Vom Übergang ins neue Jahr

 

Neujahr bei Pastors

Mama schöpft aus dem Punschgefäße,
Der Vater lüftet das Gesäße
Und spricht: »Jetzt sind es vier Minuten
Nur mehr bis zwölfe, meine Guten.

Ich weiß, daß ihr mit mir empfindet,
Wie dieses alte Jahr entschwindet,
Und daß ihr Gott in seinen Werken
– Mama, den Punsch noch was verstärken! –

Und daß ihr Gott von Herzen danket,
Auch in der Liebe nimmer wanket,
Weil alles, was uns widerfahren
– Mama, nicht mit dem Arrak sparen! –

Weil, was geschah, und was geschehen,
Ob wir es freilich nicht verstehen,
Doch weise war, durch seine Gnade
– Mama, er schmeckt noch immer fade! –

In diesem Sinne meine Guten,
Es sind jetzt bloß mehr zwei Minuten,
In diesem gläubig frommen Sinne
– Gieß noch mal Rum in die Terrine! –

Wir bitten Gott, daß er uns helfe
Auch ferner – Wie? Es schlägt schon zwölfe?
Dann prosit! Prost an allen Tischen!
– Ich will den Punsch mal selber mischen.«

(Ludwig Thoma, Neujahr bei Pastors, aus: Ausgewählte Gedichte, Online-Quelle)

 

Nun ist das Licht im Steigen

Nun ist das Licht im Steigen,
Es geht ins neue Jahr.
Laß deinen Muth nicht neigen,
Es bleibt nicht, wie es war.
So schwer zu sein, ist eigen
Im Anfang immerdar,
Am Ende wird sich’s zeigen,
Wozu das Ganze war.
Nicht zage gleich dem Feigen
Und klag’ in der Gefahr!
Schwing auf zum Sonnenreigen
Dich schweigend wie der Aar!
Und wenn du kannst nicht schweigen,
So klage schön und klar!

(Friedrich Rückert, Nun ist das Licht im Steigen, aus: Kindertodtenlieder, 1834, Online-Quelle)

 

WAS WÜRDEN SIE TUN, WENN SIE DAS NEUE JAHR REGIEREN KÖNNTEN?

Ich würde vor Aufregung wahrscheinlich
Die ersten Nächte schlaflos verbringen
Und darauf tagelang ängstlich und kleinlich
Ganz dumme, selbstsüchtige Pläne schwingen.

Dann – hoffentlich – aber laut lachen
Und endlich den lieben Gott abends leise
Bitten, doch wieder nach seiner Weise
Das neue Jahr göttlich selber zu machen.

(Joachim Ringelnatz, WAS WÜRDEN SIE TUN, WENN SIE DAS NEUE JAHR REGIEREN KÖNNTEN?, aus: Allerdings, 1928, Online-Quelle)

 

2020 kommt ... | 365tageasatzadayQuelle: Pixabay

 

Ihr Lieben, ein gutes neues Jahr 2020 wünsche ich euch! Möge es möglichst viel von dem mit sich bringen, was ihr euch wünscht, möge es eure Herzen, Seelen und Geister weit, hell und fröhlich werden lassen und möge es uns allen mehr Frieden bringen.

Nehmt es mir nicht übel, dass ich dieser Tage nicht so emsig durch die Blogs spaziere … ich brauche ein bisschen Zeit für mich.

Bis bald, auf ein Neues, wir lesen uns!

 

24 – Die Cookie-Oma | Adventüden

Zum Thema Inhaltshinweise/CN/Triggerwarnungen in den Adventüden bitte hier lesen.

 

Die Cookie-Oma (Christiane, Irgendwas ist immer)

 

»Und vergiss nicht, Oma Anne zu sagen, wie toll du ihre selbst gebackenen Plätzchen findest!«

Melanie verabscheute die obligatorischen Verwandtenbesuche über Weihnachten. Von wegen Weihnachtszauber: Am ersten Feiertag kamen ihre Eltern von weit, das war ehernes Gesetz. Mit einem Berg Geschenke (nun ja, danke) und Plätzchen, die selbstverständlich bei ihnen blieben. Als ob sie, Melanie, nicht backen könnte! Als ob über Weihnachten in dieser Familie jemals jemand Hunger gelitten hätte!

