Von Spätsommer und Korn

 

Die Luft ist voll Kommen und Gehen

Die blühenden blauen Kornraden,
Sie fielen mit den Ähren;
Das Korn liegt still in Schwaden
Im Sonnenschein, im schweren.

Kaum ein paar kurze Wochen
Sind die Felder glühend zu sehen;
Gleich muß die Sense dann pochen,
Und Stoppeln bleiben kalt stehen.

Wenn Augenblicke erwarmen,
Fühlt ihren Atem kaum wehen,
Da entsinken sie schon unsern Armen –
Die Luft ist voll Kommen und Gehen.

(Max Dauthendey, Die Luft ist voll Kommen und Gehen, aus: Insichversunkene Lieder im Laub, in: Gesammelte Gedichte und kleinere Versdichtungen, Albert Langen, München 1930, S. 311)

 

Das Kornfeld

Vom Sommerhauch berührt schwankt leis das Korn,
Wie Beter, gottergeben, stehn die Ähren.
Ich hör’ von ferne Dengelhammerschlag,
Das gold’ne Wogen wird nicht lange währen.
Hier hat der Tod in jedem Halm gehaust,
Sie selber, die des Lebens Keime bergen,
Die Körner, sind im Sonnenbrand erstarrt
Und gleichen goldumwundnen kleinen Särgen.
Tot bist du, Korn, doch welch ein tröstlich Bild!
Wer möcht’ sich nicht wie du zur Ruhe legen:
Als eine wohlgereifte Garbe, schwer
Von Lebensbrot und von der Arbeit Segen.

(Jakob Bosshart, Das Kornfeld, in: Jährliche Rundschau des Deutschschweizerischen Sprachvereins, Bd. 19/1923, Online-Quelle, S. 33)

 

Sommer

Mein Herz steht bis zum Hals in gelbem Erntelicht wie unter Sommerhimmeln schnittbereites Land.
Bald läutet durch die Ebenen Sichelsang: mein Blut lauscht tief mit Glück gesättigt in den Mittagsbrand.
Kornkammern meines Lebens, lang verödet, alle eure Tore sollen nun wie Schleusenflügel offen stehn.
Über euern Grund wird wie Meer die goldne Flut der Garben gehn.

(Ernst Stadler, Sommer, 1913, Online-Quelle)

 

Die letzte Kornblume

Sie ging, den Weg zu kürzen, übers Feld.
Es war gemäht. Die Ähren eingefahren.
Die braunen Stoppeln stachen in die Luft,
Als hätte sich der Erdgott schlecht rasiert.
Sie ging und ging. Und plötzlich traf sie
Auf die letzte blaue Blume dieses Sommers.
Sie sah die Blume an. Die Blume sie. Und beide dachten
Sofern die Menschen denken können, dachte die Blume …)
Dachten ganz das gleiche:
Du bist die letzte Blüte dieses Sommers,
Du blühst, von lauter totem Gras umgeben.
Dich hat der Sensenmann verschont,
Damit ein letzter lauer Blütenduft
Über die abgestorbene Erde wehe –
Sie bückte sich. Und brach die blaue Blume.
Sie rupfte alle Blütenblätter einzeln:
Er liebt mich – liebt mich nicht – er liebt mich … nicht. –
Die blauen Blütenfetzen flatterten
Wie Himmelsfetzen über braune Stoppeln.
Ihr Auge glänzte feucht – vom Abendtau,
Der kühl und silbern auf die Felder fiel
Wie aus des Mondes Silberhorn geschüttet.

(Klabund, Die letzte Kornblume, aus: Die Harfenjule, Berlin 1927, Online-Quelle)

 

Kornblume vor Gerstenfeld | 365tageasatzadayQuelle: Pixabay

 

Bei uns sind die Felder längst gemäht, zu wenig Regen vermutlich, wenn auch nicht so extrem wie im letzten Jahr. Wie war es bei euch, ähnlich?

Kommt gut in und durch die neue Woche!

