Ludwigs Etüden | Etüdensommerpausenintermezzo

Wer lange genug hier mitliest und mitschreibt, der*die erinnert sich bestimmt an die unnachahmlich schrägen, eigensinnig poetischen, dahingeworfenen Texte von Ludwig, unserem Etüdenerfinder (der bis heute keinen neuen Blog hat, was auch so bleiben soll). Wer nicht, der*die hat meiner Meinung nach was verpasst ;-), aber der*die bekommt beim Lesen hoffentlich ein Gefühl dafür, ob/dass ihm*ihr was entgangen ist. (Ludwigs Illustrationen für die Etüden habe ich übrigens hier gesammelt.)

Was seine Texte angeht, so hatte ich bei ihm angefragt, ob alle seine Etüden den Bach runtergegangen seien oder ob er in den Tiefen seiner Festplatte noch welche wiederfinden könnte, die ich beim Etüdensommerpausenintermezzo veröffentlichen dürfte. Konnte er! Darf ich! Ich habe fünf Texte ausgewählt und leicht editiert.

Ladys and Gentlemen, Irgendwas ist immer proudly presents: abc.etüden von Ludwig Zeidler. Enjoy!
Meine Lieblingsetüde (aus dieser Auswahl) steht am Anfang; alle Etüden unterliegen dem Copyright von Ludwig Zeidler.

 

***

 

Sie hatten sich viel vorgenommen in dieser Minikombüse am Sylter Strand. Edgar und Victor wollten diesen verfluchten Stern, sie kochten wie zwei Höllenhunde aus einer anderen Welt, Erbsenspeckflunderschaum und Safranstaubkussspuren waren nur eine kleine Ouvertüre am Meerwassersandtheater. In den „Lukullischen Samstagnachtstunden“ spielten die Stockhauerbrüder live und ungeschminkt  Zwölfton-Irisreinkarnationslieder, während Victor die Speisenabfolge mit Zauberblüten sowie Meeresbitteralgen auf Knospenkollisionskurs eröffnete. Edgar legte nach, formte Kräuterchipsblätter mit Chiligelee und Hagebuttenknallrauchkaramell.

Sie waren auf einem neuen Weg, mitten in den Dünen, und Käthe mit o schrieb die Menükarten als Lesegedicht für Gaumentänzer. Feuerwerke erhellten den Wolkenspagat und zogen am Strand lange Schatten mit Salzwasserduft.

Eintritt nach Anmeldung.

(Schreibeinladung für die Textwoche 17/17, Wörter: Safranstaubkussspuren, Knospenkollisionskurs, Irisreinkarnationslied)

 

***

 

Bahnhof

Elmar Koschinsky war mehr als genervt. Es war so kalt wie im Tiefkühler von Bofrost, dazu schneidender Ostwind, und von der Seite peitschte ihm schnurdünner Regen auf seine Holzbrille, hinter der sich ihm das Hier mehr als trist offenbarte.

Unterkammerhofen, ein Ort, ein Bahnhof, wie aus den schlechtesten Romanen von Kammerwirt & Schuldlos, sogar Warten bekam hier eine Bedeutung, die man sich weder wünschte noch vorstellen wollte.

Abgesperrt, verschlossen, entmenscht, leblos, trostlos, verlassen, er drückte sich hier in eine Mauernische dieser Baukunstverlassenheit und musste warten, während sich 30 Kilometer weiter Karla Unstruht in Wolle packte, die Schlüssel für den alten Lancia suchte und im Begriff war, ihn abzuholen.

Elmar Koschinsky dachte derweil an Prag, an die Mopedfahrt durch Holland und die wilden Zirkusnächte im vergessenen Tempodrom. Einstürzende Neubauten und der Himmel über Berlin, er dachte sich das Warten schön. Beckett erschien ihm nun in einem völlig neuen Licht.

(Schreibeinladung für die Textwoche 6/17, Wörter: Prag, Moped, Zirkus)

 

***

 

Warten auf die Königin

Sie warteten am Busbahnhof.
Zäh, die Zeit tropfte in den Tag wie falsch angerührter Tapetenkleister, eine Atmosphäre jenseits von Korallenriffen und Backerbsenhochzeit.
Wladimir und Estragon schauten über den See, schauten auf die einfahrenden Busse, warteten auf SIE.
Morgennebel tauchte alles in eine Landschaft wie mit dem Blumensprüher benetzt, es war ein Freitag, Freitag sollte SIE kommen.
Womöglich war es ihre existenzielle, alles beherrschende Aufgabe zu warten.