Ihr Sohn maß sie im Vorbeilaufen mit dem eisigen Blick des Spätpubertierenden. »Wenn ich entscheiden müsste, was ich den Vögeln im Garten hinstreue, dann wäre das ganz sicher nicht Oma Annes Gebäck«, tönte er.

Ach, wo war die Zeit geblieben, als dieses Kind mit einem Kuscheltier zufriedenzustellen gewesen war? Da werkelte sie Stunde um Stunde in der Küche, um ihre Lieben mit Naschereien verwöhnen zu können, und was tat dieser Banause? Erzählte ihr was von vegan und Nussallergie.
»Wenn überhaupt, dann hast du eine Nussunverträglichkeit«, hatte sie gekontert, »wäre ja auch kein Wunder, wenn man sich die Menge Nutella anschaut, die du so in dich hineinschaufelst!«

Okay.

So unflexibel wollte sie nicht sein, obwohl Großmutters Lebkuchen immer die besten bleiben würden. Online hatte sie bei einer COOKIE-OMA angesagte Plätzchenrezepte gefunden. Aber Bananen-Tonka-Plätzchen, Früchtetaler und Schokoladen-Orangen-Riegel? Himbeer-Kokos-Herzen? War das wirklich die Alternative?
Sie hatte diesem gehypten Zeug dann doch nicht getraut, frustriert ihren ewig gleichen Zimtsternen, Vanillekipferl und Spitzbuben den Vorzug gegeben und sich ein wenig für ihre Feigheit geschämt.

Draußen hupte es. Bestimmt die Eltern.

Zwanzig Minuten später starrte sie fassungslos auf die mitgebrachten Weihnachtsplätzchen.

»Ich habe ein neues Projekt«, verkündete ihre Mutter fröhlich. »Seit Carl im Ruhestand ist, beschäftigen wir uns nämlich mit gesunder Ernährung! Vor Weihnachten fand ich Backen passend. Auf Instagram heiße ich übrigens ›Cookie-Oma‹, toll, nicht? Kind? Du sagst ja gar nichts? Ist dir nicht gut?«

 

Adventüden 2019 24 | 365tageasatzadayQuelle: Pixabay, Bearbeitung von mir

 

Ich möchte mich bei euch bedanken. Bei den Schreibenden der Adventüden natürlich zuerst, aber ebenso bei allen, die jeden (oder fast jeden) Tag vorbeigekommen sind, die gelesen, gelikt und vor allem kommentiert und sich eingebracht haben, und die mir damit gezeigt haben, dass ihnen die Etüden etwas bedeuten – und die Arbeit, die ich hineinstecke. Das bedeutet mir etwas.
Mir ist schon klar, dass einige von euch bereits in der Weihnachtspause sind, aber vielleicht lest ihr es ja trotzdem. Danke.

 

FROHE TAGE EUCH ALLEN, ob ihr feiert oder nicht!

 

Dieser Blog geht heute irgendwann ebenfalls in den Feiertagsmodus: Er schließt nicht, aber ich lasse ihn liegen, bis ich Lust habe, mich darum zu kümmern … Habt eine gute Zeit und passt auf euch auf!

Oh, und wenn ihr morgen Zeit habt: Elke hat mir eine Nachzügler-Etüde versprochen, und ich freue mich schon darauf. Also schaut rein!

Coming up next: Auf jeden Fall ein Adventüden-Resümee, aber wann ist noch nicht sicher.

 

UPDATE: Elke hat eine Nachzügler-Etüde eingereicht und auf mein Bitten erst heute (25.12.) veröffentlicht. Wer also noch nicht genug „Adventüden“ gelesen hat, der findet sie hier:

https://transsilabia.wordpress.com/2019/12/25/nachhaltigkeitsmarkt/

Es lohnt sich!

 

Falls wen die Lust packen sollte … die Rezepte. Achtung, ich habe keins davon selbst ausprobiert! Und nein, das ist keine (unbezahlte) Werbung für die Zeitschrift, die hatten nur die schönsten Fotos.

