21 – Nobby | Adventüden

Zum Thema Inhaltshinweise/CN/Triggerwarnungen in den Adventüden bitte hier lesen.

 

Nobby (Bernd, Red Skies over Paradise)

 

Die längste Nacht des Jahres bricht an – Wintersonnenwende.

Er hat sich auf seinen einigermaßen trockenen Schlafplatz auf dem Hauptfriedhof zurückgezogen; seine Pudelmütze tief ins Gesicht gezogen sitzt er auf einem alten, zerfledderten Bärenfell, das er nach einem Flohmarkt im Müll gefunden hatte.

Er nennt den Friedhof liebevoll ›seine Steinwüste‹, weil die meisten Gräber auf seinem Weg anstatt mit Graberde nur noch mit diesen hässlichen, aber pflegeleichten Steinplatten bedeckt sind.

Man sieht ihm seine Armut an, seine Kleidung ist verschmutzt, teilweise eingerissen, zwischen Sohle und Schuh klafft ein Spalt, seine Haare sind fettig, sein Bart ist ungepflegt, Haare wachsen aus seinen Ohren.

Ein Herbststurm kündigt sich an, es regnete schon den ganzen Tag, die Temperatur soll kommende Nacht unter null Grad fallen, es wird morgen früh sicherlich Glatteis geben und Verkehrschaos.

Aus der Ferne, hinter der Mauer, dringt Hundegebell an sein Ohr, eine agile Jungratte huscht raschelnd durchs Laub unter den Schuppen.

Er hat Hunger und wickelt aus einer alten BILD-Zeitung einen viertel Laib Brot aus; er liest die Schlagzeile »Herbstdepression!« und denkt: »Dass ich nicht lache – Herbstdepression –, meine ist ganzjährig.«

Die ersten Schneeflocken wehen und er holt aus seiner Manteltasche eine Tüte Studentenfutter, die er heute Nachmittag auf dem Weihnachtsmarkt gefunden hat; die Nüsse sortiert er aus, »scheiß Nussallergie«, wirft sie in Richtung der Stelle, an der die Ratte verschwand.

Er holt den Campingkocher aus seiner blauen IKEA-Tasche, zündet nur mühsam die Flamme, gießt Mineralwasser in die alte Teekanne aus roter Keramik, kocht das Wasser langsam auf und lässt einen Teebeutel »Weihnachtszauber« darin ziehen.

Er legt sich hin, deckt sich mit allerlei Pappen zu, es wird ungemütlich sein bei diesem Sturm, sein Kopf liegt auf einem Riesen-Teddybären, den er vor Jahren einmal auf dem Rummel geschossen hatte; schmunzelnd schläft er ein, als er denkt ›Friedhof der Kuscheltiere‹.

 

Adventüden 2019 21 | 365tageasatzadayQuelle: Pixabay, Bearbeitung von mir

 

53 Kommentare zu “21 – Nobby | Adventüden

  1. Lieber Himmel. Wie grausam Realitäten sein können, die zu sehen wir uns meistens weigern! Nur das Schmunzeln und der alte Teddybär verleihen diesem Stück Bitterschokolade ein winziges Stück Restsüße. Sehr stimmig geschrieben, finde ich, und wieder eine völlig andersartige Interpretation der vorgegebenen Wörter. Bin ich sehr schlecht, wenn ich mich danach in meiner kleinen Zwei-Zimmer-Wohnung, deren Schlafbereich nach Honigkuchen duftet, weil es gleichzeitig die Küche ist, dankbar als Luxusmensch fühle?

