Vom Bedrückenden

 

In dieser Welt, von Übeln krank, vom Blute rot,
Tut Geist und Schönheit, tut ein Flecklein Himmel not,
Ein Glücklicher, der nichts vom Pfuhl des Jammers weiß,
Ein Edler, rein von Schuld, ein Held, deß Helmbusch weiß.

(Carl Spitteler, In dieser Welt, aus: Olympischer Frühling, Zweiter Teil: Hera die Braut, Krieg und Versöhnung, 1920, Online-Quelle)

 

Priester, du willst die Seele erkennen,
Willst Gesundes vom Kranken trennen,
Irrt dein Sinn oder lügt dein Mund?
Was ist krank?! Was ist gesund?!

Richter, eh du den Stab gebrochen,
Hat keine Stimme in dir gesprochen:
Ist das Gute denn nicht schlecht?
Ist das Unrecht denn nicht Recht?

Mensch, eh du einen Glauben verwarfst,
Weißt du denn auch, ob du es darfst?
Wärest du tief genug nur gedrungen,
Wär dir derselbe Quell nicht entsprungen?

(Hugo von Hofmannsthal, aus: Sünde des Lebens, aus: Die Gedichte 1891–1898, Online-Quelle)

 

Das bist du

Aus geheimstem Lebensgrunde
Raunt es mahnend immerzu:
Schlag dem andern keine Wunde,
Denn der andre – das bist du!

Wie du kränkst, so mußt du kranken,
Unser Ich ist Wahn und Pein.
Schließ’ in deiner Selbstsucht Schranken
Alles, was da atmet, ein.

(Isolde Kurz, Das bist du, aus: Gesammelte Werke, 1. Band, 1925, Online-Quelle (fast am Ende))

 

Nicht alle Schmerzen sind heilbar

Nicht alle Schmerzen sind heilbar, denn manche schleichen
Sich tiefer und tiefer ins Herz hinein,
Und während Tage und Jahre verstreichen,
Werden sie Stein.

Du sprichst und lachst, wie wenn nichts wäre,
Sie scheinen zerronnen wie Schaum.
Doch du spürst ihre lastende Schwere
Bis in den Traum.

Der Frühling kommt wieder mit Wärme und Helle,
Die Welt wird ein Blütenmeer.
Aber in meinem Herzen ist eine Stelle,
Da blüht nichts mehr.

(Ricarda Huch, Nicht alle Schmerzen sind heilbar, aus: Herbstfeuer. Gedichte, Insel Verlag zu Leipzig 1944, Quelle)

 

Quelle: Pixabay

 

Ich weiß, dass wir Ricarda Huch schon hatten. Aber ich mag das Gedicht so.
Kommt gut in und durch die neue Woche! Und – bleibt oder werdet gesund!

 

26 Kommentare zu “Vom Bedrückenden

  1. Na, das ist ja eine Depri-Sammlung am Morgen, nicht nur aus konkreten Gründen, sondern auch wegen der Zeitlosigkeit. Die beiden Damen stehen bei mir etwas vor den Herren, und von den ersteren vielleicht …. hm, schwierig… egal. Es muss ja nicht immer einen Platz 1 geben.
    Komm gut in die Woche.😊

    Gefällt 3 Personen

    • Klar, die Damen sind konkreter, das greift eher, verstehe ich. Ach weißt du, so ein-, zweimal im Jahr suche ich nach Schnupfen- etc. Gedichten. Abgesehen davon, dass es keine gibt (ja, Morgenstern mit seinem Schnupfen auf der Terrasse, aber der ist aus Gründen immer noch unter Urheberrecht), ist mir die Sammlung diesmal grundsätzlicher und düsterer geraten. Und das ist ganz sicher auch dem Zeitgeist geschuldet. Ich selbst bin jedenfalls nicht bedrückter als sonst auch 😊
      Dir auch eine gute Woche!
      Liebe Grüße
      Christiane 😁😺☕🥐👍

      Gefällt 3 Personen

  2. Die politischen Machtspielchen werden überall auf der Welt immer auf dem Rücken der armen Menschen ausgetragen und wir ach so humanitären Deutschen spielen eifrig mit und lassen uns erpressen, denn nähmen wir wieder viele Flüchtlinge auf, gefährdet das ja die Wiederwahl der Volksparteien und ist Wasser auf die Mühlen von einer, die niemand will. Dieses Abkommen mit der Türkei – Zahlung an einen Machthaber, der unberechenbarer nicht sein kann, gegen Kasernierung der Flüchtlinge dort – wie unmenschlich war und ist das eigentlich. Aber was Menschenhandel anbelangt, war Europa ja schon in allen Zeiten großartig.
    Natürlich können wir nicht alle aufnehmen, da wäre auch unser Land überfordert, wir sollten nur aufhören, die kriegsführenden Länder mit unseren Waffen aufzurüsten.

