Von November und Dunkel

 

Dämmerung in der Stadt

Der Abend spricht mit lindem
Schmeichelwort die Gassen
In Schlummer und der Süße
alter Wiegenlieder,
Die Dämmerung hat breit
mit hüllendem Gefieder
Ein Riesenvogel sich
auf blaue Firste hingelassen.

Nun hat das Dunkel von den Fenstern
allen Glanz gerissen,
Die eben noch beströmt
wie veilchenfarbne Spiegel standen,
Die Häuser sind im Grau,
durch das die ersten Lichter branden
Wie Rümpfe großer Schiffe,
die im Meer die Nachtsignale hissen.

In späten Himmel tauchen Türme
zart und ohne Schwere,
Die Ufer hütend,
die im Schoß der kühlen Schatten schlafen,
Nun schwimmt die Nacht
auf dunkel starrender Galeere
Mit schwarzem Segel
lautlos in den lichtgepflügten Hafen.

(Ernst Stadler, Dämmerung in der Stadt, 1911, Erstdruck in: Das neue Elsaß. Jg. 1, Nr. 4, 20. Januar 1911, Online-Quelle)

 

Sturmnacht

Der Sturmwind singt sein Werbelied
vor meinem Kammerfenster;
die Nacht ist dunkel, die Nacht ist still,
die Schatten stehn wie Gespenster.

Die Nacht ist einsam, die Nacht ist lang,
mein Sehnen nach dir ist so wild …
Ich seh an die Scheiben des Fensters gepreßt
dein geisterhaft blasses Bild.

Die Nacht ist verschwiegen, die Nacht ist stumm;
komm zu mir zur Kammer herein,
und fülle den kleinen dunklen Raum
mit all deinem Sonnenschein.

(Else Galen-Gube, Sturmnacht, aus: Im Bann der Sünde, Gedichte 1905, Online-Quelle)

 

Zum Einschlafen zu Sagen

Ich möchte Jemanden einsingen,
bei Jemandem sitzen und sein.
Ich möchte dich wiegen und kleinsingen
und begleiten schlafaus und schlafein.
Ich möchte der einzige sein im Haus
der wüßte: die Nacht war kalt.
Und möchte horchen herein und hinaus
in dich, in die Welt, in den Wald. –
Die Uhren rufen sich schlagend an,
und man sieht der Zeit auf den Grund.
Und unten geht noch ein fremder Mann
und stört einen fremden Hund.
Dahinter wird Stille. Ich habe groß
die Augen auf dich gelegt;
sie halten dich sanft und lassen dich los
wenn ein Ding sich im Dunkel bewegt.

(Rainer Maria Rilke, Zum Einschlafen zu Sagen, aus: Das Buch der Bilder, 1. Buch Teil 2, 1906, Online-Quelle)

 

| 365tageasatzadayQuelle: Pixabay

 

Kommt gut in die neue Woche!

 

 

30 Kommentare zu “Von November und Dunkel

  1. So schön wieder – ach, ich glaube, ich liebe diese graue Novemberwelt, die mir geografisch so weit entrückt ist. Andererseits: Erkältung, Bronchitis – nee, lieber nicht.. Dir, Christiane, schnelle Besserung! Und ein paar Lichtblicke im Dunkelgrau. Die leuchten dann besonders verheißungsvoll.

    Gefällt 4 Personen

    • Ich liebe die graue Novemberwelt auch. Aber ich muss zugeben, dass sie mir zurzeit aufs Gemüt drückt. Und Husten, der sich irgendwann zu einer fetten Erkältung auswachsen wird, wenn alles so kommt wie immer, ist auch keine Ermutigung.
      Danke, liebe Gerda, wird schon irgendwie gehen. 😏
      Liebe Grüße
      Christiane 😷🐱👍

      Gefällt 1 Person

  2. Oh weh, ein schlimmer Husten breitet sich aus und will Deine Bronchien ärgern. Entspannen, ruhen, warm halten, viel trinken, viel lutschen, aber das weißt Du ja sowieso alles…, liebe Christiane. Gute Besserung Dir!
    Er kommt um zu gehen, aber da er es so gemütlich bei Dir findet, bleibt er erst mal ein Weilchen, Dein Husten 🙂

    Der Rilke ist´s mit einem seiner bekanntesten und einem von denen, die das Herz anrühren, bei dem man weinen kann, weil es so wuderschön ist. Vor allem schon die ersten beiden Zeilen, sie haben es mir einfach angetan:

    *Ich möchte Jemanden einsingen,
    bei Jemandem sitzen und sein…

    Liebe Grüße in die Nacht von Bruni

    Gefällt 1 Person

    • Ist das wirklich eines seiner bekanntesten Gedichte, liebe Bruni? Das wusste ich nicht, ich lese es relativ selten irgendwo.
      Die Erkältung ist gerade ziemlich massiv. Husten, Schnupfen, Kopfschmerzen. Sehr unschön, Schlaf nur stundenweise, Tendenz immer noch schlimmer werdend. Kein Tag für nichts. Alles grässlich.
      Liebe Grüße
      Christiane 😷🐱☕

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