Vom leisen Frühling

 

Aus einem April

Wieder duftet der Wald.
Es heben die schwebenden Lerchen
mit sich den Himmel empor, der unseren Schultern schwer war;
zwar sah man noch durch die Äste den Tag, wie er leer war, –
aber nach langen, regnenden Nachmittagen
kommen die goldübersonnten
neueren Stunden,
vor denen flüchtend an fernen Häuserfronten
alle die wunden
Fenster furchtsam mit Flügeln schlagen.

Dann wird es still. Sogar der Regen geht leiser
über der Steine ruhig dunkelnden Glanz.
Alle Geräusche ducken sich ganz
in die glänzenden Knospen der Reiser.

(Rainer Maria Rilke, Aus einem April, aus: Das Buch der Bilder, 1. Buch, Teil 1, 1906, Online-Quelle)

 

VI.

Leise zieht durch mein Gemüth
Liebliches Geläute.
Klinge, kleines Frühlingslied,
Kling’ hinaus in’s Weite.

Kling’ hinaus, bis an das Haus,
Wo die Blumen sprießen.
Wenn du eine Rose schaust,
Sag’ ich lass’ sie grüßen.

(Heinrich Heine, Leise zieht durch mein Gemüt, aus: Neue Gedichte, 1844, Online-Quelle)

 

Die Amseln haben Sonne getrunken

Die Amseln haben Sonne getrunken,
aus allen Gärten strahlen die Lieder,
in allen Herzen nisten die Amseln,
und alle Herzen werden zu Gärten
und blühen wieder.

Nun wachsen der Erde die großen Flügel
und allen Träumen neues Gefieder;
alle Menschen werden wie Vögel
und bauen Nester im Blauen.

Nun sprechen die Bäume in grünem Gedränge
und rauschen Gesänge zur hohen Sonne,
in allen Seelen badet die Sonne,
alle Wasser stehen in Flammen,
Frühling bringt Wasser und Feuer
liebend zusammen.

(Max Dauthendey, Die Amseln haben Sonne getrunken, aus: Reliquien, in: Gesammelte Gedichte und kleinere Versdichtungen, Albert Langen, München 1930, S. 122)

 

Alle Birken grünen …

Alle Birken grünen in Moor und Heid,
Jeder Brahmbusch leuchtet wie Gold,
Alle Heidlerchen dudeln vor Fröhlichkeit,
Jeder Birkhahn kullert und tollt.

Meine Augen, die gehen wohl hin und her
Auf dem schwarzen, weißflockigen Moor,
Auf dem braunen, grünschäumenden Heidemeer
Und schweben zum Himmel empor.

Zum Blauhimmel hin, wo ein Wölkchen zieht
Wie ein Wollgrasflöckchen so leicht,
Und mein Herz, es singt sein leises Lied,
Das auf zum Himmel steigt.

Ein leises Lied, ein stilles Lied
Ein Lied, so fein und lind,
Wie ein Wölckchen, das über die Bläue zieht,
Wie ein Wollgrasflöckchen im Wind.

(Hermann Löns, Alle Birken grünen …, aus: Mein goldenes Buch, 1901, Online-Quelle)

 

Quelle: Pixabay

 

Ja, ich weiß, dass es den Löns als Volkslied gibt, ich hab ihn selbst noch gelernt, ich brauche keine Aufnahme eines ehrwürdigen Frauen- oder Männerchores (oder Solisten) davon hier, danke 😉

Kommt gut in die Woche und durch jeden einzelnen Tag, und sollte wer nach Ostergedichten gesucht haben, den verweise ich bedauernd auf die Suchfunktion, so miserabel sie ist – mir ist so gar nicht nach Ostern dieser Tage.

(Hat übrigens wer eine Silikonform für Muffins, die er*sie empfehlen kann? Gerne per Mail.)

Passt auf euch auf!

 

52 Kommentare zu “Vom leisen Frühling

  1. Dauthendey, stelle ich fest, mag ich immer. Aber diesmal fand ich auch Rilke mal ganz ansprechend: „sogar der Regen geht leiser….“ wie schön das klingt.
    Danke für den schönen Beginn am Montag morgen, den ich jetzt mit einem Kaffee krönen werde. Hab einen guten Start ☕🍪🌞🎈

    Gefällt 4 Personen

    • Dauthendey ist vielleicht nicht der größte Poet, aber er hat ein paar unglaublich berührende Gedichte geschrieben, wie ich finde, und dies ist eins davon.
      Und diese Rilke-Zeile finde ich auch ganz toll. Typischer Rilke-Sound halt. 😁
      Herzliche Grüße von Kaffeepott zu Kaffeepott
      Christiane 😉☕🍪🌞👍