 

Bananen-Tonka-Plätzchen (vegan)

Früchtetaler (vegan)

Himbeer-Kokos-Herzen (vegan)

Schokoladen-Orangen-Riegel (vegan)

 

Spitzbuben

Vanillekipferl

Zimtsterne

 

Von weihnachtlichen Gemütslagen

(als Ergänzung zur heutigen Adventüde)

 

Großstadt – Weihnachten

Nun senkt sich wieder auf die heim’schen Fluren
die Weihenacht! die Weihenacht!
Was die Mamas bepackt nach Hause fuhren,
wir kriegens jetzo freundlich dargebracht.

Der Asphalt glitscht. Kann Emil das gebrauchen?
Die Braut kramt schämig in dem Portemonnaie.
Sie schenkt ihm, teils zum Schmuck und teils zum Rauchen,
den Aschenbecher aus Emalch glasé.

Das Christkind kommt! Wir jungen Leute lauschen
auf einen stillen heiligen Grammophon.
Das Christkind kommt und ist bereit zu tauschen
den Schlips, die Puppe und das Lexikohn,

Und sitzt der wackre Bürger bei den Seinen,
voll Karpfen, still im Stuhl, um halber zehn,
dann ist er mit sich selbst zufrieden und im reinen:
»Ach ja, son Christfest is doch ooch janz scheen!«

Und frohgelaunt spricht er vom ›Weihnachtswetter‹,
mag es nun regnen oder mag es schnein,
Jovial und schmauchend liest er seine Morgenblätter,
die trächtig sind von süßen Plauderein.

So trifft denn nur auf eitel Glück hienieden
in dieser Residenz Christkindleins Flug?
Mein Gott, sie mimen eben Weihnachtsfrieden …

»Wir spielen alle. Wer es weiß, ist klug.«

(Kurt Tucholsky / Theobald Tiger, Großstadt – Weihnachten, aus: Die Schaubühne, 25.12.1913, Nr. 52, S. 1293, Online-Quelle)

 

Einsiedlers heiliger Abend

Ich hab’ in den Weihnachtstagen –
Ich weiß auch, warum –
Mir selbst einen Christbaum geschlagen,
Der ist ganz verkrüppelt und krumm.

Ich bohrte ein Loch in die Diele
Und steckte ihn da hinein
Und stellte rings um ihn viele
Flaschen Burgunderwein.

Und zierte, um Baumschmuck und Lichter
Zu sparen, ihn abends noch spät
Mit Löffeln, Gabeln und Trichter
Und anderem blanken Gerät.

Ich kochte zur heiligen Stunde
Mir Erbsensuppe mit Speck
Und gab meinem fröhlichen Hunde
Gulasch und litt seinen Dreck.

Und sang aus burgundernder Kehle
Das Pfannenflickerlied.
Und pries mit bewundernder Seele
Alles das, was ich mied.

Es glimmte petroleumbetrunken
Später der Lampendocht.
Ich saß in Gedanken versunken.
Da hat’s an der Türe gepocht,

Und pochte wieder und wieder.
Es konnte das Christkind sein.
Und klang’s nicht wie Weihnachtslieder?
Ich aber rief nicht: »Herein!«

Ich zog mich aus und ging leise
Zu Bett, ohne Angst, ohne Spott,
Und dankte auf krumme Weise
Lallend dem lieben Gott.

(Joachim Ringelnatz, Einsiedlers Heiliger Abend, aus: Allerdings, 1928, Online-Quelle)

 

Brennendes Teelicht im roten Halter mit Stern, feierlich | 365tageasatzadayQuelle: Pixabay

 

Es ist mir egal, ob ihr feiert oder nicht, ich wünsche euch entspannte Tage. Kommt gut durch diese emotionsüberladene Zeit!

 

23 – Dem Leben auf der Spur | Adventüden

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Dem Leben auf der Spur (Anna-Lena, Meine literarische Visitenkarte)

 

Er war weder blaublütig, noch hatte er goldene Löffel in die Wiege gelegt bekommen, und trotzdem war er ein Kind aus bestem Hause, ein Einzelkind, dessen Eltern es mit viel Kraft und Elan, aber auch mit einer gehörigen Portion Arbeit zu Wohlstand und Reichtum gebracht hatten.
Hunger, Durst und Entbehrungen jeglicher Art waren ihm fremd, er hatte alles in seinem bisherigen Leben bekommen, was er wollte, und doch war er nicht glücklich – bis jetzt.

