Vogelflug | abc. etüden

Sie war so wütend und fühlte sich innerlich so zerrissen, sie hätte schreien und mit Gegenständen werfen können.

„Warum bist du so sauer?“

„Ach, kümmer dich doch um deinen eigenen Kram“, brummte sie in sich hinein, aber sprach es nicht laut aus. Es war eh egal, als Nächstes würde man ihr Wechseljahresbeschwerden unterstellen. Was sollte sonst schon mit ihr sein?

Der Herbst brach mit Macht herein, es wurde jeden Tag dunkler und kälter und sie fühlte sich wie ein Tier, das nicht zu den anderen in den Stall wollte. Es muss doch mehr als alles geben! Irgendwas war total falsch.

Draußen hörte sie die ziehenden Gänse, sie stürzte auf die Terrasse und starrte in den Himmel, dem fliegenden V hinterher. Früher, ja, früher, da hatte man den Vogelflug genutzt, um die Zukunft vorauszusagen. Eingeweideschau übrigens auch, iiih, sie erinnerte sich, davon in der Schule im Lateinunterricht gehört zu haben. Aber würde sie denn wirklich die Zukunft erfahren wollen, so richtig im Ernst, oder war sie dazu nicht doch zu ängstlich? Sie, bei der die Tarotkarten streikten und die Silvesterbleigießerei nur irgendwelche obskuren Knubbel hervorbrachte? Zurzeit jedenfalls zweifelte sie an allem und jedem, und sie war sich nicht sicher, wie tief das Grollen ihre Grundfesten erschüttern würde, wenn sie es weiter zuließe.

Wer dachte, dass sie heute eifrig den Putzwedel schwingen würde, dem würde sie jedenfalls mit dem Besen eins überbraten. Ha. So!

Soll doch. Sollen die anderen.

„Hau bloß ab, du“, raunzte sie die Katze an, die vor ihr um die Ecke bog. Die jedoch, ignorant wie stets, hielt auf sie zu und rieb sich an ihrem Bein. Reflexartig hob sie sie hoch, fuhr zärtlich über das kurze, harte Fell und lächelte bei dem zufriedenen Schnurren des kleinen Tieres.

Sie fühlte sich wie der Gordische Knoten vor dem großen Schlag.

 

 

abc.etüden 2019 43+44 | 365tageasatzadayQuelle: Pixabay, bearbeitet von mir

 

Für die abc.etüden, Wochen 43/44.2019: 3 Begriffe, maximal 300 Wörter. Die Worte stammen dieses Mal von Ulli und ihrem „Café Weltenall“ und lauten: Vogelflug, ängstlich, schwingen.

 

53 Kommentare zu “Vogelflug | abc. etüden

  1. Interessant. Ich kann mich nicht erinnern, je in einer ähnlichen Stimmung gewesen zu sein. Für mich ist es also subjektiv nicht nachvollziehbar. Ich reagiere auf Spannungssitutionen beliebiger Art mit Verzweiflung und Gefühlen der Hilflosigkeit, nicht mit Wut. Und ein Haustier könnte mich dann kein bisschen trösten, leider. Ist ein solches Wutgefühl tatsächlich ein Symptom der Wechseljahre? Nicht sarkastisch gemeint, einfach nur neugierig!

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    • Bei dir schlägt diese Verzweiflung und Hilflosigkeit nie in Wut um, liebe Elke? Ich hab das ganz selten, dieses Gefühl, dass mich sogar die Fliege an der Wand nervt. Okay, meistens fang ich mich wieder ein (was kann die Fliege dafür).
      Wechseljahre: Ich habe neulich irgendwas im Fernsehen dazu gesehen, wo gesagt wurde, dass offensichtlich eine signifikante Anzahl Frauen mit Aggressionen reagieren, und das sind dann vermutlich wirklich die aus dem Tritt geratenen Hormone, wenn sonst alles gleich geblieben ist (und ich ausdrücklich nicht sagen will, dass es für Frauen (und Männer) nicht genügend Gründe geben könnte, aus der Haut zu fahren).
      Liebe Grüße am Morgen
      Christiane 😉

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      • Wie gesagt, ich kenne das Gefühl nicht wirklich oder kann mich nicht daran erinnern. Ich weiß noch, dass ich nach dem Tod meines Mannes, als ich mich über die Trauerphasen informierte, auf die Wut gewartet habe, die mich angeblich hätte erfassen sollen. Sie kam nicht. Ich hätte nicht gewusst, worauf ich wütend sein sollte, jedenfalls nicht in der von dir geschilderten Form. Vielleicht äußert sie sich bei mir nur anders, und/oder ich unterdrücke die Erinnerung daran, keine Ahnung.