    Gefällt 8 Personen

    • Du sagst es: die zu sehen wir uns meistens weigern. Ich glaube nicht, dass du „schlecht“ bist (was sind das überhaupt für rigide Zuweisungen?), wenn du dir bewusst bist, dass es dir besser geht als denen, die bei Scheißwetter auf der Straße hocken müssen, denn du hast ja schon ein schlechtes Gewissen, es fällt dir auf, du machst dir Gedanken.
      Okay, du könntest deinen Worten Taten folgen lassen, in irgendeiner Form, es gibt viele Obdachlosenprojekte. Meist wissen die Leute, die die Obdachlosenzeitungen herausgeben, mehr darüber. Was aber auch hilft: sich öfter mal so eine Zeitung kaufen und lesen. Freundlich sein zu denen, zu denen keiner freundlich ist. Die Scheu überwinden und sprechen, oder mal einen Kaffee mitbringen. Vermitteln: Ich seh dich, du bist ein Mensch wie ich. Das kostet selten mehr als ein Lächeln.
      In vielen Orten gibt es zum Beispiel „Suspended Coffee“ (Link zur Homepage) oder oder oder.
      (Technische Anmerkung: Man kann abgeschickte Kommentare nicht mehr ändern. Ich habe das Wort eingefügt und den anderen Kommentar gelöscht.)
      Liebe Grüße
      Christiane 😁☕🍪🎄✨

      Gefällt 7 Personen

  2. Liebe Christiane,
    die Sache mit dem gespendeten Kaffee kannte ich, habe selbst mal eine Etüde dazu verfasst, aber ich wusste a) nicht, dass es dazu eine Organisation gibt, die über den Kaffee hinausgeht und dass man dafür b) auch spenden kann, ohne in der Nähe eines teilnehmenden Geschäfts zu sein. In den „nahe liegenden“ Geschäften, die ich mir angesehen habe, kaufe ich niemals für mich ein, sie sind viel zu weit gelegen und führen nicht das Sortiment, das ist benötige. Aber eine monatliche Spende habe ich gerade veranlasst, immerhin. Schönen Restadvent euch allen!
    Elke

    Gefällt 3 Personen

  3. Sehr realistisch, und vielen Dank für den kleinen Schmunzler zum Schluss… mir liegen die Obdachlosen immer schwer auf der Seele, ich begegne ihnen in der Regel jeden Tag mehrmals. Die Obdachlosenzeitungen kann ich empfehlen, die sind sehr informativ, gut geschrieben und berichten von der anderen Seite der Welt.

    Gefällt 6 Personen

  4. Sehr trauriger und ehrlicher Blick, aber auch Teil unserer Gesellschaft. Ich glaube man sollte eine Gemeinschaft immer am Umgang mit den Schwächsten messen…leider schneiden wir da nicht so gut ab. Aber es gibt Lichtblicke und eine Menge Leute die helfen. Ich wünschte nur, dass Ehrenämter wieder mehr besetzt werden würden. In unserem Straßenmagazin sind wir gerade zu dritt und finden niemanden der helfen will.
    Grüße, Katharina

    Gefällt 6 Personen

  5. Aus jeder Situation dann doch das Beste daraus machen, so erscheint es mir. Und trotz der vielen Wörter so flüssig geschrieben, als wäre das Zufall. Muss man mal hinbekommen.
    Und der ‚Friedhof der Kuscheltiere‘ am Schluss ist natürlich großes Kino.
    Kuschelige Grüße!
    🙃😎☕️💫

    Gefällt 3 Personen

  6. Wunderbare realistische Details wie der Winterzauber, die IKEA-Tasche und der Teddybär und vor allem das Schmunzeln am Ende machen aus diesem Obdachlosen eine Persönlichkeit jenseits des rührseligen Klischees des armen Obdachlosen. Finde ich sehr gut !!

    Gefällt 3 Personen

  7. Ich denke auch an die Hilflosigkeit derer, die diesen Menschen helfen möchten und könnten: Streetworker, Gemeinden, Unterkünfte, das Öffnen der Zugänge zu den öffentlichen Verkehrsmitteln, Suppenküchen und sie würden versorgt, wenn sie Hilfe annehmen würden, was aber viele verweigern. Hilfe zu bedürfen und dann Hilfe anzunehmen – oft gar nicht so leicht.
    Das Miteinander, Füreinander – das ganze Jahr über und nicht nur zur Weihnachtszeit – soziales Leben – die Menschen verlernen es immer mehr.
    Der Geschichtenfächer der Etüden ist bald vollständig entfaltet und jeder der Beitragenden erzählte eine andere Geschichte – ich werde das sehr vermissen.
    Mit einem herzlichen Abendgruß – diesmal speziell an Bernd – mit einem Dankeschön für seinen Beitrag Karin