Es war an einem heißen Sommertag südlich von Kreta. Die Party auf der kleinen Segeljacht war in vollem Gang, als er die verzweifelten Hilferufe der Frau hörte. Immer wieder hielt sie ein kleines Bündel aus dem Wasser. Kurz darauf waren beide verschwunden. Alkohol und Koks hatten seine Sinne getrübt, und auch die anderen bemerkten entweder gar nicht oder zu spät, dass eine verzweifelte Frau mit ihrem kleinen Kind von einem Flüchtlingsboot ins Wasser gefallen und abgetrieben worden war und nun um das nackte Leben kämpfte.
Voller Entsetzen erinnerte er sich daran, dass sie irgendwann beide nicht mehr auftauchten und im weitläufigen Massengrab des Mittelmeeres versunken waren. Diese bitteren Erfahrungen holten ihn als nächtliche Träume immer wieder ein.

Das war die Wende in seinem Leben. Er hatte begriffen, dass er so nicht weiterleben konnte und wollte. Nach unsäglichen Auseinandersetzungen mit seinen Eltern, die ihm bereits einen Studienplatz an einer Eliteuniversität in den Staaten besorgt hatten, zog er nach seinem Abitur durch die Länder Europas, immer wieder nach dem Sinn des Lebens suchend.

Und nun stand er hier in der Suppenküche in Berlin-Pankow und teilte eine heiße Kartoffelsuppe aus an alle, die mit frischen Schneeflocken auf ihren Haaren oder ihren Pudelmützen frierend in den adventlich geschmückten Raum kamen, gekennzeichnet von der bitteren Armut in ihrem Leben und doch lächelnd vor Dankbarkeit für diese Zuwendung.
Es war Weihnachten.

 

Adventüden 2019 23 | 365tageasatzadayQuelle: Pixabay, Bearbeitung von mir

 

22 – Bescherung | Adventüden

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Bescherung (Nina, Das Bodenlosz-Archiv)

 

Langsam erhitzt sich das Wasser im Kessel. In der Teekanne warten die dreizehn Kräuter.

Bald schon wird er auf dem Bärenfell vor dem Kamin liegen. Nackt und weich wie eine Jungratte. Sie hat eine Tanne aufgestellt, die bis zur Decke ragt, über und über besetzt mit Schneeflocken und Eiszapfen. Soll sie es im Wohnzimmer schneien lassen? Entzückend würde das Zimmer mit einer flauschigen Schneedecke aussehen. Aber er würde frieren. Lieber die Wände mit Zucker glasieren und ein ordentliches Feuer im Kamin prasseln lassen. Er wird Nussplätzchen knabbern und genüsslich über seinen straff gewölbten Bauch streichen.

Sie mag die Gefährten füllig. Da besteht kein Zweifel. Und wenn sie weiß, was sie will, stellt sich der Richtige ein.

Der Kessel pfeift. Sie gießt das sprudelnde Wasser über die Kräuter. Es riecht nach Zimt und Nelken, aber auch nach gefrorener Erde, Moos und Salz. Wie es sich zur Wintersonnenwende gehört. Schon ihre Urgroßmutter hat diesen Tee gebraut.

Sie schließt die Augen, trinkt und wünscht.

Es klopft an der Haustür. Sie öffnet. Die Steinwüste ist von Glatteis überzogen, aber das hat den neuen Gefährten nicht abgehalten. Er trägt eine grüne Pudelmütze und ein breites Lächeln im Gesicht.

Sie ist erfreut.

Woher die Gefährten kommen? Sie hat keine Ahnung. Vielleicht trägt sie der Sturm herbei. Sie wünscht nur und ihre Wünsche werden erfüllt.

Das ist der Weihnachtszauber und es geschieht alle Jahre wieder.

 

Adventüden 2019 22 | 365tageasatzadayQuelle: Pixabay, Bearbeitung von mir

 

21 – Nobby | Adventüden

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Nobby (Bernd, Red Skies over Paradise)

 

Die längste Nacht des Jahres bricht an – Wintersonnenwende.

Er hat sich auf seinen einigermaßen trockenen Schlafplatz auf dem Hauptfriedhof zurückgezogen; seine Pudelmütze tief ins Gesicht gezogen sitzt er auf einem alten, zerfledderten Bärenfell, das er nach einem Flohmarkt im Müll gefunden hatte.

