Von Traum und Tod

 

Ein Traum, ein Traum ist unser Leben

Ein Traum, ein Traum ist unser Leben
Auf Erden hier.
Wie Schatten auf den Wogen schweben
Und schwinden wir
Und messen unsre trägen Tritte
Nach Raum und Zeit;
Und sind (und wissen’s nicht) in Mitte
Der Ewigkeit.

(Johann Gottfried Herder, 1. Strophe aus Amor und Psyche auf einem Grabmal, in: Werke. Erster Theil. Gedichte, Berlin 1879, Online-Quelle)

 

Terzinen über Vergänglichkeit III

Wir sind aus solchem Zeug, wie das zu Träumen,
Und Träume schlagen so die Augen auf
Wie kleine Kinder unter Kirschenbäumen,

Aus deren Krone den blaßgoldnen Lauf
Der Vollmond anhebt durch die große Nacht.
… Nicht anders tauchen unsre Träume auf,

Sind da und leben wie ein Kind, das lacht,
Nicht minder groß im Auf- und Niederschweben
Als Vollmond, aus Baumkronen aufgewacht,

Das Innerste ist offen ihrem Weben;
Wie Geisterhände in versperrtem Raum
Sind sie in uns und haben immer Leben.

Und drei sind Eins: ein Mensch, ein Ding, ein Traum.

(Hugo von Hofmannsthal, Terzinen über Vergänglichkeit III, aus: Gedichte, entstanden 1894, Online-Quelle)

 

Alle Landschaften haben

Alle Landschaften haben
Sich mit Blau gefüllt.
Alle Büsche und Bäume des Stromes,
Der weit in den Norden schwillt.

Blaue Länder der Wolken,
Weiße Segel dicht,
Die Gestade des Himmels in Fernen
Zergehen in Wind und Licht.

Wenn die Abende sinken
Und wir schlafen ein,
Gehen die Träume, die schönen,
Mit leichten Füßen herein.

Zymbeln lassen sie klingen
In den Händen licht.
Manche flüstern, und halten
Kerzen vor ihr Gesicht.

(Georg Heym, Alle Landschaften haben, aus: Umbra Vitae, Nachgelassene Gedichte, Leipzig 1912, Online-Quelle)

 

Sieh, so ist Tod im Leben. Beides läuft
so durcheinander, wie in einem Teppich
die Fäden laufen; und daraus entsteht
für einen, der vorübergeht, ein Bild.
Wenn jemand stirbt, das nicht allein ist Tod.
Tod ist, wenn einer lebt und es nicht weiß.
Tod ist, wenn einer gar nicht sterben kann.
Vieles ist Tod; man kann es nicht begraben.
In uns ist täglich Sterben und Geburt,
und wir sind rücksichtslos wie die Natur,
die über beidem dauert, trauerlos
und ohne Anteil. Leid und Freude sind
nur Farben für den Fremden, der uns schaut.
Darum bedeutet es für uns so viel,
den Schauenden zu finden, ihn, der sieht,
der uns zusammenfaßt in seinem Schauen
und einfach sagt: ich sehe das und das,
wo andere nur raten oder lügen.

(Rainer Maria Rilke, aus: Die weiße Fürstin, letzte Fassung 1904, Online-Quelle (letztes Viertel))

 

He wishes for the Cloths of Heaven

Had I the heavens‘ embroidered cloths,
Enwrought with golden and silver light,
The blue and the dim and the dark cloths
Of night and light and the half-light,

I would spread the cloths under your feet:
But I, being poor, have only my dreams;
I have spread my dreams under your feet;
Tread softly because you tread on my dreams.

(William Butler Yeats, He wishes for the Cloths of Heaven, 1899, Online-Quelle, dt. Übersetzung, dt. Übersetzung)

 

Quelle: Pixabay

 

Bitte betrachtet das englische Gedicht quasi als Zugabe. Yeats ist zwar schon 1939 gestorben, aber alle Übersetzungen unterliegen selbstverständlich dem Copyright der Übersetzer (die mit Sicherheit wohl noch keine 70 Jahre tot sind), von daher hoffe ich, dass die Seiten, die ich verlinkt habe, damit keine Probleme haben (im zweiten Fall dürften es eigene sein).

Wie immer: Kommt gut in und durch die neue Woche, seid geduldig und bleibt oder werdet gesund!

 

38 Kommentare zu “Von Traum und Tod

  1. 4 wunderbare Gedichte! Das 5. etwas eigenartig (englisch). Alle Kleider unter die Leute werfen um seiner Träume willen und dann auch die Träume unter die Leute werfen? Zuerst fordert William Butler Yeats die Leute auf, auf die hingeworfenen Kleider zu treten bzw. zu trampeln. Dann bittet er sie, bitte achtsam über seine Träume zu gehen? Also, das finde ich eigenartig. Die anderen 4 Gedichte erscheinen mir wunderbar.