      Gefällt 4 Personen

  2. Ich singe den Löns heute noch gerne und finde es schade, dass die Kinder heute keine Volsklieder mehr in der Schule singen – in manchen Kindergärten wird das noch gepflegt.
    Beim Spaziergang sind mir die Osterhasenkaninchen begegnet und mir ist aufgefallen, wie perfekt sie getarnt sind mit ihrem Fell im Unterholz.
    Ostern mochte ich abgesehen vom Brunch noch nie – heiliger Aberglaube – aber Frühlingslyrik, davon kann ich nie genug bekommen und Deine Auswahl habe ich auch mit Ausnahme des Rilke – das hole ich aber nach -:))
    Vollsonnige Grüße vom Dach – ich habe schon draußen gemüslit, Karin

    Gefällt 6 Personen

  3. Rilkes Aprilgedicht ist schön. Wir sollten in der Schule ein Gedicht vortragen, dass zu unserem Geburtsmonat passt. Rilkes hatte ich mir damals ausgesucht…und den Vortrag versaut. 😉
    Hab einen guten Wochenstart.

    Gefällt 1 Person

  4. Ich hab sie lange nicht gelesen, die Zeile vom „Himmel (…) der unseren Schultern schwer war“. Immer wieder schön. 🙂

    Und für mich so eine Art Heimatausgabe Deiner Gedichtesammlung, denn:

    1. Rilke-Gedichte lesen ist immer irgendwie wie nach Hause kommen.

    2. Heinrich Heines Familie entstammt ursprünglich tatsächlich dem mir nahegelegenen Mittelzentrum, auch wenn Heine von der Gegend nicht so begeistert gewesen sein soll, schrieb er doch über hiesiges Fürstentum

    „So lehmigte Wege hab ich wohl/ Noch nie gesehen im Leben.“

    was ihm Lokalpatrioten wohl heute noch übelnehmen.

    3. In eben besagtes Mittelzentrum verschlug es Anfang des letzten Jahrhunderts auch Hermann Löns, weil er eben dort als Chefredakteur für die hiesige Lokalzeitung tätig war. Gerüchten zufolge verbrachte er aber wohl mehr Zeit in einer heute noch existenten Kneipe, um seine Romanentwürfe zu überarbeiten, sowie es sich mit dem Fürstenhaus zu verscherzen, weswegen er im Groll schied, ähnlich wie Heine grimmig zurückblickte und aus lauter Boshaftigkeit die Satire „Duodez“ schrieb, in der es unter anderem heißt, dass man in „meinem“ schönen Fürstentum

    „nach keiner Richtung über eine Stunde weit gehen kann, ohne sich im Auslande, d.h. in Preußen, zu befinden (…)“

    und

    „Wo Touristenzeichen und Wegweiser sind, da ist man in Preußen; wo nur Warnungstafeln stehen, in Schaumburg-Lippe“.

    Nein, irgendwie mochten sie es hier beide nicht, der Heine und der Löns. Keine Ahnung, wieso … 🙂

    4. Nur den Dauthendey kriege ich geografisch hier nicht unter …

    😉

    Gefällt 4 Personen

    • Okay, nicht nur Etüden bilden, auch Gedichte bzw. die Kommentare dazu. Wusste ich alles nicht, und ich finde den Begriff „Mittelzentrum“ so grässlich, dass ich dir unterstelle, dass du ihn mit voller Absicht ausgewählt hast – ist das Städtchen wirklich so schlimm?
      (Stimmt, Dauthendey war in Würzburg, wobei der aber auch viel unterwegs war … ist dir Aschersleben zu weit weg? Da kam der Vater ursprünglich her, aber es wäre echt sehr an den Haaren herbeigezogen.)
      Liebe Grüße
      Christiane, bei der es draußen grünt und blüht und die Katze auf dem Schuppendach in der Sonne pennt … 😺🌞👍

      Gefällt 1 Person

  5. Grüß‘ Dich liebe Christiane,

    wie schööööön … diese Zeile gefällt mir besonders:
    Die Amseln haben Sonne getrunken,

    … ich auch eben beim Spaziergang im Wald.
    Es ist herrlich.

    Ostern? ja irgendwie mag ich die auch nicht … vielleicht weil ich das als Teenie immer sehr sehr viel arbeiten musste … Ausflugsgastronomie eben :-//.