 

Werbeanzeigen

41 Kommentare zu “Von Spätsommer und Korn

  1. Guten Morgen, liebe Christiane, schöne Gedichte hast du da wieder ausgewählt, die genau zum Start dieser Septemberwoche passen … gerade eben hab ich ein Sommerkleid in den Schrank gehängt, das ich noch vor kurzem trug und nun bollert der Kachelofen. Zwei Pullover hab ich an. Der Herbst ist angekommen. Die Sehnsucht nach Spätsommer hängt in der Luft … ab morgen kommt er zurück. Juchheidi.
    Schöne Woche. Herzlich. Petra

    Gefällt 1 Person

    • Das war der Plan, liebe Petra, Gedichte zu finden, die an der Grenze zwischen Sommer und Herbst sind. Auch hier schlägt es um, nachts ist es frisch, die Eichhörnchen suchen den Baum immer noch nach übersehenen Nüssen ab, und das Wetter schwankt zwischen Spätsommer und herbstlichem Getröpfel. Ich liebe beides, du anscheinend auch.
      Herzliche Grüße zurück und auch dir eine schöne Woche!
      Christiane 😁😺🐿️👍❤️

      Gefällt 1 Person

  2. Du weißt ja, mit Gedichten kann ich nicht, deshalb einfach mal zu deiner Frage mit den gemähten Feldern: Hier ist man dran. Ich weiß nicht wann begonnen wurde, ich war aus gesundheitlichen Gründen kaum draußen. Persönlich freue ich mich, dass es draußen kühler wurde, denn das heißt weniger Schmerzen für mich. Im Sommer habe ich teils extreme Schmerzen. Der zweite Punkt ist, ich dehydriere seit einigen Monaten sehr schnell, wenn es nicht so warm ist, schwitzt man nichts aus und kann in meinem Körper auch mal ohne Wasserflaschen im Gepäck zum Einkaufen gehen. Überhaupt werde ich ja im Herbst immer ruhiger. Und weil sich niemand außer mir über die Lebkuchen in den Läden freut, hätte ich – wenn ich denn essen könnte, kann ich derzeit nicht gut, was meinem Zuckerspiegel nicht gefällt – ganz viel Mannheimer Dreck-Ersatz.

    Gefällt 1 Person

    • Ich habe den Herbst auch erheblich lieber als den Sommer, auch wenn ich mit diesem Sommer ganz gut klargekommen bin. Das hat aber keine physischen Gründe.
      Du bist übrigens nicht allein, was die Lebkuchen angeht, Annette (von den Ruhrköpfen) schrieb auch, dass sie sie liebt und isst, sobald sie in den Läden auftauchen.
      Ich wünsche dir, dass es dir bald wieder besser/zufriedenstellend geht!
      Liebe Grüße
      Christiane

      Gefällt 1 Person

      • Wenn Annette sie auch mag, vielleicht sind das meine Ruhrpott-„Gene“. Meine Mutter hat früher im Herbst diese schokolierten Sterne, Herzen, Brezel-Lebkuchen gekauft. (Die ich wiederum nicht mag, ich will da keine Schokolade drauf).
        Sagen wir, es wird langsam besser, was da nun genau war/ist, ist ziemlich schwer zu erklären, wenn sich jemand nicht zumindest rudimentär etwas unter defacto Auswirkungen von ICP vorstellen kann (und es haben auch nicht alle Leute mit ICP, es gibt ja unterschiedliche Arten und Ausprägungen). Ich kann wieder stehen, ich kriege wieder mehr mit, das heißt, körperlich vielleicht noch eine Woche, und wenn sich der Rest vom Scheiß, der bei mir oder wo ich ihn mitkriege so abgeht dann auch noch irgendwie löst… Ich will das alles zusammenbekommen haben, wenn im November mein Besuch kommt.

        Gefällt 2 Personen

        • Ich esse dieses schokolierte Zeug zwar, aber nur wenn es nicht anders geht, ich mag die glasierten oder ohne was. Mannheimer Dreck hat auch Schokolade drauf, in so weit ist es jetzt vielleicht unverständlich, dass ich das eigentlich nicht so gerne mag, aber Mannheimer Dreck vermisse.