Er nennt den Friedhof liebevoll ›seine Steinwüste‹, weil die meisten Gräber auf seinem Weg anstatt mit Graberde nur noch mit diesen hässlichen, aber pflegeleichten Steinplatten bedeckt sind.

Man sieht ihm seine Armut an, seine Kleidung ist verschmutzt, teilweise eingerissen, zwischen Sohle und Schuh klafft ein Spalt, seine Haare sind fettig, sein Bart ist ungepflegt, Haare wachsen aus seinen Ohren.

Ein Herbststurm kündigt sich an, es regnete schon den ganzen Tag, die Temperatur soll kommende Nacht unter null Grad fallen, es wird morgen früh sicherlich Glatteis geben und Verkehrschaos.

Aus der Ferne, hinter der Mauer, dringt Hundegebell an sein Ohr, eine agile Jungratte huscht raschelnd durchs Laub unter den Schuppen.

Er hat Hunger und wickelt aus einer alten BILD-Zeitung einen viertel Laib Brot aus; er liest die Schlagzeile »Herbstdepression!« und denkt: »Dass ich nicht lache – Herbstdepression –, meine ist ganzjährig.«

Die ersten Schneeflocken wehen und er holt aus seiner Manteltasche eine Tüte Studentenfutter, die er heute Nachmittag auf dem Weihnachtsmarkt gefunden hat; die Nüsse sortiert er aus, »scheiß Nussallergie«, wirft sie in Richtung der Stelle, an der die Ratte verschwand.

Er holt den Campingkocher aus seiner blauen IKEA-Tasche, zündet nur mühsam die Flamme, gießt Mineralwasser in die alte Teekanne aus roter Keramik, kocht das Wasser langsam auf und lässt einen Teebeutel »Weihnachtszauber« darin ziehen.

Er legt sich hin, deckt sich mit allerlei Pappen zu, es wird ungemütlich sein bei diesem Sturm, sein Kopf liegt auf einem Riesen-Teddybären, den er vor Jahren einmal auf dem Rummel geschossen hatte; schmunzelnd schläft er ein, als er denkt ›Friedhof der Kuscheltiere‹.

 

Adventüden 2019 21 | 365tageasatzadayQuelle: Pixabay, Bearbeitung von mir

 

20 – Endlich wieder Weihnachten | Adventüden

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Endlich wieder Weihnachten (Veronika, Vro jongliert)

 

Die Klimakrise hatte ihren Höhepunkt überschritten. Die Temperaturen sanken seit Jahren beständig. Nicht, dass die letzten Überlebenden sich groß darum gekümmert hätten. Sie waren auch weiterhin beschäftigt mit Überleben. Die Herbststürme hatten längst die wenigen verschrumpelten Äpfel von den Bäumen gefegt.

Die Dorfkinder balgten sich um die kleinen holzigen Früchte. Schmal und ausgezehrt waren sie, ein Anblick des Jammers. Die Armut traf sie am härtesten. Das Winterfest rückte näher. Früher einmal hatte es Weihnachten geheißen. Aber an Götter glaubte niemand mehr, nur noch an Mutter Erde. Und die war eine rachsüchtige strenge Frau, die keine Fehler entschuldigte. Wer Fehler machte, überlebte nicht.

Eliza sehnte sich nach Weihnachten. Sie hatte so viele Geschichten gehört. Heuer würde sie ihre Familie überraschen. Schon seit Wochen jagte sie allen möglichen Schätzen nach. Klaute Nüsse, raufte wie wild um die Äpfelchen, sammelte ein bisschen Moos und riskierte, von den anderen Kindern deshalb scheel angesehen zu werden. Jedes Mal bedankte sie sich bei Mutter Erde und flehte sie an, sie nicht dafür zu bestrafen, weil sie die Sachen in einem geheimen Versteck bunkerte und nicht mit der Gemeinschaft teilte.