Und wenn SIE nicht kommt? Und wenn es ein anderer Freitag ist?
Womöglich hat die Königin Godot getroffen, und SIE kommt gar nicht.

Wladimir und Estragon warteten.

(Schreibeinladung für die Textwoche 7/17, Wörter: Königin, Backerbsen, Korallenriff)

 

***

 

Ludmilla hatte sich gefreut, schön gemacht und war, wie es ihrer Art entsprach, alles andere als unpünktlich.

Vierzehn Uhr an der Bushaltestelle, und heute, neunzehnter Dritter. Sie schaute in ihrer Tasche nach ihren Habseligkeiten, nach den Unterlagen, dem tieferen Grund ihrer Verabredung. Er wollte ihr helfen, diese Textarbeit über den Zaunkönig fertigzustellen, er hatte es ihr wohlmeinend angeboten und sie sagte erfreut zu, warum sollte sie daran denken, dass er sie versetzen würde. Sie war mehr als sauer, keine Nachricht, kein Zeichen, nichts, sie kickte in ihrer Wut eine herrenlose Coladose mit solcher Wucht an, dass sie wie eine Murmel über den leeren tristen Platz schepperte und fast am anderen Ende dieser Windhosenarchitektur blechern zum Stillstand kam. Es war jetzt fast fünfzehn Uhr und in die langweilige Tristesse begann es nun auch noch zu tropfen, kaltes Himmelwasser in stetiger Zunahme, sie dachte an Estragon und verfluchte ihre Verabredung mit Georg. Er war schließlich nicht Godot.

Den weiteren Verlauf dieses Tages dürfen Sie sich gerne in freier Form ausmalen.

(Schreibeinladung für die Textwoche 12/17, Wörter: Murmel, Habseligkeiten, Zaunkönig)

 

***

 

Er hatte es sich einfach vorgestellt.

Doch bei genauerer Betrachtung war es die totale Verarschung. Er ließ sich ohne groß nachzudenken auf den Deal ein, sagte Ja und Amen zu diesem sehr eigenartigen Urteil. Und jetzt war Rewohlt auf dieser verdammten Insel, er, der Meeresfrüchte hasste und von Inseln so viel verstand wie sein blasser Bruder von Rimbaud-Gedichten.

Aber da musste er jetzt durch, er mimte den coolen Hausmeister, arbeitete sein Pensum in stoischer Unlust herunter und nützte ansonsten jede freie Minute, um auf dem verlodderten Campingplatz in seiner Hängematte Dostojewski zu lesen.

Er gab sich unspektakulär dem Wind hin.

(Schreibeinladung für die Textwoche 11/17, Wörter: Hängematte, Urteil, Meeresfrüchte)

 

 

Alle Illustrationen unterliegen dem Copyright von Ludwig Zeidler und wurden mir für die Etüden von ihm freundlicherweise zur Verfügung gestellt.

 

Dies ist ein Beitrag für die Lieblingsetüden des diesjährigen Etüdensommerpausenintermezzos.

 

Werbeanzeigen

34 Kommentare zu “Ludwigs Etüden | Etüdensommerpausenintermezzo

  1. Ein tolles Etüdenmahl hast Du uns von Ludwig aufgetischt, liebe Christiane und die erste zergeht wie ein Souflee beim laut lesen ,denn das sollte man, auf der Zunge.
    Ach Ludwig, wir warten auf Dich wie Estragon und Wladimir auf Godot, dass Du wieder mitschreibst. Wenn Du keinen eigenen Blog mehr möchtest, was ich ja verstehe, vielleicht richtet Christiane ein Besuchereckchen für Bloglose ein, denn Du fehlst mit Deinen Wort- und Gedankenzaubereien wirklich.
    Einen herzlichen Sonntagsgruss an Euch beide, Karin mit Capucchio

    Gefällt 3 Personen

    • Liebe Karin, ich bin sicher, dass Ludwig im Laufe des Tages hereinschauen und dies lesen wird.
      Ich habe ihm schon eine Gastkolumne angeboten und versucht, ihn davon zu überzeugen, eine Etüde für den Adventskalender zu schreiben.
      Einen wunderbaren Sonntag auch dir und dem Katzenherrn! 😺
      Herzliche Grüße auf dein Dach
      Christiane

      Gefällt 1 Person

  2. Wie schön, dass du diesen Etüden von Ludwig Raum gibst. Und ich schließe mich Karin an: vielleicht können wir ihm ja alle Platz/Raum geben…. „ein Besuchereckchen für Bloglose“ – eine grandiose Idee.

