15 – Vorbereitet | Adventüden

Zum Thema Inhaltshinweise/CN/Triggerwarnungen in den Adventüden bitte hier lesen.

 

Vorbereitet (Natalie, Fundevogelnest)

 

»Ich taufe dich auf den Namen Géraldine«, spricht Alma zu dem bebenden Tierchen in ihren Händen. Früher hatte sie ein Buch gehabt, Géraldine und die Mauseflöte. Diese Maus spielte auf ihrem Schwanz Flöte und vertrieb mit dieser Musik anderen Mäusen im Winter den Hunger. Insofern war es ein Buch, das vorbereiten konnte, mindestens so nützlich wie der Selbstversorgergarten, und obendrein wäre es ein Geschenk für Brüderchen zur Wintersonnenwende, weil sie doch kein Weihnachten mehr feierten. Aber so leicht ließ Vater sich von Alma nicht aufs Glatteis führen: »Löse dich von solchem Tand«, grollte er, »sonst wirst du nicht vorbereitet sein.«

Tags darauf wollte er ihr, Agnes und Hermann das Schießen beibringen. Heimlich musste das sein, natürlich: »In Amerika darf ein Mann seine Kinder noch beschützen, in diesem Scheißland jedoch …«
Vater war das Rattennest in der Scheune gerade recht gekommen. Agnes gelang es tatsächlich, mit der illegal erworbenen, uralten Beretta ein Gemetzel unter den Jungratten anzurichten, Blut und Todesangstquieken überall. Dann war Hermann ohnmächtig geworden, Vaters Zorn übermächtig und Alma musste nicht schießen. Später hatte sie Géraldine, die Verwaiste, in einer angeschlagenen Teekanne gefunden.

Sie wusste, was ihre Eltern zu Géraldine sagen würden. »Unnützer Fresser. Wenn die Katastrophe kommt …«
Die schon ewig auf sich warten ließ. Alle Welt lümmelt sich im Herbststurm in geheizten Wohnungen vor coolen Tablets, einzig ihre Familie sitzt mit Pudelmützen in der eisigen Stube und bereitet sich vor. Bibellesend und Federn spleißend.

Allein Brüderchen darf Géraldine kennenlernen. Alma lehrt sie Kunststücke, Männchen machen, Pfötchen geben. Davon darf Brüderchen indes nichts wissen, auch nicht von der Packung Lebkuchen, die irgendein nachlässiger Mensch, der von der Katastrophe hinweggerafft werden würde, auf der Straße verloren hatte.

Sie wird Brüderchen einen fantastischen Weihnachtszauber bereiten, mit Lebkuchen, geklauten Kerzen, Abfallglitzer und der tollsten Rattenshow aller Zeiten.

Ihre Vorbereitung ist einwandfrei.

 

Adventüden 2019 15 | 365tageasatzadayQuelle: Pixabay, Bearbeitung von mir

 

60 Kommentare zu “15 – Vorbereitet | Adventüden

  1. Wie rigide und hart Menschen sein können, wenn sie nur eine – ihre – „Wahrheit“ als richtig und gültig anerkennen. Unabhängig von der Art dieser „Wahrheit“. Schreckliche Vorstellung, und trotzdem immer wieder Realität, in vielen Verkleidungen und Spielarten.

    Gefällt 10 Personen

    • Wir – ich weiß nicht mehr, ob nur Natalie – hatten das Thema schon in den Etüden. Ich gebe dir völlig recht bei dem, was du schreibst, Realität, leider, und ebenfalls ja, Fundamentalisten jedweder Couleur neigen dazu, ziemlich rigide sein. Besonders schön, wenn man sich dann Menschenfreundlichkeit auf die Fahne geschrieben hat.
      Mir gefällt Natalies Protagonistin so gut, die das Herz auf dem rechten Fleck hat und tut, was sie kann.
      Dir einen schönen 3. Advent!
      Liebe Grüße
      Christiane 😁🐱✨🕯️🕯️🕯️

      Gefällt 8 Personen

    • Ich bin sicher, dass diese Haltung bittere Realität ist, lieber Werner. Fundamentalisten sind gern so.
      Mir gefällt Natalies Protagonistin, die tut, was sie tun kann, und ihrem Herzen folgt, egal, was der Vater predigt.
      Hab einen wunderbaren 3. Advent!
      Liebe Grüße
      Christiane 😁🐱☕✨🕯️🕯️🕯️

      Gefällt 1 Person

  2. Allen Sonntagmorgenlesenden einen wunderbaren pitschnassen dritten Advent.
    Ich werde heute Spätschicht arbeiten und jetzt ist Fundevogelzeit, das heißt vor 22.30 Uhr – wenn es gut läuft – werde ich nicht im Etüdenland vorbeischauen können.
    Bis dann
    Natalie