Wenn sie nur sicher wüsste, wann genau das Weihnachtsfest stattfand. Das musste sie noch herausfinden. Dann würde sie nachts in den Gemeinschaftsraum ihrer Familie schleichen und auf dem Tisch ein Moosnest machen. Darin würde sie all die Nüsse und Früchte stapeln. Ihr ganz persönliches Weihnachten. Da würden sie alle staunen: Mama und Papa und die großen Brüder und Schwestern. Sie, Eliza, die Kleinste und Schmächtigste unter ihnen, der sie immer voraussagten, sie würde nicht lange genug leben, um erwachsen zu werden, und die trotzdem Jahr für Jahr überlebte.

Als an jenem Wintermorgen dichte Wolken aufzogen und das erste Mal seit Jahrzehnten wieder Schneeflocken vom Himmel fielen, wusste Eliza, ihr Traum vom Weihnachtsfest würde in Erfüllung gehen.

 

Adventüden 2019 20 | 365tageasatzadayQuelle: Pixabay, Bearbeitung von mir

 

19 – Sieben Geister | Adventüden

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Sieben Geister (Katharina, Katha kritzelt)

 

Schneeflocken landen in Kinderlachen, tummeln sich um allgemeines Wohlbefinden. Die Bäuche sind voll, die Beine schwer. Je länger man läuft, desto freier fühlt man sich. Der Hund fährt mit seiner Nase Bahnen in den frisch gefallenen Schnee. Irgendjemand muss den Weg ja ebnen.

Zwölf, zwanzig, fünfzig, hundert, unendlich viel. Alles ist teuer. Das Geld klingelt laut und raschelt überall. Nur leise hört man den Magen einiger Geldbörsen grummeln. Auch dieses Jahr hat der Weihnachtsmann unterwegs Geschenke verloren.

Tick tock. Tick tock. Gleich kommt die Weihnachtsgala im Fernsehen. Die sieht sie jedes Jahr. Früher mit ihrem Mann. Sie schiebt das Fertiggericht mit Gans in die Mikrowelle. Es duftet chemisch und nach Rotkohl. Ein Ping erfüllt die leere Wohnung.

Das kleine Einhorn strahlt rosa, blau und gelb, als es genau im schummrigen Weihnachtsbaumlicht inspiziert wird. Sein Schweif glitzert und schwingt fröhlich hin und her. Eine kleine Dame drückt es an sich und quiekt vor Freude. Sie wird ihn überall hin mitnehmen. Auch in ihre erste eigene Wohnung.

Engumschlungen, liebend, zärtlich. Er streichelt ihre Wange. Sie küsst sanft seine Schulter. Sie liegen vor dem Kamin, eingerollt in das Bärenfell von seinem Großvater. Die Kerzen im Baum und das Feuer im Kamin leuchten nur halb so stark wie ihre Augen.

Leise rascheln seine grünen Nadeln. Seine Äste beben, geht man an ihm vorbei. Es riecht nach Wald, süßlich, herb. Leben. Sterben. Er ist entwurzelt und seine Tage sind gezählt. Draußen könnte er mit seinen Brüdern für eine grünere Welt sorgen, hier drinnen saugt nur jemand.

Sie reicht ihm die Vanillekipferl, er gibt ihr die Teekanne. Die Kindeskinder toben im Hintergrund. Die Kinder ermahnen, halb scherzend, halb erziehend. Sie verbrennt sich am heißen Tee, er krümelt seine Hose voll. Beide lächeln.

 

Adventüden 2019 19 | 365tageasatzadayQuelle: Pixabay, Bearbeitung von mir

 

18 – Nächtliche Gedanken | Adventüden

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Nächtliche Gedanken (Sabine, Wortgeflumselkritzelkram)

 

Heute Nacht treffen sich Weihnachtszauber und Wintersonnenwende, haben ein Stelldichein. Hundegebell höre ich von fern, Kinderlachen trifft mein Ohr.

Mein Gesicht recke ich in den Himmel, breite die Arme aus. Die Schneeflocken schmelzen auf meinen Augenlidern, rinnen herab.

Ich denke an Kaminfeuer und Bärenfell, bauchige Teekannen und Kerzenschein, wohlige Wärme. Ich höre Glockengeläut, rieche die Tannen, die am Waldesrand stehen.

Früher ließen wir uns fallen und warfen Engel in den Schnee.

Ein Gefühl von Frieden wird in mir wach.