    Ich freue mich auf Haus und Garten … und schicke dir bunte Grüße vom See. Petra

    Gefällt 1 Person

    • Das sind die ersten warmen Frühlingstage, liebe Petra, wo man vor Wonne nicht aus und ein weiß. Mir geht es ebenso, und der Fellträger dreht komplett am Großer-toller-Katerlöwe-Rad 😉😼
      Liebe Grüße an deinen See
      Christiane 😁🌞🌼👍

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  6. Danke, Christiane, für die Gedichtauswahl… 🙂

    Dautheneys Gedicht fängt sehr gut an, dann kommt „bauen Nester im Blauen“, was mir persönlich den Rhythmus verdirbt.

    Heines Gedicht erscheint altbacken.

    Der Löns mit seinem sehr feinen Lied…das erinnert mivch an den kleinen Jungen in mir mit all seiner Zartheit.

    Und was meint Rilke mit „wunden Fenstern“?

    Gefällt 1 Person

    • Ich glaube, dass Dauthendey den Bruch des Reims gewollt hat, weil ihm die Aussage wichtig war.
      Heines Gedicht ist bei Weitem das älteste, daher erscheint uns die Sprache altbacken bzw. nicht mehr zeitgemäß.
      Ich vermute, dass Rilke Fenster und Türen in einer langen Fassade z. B. eines Häuserblocks als „Wunden“ im Organismus Fassade wahrnahm, noch dazu belebt, weil sie ja „mit Flügeln schlagen“ und der Sonne ausweichen wollen. Das ist aber nur ein Gefühl. Mein zynischer Verstand sagt, dass er etwas brauchte, was sich auf „Stunden“ reimt 😉
      Freut mich, dass du den Löns uneingeschränkt magst und er bei dir so tief geht.
      Liebe Grüße
      Christiane 😁🌞🌼👍

      Gefällt 2 Personen

    • Gerhard fand H. zu altbacken. Ich verstehe weder den einen noch den anderen so wirklich.
      Aber ja, das Wetter passt, scheinbar landauf, landab …
      Hab schöne Tage im wilden Süden!
      Liebe Grüße
      Christiane 😁☕🍪👍🌞🌼

      Gefällt 1 Person

  7. RMR passt fast immer, bei HH muss man genauer hinschauen, MD ist Geschmackssache, und FvdL ist mir persönlich eher fremd.
    Dennoch haben Sie für mich eine trefflich bunte Auswahl getroffen. Schönen Dank dafür.

    Herzliche Grüsse und bleiben Sie gesund!

    Gefällt 1 Person

    • Wissen Sie, ich versuche meist, einen Bogen zu schlagen. Selten lieben alle alles, aber ganz oft lieben Einzelne Einzelnes sehr. Das reicht mir völlig. Ich liebe meist alles für einzelne Zeilen …
      Bleiben Sie auch gesund und heiter – beide!
      Herzliche Grüße
      Christiane 😉😼🍷🌟👍

      Gefällt 1 Person

  8. Max Dauthendey habe ich mir zum Favoriten heute erkoren, liebe christiane
    Seine Amseln und dann der zweite Vers, einfach wundervoll. Heine zu lieb und Löns, na ja, nicht übel.
    an Rilke knabbeer ich immer noch, aber seine wunden Fenter sind genial … Er wußte sehr genau um seine Genialität und das stört mich nun manchmal sehr. Ich muß erst wieder objektiv werden…
    Liebe Grüße zum späten Abend von Bruni

    Gefällt 1 Person

    • Gerhard fand den Heine altbacken, der autopict zu lieblich, du zu lieb und Herr Ärmel meint, bei Heine müsse man genauer hinschauen. Schon interessant, was da so alles zusammenkommt. 😉
      Der Dauthendey ist eines meiner Lieblingsgedichte von ihm.
      Rilke: Das wird dauern mit dem objektiv werden. Das Buch führt einem sehr deutlich vor Augen, was/wer hinter den Gedichten (auch) steht. Es ist wie mit Corona (entschuldige den Vergleich): hinterher ist nicht mehr wie vorher.
      Liebe Grüße, gute Nacht
      Christiane

      Gefällt 1 Person

  9. So, jetzt habe ich ein Menge gelesen und weiß in etwa, wie ich dieses Buch zu verstehen habe, liebe Christiane.
    „Ein Bild und tausend Worte*, das werde ich nun versuchen, im Netz zu finden, denn es klingt wie eine sehr gute Ergänzung zum Konzert ohne Dichter

    Liebe Abendgrüße von Bruni an Dich

    Gefällt 1 Person

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