    Gefällt 3 Personen

    • Guten Morgen, liebe Natalie! Danke fürs Melden, ich halte hier unterdessen die Stellung.
      Hab du einen angenehmen Tag/Spätdienst, wie auch immer sich der gestalten mag!
      Liebe Grüße
      Christiane 😁🐱☕✨🕯️🕯️🕯️

      Gefällt 1 Person

      • Der Tag gestaltete sich überraschend!
        Beim Spätdienst saß eine Kollegin, die war gar nicht eingeplant (sowas kommt bei 42 in einem Team, Dreischichtsystem und permanenter Dienstplanjonglage immer mal wieder vor) und wollte eigentlich ungern unverrichteter Dinge ihren weiten Heimweg anttreten. Eine andere Kollegin und ich wollten das gern, mit Überstunden können wir schließlich alle um uns werfen, losten und yeah hier bin ich und werde mich nach einer Radtour mit dem Vogelkind nun durch die Kommentarschlange lesen.
        Natalie

        Gefällt 4 Personen

  3. Hier und da gehen Ideologien schlichtweg zu weit! Gut, hat das Kind einen eigenen Kopf – sicherlich ist der Hype um Weihnachten auf der anderen Seite auch mir oft zuviel und auch ich feier es in dem Sinne nicht, ich feier eben auch die Wintersonnenwende, aber meine Kinder und nun auch die Enkelkinder sollen deswegen nicht leiden.
    Tolle Etüde!!!
    Herzliche Grüße
    Ulli

    Gefällt 3 Personen

    • Ja, klar, da bin ich bei dir. Aber die Definition von „leiden“ ist dabei das Problem, liebe Ulli. Wer so tickt, denkt doch, dass er den Menschen, zumindest der eigenen Familie, Gutes tut …
      Tolle Etüde, genau.
      Dir einen gemütlichen Adventssonntag!
      Christiane 😁☕🍪🕯️🕯️🕯️

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        • Ich seufze, trinke jetzt meinen kalt gewordenen Kaffee aus und bereite mich mal auf gaaanz viel Besuch vor.
          Ich wünsche dir heute Schönes.
          Sternchen, Herzchen, Kerzchen,
          Ulli

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        • Ich fürchte, dass Menschen die in einem wie auch immer gearteten Endzeitdenken verfangen sind, selbst nicht besonders glücklich sind. Selbst wenn man zu den Auserwählten gehören sollte, ist Armageddon keine ganz herzerfrischende Aussicht. Wer Angst um seine Kinder hat, tut ihnen vielleicht unter Umständen seltsame Dinge an.
          Außerdem ziehen solche Sekten offensichtlich sadistische Persönlichkeiten an, denen gefällt die Vorstellung von Armageddon möglicherweise doch, wer weiß, und sie leben es probehalber schon mal an ihrer Familie aus

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  4. Strenger Pietismus, die Zeugen Jehovas usw. waren alle im Bekanntenkreis vorhanden: einen Sohn, der Kegeln zu seiner Freude ausübte, ging gar nicht, der mußte lügen und kam in Gewissenskonflikte, seine besten Freunde verleugnen; eine Tochter, die Blutkrebs hatte, ließ man lieber sterben, als einer Bluttransfusion zuzustimmen und dieser Fundamentalismus hört nicht auf, es kommen neue Bewegungen hinzu, die zuerst ganz harmlos daherkommen und plötzlich die Menschen beherrschen wollen mit ihren nicht zu Ende gedachten Wahnvorstelllungen.
    Jeder soll und darf an das glauben, was für ihn wichtig und lebenswert ist, soll seine Meinung sagen dürfen, er soll nur nicht die anderen – egal ob mit Gedanken- oder körperlicher Gewalt – missionieren wollen.
    Kinder, zumal wenn sie klein sind, sind leider ihren Eltern ausgesetzt: Kleinstkinder werden z. B. mit veganer Ernährung traktiert und wenn Mangelerscheinungen sich bei ihnen im Alter dann bemerkbar machen, die Eltern haben ja bis dahin das Zeitliche gesegnet.
    Widerstand zu leisten, wie dieses Mädchen in der Geschichte, es ist eine Gabe, die auch mit in die Wiege gelegt wurde und es ist so tröstlich, davon zu lesen. Ich wünsche den Beiden für ihre Zukunft noch viele solcher Weihnachtsshows.

    Dieser Adventskalender …….. ich freue mich täglich drauf…..

