Corona: Abstand | abc.etüden

 

»Sag mal, kannst du nicht neben mir bleiben, wenn wir spazieren gehen? Ich dachte, wir wollten uns in Ruhe unterhalten. Ständig bist du ein paar Schritte hinter mir oder läufst vorweg!«

»Ja, weißt du, Corona? Du sollst einen Abstand von mindestens eins fünfzig, besser zwei Meter zu deinem lieben Nächsten einhalten. Gut, gilt für uns beide nicht, wenn es einen von uns erwischt, ist der andere eh mit dran.«

»Äh, und?«

»Na, guck dir doch mal die Leute an, die uns entgegenkommen, besonders die Pärchen. Was machen die? Richtig, die gehen nebeneinander. Wie wir. Und wie breit ist wohl der Weg?«

»Keine Ahnung?«

»Streck mal beide Arme aus. Und jetzt stell dir vor, dass das von Fingerspitze zu Fingerspitze ungefähr so viel ist, wie du groß bist. Bei Frauen sogar meistens weniger. Soll heißen, wenn ich einen Arm ausklappe und du einen Arm und sich unsere Fingerspitzen gerade so eben berühren, dann sind unsere Köpfe gerade mal so eins fünfzig auseinander, also der Minimalabstand.
Und wenn wir jetzt nebeneinander gehen und uns käme ein Paar entgegen und ich würde einen Arm ausstrecken und der, der innen geht auch, was würde dann passieren? Exakt, dann würden wir uns gegenseitig mit der Hand in die Fresse hauen, weil der Weg eben nicht breiter ist, sogar, wenn die und wir eng nebeneinander und am Wegrand gingen.
Ist das also genügend Abstand? Nein, DAS ist bescheuert! Deshalb geböte es eigentlich die Höflichkeit, auszuweichen und halt mal kurz hintereinander zu gehen, bis man aneinander vorbei ist. Macht natürlich keiner, weil alle denken, dass der andere ja zuerst kann oder so, und dass man selbst uncool ist, wenn man den ersten Schritt tut.«

»Ey, komm, werd nicht lächerlich.«

»Ach ja? Und da wären dann noch die Jogger, die einem den Weg abschneiden oder ganz nah überholen und keuchen und nicht daran denken, dass jemand anders wirklich nicht ihre verbrauchte Atemluft einatmen möchte. Die glauben doch, sie sind voll fit und haben kein Cooorooonaaa, weil sie noch rennen können. Ich muss dich nicht erinnern, dass du trotzdem Überträger sein kannst, auch wenn du symptomfrei bist, oder?«

»Iiiiiih! Schnaufende Jogger fand ich schon immer eklig.«

»Danke. Ich würde dich auch erheblich lieber deswegen anzicken, dass deine heiß geliebten Forsythien außer der Farbe bienentechnisch keinerlei Nährwert haben, oder dir erzählen, dass meinen Nachbarn neulich die Magnolien erfroren sind. Aber leider bin ich überwiegend damit beschäftigt, den Idioten auszuweichen, die die gleiche bescheuerte Idee hatten wie wir: jetzt am See spazieren zu gehen. Damit wir nämlich auch nächstes Jahr noch bei einem Glas Wein diesen oder jenen Sonnenuntergang bewundern können.«

»Es gibt auch rücksichtsvolle Mitmenschen. Ist die einzige Lösung demnach, zu unmöglichen Zeiten spazieren zu gehen? Am Wochenende soll es übrigens warm werden.«

»Also, ich weiß, wo ICH dann garantiert nicht bin.«

»Apropos Wein. Wir könnten im Garten grillen. Nur du und ich.«

»Deal. Ich hab so Mund-Nasen-Masken aus Stoff genäht, falls du welche willst, zum Einkaufen oder so, sag Bescheid.«

»Ich vermisse unsere Unbeschwertheit.«

»Ich auch.«

 

 

Extraetüden 14.20 | 365tageasatzadayQuelle: Pixabay, Bearbeitung von mir

 

Für die abc.etüden, Ausgabe Extraetüden, Woche 14.2020: 5 Begriffe (aus 6), maximal 500 Wörter. Die Worte stammten dieses Mal von Corly und Elke H. Speidel, ich habe verwendet: Sonnenuntergang, warm, lächerlich, Forsythien, erfrieren.

Ich drehe täglich (nach Möglichkeit) eine Runde um den hiesigen Teich und finde es ganz wundervoll, Fauna und Flora zu beobachten und einfach nur Frühling zu atmen. Diese Ecke ist bekannt und beliebt, im Sommer werden auf den Wiesen Partys geschmissen, es wird gegrillt, Ball gespielt und laut Musik gehört, fast immer sind neben den normalen Spaziergängern Jogger, Gassigeher und Kinderwagenschieber*innen auf der Strecke. Und Familien, oft große. Je schöner das Wetter, desto exzessiver.
Klar, Corona hat das alles sehr deutlich reduziert, dennoch ist Rücksicht vonnöten, vor allem in so einer Zeit wie jetzt. Ja, ich erlebe immer wieder, dass mit einem freundlichen Nicken und Lächeln sehr vieles geht (AUCH BEI JOGGERN) – aber ich erlebe auch das krasse Gegenteil, dass die Mitmenschen einfach Luft sind. Früher hat es mich meist nicht sonderlich gestört, da fand ich es zum Teil halt einfach rüpelhaft, aber momentan bin ich bisschen empfindlicher.

Mich hat tatsächlich beschäftigt, wie viel denn dieser eine Meter fünfzig ist, den wir Abstand halten sollen, und da bin ich auf das Maß gekommen, das jede*r mitschleppt – die Armlänge. Gewusst habe ich nicht, dass die Armspannweite, also die ausgebreiteten Arme von Mittelfingerspitze zu Mittelfingerspitze ca. der eigenen Körpergröße entsprechen, mit Freude habe ich zur Kenntnis genommen, dass man das Verhältnis von Armspannweite zu Körpergröße den „Affenindex“ nennt (ein Begriff ursprünglich aus der Kletterszene, Wikipedia-Artikel hier lesen), und dass wohl nur sehr große Männer häufiger einen positiven Affenindex haben. Konkrete Zahlen zu „Standardproportionen des Durchschnittsmenschen“ habe ich in einem Rennrad-Forum gefunden (hier nachlesen, bisschen scrollen).

Etüden bilden, ich hab es schon immer gewusst.