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        • Jeder reagiert individuell, wer sagt denn, dass du so reagieren musst, wie es in den Büchern steht? Vermutlich hast du wirklich die dir gemäße Ausprägung in der Phase gefunden – vorausgesetzt, dass das mit den Phasen auf dich anwendbar ist.

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  2. Es ist ja auch ein Gefühl, des nicht wissen, wohin mit sich und es gibt dafür keine guten Ratschläge, kein Schulterklopfen, wenn man nicht in einer ähnlichen Situation war oder ist. Ich fühle mich oft hilflos den Menschen gegenüber, die solche Stimmungen durchmachen. Ein Vierbeiner hilft doch, weil er einfach da ist, man muß ihm nichts erklären.
    Es gehört verdammt viel Kraft dazu, sich aus so einer Stimmung wieder zu befreien, man muß es leider meist nur ganz allein schaffen.
    Lieber Gruß von mir zu der heute Melancholieetüdenschreiberin, Karin

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    • Richtig, man ist irgendwie untröstlich/untröstbar, so fühlt sich das an.
      Auf jeden Fall ist es eine starke Anspannung, und alles, was man sonst so tun kann, um die abzubauen, greift irgendwann.
      Tiere sind prima, weil sie nicht argumentieren, sondern einfach nur erden. Außerdem wird ständig behauptet, dass Katzen zu streicheln den Blutdruck senke. 😁Nicht, dass ich das je gemessen hätte, aber es beruhigt wirklich 😺
      Liebe Grüße zurück auf dein Dach
      Christiane aus dem frostigen Hamburg

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  3. Das Gefühl ist grossartig beschrieben. Das sind, zumindest bei mir, die Spätfolgen einer Mädchenerziehung unter Paragraph 1: „Der Klügere gibt nach!“
    Nach zuviel verständnisvollem Stillschweigen kommt es zu einer unerträglichen Kumulation all dessen, wenn jemand, den man auf diese Weise immer mit Kritik oder Streit verschont hat, von sich selbst allzu überzeugt die nächste Anforderung an dieses Prinzip stellt. Dann wird die Haut verflixt dünn.

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    • Oh. Ja. „Der Klügere gibt nach“ kenne ich auch, natürlich, wie nicht. Und ja, irgendwann wird die Haut dann dünn, oder, wie es ein Bekannter mal ausdrückte: „Irgendwann is‘ empbddyy, Alter!“ (Stell dir „empty“ bitte möglichst breit gesprochen vor 😉)
      Liebe Grüße
      Christiane 😁

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        • Ich könnte nicht einmal sagen, dass mir Schwäbisch weniger zusagt, mir scheint, es hängt sehr oft vom Sprecher, dessen allgemeiner Attitüde und Diktion ab, das bemerke ich bei allen Dialekten aber auch beim Hochdeutsch, wie empfindlich ich darauf reagiere. Aber grundsätzlich bin ich Dialekten gegenüber sehr offen und lasse mich von ihnen gern auch im eigenen Wortschatz bereichern.

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        • Ich hatte ein paar Jahre (ach 😢) mit einem, der in Baden aufgewachsen war. Zum Studium ist er dann nach Stuttgart gegangen: Er wusste also sehr genau, worüber er gepöbelt hat, aber wirklich ernst war es ihm nicht. Die Frau nach mir war übrigens Nordfriesin, und die beiden hatten richtig viel Spaß mit Sprache und Dialekt. Ach, das Leben kann so schön sein. 😀
          Mir ist der Mensch wichtig. Mag ich den Menschen, mag ich auch wie er spricht. Ich kann mich an keine Ausnahme erinnern.