          November ist bei gutem Zustand ein langer Vorlauf, sonst nicht. Ich weiß doch nicht ob nicht das ein oder andere jetzt so bleibt und damit Komorbidität wird. Ich bin relativ alt, das ist normal. Ich habe aber auch einen Tag, der mir das ein oder andere eigentlich nicht erlaubt. Und dann läuft ja auch noch eine Menge anderes Zeug, für das ich länger brauche um es zu regeln als andere Leute. In sofern: November wirkt lang, ist es aber nicht unbedingt.

          Gefällt 1 Person

        • Das sind so die Sachen, die ihr nicht seht, weil ich sie nicht sage, weil sie nicht wichtig sind für das, was in den Blogs mache. Entsprechend hart wirkt das dann auf euch, das sehe ich ein. Es hätte aber auch keinen Sinn für mich darüber zu schreiben, weil ich genau weiß, für einige ist es dann das Phänomen Car Crash und das gibt es bei mir nicht. Man kann das nie ganz verhindern, aber willentlich spiele ich da nicht mit. Es gibt genug andere Dinge, die einen Sinn haben darüber zu schreiben und auch das ist nicht immer unproblematisch.

          Gefällt 1 Person

  3. schöne und dazu mir unbekannte Gedichte. Was mir auffällt, ist die gehäufte Assoziation von Korn – Sichel – Tod – Ende. Winter, Einsamkeit, Trauer, Hoffnungslosigkeit melden sich an. In der griechischen Mythologie entspricht dem die Getreidegöttin Demeter, deren Tochter von Hades geraubt wird. Die Mutter trauert, sie lässt die Erde verdorren.
    Im Neuen Testament gibt es ein entsprechende Gleichnis, das aber anderes ausgelegt wird: das Korn wird in die Erde gelegt und stirbt. Aber das ist nur der notwendige Durchgang für die Erweiterung des Lebenszyklus. „„Wenn das Weizenkorn nicht auf die Erde fällt und stirbt, bleibt es allein; wenn es aber stirbt, bringt es reiche Frucht.“ (Joh 12,24)

    Gefällt 1 Person

    • Ich habe alle Gedichte mit einem überdeutlichen religiösen Bezug ausgelassen, daher kommt das vermutlich. Explizite Herbstgedichte heben ebenfalls mehr auf den Kreislauf des Lebens ab, aber noch ist kein Herbst.
      Dies ist sozusagen eine Zwischenstation, und eigentlich bin ich mit Erntegedichten ein bisschen spät dran, aber ich wollte sie nicht auslassen.
      Liebe Grüße gen Süden
      Christiane 😁🌾🌧️

      Gefällt 1 Person

  4. Wundervoll, die Auswahl, liebe Christiane, aber ich will mich entscheiden, wen ich heute zu meinem Favoritenkönig kröne und nach einigem Hin und Her war es dann doch Max Dauthendey :-)
    und in mich versunken, lauschte ich seinen Worten …
    Ganz herzlich, Bruni, wie immer später als die anderen

    Gefällt 1 Person

  5. LiebeChristiane! Danke für Deine Worte und das Weiterleiten zu der Quelle meines momentanen Lieblingsgedichtes Die letzte Kornblume“ Das Buch würde ich so gernbestellen, doch habe ich nur einen kleinen Laptop, der eigentlich nur für den engsten Familienkreis gedacht war, in kritischer Situation, damit schnell gehandelt werden konnte…….. Auch bin ich noch ziemlich neu auf diesem mir u gewohnten Weg, möchte alles nicht zu sehr ausweiten, gehe nur langsam, Schritt vor Schritt, um nicht in etwas hineinzuschliddern, was ich nicht durchschaue. Ich nehme gern Anteil, aber nicht an allem. Das ist einfach zu viel. Es gibt so viele Wege. Aber wissen wir am Anfang schon, wohin sie führen?Wer aber stehenbleibt, könnte nicht weiterkommen. Wer aber losgeht, muß evtl. Später wieder umkehren, und bitter enttäuscht, verläßt ihn/sie vielleicht der Mut und die Kraft, es mit einer totalen Umkehr zu versuchen. Ob die nun die richtige ist? Also, das Leben ist spannend…