    Kein Trost heute in Deiner Sammlung – nur Traurigkeit und Ohnmacht –

    Lieber Gruß in die neue Woche von mir an Dich, Karin

    Gefällt 6 Personen

    • Kein Trost heute, liebe Karin. Manchmal gibt es keinen. Die Katze knutschen und den Frühling genießen geht natürlich immer, aber manchmal ist das Persönliche (mir) nicht genug.
      Liebe Grüße zurück und an den Katzenherrn selbstverständlich auch
      Christiane 😁😺☕🥐👍

      Gefällt 4 Personen

  3. Liebe Christiane, mir auch nicht, aber diese Ohnmacht macht mich hilflos. der (angebliche) Segen der Globalisierung, unser Reichtum vom globalen Austausch untereinander- an welch seidenem Faden hängt er, wenn ein Virus das jetzt alles gefährden kann. Dazu kommen die Kriegsherde überall auf der Welt – ich komme mir so verdammt klein vor und weiß nicht, wo ich ansetzen soll, außer in meinem unmittelbaren Umfeld verantwortungsvoll zu handeln.
    Auf meinem Headerbild für März habe ich das Foto des Nestbaus der Blaumeisen in einem Kasten aus den Jahren davor, es sind noch Sir Percys Haare zu sehen, etwas unordentlich, aber es ist ein Nest, schenkt Geborgenheit und Sicherheit.Wer baut uns das?

    Der Katzenherr putzt sich gerade – ich habe gewagt, ihn zu streicheln -:))) Sei lieb gegrüßt, Karin

    Gefällt 5 Personen

  4. Nein, die Gedichte deprimieren mich nicht, sie inspirieren, lassen mich nachdenken, lenken mich ab vom Jetzt und Hier. Sie relativieren die eigenen düsteren Gedanken. Besonders Hugo von Hofmannsthal hat es mir angetan.
    Liebe Grüße,
    Elvira

    Gefällt 2 Personen

    • Ich finde, sie haben alle was, meine Gedichte, jedes legt den Finger in/auf eine andere Wunde. Ich freue mich, wenn du für dich was findest, dafür mache ich meine Sammlungen ja jede Woche 😉
      Liebe Grüße
      Christiane 😁☕🥐👍

      Gefällt 2 Personen

  5. Ich hatte vergessen, hinter meine Frage wer baut uns das „-in Zukunft“ zu setzen. Noch sitze sich in einem komfortablen Nest, mir geht es verdammt gut, ich könnte, wenn ich das wollte, die Welt außen vor lassen, mich nur mit dem beschäftigen, was mir gut tut, – aber es ist eigentlich nicht besonders verantwortlich gehandelt.
    Ich mache jetzt mal meinen Spaziergang am Main – lasse mich durchpusten -:)))

    Gefällt 1 Person

  6. Hier wurde schon einiges gesagt, die aktuelle Situation betreffend. Ricarda Huch ist so aktuell, leider, denn gerade jetzt geschehen wieder Dinge, die solche tauben Stellen im Herzen von Menschen erzeugen, die nie mehr heilen können. Ich sah gestern lange ein Video von einem Flüchtlingsboot vor Mytilini, vollgepackt mit Vätern und Müttern und Kleinkindern, und am Ufer andere Menschen, die das Boot immer wieder zurückschubsten und nicht anlanden ließen. Vorneweg eine Frau: „Weg, weg“, rief siee aufgeregt. Beide Seiten tragen von solchen Handlungen und Erfahrungen schwere seelische Verletzungen davon. Und ich fühle diese verdammte Ohnmacht, nicht die Ohnmacht, mich selbst zu schützen freilich, sondern die, nicht einmal zu einer klaren eigenen Einstellung zu kommen; WAS JETZT UNMITTELBAR ZU GESCHEHEN HAT.
    Hugo von Hofmannsthal ist daher für mich sogar noch aktueller. Wer bin ich, die zu verurteilen, die die Fliehenden ins Wasser zurücktreiben? Bin ich nicht durch Tatenlosigkeit genauso wie sie, nur verschwurbelter, selbstgerechter, drückebergerischer? „Wärest du tief genug nur gedrungen,
    Wär dir derselbe Quell nicht entsprungen?“

    Danke für deine Gedichtsauswahl, auch für Isolde Kurz und Spitteler, die allerdings mehr im Allgemein-moralisch-Menschlichen bleiben und nicht so unmittelbar an der Seele rütteln.

