Von Taufe und Kindsein

 

Einleitung

Eh man auf diese Welt gekommen
Und noch so still vorlieb genommen,
Da hat man noch bei nichts was bei;
Man schwebt herum, ist schuldenfrei,
Hat keine Uhr und keine Eile
Und äußerst selten Langeweile.
Allein man nimmt sich nicht in acht,
Und schlupp! ist man zur Welt gebracht.

(Wilhelm Busch, aus: Die Haarbeutel, Einleitung, 1878, Online-Quelle)

 

III. Thalia. Die Bürger.

Denn wir können die Kinder nach unserem Sinne nicht formen;
So wie Gott sie uns gab, so muß man sie haben und lieben,
Sie erziehen aufs beste und jeglichen lassen gewähren.
Denn der eine hat die, die anderen andere Gaben;
Jeder braucht sie, und jeder ist doch nur auf eigene Weise
Gut und glücklich.

(Johann Wolfgang von Goethe, aus: Hermann und Dorothea, Online-Quelle)

 

Wollt ihr die Kinder treu behüten

Wollt ihr die Kinder treu behüten,
laßt eure Sorge Liebe sein,
gedeihen doch die zarten Blüten
nur in der Liebe Sonnenschein.

Heilt auch das Leben manche Wunden,
die erste schließt sich nimmermehr
und ganz wird nie das Herz gesunden,
war seine Kindheit liebeleer.

(Albert Traeger (Wikipedia), Wollt ihr die Kinder treu behüten, Online-Quelle)

 

VERSE AUF EIN KLEINES KIND

Dir wachsen die rosigen Füße,
Die Sonnenländer zu suchen:
Die Sonnenländer sind offen!
An schweigenden Wipfeln blieb dort
Die Luft der Jahrtausende hangen,
Die unerschöpflichen Meere
Sind immer noch, immer noch da.
Am Rande des ewigen Waldes
Willst du aus der hölzernen Schale
Die Milch mit der Unke dann teilen?
Das wird eine fröhliche Mahlzeit,
Fast fallen die Sterne hinein!
Am Rande des ewigen Meeres
Schnell findest du einen Gespielen:
Den freundlichen guten Delphin.
Er springt dir ans Trockne entgegen,
Und bleibt er auch manchmal aus,
So stillen die ewigen Winde
Dir bald die aufquellenden Tränen.
Es sind in den Sonnenländern
Die alten, erhabenen Zeiten
Für immer noch, immer noch da!
Die Sonne mit heimlicher Kraft,
Sie formt dir die rosigen Füße,
Ihr ewiges Land zu betreten.

(Hugo von Hofmannsthal, Verse auf ein kleines Kind, Insel Verlag 1922, Online-Quelle)

 

Frisch getauft | 365tageasatzadayQuelle: ichmeinerselbst, mit Erlaubnis des stolzen Vaters

 

Ich bin in dem Alter, wo ich bei Mini-Zwergen voll sentimentale Anfälle bekomme. Nein, keine peinlichen, jedenfalls noch nicht. (Ist die nicht süüüüß?)

Kommt gut in und durch die neue Woche!

 

26 Kommentare zu “Von Taufe und Kindsein

  1. Liebe Christiane, alle die von dir ausgewählten Gedichte sagen, was so ein Menschlein braucht, das gerade auf die Welt gekommen ist. Liebe und Geborgenheit sind unersetzlich, wenn sie fehlen, dann ist viel Leid vorprogrammiert.
    Die Kleine, die du in Vaters Armen fotografieren und uns zeigen durftest, ist wunderschön anzuschauen! Möge sie mit viel Liebe aufwachsen, die kleinen Menschlein von heute brauchen ein starkes Rückgrad in dieser seltsamen Welt!
    Liebe Grüße
    Ulli
    Und dir noch flugs eine gute Woche gewünscht!