    Gefällt 1 Person

  6. Ich habe aber inzwischen über die gestellte Aufgabe nachgedacht und einfach mal einen Stift in die Hand genommen, und es zu Papier gebracht. Es handelt sich um 1o6 Wörter, falls ich mich nicht verzählt habe. Also hier ist es:
    Einen Roman meines Lebens schreiben? Wozu? „Alles fließt“ und ist in Bewegung, jeder Augenblick ist einmalig, eine große Chance, meinem Leben eine neue Richtung zu geben.
    Was mir gestern wichtig war, hat heute ein ganz anderes Gesicht, anderes Gewicht, und erscheint in einem anderen Licht.
    Die Ansichten der Menschen darüber sind variabel, sie sage heute „hü“ und morgen „hott“. Fühlten wir uns heute noch geborgen in ihrer Mitte, so haben sie uns morgen vielleicht schon entlassen aus ihrer Erinnerung.
    Verlassen wir uns lieber nicht auf Menschen! Wer mehr wissen will, findet viele Hilfen, und so kann sich auf einmal ein neues Kapitel aufschlagen im „Buche des Lebens“.

    Gefällt 4 Personen

    • Einfach mal eben so geschrieben? Meinen großen Respekt! Und herzlichen Grlückwunsch zu deiner ersten Etüde! Ich werde dich am Sonntag unter den Etüdenschreibern auflisten, wenn die neue Schreibeinladung herauskommt. Vielen Dank dafür!
      Liebe Grüße
      Christiane 🙂

      Liken

  7. Na, so etwas! Daß ich so schnell ,IT meiner so mal schnell niedergeschrieben Geschichte dabei sein würde, hätte ich nie gedacht….Nun, was ich nicht direkt beabsichtigt hatte, läuft nun auf einmal auf dieser „Schiene“ seine „Bahn“. Ich bin gespannt, auf welchem „Bahnhof“ die Geschichte landen wird… Hab ich mich da auf ein Abenteuer eingelassen? Hm…..

    Gefällt 1 Person

    • Wenn du das öfter machst, werde ich dich fragen, ob du dir nicht einen Blog zulegen willst. Wenn du häufiger bei unterschiedlichen Blogs lesen und schreiben willst, vergrößert das deine Möglichkeiten. Vermutlich müsste dir jemand beim Einrichten helfen und dir ein paar Dinge zeigen, aber vielleicht gibt es den- oder diejenige ja.
      Auf jeden Fall, und das hast du ja bestimmt auch schon gemerkt, haben viele ältere Semester Blogs.
      Hab deinen Kommentar korrigiert und das „nicht“ ergänzt.

      Liken

  8. DANKE für das Angebot mit dem eigenen Blog. Ich zögere noch, da ich mit der Technik im allgemeinen mich noch nie anfreunden konnte. Das Technische gehört einfach nicht zu meinen Begabungen, die ich in diese Welt mitgebracht habe. Ich versuche vor allem, daß was mich innerlich, sozusagen als Idee, treibt, soweit wie möglich ohne Technik zu schaffen, habe riesige Berge von Gedrucktem und Geschriebenes bei mir liegen. Inzwischen ist ein neues Zeitalter gekommen mit der Technik, und das Bisherige scheint überholt. Das zu akzeptieren, fällt mir nicht leicht.

    Gefällt 1 Person

    • Hm. Ich verstehe das. Aber wenn du einigermaßen mit einem Computer, dem Internet und E-Mails umgehen kannst, kannst du auch lernen, einen Blog zu führen. Nicht von jetzt auf gleich natürlich. Dieser technische Kram ist vielen nicht in die Wiege gelegt worden, da gibt es viele Hilfen.
      Es sollte einfach nur eine Überlegung sein. Selbstverständlich könntest du auch weiter deine Etüden in meine Kommentare schreiben, wenn du Lust dazu hast – aber dann bitte bei der Schreibeinladung, nicht hier. 🙂

      Liken

  9. Pingback: Schreibeinladung für die Textwoche 40.19 | Extraetüden | Irgendwas ist immer

Mit der Nutzung der Kommentarfunktion erklärst du dich mit der Verarbeitung deiner Daten durch diese Webseite bzw. WordPress (Wordpress.com, Gravatar, Akismet) einverstanden. Weitere Informationen findest du in meiner Datenschutzerklärung.

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.