich auch schon … 😁
      Liebe Grüße, auch dir einen schönen Abend
      Christiane

      Gefällt 1 Person

  6. Pingback: Etüdensommerpausenintermezzo 2019-I: Die Sache mit dem Adventskalender | Irgendwas ist immer

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