Ich lausche, ich fühle – ich bin …

 

Adventüden 2019 18 | 365tageasatzadayQuelle: Pixabay, Bearbeitung von mir

 

17 – Auf das Leben! | Adventüden

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Auf das Leben! (Viola, viola-et-cetera)

 

Seit ich mit meiner Familie Weihnachten feiere, war kein Weihnachtsfest wie das andere. Meistens wurde im Familienkreis gefeiert. Manchmal waren auch Freunde der Familie dabei, die sich einsam fühlten. Und irgendwann mischte sich auch Hundegebell in die menschlichen Gespräche.

Traditionen gibt es nicht viele in meiner Familie. Das Zusammensein mit anderen ist wichtig. Nicht immer war das Fest harmonisch, vor allem Teenager-Viola hat alle deutlich wissen lassen, was sie davon hielt, ihr Bett eine Nacht der Oma überlassen zu müssen. Aber wir haben es zusammen durchgestanden. Weiße Weihnachten mit Glatteis und Schneeflocken waren genauso dabei wie grüne Weihnachtsfeiertage. Aber ausgefallen ist noch kein Weihnachtsfest, und das ist auch gut so, es hätte uns allen sehr gefehlt.

Leider mussten wir uns auch schon zwei Mal ganz kurz vor Heiligabend von Verwandten für immer verabschieden. Daraufhin hat meine Mutter den Brauch eingeführt, Weihnachten »auf das Leben« anzustoßen. Das beinhaltet Dankbarkeit, dass wir ein weiteres Mal im Kreise lieber Menschen feiern können, und es ist ein Gedenken an diejenigen, die nicht mehr dabei sind.

Mir hilft die Vorfreude auf Weihnachten immer aus der Herbstdepression, die sich gerne in mir ausbreitet, wenn die Tage kürzer werden. Geschenke müssen besorgt und eingepackt werden, Adventsgestecke verbreiten angenehmen Tannenduft, und oft steht abends eine Teekanne voll wohltuend warmem Gebräu auf dem Tisch. Und wenn der Weihnachtszauber vorbei ist und alles wieder in Dunkelheit und Matsch versinkt, kann ich mir einreden, dass die Wintersonnenwende schon vorbei ist und die Helligkeit wieder Einzug hält.

Euch allen frohe Feiertage, und feiert das Leben!

 

Adventüden 2019 17 | 365tageasatzadayQuelle: Pixabay, Bearbeitung von mir

 

Von den drei Königen

(als Ergänzung zur heutigen Adventüde)

 

Legende

Einst als am Saum der Wüsten sich
aufthat die Hand des Herrn
wie eine Frucht, die sommerlich
verkündet ihren Kern,
da war ein Wunder: Fern
erkannten und begrüßten sich
drei Könige und ein Stern.

Drei Könige von Unterwegs
und der Stern Ueberall,
die zogen alle (überlegs!)
so rechts ein Rex und links ein Rex
zu einem stillen Stall.

Was brachten die nicht alles mit
zum Stall von Betlehem!
Weithin erklirrte jeder Schritt,
und Der auf einem Rappen ritt,
saß sammten und bequem.
Und Der zu seiner Rechten ging,
der war ein goldner Mann,
und Der zu seiner Linken fing
mit Schwung und Schwing
und Klang und Kling
aus einem runden Silberding,
das wiegend und in Ringen hing,
ganz blau zu rauchen an.

Da lachte der Stern Ueberall
so seltsam über sie,
und lief voraus und stand am Stall
und sagte zu Marie:
Da bring ich eine Wanderschaft
aus vieler Fremde her.
Drei Könige mit magenkraft*,
von Gold und Topas schwer
und dunkel, tumb und heidenhaft, –
erschrick mir nicht zu sehr.
Sie haben alle drei zu Haus
zwölf Töchter, keinen Sohn,
so bitten sie sich Deinen aus
als Sonne ihres Himmelblaus
und Trost für ihren Thron.
Doch mußt Du nicht gleich glauben: Bloß
ein Funkelfürst und Heidenscheich
sei Deines Sohnes Los.
Bedenk, der Weg ist groß.
Sie wandern lange, Hirten gleich,
inzwischen fällt ihr reifes Reich
weiß Gott wem in den Schoß.
Und während hier, wie Westwind warm,
der Ochs ihr Ohr umschnaubt,
sind sie vielleicht schon alle arm
und so wie ohne Haupt.
Drum mach mit Deinem Lächeln licht
die Wirrnis, die sie sind,
und wende Du Dein Angesicht
nach Aufgang und Dein Kind;
dort liegt in blauen Linien
was jeder Dir verließ:
Smaragda und Rubinien
und die Tale von Türkis.