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  4. Als ob du mich an-so-einem-Tag geschrieben hättest… neulich fuhr ich auf dem Fahrrad, die Sonne schien, die Luft war mild, und ich hatte das Gefühl, als ob die Straße zu eng für mich wäre. Und dieser Drang, auf den Knoten einzuschlagen! Wirklich erstaunlich, dein Text. Ich hab dann ein Gedicht geschrieben anstatt jemanden zu schlagen, und es musste ganz schön leiden, das arme Verschen. :) .

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    • Strichliste: noch eine. Danke schön. 🙂
      Ich hätte ernsthaft nicht gedacht, dass sich so viele wiedererkennen würden.
      Mir ging es nach dem Schreiben der Etüde (und einem(!) Glas Wein) auch wieder besser. Und dann bin ich vor den Fernseher, war eh schon später Abend.
      Heitere Grüße
      Christiane, maximal bisschen im Stress

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  5. Da kann ich als Mann wohl nicht mitreden. Ich hatte ehrlicherweise auch nicht gedacht, dass Du eine reale Situation schilderst. Ich hatte eher gemutmaßt, Deine heutige Geschichte solle ein Vorgeplänkel zu einem Halloween-Knaller morgen werden.

    Da liege ich dann wohl ganz falsch.

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  6. Wie ich oben schon schrieb, ich kenne diese Situation bestens.Aber nun nicht mehr so. Stier-Frauen? Daher auch die Abneigung gegen Orakel mit Eingeweiden? ;)
    Zukunftsblindheit ist auch dabei: da ist nur eine Wand. Ich hatte das Gefühl, die Energie, die ich aussende, kommt zu mir zurück und vergiftet mich, so sehr, dass ich dachte, ich sterbe. Stürzte mehrmals und hatte dann einen Durchbruch, der „Gordische Knoten“ wurde durchgeschlagen und alles kam in Fluss. Seither gibt es nur noch dann und wann Knötchen und Nötchen. Ich denke, solche Krisen entstehen in der Mitte des Lebens, nicht aus hormonalen Gründen (die freilich auch mitspielen), sondern weil es darum geht, sich selbst in dem neuen Lebensabschnitt zu finden. Und diese Zukunft hat eben eine ganz andere Qualität die Vergangenheit.
    Danke für die gedankenanregende Geschichte!

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    • Bei den Männern nennt man das „Midlife Crisis“, denke ich, und keiner unterstellt ihnen, dass ihre Hormone verrückt spielen. Ich denke wie du, dass es Krisenzeiten sind: Etwas verändert sich, Weichen stellen sich neu. Bei Frauen ist die Zäsur körperlich auffälliger.
      Übrigens bin ich kein Horntier vom Sternzeichen, nicht mal vom Aszendent.
      Liebe Grüße in den warmen Süden
      Christiane 😁👍😺

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  7. » … und sie fühlte sich wie ein Tier, das nicht zu den anderen in den Stall wollte. Es muss doch mehr als alles geben! Irgendwas war total falsch. …Sie fühlte sich wie der Gordische Knoten vor dem großen Schlag. « Und dann sollte bald kommen: change it or love it or leave it; und niemals ein Weiterso. Und gleichgültig, welche der drei Optionen gewählt werden, sie sind wie ein Befreiungsschlag. Liebe Grüße, Bernd

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  8. Ich verstehe sie gut, bzw. ihre Stimmung. Der innere Mülleimer war voll, mehr ging nicht, lief über und die Wut auf alles und jeden war da.
    Aber schon die Katze durchbrach ihre Wut, wenigstens für einen Moment.
    Mit geht es selten so und nie so krass. Ich tue mir eher selbst leid *g*, aber das vergeht auch meist sehr schnell wieder…
    Sie wirkt sehr echt, Deine Protagonistin, liebe Christiane.
    Wir kennen es, dieses Charakterbild, und wir verstehen es.
    Liebe Grüße in die Nacht von Bruni

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    • Mir geht es selten so, aber ich kenne es auch. Und ja, bei mir hilft die Katze eigentlich immer; und wenn er mal nicht hilft, dann reiße ich mich am Riemen: DER kann nichts dafür, schon mal gar nicht!
      Freut mich, dass sie echt wirkt, liebe Bruni, es ist viel von mir drin.
      Liebe Grüße am Novembermorgen
      Christiane

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  9. Pingback: Schreibeinladung für die Textwochen 45.46.19 | Wortspende von „Meine literarische Visitenkarte“ | Irgendwas ist immer

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