    Aus apriligem Adventssonntag mit Turnerhimmel, Regenbogen, Platzregen einen lieben Gruß in die Runde, Karin

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    • Meine Kinderfreundin (die Eltern in einer freien evangelischen Gemeinde), die niemals Karussell fahren durfte, weil es „Sünde“ war. Wir waren maximal im Grundschulalter. Später hat sie sich „für Jesus entschieden“, und ich hatte eine Glaubenskrise, weil ich feststellte, so nicht glauben zu können – ich hätte so gern. Ja, gut so, klar, aber damals fand ich das nicht witzig.
      Wir haben hier einen Adventssonntag mit aufgerissenem Himmel und böigem Wind. Eher Frühling als Winter.
      Hab es fein!
      Liebe Grüße
      Christiane 😁🐱☕🍪🕯️🕯️🕯️

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      • Witzig ist das für alle Betroffene nicht: wir waren damals mit dem Kegelclub zu diesem Kegelbruder nach Tübingen in sein Elternhaus eingeladen, die Eltern bestanden darauf, weil wir Freunde aus der Bank waren: wir alle haben ihm zuliebe gelogen. Die Eltern waren freundlich zu uns, auch wenn wir an einem Gottedienst in der Wohnung teilnehmen mußten – es war einfach nur beschämend, wir wollten ihm aber das Leben nicht zusätzlich schwer machen. Wir alle waren so um die 20 herum!

        Gefällt 3 Personen

        • Immerhin hat er es geschafft, an seinen Eltern vorbei ein Hobby zu haben und sich dort zu engagieren, das sie nicht billigen konnten. Das ist schon mal keine leichte Entscheidung, denn es zieht so viel nach sich!

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        • Da stellt sich die Frage des Gewissens: bin ich ehrlich und stehe zu dem, was ich denke und fühle oder gehe ich so weit, einen anderen zu schützen, der mir wichtig ist?

          Liebe Grüße aus dem mittlerweile gerade sonnigen Brandenburg (die nächsten Regenwolken ziehen schon heran)… ,
          Anna-Lena

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        • Für uns war es damals wichtiger, ihn zu schützen, denn sein Zwiespalt, in dem er selber steckte, wollten wir nicht zusätzlich belasten. Er wollte endlich ein ganz normales Leben führen, frei sein von der „Sünde“ seines Tuns, mit dem ihn sein Elternhaus belastete.
          Unsere Lüge hat unser Gewissen nicht beschwert, zumal wir alle froh waren, solchen Glaubens- und Moralvorstellungen seitens unserer Eltern nicht ausgeliefert zu sein.
          Lieber Gruss zu Dir.

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        • Dazu die Kindheitserinnerung einer Freundin.
          Ihre Eltern nahmen ein anderes Kind mit in den Urlaub. Diese Tochter Zeugen Jehovas durfte zwar mitfahren, aber nicht zu ihrem Vergnügen, sondern als Prüfung ihrer Standhaftigkeit. Eisern verharrte sie Bibelcomics lesend im Ferienhaus, nix Strand, Baden oder so.
          Für die Familie der Freundin muss DAS eine ziemliche Prüfung gewesen sein.

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  5. Jeder darf per se glauben, was er will, aber wenn dann andere, v.a. Kinder, betroffen sind, hört es auf. Sehr traurig, aber mit einem Hoffnungsschimmer. Vielleicht schafft es Alma ihr rebellisches und mitfühlendes Wesen zu behalten. Wirklich toll geschrieben.
    Grüße, Katharina

    Gefällt 2 Personen

  6. Eine so gute Geschichte, die zeigt, was sein kann, wenn Eltern sich einem religiösen Wahnsinn beugen und die Kinder darunter leiden.
    (Da bin ich im Nachhinein noch froh, daß mein Elternhaus ein anderes war.)
    Eine mutige kleine Kämpferin, die irgendwann einen besseren Weg gehen wird, da bin ich sicher, denn sie weiß, wie lebewesenverachtend der ihrer Eltern ist.

    Ganz herzlich, Bruni

    Gefällt 2 Personen

    • Es ist egal, was das für ein „Wahnsinn“ ist, liebe Bruni, es muss gar kein religiöser sein, er muss nur engagiert und starrsinnig vorgetragen werden …
      Ich wünsche der Kleinen auch alles Gute, ich bin sicher, es gibt viele, die sich in ihr wiedererkennen würden.
      Liebe Grüße und eine gute neue Woche dir!
      Christiane :-)

      Gefällt 1 Person

  7. Am Ende ist es für mich der starke Wille, der aus dieser Geschichte heraussticht, und nicht die kleine Diktatur. Diesen Gedanken kann man weiterspinnen, denn der Blick ist nach vorne gerichtet und nicht zurück. Und so wird alles gut, es ist Weihnachten. Immer positiv bleiben, klasse.
    Unglaublich, diese Geschichtenvielfalt.
    Viele Grüße!

    Gefällt 2 Personen

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