    Gefällt 3 Personen

  2. „Sind so kleine Hände“. Diesen Text von Bettina Wegner hatte ich in Postergröße abgeschrieben und an der Tür des Kinderzimmers angebracht. . Liebe, die an keine Bedingungen geknüpft wird, und Vertrauen sind unabdingbare Voraussetzungen für das Heranwachsen zu selbstbewussten Menschen. Die Gewissheit, wahrhaftig geliebt zu werden, lässt auch die Krisen überstehen, die wohl in jeder Eltern-Kind-Beziehung vorkommen werden. Ich wünsche dem kleinen Erdenbürger ein liebevolles, geborgenes Leben.
    Liebe Grüße,
    Elvira

    Gefällt 3 Personen

    • Schön gesagt, Elvira, danke! Das wünsche ich ihr auch. Möge sie ihren Platz finden, mögen ihre Eltern sie gut und liebevoll leiten können, möge, möge, möge.
      Ganz herzliche Grüße zurück
      Christiane 😁❤️☕🍪👍

      Gefällt 3 Personen

  3. Da wird uns allen weich ums Herz. Das haben Kleinstkinder so an sich: wir lächeln, können gar nicht anders.

    Schön all dies. Weise und verstehend Goethe, witzig natürlich Wilhelm Busch (ach, im Bauch der Mutter ist die Welt noch in Ordnung), aber am schönsten ist diesmal Hugo von Hofmannsthal, so voller Zauber von der ersten bis zur letzten Zeile.

    „Dir wachsen die rosigen Füße,
    Die Sonnenländer zu suchen…“

    Da wird nicht von Liebe und Verständnis gesprochen, da sind sie einfach vorhanden

    „Willst du aus der hölzernen Schale
    Die Milch mit der Unke dann teilen?
    Das wird eine fröhliche Mahlzeit,
    Fast fallen die Sterne hinein!“

    Das lasse ich mir auf der Zunge zergehen. Und welch Zärtlichkeit, Trost und Weisheit!

    „Die Sonne mit heimlicher Kraft,
    Sie formt dir die rosigen Füße,
    Ihr ewiges Land zu betreten.“

    Ganz herzlichen Dank für dieses Morgen-Geschenk. (Zufällig bin ich dieser Tage ebenfalls mit Hugo von Hofmannsthal unterwegs, „Der Brief des Lord Chandos – Schriften zur Literatur, Kultur und Geschichte“, bei Reclam. Ein so lebendiger Geist!

    Gefällt 7 Personen

    • Da sagst du was, liebe Gerda, genau so erging es mir mit den Gedichten auch, ich war von dem Hofmannsthal auch völlig verzückt. Den Lord Chandos habe ich zu Unizeiten gelesen, wie ich mich erinnere – vielleicht wäre es an der Zeit, ihn nochmals herauszusuchen, denn ich habe gute Erinnerungen an Hofmannsthal … Danke für die Anregung!
      Liebe Grüße
      Christiane 😁🐱☕🍪👍❤️

      Gefällt 2 Personen

    • Genau, und Mama (nicht nur Papa) ist auch superstolz. 😁
      Ich hab nach dem Henna gefragt: Das ist zur Feier, klar, aber wohl(?) keine allgemeine Sitte, denn andere Mütter hatten das nicht. Es gab gestern mehrere Taufen. 😁

      Gefällt 1 Person

  4. Busch wusste noch nichts von pränataler Psychologie, wie auch:-)

    Goethe wusste wohl, daß große, vielfältige Gaben nicht unbedingt glücklich machen. Es kann sogar sein, daß man über die vielen Talente stolpern kann. 😉

    und ganz wird nie das Herz gesunden,
    war seine Kindheit liebeleer.
    Ojaaaa!

    Hugo von Hofmannsthals Gedicht: Sehr erhaben und fein. Wie ein Zaubertrank 🙂

    Gefällt 1 Person

    • Über Busch habe ich auch gelächelt. Und ja, Goethe war echt schlau 🙂
      Für mich war das Hofmannsthal-Gedicht auch besonders, da stimme ich dir völlig zu. Freut mich, dass es dir auch so geht.
      Liebe Grüße, vielen Dank
      Christiane 😉

      Gefällt 1 Person

  5. Ich schließe mich allen Vorrednern/innen an. Das Hofmannsthal-Gedicht, das ist es dieses Mal. Obwohl auch die anderen alle schön sind. Aber das „Die Sonnenländer sind offen!“ ist nicht zu toppen. Vielen Dank dafür.
    Liebe Grüße von Tanja

    Gefällt 1 Person

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