    Gefällt 5 Personen

    • Es ist so furchtbar, was du beschreibst, liebe Gerda, und ich stimme dir zutiefst zu. Beide Seiten nehmen Schaden an der Seele, das denkt man immer nicht. Und ja, genau das, was du beschreibst, lag (auch) meiner Entscheidung für Hofmannsthal zugrunde (okay, ich habe auch in die politische Szene hier im Land geschielt): Mit welchem Recht (moralisch oder sonstwie) denken/handeln wir so, wie wir denken/handeln – oder eben nicht.
      Kein leichtes Brot. Ich bin zutiefst erschüttert, auch wenn ich es nicht zeige, weil ich auch keinen Ausweg weiß.
      Ich kann übrigens auch den beiden anderen eine Menge abgewinnen, aber ich bin immer schon zufrieden, wenn bei meinen Leser*innen EIN Gedicht verfängt.
      Danke dir für deine Herzensgedanken. ❤️
      Liebe Grüße ins schöne Griechenland
      Christiane 🤔🌞☕👍

      Gefällt 5 Personen

  7. Insbesondere die Worte des Herrn Spitteler – der bislang gänzlich an mir vorbeiging, was mir vor dem Hintergrund, dass er seinerzeit den Literaturnobelpreis bekam, recht schwer fällt, einzugestehen – haben es mir heute angetan.

    Gefällt 1 Person

    • Das freut mich sehr. Ich finde es so faszinierend, dass quasi jedes Gedicht, das in meine Montagsgedichte gerät, irgendeine*n findet, der*die sagt: „Das ist es heute für mich.“ Ich mag sie ja immer alle, ich will eigentlich immer einen Bogen schlagen, ich hoffe, dass sie immer gemocht werden. Also, danke dir. 🌞
      Das mit Spitteler wusste ich übrigens auch nicht, ich kannte allerdings seinen Namen, nur weiß ich nicht mehr, woher.
      Liebe Grüße
      Christiane 😁☕🌞👍

      Gefällt 1 Person

  8. „Aber in meinem Herzen ist eine Stelle,
    Da blüht nichts mehr“ berührt mich immer wieder, weil ich es im Moment selber immer wieder fühle. Und damit verbunden die Frage „Ist das Gute denn nicht schlecht?
    Ist das Unrecht denn nicht Recht?“
    Nachdenklich machen mich deine Gedichte heute, aber sie passen so gut in die aktuelle Weltgeschichte.
    Kommt gut in diese Woche!

    Gefällt 3 Personen

  9. Ja, das sind Berühr- und Nachdenkworte. Ich finde sie – mit Ausnahme des ersten, das mir nicht besonders viel sagt – sehr klar und tiefgehend und allgemein menschlich verständlich, anwendbar auf so vieles …

    Gefällt 1 Person

    • Ich mag an dem ersten Gedicht diese fast elegische Klage um etwas unwiederbringlich verloren gegangenes Schönes. Aber ich lese ja auch (High) Fantasy. Es ist einfach so eine Stimmung …
      Ja, anwendbar auf so vieles, eben, deshalb ja.
      Liebe Grüße, hab einen schönen Abend
      Christiane 😁😺👍

      Gefällt 1 Person

  10. Oh, Ricarda Huch, wie anrührend, wie liebenswert und so gut zu verstehen, er kennt sie nicht, diese eine Stelle…
    Hugo von Hofmannsthals Worte sprechen mir aus der Seele und da Gerda schon das aussprach, was mir auch im Kopf herumging, bin ich nun ganz still, liebe Christiane
    Liebe Grüße von Bruni aus dem frühen Abend

    Gefällt 1 Person

  11. Ricarda Huchs Gedicht ist so etwas von wahr.
    Ich weiß es von mir selbst und von anderen.

    Gestern las ich – zufällig – wieder Auszüge aus „A grief like no other“ im Atlantic online, ein Artikel von 1997.
    Dort wurde geschätzt, daß 10 Mio Amerikaner einen Freund oder Verwandten durch eine Gewalttat verloren (in welchem Zeitraum weiß ich nicht)..
    Vor den 70ern wurden diese Leute alleingelassen mit ihrem Schock. Es entwickelten sich bei einigen ein postraumatisches Symptom. Das ist es, was Richarda Huch anspricht: Unser Gehirn kriegt das nicht mehr los.

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  12. Hugo von Hofmannsthal kann ich auch beipflichten.
    Es gibt oft Gutes im vermeintlich Schlechten und umgedreht erst recht.
    Wir KÖNNEN nicht nur Gutes tun, selbst wenn wir es wollten. Jeder Mensch sät auch Böses, Schlechtes.
    Jede Pflanze, die sich ausbreitet, nimmt einer anderen im Grunde Lebensraum weg. Und man weiß, dass manche Pflanzen sogar Wachstumshemmer im Erdreich versenden, um Kontrahenten klein zu halten.

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