    Und mir gefällt die erste Etüde auch am besten, wobei mein Lieblingssatz folgender ist: „Zäh, die Zeit tropfte in den Tag wie falsch angerührter Tapetenkleister, eine Atmosphäre jenseits von Korallenriffen und Backerbsenhochzeit.“

    Lieben Dank an dich und hab einen schönen Tag. Sabine

    Gefällt 3 Personen

  3. Klasse, danke. Ich finde schön, dass er so auch indirekt mitspielt. Vielleicht ist bei den Texten, die er noch hat und dir gegeben hat ja auch irgendwas dabei, das irgendwie in den Adventskalender passen würde falls doch nicht genüg zusammen kommt und er erlaubt dir das Zeigen? Entspricht dann zwar nicht den Regeln, an die wir und alle zu halten haben, aber er hat das Spiel erfunden und deshalb hätten wir damit dann ein Spezial-Spezial-Türchen. Es ist auch davon auszugehen, dass einige jetzt regelmäßig Mitspielende Ludwig und seine Werke gar nicht mehr kennen, für die wäre das vielleicht ein feines Geschenk um zu sehen, wie das alles angefangen hat.

    Falls du was von ihm hörst/liest oder er selbst mitliest: Viele Grüße bitte!

    Gefällt 2 Personen

    • Die Etüde für den Adventskalender ist bereits angefragt. 😁
      Ich gehe davon aus, dass er heute mitliest, daher spare ich mir die Versicherung, dass ich die Grüße ausrichten werde.
      Hab einen feinen Tag!
      Liebe Grüße
      Christiane 😀😺🌞🎶

      Gefällt 2 Personen

      • Macht er was Frisches (so verstehe ich deinen Kommentar gerade)? Klasse! Dann ist wirklich Die Etüden-Community beschenkt die Etüden-Community. In meinem Kopf gehört er da immer noch zu, weil er es erfunden hat.

        Ich habe an diesem feinen Tag immerhin schon zwei Räume geputzt, nachdem man hier gestern noch gut wettermäßig kollabieren konnte. Und vielleicht komme ich endlich mal wieder zum Hanteltraining. Ich habe seit 5:15h alle Fenster auf, weil man hier endlich wieder gut Luft bekommt. Auf das Gewitter warte ich immer noch.

        Gefällt 2 Personen

        • Jawollja, wenn, dann ja, was Frisches. Und ich stimme dir voll zu: In meinem Kopf gehört er auch immer noch zu den Etüden.
          Hier ist es auch frisch, aber noch sonnig. Sehr angenehm und relativ kühl. Echt schön gerade.

          Gefällt 1 Person

  4. Ach, schön. An diese schrägen Wörter aus der ersten Geschichte kann ich mich auch noch sehr gut erinnern, und auch wie ich dachte, was soll man denn damit anstellen? Und dann fiel mir doch was ein. Das Ergebnis steht auch noch auf meiner Recycling Liste 😉. Aber erstmal kommt noch eine andere. Danke nochmal für diese schöne Idee 😃
    Liebe Grüße an dich und Ludwig 🙋

    Gefällt 1 Person

  5. Ich kannte sie alle nicht, lese gespannt und manchmal aufhorchend, lasse mir das eine oder andere Wort genüsslich schmeckend auf der zunge zergehen umd mache es mit vielen Gedanken darin ebenso, grinse, schmunzel, ziehe neidlos meinen imaginären hut, verbeuge mich tief, wenn ich es denn noch schaffe und lehne mich entspannt zurück, dem Geschmack dieser lieblingsetüden immer noch auf der zunge nachkostend

    Herzlich, Bruni, mit dem Handy kämpfend

    Gefällt 1 Person

    • Wir haben dir zu danken.
      Klar, Spielzeuge müssen benutzt, geputzt und gepflegt werden, und dafür bin ich zuständig. Aber ohne deine Idee gäbe es das alles nicht.
      Von daher: Bleib uns gern erhalten, wir freuen uns.
      Liebe Grüße
      Christiane

      Liken

  6. Pingback: Etüdensommerpausenintermezzo 2019 -III: Zwischenfazit Herzen („Lieblingsetüden“) und Kronen | Irgendwas ist immer

  7. Pingback: Etüdensommerpausenintermezzo IV: Am nächsten Tag war alles anders | Irgendwas ist immer

Mit der Nutzung der Kommentarfunktion erklärst du dich mit der Verarbeitung deiner Daten durch diese Webseite bzw. WordPress (Wordpress.com, Gravatar, Akismet) einverstanden. Weitere Informationen findest du in meiner Datenschutzerklärung.

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.