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    • Guten Morgen, liebe Gisela. Schön, dass vier Gedichte deinen Zuspruch finden. Bei dem Yeats hilft es, ihn im übertragenen Sinne zu verstehen. Du solltest in den verlinkten Übersetzungen genug Anregungen finden. Übrigens ist es ein Liebesgedicht.
      Aber wenn nicht, dann eben nicht – es muss ja nicht immer jedem*jeder alles gefallen.
      Liebe Grüße
      Christiane 😁🌨️☕🍪👍

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  2. Meine täglichen Fluchtträume sind zusammengefasst in diesem Bild:
    „Blaue Länder der Wolken,
    Weiße Segel dicht,
    Die Gestade des Himmels in Fernen
    Zergehen in Wind und Licht.“

    Deine diesmalige Gedichtsammlung ist einfach wunderbar, ich werde mir jedes einzelne noch oft anschauen. „Wir sind aus solchem Zeug wie das aus Träumen“ – We are such stuff as dreams are made on, and our little life is rounded with a sleep.

    Gefällt 2 Personen

  3. Ganz, ganz wundervolle Gedichte, vielen Dank. Das letzte ist eine echte Neuentdeckung: Ich habe noch nie etwas von William Butler Yeats gelesen, weil Gedichte zu schade sind, um sie nur teilweise zu verstehen. Aber dieses hier habe ich verstanden, es ist wunderschön, snief, und die Art und Weise, wie die Wörter über die Zunge gleiten, auch, und eventuell bin ich heute Abend ein klein wenig emotional… ach ja.

    Gefällt 1 Person

    • Ja, Gedichte lassen sich manchmal nicht so leicht verstehen, vor allem die Ebenen, die sich der Übersetzung entziehen. Von daher verstehe ich deine Bedenken gut. Nun hat man mich noch zu Schulzeiten in der Oberstufe mit Shakespeare bombardiert, und der Umgang mit dem Internet hat mich gelehrt, dass es für vieles eine Erklärung finden lässt: Seitdem bin ich unerschrockener.
      Größten Respekt habe ich allerdings vor den Übersetzern von Lyrik.
      Liebe Grüße in deinen Abend
      Christiane 😁🍷🌟👍

      Gefällt 1 Person

  4. Liebe Christiane,
    heute hast du aus meiner Sicht ganz besondere Gedichte ausgesucht. Keins davon, dass ich jetzt nicht mehrmals gelesen habe (und das liegt nicht an der fort geschrittenen Stunde ;) ) – Traum und Tod, Leben, Schein und Sein, da habe ich viele Assoziationen, aber ich bleibe mal bei: „Und drei sind Eins: ein Mensch, ein Ding, ein Traum.“ von Hofmannsthal – diese Zeile berührt ich am meisten.
    Ich danke dir.
    Liebe Grüße
    Ulli

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    • Ich freue mich (wie immer) sehr, wenn jedes Gedicht irgendwie zielsicher „seinen“ Menschen findet, dem es etwas zu geben hat.
      Dieses Gedicht gehört gerade wegen der von dir zitierten Zeile auf meine Allzeitfavoritenliste. Schön, dass es dich so berührt hat.
      Liebe Grüße
      Christiane 😁☕🍪👍🌼

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  5. *Tritt sanft, weil du auf meine Träume trittst.*
    Auf Träume darf man nie treten, es täte es anderen zu weh. Meine spärliche Englischkenntnisse sagten mir eines, wundersam sanfte Worte schrieb er hier.
    Vorher las ich die deutsche Auswahl und war begeistert, liebe Christiane.
    Johann Gottfried Herder, wie lange bin ich ihm nicht begegnet, dabei sind seine Zeilen so gut. Ich picke mir mal seine lezten heraus
    *Und sind (und wissen’s nicht) in Mitte
    Der Ewigkeit.*
    Aber da war auch noch Rilke, doch heute bin ich noch nicht wieder objektiv, denn ich lese endlich *Das Konzert ohne Dichter*, und da muß ich ein Päuschen im Loben einlegen *lächel*, Ich wußte es ja schon im Groben, aber hier lese ich mehr von seinem , hm, halt von ihm als Mensch, der er war…
    Hofmannsthal und Heym, was soll ich sagen, sie sind beide Wunder an Sprachgewalt und ich beschließe, keinem den Vorzug zu geben. Ich könnte es jetzt einfach nicht.
    Deine Wahl ist ein Traum, liebe Christiane
    und ich grüße ich sehr herzlich
    Bruni am sonnigen Nachmittag

    Gefällt 1 Person

    • Na ja, stimmt schon, an Texte in anderen Sprachen muss man sich immer erst gewöhnen? Vielleicht liest du ja auch Songtexte? Gut, Yeats dürfte ein anderes Niveau haben als die meisten, aber das ist der Weg, wie viele in englische gereimte Texte einsteigen …
      Freut mich, dass dir die Gedichte gefallen! 😁
      Schönes Wochenende!
      Christiane 😁🌞☕🍪👍

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