*mittelhochdeutsch: «Macht» (RMR)

(Rainer Maria Rilke, Legende, aus: Das Buch der Bilder, 2. Buch Teil 1, 1906, Online-Quelle)

 

Der Stern

Hätt einer auch fast mehr Verstand,
Als wie die drei Weisen aus Morgenland,
Und ließe sich dünken, er wär wohl nie
Dem Sternlein nachgereist wie sie;
Dennoch, wenn nun das Weihnachtsfest
Seine Lichtlein wonniglich scheinen läßt,
Fällt auch auf sein verständig Gesicht,
Er mag es merken oder nicht,
Ein freundlicher Strahl
Des Wundersternes von dazumal.

(Wilhelm Busch, Der Stern, aus: Schein und Sein, Online-Quelle)

 

Heilige Drei Könige | 365tageasatzadayQuelle: Pixabay

 

Die letzte Woche vor Weihnachten bricht an, und ich vermute, dass so einigen von euch eher nach Zusammenbrechen ist. Also auch heute: Kommt gut in und durch die neue Woche, und gebt auf euch acht!

 

16 – Die Eiligen Drei Könige | Adventüden

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Die Eiligen Drei Könige (Werner, Werner Kastens)

 

»Caspar?«

»Ja, Melchior, was ist?«

»Nimm endlich diese dämliche Pudelmütze ab! Wir sind doch die Drei Eiligen Könige und tragen Kronen!«

»Aber es ist doch nachts so kalt hier in der Steinwüste. Wenn die Sonne untergegangen ist, kühlt es sofort ab und ich friere an den Ohren!«

»Caspar, und wo bleibt eigentlich Balthasar? Warum ist er denn noch nicht zurück?«

»Der ist wieder einmal mit seinen Schnabelschuhen an einem Stein hängen geblieben. Dabei hat er die Teekanne umgestoßen. Jetzt muss er ihn neu aufbrühen! Und das dauert! Ich habe schon ganz klamme Hände.«

Melchior schüttelte den Kopf. Ihm wurde das Campieren mitten im Geröll der Jahrtausende auch langsam zu lang.

Er ermahnte Caspar, heute in dieser klaren Vollmondnacht besonders darauf zu achten, ob der in den alten Legenden angekündigte Stern auch tatsächlich aufgehen und ihnen den Weg zum Heiland zeigen würde.

»Und er wird tatsächlich von einer Jungfrau geboren?«, fragte Caspar unvermittelt.

»Ja, Maria soll sie heißen, und der sich als Vater ausgibt, Josef«, antwortete Melchior.

»Und wie sollen wir sie finden?«, fragte Balthasar mit dem Teekessel in der Hand.

»Gegen Ende des Jahres, so lautet die Prophezeiung«, antwortete Melchior. »Wenn im Abendland der weiße Schnee fällt! Was weiß ich, was damit gemeint ist. Lasst uns lieber etwas essen!«

»Ja, zum Tee gibt es heute von den neuen Navel-Apfelsinen«, frohlockte Balthasar. »Sehr lecker und keine Kerne mehr, auf denen man sich die Zähne ausbeißt.«

»Ich glaube wir sind schon im Gelobten Land. Wir müssen unsere Geschenke bereithalten!« Caspar sank plötzlich auf die Knie. »Da, zwischen den vielen Sternen glänzt der ganz helle, der uns führen soll! Ein Wunder ist geschehen!«

»Balthasar! Hast du wieder zu viel von dem Zaubertrank in den Tee gegeben? Ich habe es dir doch verboten!« Melchior war ganz außer sich. »Wie soll das nur enden?«

 

Die Heiligen Drei Könige für die Adventüden | 365tageasatzadayQuelle: Pixabay, gestiftet von Werner

 

Adventüden 2019 16 | 365tageasatzadayQuelle: Pixabay, Bearbeitung von mir