    Gefällt 3 Personen

    • Ich habe schon darauf gewartet, dass jemand auf die Helfer eingeht, und auf die Tatsache, dass Helfen manchmal eine schwierige Sache ist, weil nämlich die Hilfebedürftigen (man verzeihe mir den Vergleich) keine unbeschriebenen Blätter oder „reinen Herzens wie die Kinder“ sind, sondern Menschen mit Ecken, Kanten, Fehlern und Wunden, zum Teil schlimmen. Das ist kein einfaches Thema, sondern komplex mit vielen, vielen Aspekten.
      Danke dir für diesen.
      Liebe Abendgrüße auf dein Dach und an die zwei- und vierbeinigen Bewohner
      Christiane 😁🐱🎄✨🍷

      Gefällt 2 Personen

  8. Danke für diesen anrührenden Text.
    (der erste mit allen Wörtern, oder?)
    Und dann muss ich immer wieder an die erste Zeit mit dem Großen Fundevogel denken, der jedem ungewaschenen, bärtigen Obdachlosen auf den Schoß krabbeln wollte. So viele schlechte Erfahrungen gemacht, aber diese musste gut gewesen sein (sie und die Mutter waren selbst obdachlos gewesen), viele unvergessliche Gespräche zog das mit sich.

    Und um jetzt richtig weihnachtskitschig zu werden: Gerade von einem Kumpel meines großen Sohns gehört: er, der als Flüchtling aus Syrien kam, inzwischen Arzt ist, fährt nun einmal die Woche im Mitternachtsbus mit, um Obdachlose ärztlich zu versorgen und „etwas zurückzugeben“
    Liebe Grüße
    Natalie

    Gefällt 5 Personen

  9. Eine so gute Etüde, so intensiv geschrieben, daß ich mir vorkam, als lese ich in einem Buch über diesen einen Mann, der sich einen so ungewöhnlichen Schlafplatz ausgesucht und sich so gut hier einrichtet, wie es ihm nur möglich ist.
    Er erinnert sich an den Film Friedhof der Kuscheltiere (hatte also mal ein normales Leben) , den meine jüngere Tochter im zarten Alter von 11 Jahren gemeinsam mit einer Freundin, bei der sie übernachtete, heimlich angesehen hat. Jahre später gestand sie es mir und mich schauderte schon beim Titel.
    Inzwischen ist sie als Sozialarbeiterin tätig und hat viel zu erzählen und manchmal habe ich Angst um sie…

    Nur noch selten gehe ich an einem bettelnden Menschen vorüber, ohne ihm eine kleine Hilfe zuzustecken.

    Liebe Abendgrüße am 4. Advent von Bruni

    Gefällt 1 Person

    • Hinter jedem Obdachlosen steckt ein Schicksal, liebe Bruni, und Klischees greifen da oft nicht.
      „Friedhof der Kuscheltiere“ ist dagegen erst mal ein Buch von Stephen King, und das sollte eigentlich schon genug darüber aussagen.
      Sozialarbeiter ist mit Sicherheit auch ein Job, wo man in Abgründe sehen kann …
      (Die heutige Adventüde ist heiterer, so viel kann ich dir versprechen.)
      Liebe Abendgrüße zurück, hab noch einen schönen Rest-Adventssonntag
      Christiane 😁☕🍪🕯️🕯️🕯️🕯️

      Gefällt 2 Personen

  10. Pingback: Nobby | Adventüden | Irgendwas ist immer | Red Skies over Paradise

Mit der Nutzung der Kommentarfunktion erklärst du dich mit der Verarbeitung deiner Daten durch diese Webseite bzw. WordPress (Wordpress.com, Gravatar, Akismet) einverstanden. Weitere Informationen findest du in meiner Datenschutzerklärung.

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.